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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Natascha, die zu Tisch ging, kam an ihm vorüber.

Das finstere, traurige Gesicht Pierres fiel ihr auf. Sie blieb vor ihm stehen. Wie gern hätte sie ihm geholfen, ihm von der Fülle ihres Glückes etwas abgegeben.

»Es ist doch herrlich heute, Graf«, sagte sie, »nicht wahr?«

Pierre lächelte zerstreut, offenbar verstand er gar nicht, was sie sagte.

»Ja, ich freue mich sehr«, erwiderte er.

Wie kann nur jemand heute mißmutig sein, dachte Natascha, und noch dazu so ein guter Mensch wie dieser Besuchow. In ihren Augen waren alle, die auf dem Ball anwesend waren, gleich gute, liebe und herrliche Menschen, die sich liebhatten und einander gar nicht beleidigen konnten. Deshalb hatten aber auch alle die Pflicht, glücklich zu sein.

18

Am folgenden Tag dachte Fürst Andrej an den gestrigen Ball zurück, hielt sich aber nicht lange bei diesen Gedanken auf. Ja, ein recht glänzendes Fest. Und was war denn gleich noch … ach ja, die kleine Rostowa, ein reizender Kerl. Sie hat so etwas Frisches, Ungezwungenes, was sie von den andern Petersburger Damen unterscheidet. Das war aber auch alles, was er über den gestrigen Ball dachte, und dann ging er gleich, nachdem er Tee getrunken hatte, an seine Arbeit.

War es, weil er noch müde war und nur wenig geschlafen hatte, jedenfalls war der Tag für die Arbeit nicht günstig, und Fürst Andrej konnte nichts Rechtes schaffen. Er kam ins Kritisieren seiner eignen Arbeit hinein, wie das oft bei ihm zu geschehen pflegte, und er war deshalb froh, als er jemanden kommen hörte.

Der Eintretende war Bizkij, ein Herr, der verschiedenen Kommissionen angehörte, in allen Kreisen Petersburgs verkehrte, ein leidenschaftlicher Anhänger Speranskijs und aller neuen Ideen war, als eifrigster Neuigkeitskrämer von Petersburg galt und zu jenen Leuten gehörte, die sich ihre Gesinnungsrichtung wie etwa ein neues Kleid nach der Mode auswählen und deshalb immer den Eindruck machen, als wären sie die glühendsten Anhänger der jeweilig erwählten Richtung. Er war so in Geschäften, daß er kaum Zeit gehabt hatte, den Hut abzunehmen, rasch auf den Fürsten Andrej zulief und gleich zu reden anfing. Er hatte soeben alle Einzelheiten über die Sitzung des Reichsrates von heute morgen, der vom Kaiser eröffnet worden war, in Erfahrung gebracht, und schickte sich nun mit einem wahren Hochgenuß an, sie zum besten zu geben. Die Rede des Kaisers hatte Aufsehen erregt. Es war eine von jenen Reden gewesen, wie sie nur konstitutionelle Monarchen halten können.

»Der Kaiser hat geradezu gesagt, der Rat und der Senat seien Reichskörperschaften, er hat gesagt, die Grundlage einer Regierung dürfe nicht die Willkür sein, sondern feststehende Formen, er hat ferner gesagt, das Finanzwesen müsse umgestaltet und Berichte darüber müssen veröffentlicht werden«, erzählte Bizkij, wobei er die wichtigen Worte stark betonte und bedeutsam die Augen aufriß.

»Ja, das heutige Ereignis leitet eine neue Ära ein, eine bedeutende Ära in unserer Geschichte«, schloß er.

Fürst Andrej hörte seine Erzählung von der Eröffnung des Reichsrates, die er mit solcher Ungeduld erwartet und der er eine so weittragende Bedeutung zugeschrieben hatte, und wunderte sich, daß dieses Ereignis jetzt, wo es sich vollzogen hatte, ihn nicht nur wenig berührte, sondern ihm fast nichtig erschien. Mit leisem Lächeln hörte er den begeisterten Bericht Bizkijs an. Ein ganz einfacher Gedanke schoß ihm durch den Kopf: Was gehen mich und Bizkij die Worte des Kaisers im Reichsrat an? Kann auch nur eines davon mich glücklicher oder besser machen?

Und diese einfache Erwägung machte plötzlich im Fürsten Andrej all sein früheres Interesse für die im Werden begriffenen Umwälzungen zunichte.

An diesem Tag sollte Fürst Andrej bei Speranskij speisen, »en petit comité«, wie sich dieser bei der Einladung ausgedrückt hatte. Diesem Mittagessen im Familien- und Freundeskreis eines Menschen, den er so sehr verehrte, hatte Fürst Andrej erst mit großer Spannung entgegengesehen, um so mehr, da er bisher Speranskij noch nie im häuslichen Kreise gesehen hatte. Heute aber hatte er keine rechte Lust mehr hinzugehen.

