Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Erst spät abends fuhr Fürst Andrej von den Rostows nach Hause. Gewohnheitsgemäß legte er sich schlafen, aber er sah bald ein, daß an Schlaf nicht zu denken war. Bald zündete er das Licht an und richtete sich in seinem Bett auf, bald erhob er sich ganz, bald legte er sich wieder hin, ohne sich von seiner Schlaflosigkeit bedrückt zu fühlen, so froh und andersartig war ihm zumute, als wäre er aus einem dumpfigen Zimmer in die freie Gotteswelt hinausgetreten. Es kam ihm nicht einmal der Gedanke in den Sinn, daß er in Fräulein Rostowa verliebt sein könne, er dachte gar nicht ernstlich an sie, sondern träumte nur von ihr, und die Folge war, daß ihm sein ganzes Leben in neuem Licht erschien. Warum zermartere ich mich, warum mühe ich mich in diesem engen, geschlossenen Rahmen ab, wo doch das Leben, das ganze Leben mit all seinen Freuden und Herrlichkeiten offen vor mir liegt? sagte er sich. Und zum erstenmal nach langer Zeit fing er wieder an, glückliche Pläne für die Zukunft zu schmieden. Er beschloß, sich um die Erziehung seines Sohnes zu kümmern, einen Hauslehrer für ihn zu suchen und ihn mit seiner Heranbildung zu beauftragen. Dann wollte er Urlaub nehmen und ins Ausland reisen, nach England, in die Schweiz, nach Italien. Ich muß meine Freiheit genießen, solange ich mich noch so jung und kräftig fühle, sagte er sich; Pierre hatte recht, als er sagte, daß man an die Möglichkeit des Glückes glauben müsse, um glücklich zu sein, jetzt aber glaube ich daran. Überlassen wir es den Toten, die Toten zu begraben; solange man am Leben ist, muß man leben und glücklich sein.
20
Eines Morgens kam der Oberst Adolf Berg, den Pierre wie alle Moskauer und Petersburger kannte, in einer tadellosen, nagelneuen Uniform, das Haar ebenso über die Schläfen vorgekämmt und pomadisiert, wie es Kaiser Alexander Pawlowitsch trug, zu Pierre aufs Zimmer.
»Ich war soeben bei Ihrer Gattin, der Gräfin, und bin so unglücklich, daß meine Bitte kein Gehör gefunden hat; doch hoffe ich, daß ich bei Ihnen mehr Glück haben werde, Graf«, fügte er lächelnd hinzu.
»Was ist Ihnen gefällig, Oberst? Ich stehe zu Ihren Diensten.«
»Ich habe mich jetzt in meiner neuen Wohnung vollkommen eingerichtet«, teilte Berg mit, augenscheinlich überzeugt, daß sich jeder darüber freuen müsse, »und deshalb möchte ich gern eine kleine Abendgesellschaft für meine und meiner Frau Freunde geben.« Dabei lächelte er noch liebenswürdiger. »So wollte ich denn die Gräfin und Sie bitten, uns die Ehre zu erweisen, zu einer Tasse Tee und zum Abendessen zu uns zu kommen.«
Nur eine Gräfin Besuchowa, die einen Verkehr mit diesen Bergs für unter ihrer Würde hielt, konnte die Grausamkeit haben, eine solche Einladung abzuschlagen. Berg setzte ihm so deutlich auseinander, warum er eine kleine, aber feine Gesellschaft bei sich versammeln wolle und warum ihm gerade diese angenehm sei und warum ihm für Kartenspiel und noch üblere Vergnügen das Geld leid tue, während er für eine gute Gesellschaft gern bereit sei, Ausgaben zu machen, daß Pierre es ihm nicht abschlagen konnte und zu kommen versprach.
»Aber nicht so spät, Graf, wenn ich bitten darf, um zehn Minuten vor acht Uhr, wenn ich bitten darf. Wir wollen ein Spielchen machen, unser General wird auch kommen. Er ist sehr gütig gegen mich. Und dann essen wir zu Abend, Graf. Also machen Sie mir das Vergnügen.«
Während Pierre sonst überall zu spät kam, erschien er an diesem Tag bei den Bergs statt zehn Minuten vor acht bereits um dreiviertel acht. Doch die Bergs hatten alle ihre Vorbereitungen schon beendet und waren zum Empfang ihrer Gäste bereit.
