Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Offenbar liebte es Speranskij, sich nach der Arbeit im Freundeskreis auszuruhen und lustig zu sein, und seine Gäste hatten Verständnis für diesen Wunsch und begnügten sich damit, ihn und sich selber aufzuheitern. Aber diese Fröhlichkeit schien dem Fürsten Andrej schwerfällig und nicht echt. Der helle Klang von Speranskijs Stimme berührte ihn unangenehm, und sein stetes Lachen, das einen falschen Unterton hatte, verletzte aus irgendeinem Grund seine Gefühle. Fürst Andrej lachte nicht mit und fürchtete, in dieser lustigen Gesellschaft aufzufallen. Aber niemand bemerkte, daß er die allgemeine Stimmung nicht teilte. Alle schienen äußerst vergnügt zu sein.
Er versuchte ein paarmal, sich in die Unterhaltung einzumischen, doch jedesmal wurden seine Worte wie Korkstücke aus dem Wasser wieder herausgespült, und es gelang ihm nicht, in den allgemeinen scherzhaften Ton mit einzustimmen.
Es war nichts Schlechtes und Unpassendes in dem, was sie sagten, alles war geistreich und hätte auch witzig sein können, aber irgend etwas und gerade das, was eine lustige Unterhaltung würzt, fehlte bei ihnen ganz, ja sie schienen nicht einmal zu wissen, daß es so etwas gibt.
Nach dem Essen standen Speranskijs Töchterchen und ihre Erzieherin auf. Speranskij streichelte das Kind mit seiner weißen Hand und küßte es. Aber auch diese Gebärde kam dem Fürsten Andrej unnatürlich vor.
Nach englischer Sitte blieben die Herren noch beim Portwein am Tische sitzen. Mitten in einem soeben neu begonnenen Gespräch über Napoleons Operationen in Spanien[103], die alle einstimmig bewunderten, konnte sich Fürst Andrej nicht enthalten, ihnen zu widersprechen. Speranskij lächelte, wünschte offenbar das Gespräch von der Richtung, die es einzuschlagen drohte, abzuwenden, und erzählte eine Anekdote, die zu dem, worüber man sprach, in gar keiner Beziehung stand. Einige Augenblicke waren alle still.
Man saß noch eine Weile bei Tisch, dann korkte Speranskij die Weinflasche zu und sagte: »Ein guter Wein ist heutzutage kaum mit Gold aufzuwiegen«, gab dann dem Diener die Flasche und stand auf. Alle anderen erhoben sich ebenfalls und gingen, in derselben lauten Unterhaltung begriffen, in den Salon. Man überreichte Speranskij zwei Briefe, die ein Kurier gebracht hatte. Er nahm sie und ging damit in sein Arbeitszimmer. Kaum war er hinausgegangen, so verstummte das allgemeine lustige Gespräch, und die Gäste fingen an, sich leise und vernünftig miteinander zu unterhalten.
»Nun, jetzt noch einen kleinen Vortrag«, sagte Speranskij, als er wieder aus seinem Arbeitszimmer heraustrat. »Dieser Magnizkij hat ein erstaunliches Talent!« fuhr er, zum Fürsten Andrej gewandt, fort.
Magnizkij stellte sich sogleich in Positur und fing an, ein paar französische Couplets vorzutragen, die er auf die verschiedensten bekannten Persönlichkeiten Petersburgs selber verfaßt hatte. Mehrmals wurde er dabei von lauten Beifallsäußerungen unterbrochen. Als er geendet hatte, trat Fürst Andrej auf Speranskij zu, um sich von ihm zu verabschieden.
»Wohin wollen Sie denn so früh?« fragte Speranskij.
»Ich habe mich für den Abend verabredet …«
Beide schwiegen. Fürst Andrej sah aus allernächster Nähe in Speranskijs Spiegelaugen, die keinen Einblick in sein Innerstes gewährten, und es kam ihm lächerlich vor, wie er irgend etwas von Speranskij und all der Arbeit, die mit ihm zusammenhing, hatte erwarten und all das, was Speranskij tat, hatte ernst nehmen können. Dieses abgemessene, künstlich heitere Lachen hallte noch lange in seinen Ohren nach, auch nachdem er schon von Speranskij fortgefahren war.