Dennoch erschien er zur festgesetzten Stunde zum Mittagessen in dem kleinen, eignen Haus Speranskijs am Taurischen Garten. In dem parkettierten Eßzimmer des kleinen Häuschens, das sich durch auffallende Sauberkeit auszeichnete, die etwas an klösterliche Reinlichkeit erinnerte, fand Fürst Andrej, der sich ein wenig verspätet hatte, um fünf Uhr bereits die ganze Tafelrunde dieses petit comité versammelt, das aus Speranskijs intimsten Freunden bestand. Außer der kleinen Tochter Speranskijs, die mit ihrem länglichen Gesicht große Ähnlichkeit mit ihrem Vater hatte, und ihrer Erzieherin waren keine Damen anwesend. Geladen waren Gervais, Magnizkij und Stolypin. Schon im Vorzimmer hörte Fürst Andrej laute Stimmen und ein helles, klares Lachen, ähnlich dem, wie man auf der Bühne zu lachen pflegt. Irgendeine Stimme, die wie Speranskijs Stimme klang, stieß deutlich hervor: »Ha … ha … ha …« Fürst Andrej hatte Speranskij noch nie lachen hören, aber dieses klangvolle, helle Lachen des Staatsmanns berührte ihn eigentümlich.

Fürst Andrej trat ins Speisezimmer ein. Die ganze Gesellschaft stand bereits um einen kleinen Tisch mit Gabelbissen zwischen den beiden Fenstern. Speranskij, im grauen Frack mit Ordensstern und augenscheinlich auch in derselben weißen Weste und hohen weißen Halsbinde, in denen er der berühmten Sitzung des Reichsrates beigewohnt hatte, stand mit vergnügtem Gesicht am Tisch. Die Gäste umringten ihn. Magnizkij erzählte, an Michail Michailowitsch gewandt, eine Anekdote. Speranskij hörte zu und lachte immer schon im voraus über das, was Magnizkij sagen wollte. In dem Augenblick, als Fürst Andrej ins Zimmer trat, wurden Magnizkijs Worte durch ein lautes Gelächter übertönt. Stolypin lachte laut und im tiefsten Baß, während er ein Stück Brot mit Käse kaute, Gervais lachte leise und zischend und Speranskij hell und klar.

Immer noch lachend reichte Speranskij dem Fürsten Andrej seine weiße gepflegte Hand.

»Freue mich sehr, Sie zu sehen, Fürst«, sagte er. »Einen Augenblick …« wandte er sich an Magnizkij, seine Erzählung unterbrechend. »Wir haben uns nämlich heute verabredet, beim Mittagessen recht vergnügt zu sein und kein Wort von geschäftlichen Dingen zu reden.« Und er wandte sich wieder an den Erzähler und fing von neuem an zu lachen.

Fürst Andrej sah mit Staunen und wehmütiger Enttäuschung auf den lachenden Speranskij, und hörte ihm zu. Das war nicht Speranskij, das war ein anderer Mensch, den Fürst Andrej gar nicht kannte. Alles, was ihm sonst an Speranskij geheimnisvoll und anziehend vorgekommen war, erschien ihm jetzt klar und abstoßend.

Bei Tisch verstummte die Unterhaltung nicht ein einziges Mal, und es war, als setze sie sich nur aus einer Sammlung witziger Anekdoten zusammen.

Magnizkij hatte seine lustige Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, als auch schon ein anderer seine Bereitwilligkeit bekundete, etwas zu erzählen, was noch komischer war. Diese Anekdoten betrafen zum Teil, wenn auch nicht die Dienstverwaltung selber, so doch die im Dienste stehenden Persönlichkeiten. Es schien, als wäre man in dieser Gesellschaft so endgültig über die Nichtigkeit dieser Persönlichkeiten einig, daß man sie nur noch von der gutmütig komischen Seite nehmen könne. Speranskij erzählte, wie ein fast tauber hoher Beamter in der Sitzung von heute morgen, als er nach seiner Meinung gefragt worden sei, geantwortet habe, er sei ganz derselben Ansicht. Gervais gab eine ganze Revisionsgeschichte zum besten, bei der die Beschränktheit aller mitwirkenden Beamten geradezu phänomenal gewesen sei. Stotternd mischte sich nun auch Stolypin ins Gespräch und fing an, hitzig über die Mißstände der früheren Einrichtungen herzufallen, was dem Gespräch eine ernste Wendung zu geben drohte. Aber Magnizkij fing an, Stolypin wegen seiner Heftigkeit zu hänseln, Gervais unterstützte ihn hierbei, und so nahm die Unterhaltung wieder ihren früheren lustigen Charakter an.

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