Berg saß mit seiner Frau in seinem neuen, sauberen, hellerleuchteten Arbeitszimmer, das mit Büsten und Bildern geschmückt und mit nagelneuen Möbeln ausgestattet war. In einer soeben vom Schneider gekommenen, bis oben zugeknöpften Uniform saß er neben seiner Frau und erklärte ihr, daß man nur den Verkehr mit solchen Leuten pflegen könne und müsse, die über einem stünden, denn nur dann könne man Annehmlichkeiten aus ihrer Bekanntschaft ziehen. »Man kann ihnen dies und jenes absehen, kann sie auch mal um etwas bitten. Siehst du, so habe ich es von den untersten Rangstufen an gehalten.« Berg berechnete sein Leben nicht nach Jahren, sondern nach seinen Rangerhöhungen. »Meine einstigen Kameraden haben es bis heute noch zu nichts gebracht, ich aber vertrete den Regimentskommandeur, wenn er seinen Urlaub hat, und habe das Glück, dein Gatte zu sein.« Er stand auf und küßte Wera die Hand, wobei er auf dem Weg zu ihr die eine Ecke des Teppichs wieder zurechtschob, die sich umgeschlagen hatte. »Und wodurch habe ich das alles erworben? In erster Linie durch die Kunst, mir meine Bekannten auszuwählen. Natürlich versteht es sich von selbst, daß man gleichzeitig auch tüchtig und gewissenhaft sein muß.«
Berg lächelte in dem Bewußtsein seiner Überlegenheit über dieses unfähige weibliche Wesen, schwieg und überlegte sich, daß sie, wenn sie auch ein liebes Geschöpf war, doch immerhin ein unfähiges Weib sei, das gar nicht begreifen könne, was die Würde eines Mannes ausmache und was es hieß, ein Mann zu sein. Gleichzeitig lächelte aber auch Wera im Bewußtsein ihrer Überlegenheit über ihren zwar ganz tüchtigen und guten Mann, der aber, wie nach Weras Ansicht alle Männer, doch so verkehrte Ansichten vom Leben hatte. Berg urteilte nur nach seiner Frau und hielt alle weiblichen Wesen für schwache und dumme Geschöpfe. Und auch Wera urteilte nur nach ihrem Mann allein, verallgemeinerte ihre Beobachtungen und nahm an, daß alle Männer glaubten, den Verstand gepachtet zu haben, während sie doch in Wirklichkeit gar nichts verstünden und nur eingebildete Egoisten seien.
Berg stand auf, umarmte seine Frau vorsichtig, um den Spitzenüberwurf, der ihn so teures Geld gekostet hatte, nicht zu zerdrücken, und küßte sie mitten auf den Mund.
»Nur das eine wünsche ich mir, daß wir nicht so bald Kinder bekommen«, sagte er aus einer Gedankenverbindung heraus, die ihm selber nicht ganz klar war.
»Ja«, erwiderte Wera, »das wünsche ich mir auch durchaus nicht. Man muß sich ganz der Geselligkeit hingeben.«
»Genau so einen hatte die Fürstin Jusupowa«, sagte Berg und zeigte mit glücklichem gutmütigem Lächeln auf Weras Spitzenüberwurf.
In diesem Augenblick wurde Graf Besuchow gemeldet. Beide Gatten sahen sich mit selbstgefälligem Lächeln an, wobei jeder die Ehre dieses Besuches auf sein Konto schrieb.
Da kann man sehen, was es heißt, die rechte Auswahl unter seinen Bekannten zu treffen, dachte Berg, da kann man sehen, was es heißt, etwas auf sich zu geben.
»Ich bitte dich nur um das eine«, sagte Wera, »unterbrich mich nicht immer, wenn ich mich mit den Gästen unterhalte. Ich weiß doch selber, wie ich mich mit jedem abgeben und worüber ich mit jedem reden muß.«
Berg lächelte nur.
»Aber das geht doch nicht immer, manchmal muß man doch mit Männern Männergespräche führen«, sagte er.
Pierre wurde in einem strahlend neuen Salon empfangen, wo man sich nirgends hinsetzen konnte, ohne Symmetrie, Sauberkeit und Ordnung zu stören, und deshalb war es keineswegs merkwürdig und nur verständlich, daß Berg, wenn er schon die großmütige Absicht hatte, die Symmetrie der Sessel und Sofas einem so teuren Gast zuliebe aufzuheben, sich in dieser Hinsicht offenbar doch in peinlicher Unentschlossenheit befand und die Lösung dieser Frage dem Geschmack des Gastes überließ. Und so zerstörte denn Pierre diese Symmetrie, indem er sich einen Stuhl heranrückte; und augenblicklich eröffneten Berg und Wera ihre Abendgesellschaft, indem sie ihren Gast unterhielten und sich dabei immer gegenseitig unterbrachen.
Wera, die sich in ihrem Kopf zurechtgelegt hatte, Pierre müsse unbedingt über die französische Gesandtschaft unterhalten werden, steuerte geradeswegs auf dieses Thema los. Berg aber, der zu der Ansicht gekommen war, daß hier ein Männergespräch eher am Platz sei, unterbrach die Rede seiner Frau und berührte die Frage eines Krieges mit Österreich, sprang aber dann unwillkürlich von den allgemeinen auf persönliche Angelegenheiten über, indem er von den Vorschlägen erzählte, die ihm gemacht worden waren, falls er an einem Feldzug gegen Österreich teilnehmen wollte, und die Gründe erörterte, warum er diese Vorschläge nicht annehmen könne. Obgleich die Unterhaltung etwas an den Haaren herbeigezogen war und Wera sich über die Einmischung des männlichen Elements ärgerte, so fühlten doch beide Gatten mit Vergnügen, daß ihre Abendgesellschaft, obgleich vorläufig nur ein einziger Gast da war, einen recht guten Anfang genommen hatte und mit ihren Gesprächen, ihrem Tee und ihren angezündeten Kerzen so sehr jeder anderen Abendgesellschaft glich wie ein Wassertropfen dem anderen.