Nach Hause zurückgekehrt, ließ Fürst Andrej sein ganzes Leben in diesen drei Monaten in Petersburg noch einmal an seiner Seele vorüberziehen, und es erschien ihm in einem ganz neuen Licht. Er erinnerte sich an sein geschäftiges Hasten und Treiben, sein Suchen und Tasten, an die Geschichte seines Militärreglement-Entwurfs, den man zur Prüfung angenommen und nur deshalb mit Stillschweigen übergangen hatte, weil eine andere, viel schlechtere Arbeit bereits eingeliefert und dem Kaiser vorgelegt worden war. Er dachte an die Sitzungen seines Komitees, dem auch Berg als Mitglied angehörte, erinnerte sich, wie gesucht ausführlich in diesen Sitzungen all das behandelt wurde, was die äußeren Formen und den Gang der Sitzungen betraf, und wie gesucht kurz man über alles hinwegging, was den Kern der Angelegenheiten berührte. Er dachte an seine Gesetzgebungsarbeiten, wie er sorgfältig die Paragraphen der römischen und französischen Gesetzbücher ins Russische übertrug, und schämte sich dessen. Dann trat das Bild von Bogutscharowo lebhaft vor seine Seele, er dachte an seine Tätigkeit auf dem Lande, an seine Reise nach Rjasan, dachte an seine Bauern, an den Dorfältesten Dron, brachte auf sie das Personenrecht in Anwendung, das er hier auf dem Papier in Paragraphen einteilte, und wunderte sich, wie er sich so lange mit einer so unnützen Arbeit hatte beschäftigen können.
19
Am nächsten Tag machte Fürst Andrej in einigen Häusern, wo er noch nicht gewesen war, Besuch, so auch bei Rostows, deren Bekanntschaft er auf dem letzten Ball erneuert hatte. Er tat das nicht nur, um den Gesetzen der Höflichkeit zu genügen, nach denen er unbedingt zu den Rostows hinfahren mußte, sondern er hatte auch den Wunsch, dieses eigenartige, lebhafte junge Mädchen, an das zurückzudenken ihm so angenehm war, einmal im häuslichen Kreis zu sehen.
Natascha war eine der ersten, die ihm entgegenkamen. Sie trug ein blaues Hauskleid, in dem sie dem Fürsten Andrej noch besser gefiel als auf dem Ball. Sie und alle Rostows nahmen ihn einfach und herzlich und wie einen alten Freund auf. Die ganze Familie, die Fürst Andrej früher so hart beurteilt hatte, schien ihm jetzt aus lauter herrlichen, einfachen und guten Menschen zu bestehen. Ihre Gastfreundschaft und die gutmütige Art des alten Grafen, die in Petersburg besonders liebenswürdig anmutete, waren so herzlich, daß Fürst Andrej es nicht abschlagen konnte, zum Mittagessen zu bleiben. Ja, das sind gute, brave Menschen, dachte Bolkonskij. Freilich haben sie keine Spur von Verständnis dafür, was für ein Kleinod sie in Natascha besitzen, aber es sind gute Menschen, die einen prächtigen Hintergrund abgeben, von dem sich dieses eigenartig poetische, lebensvolle, reizende Mädchen vorzüglich abhebt.
Bolkonskij fühlte, daß Natascha in einer ihm ganz fremden, eigenartigen Welt lebte, die voll von Freuden war, die er nicht kannte, in eben jener fremden Welt, die schon damals in Otradnoje in der Allee und in der Mondnacht am Fenster solchen Reiz auf ihn ausgeübt hatte. Jetzt beunruhigte ihn diese Welt nicht mehr, er stand ihr nicht mehr fremd gegenüber, sondern empfand, nachdem er in sie eingetreten war, einen ihm bisher unbekannten Genuß.
Nach dem Mittagessen ging Natascha auf Fürst Andrejs Bitten ans Klavier und fing an zu singen. Fürst Andrej stand am Fenster, unterhielt sich mit den Damen und hörte ihr zu. Aber mitten in einem Satz brach er plötzlich ab und schwieg, weil er fühlte, wie ihm die Tränen in der Kehle aufstiegen, was er bei sich selbst niemals für möglich gehalten hätte. Er sah auf die singende Natascha, und etwas Neues, Beglückendes vollzog sich in seiner Seele. Er war glücklich, und doch war ihm dabei auch weh ums Herz. Er hatte ganz sicher keinen Grund zum Weinen, und doch kamen ihm die Tränen. Worüber? Über seine frühere Liebe? Über die kleine Fürstin? Über seine Enttäuschungen? … Über seine Hoffnungen auf die Zukunft? … Ja und nein. Der Hauptgrund, der ihm beinahe Tränen entlockt hätte, war der ihm plötzlich lebhaft zum Bewußtsein kommende furchtbare Gegensatz zwischen etwas unendlich Hohem und Grenzenlosem in ihm, und etwas Engem, Körperlichem, was er selber war und auch sie. Dieser Gegensatz quälte und beglückte ihn zugleich, während sie sang.
Kaum hatte Natascha geendet, so eilte sie auf ihn zu und fragte ihn, wie ihm ihre Stimme gefalle. Sie fragte ihn, wurde aber gleich, nachdem sie es gesagt hatte, verlegen, da ihr klar wurde, daß sie diese Frage nicht hätte stellen dürfen. Er sah sie lächelnd an und erwiderte, daß ihm ihr Gesang ebenso gefalle wie alles, was sie tue.
103
Napoleons Operationen in Spanien: Napoleon griff 1807 Spanien an, zwang den spanischen König zur Abdankung und setzte seinen eigenen Brüder (Joseph, König von Neapel) ein. Die Spanier wehrten sich dagegen mit einem Guerillakrieg (vgl. Anm. 222).