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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Da trat Pierre auf den Fürsten Andrej zu und ergriff seine Hand.

»Sie tanzen doch sonst immer. Ich habe einen Schützling hier, die kleine Rostowa, fordern Sie die doch einmal auf«, sagte er.

»Wo ist sie?« fragte Bolkonskij. »Entschuldigen Sie«, wandte er sich an den Baron, »diese Unterhaltung wollen wir lieber anderswo zu Ende führen, auf einem Ball muß man doch tanzen.« Und er ging in der Richtung vor, die Pierre ihm angegeben hatte. Nataschas verzweifeltes, todunglückliches Gesicht sprang ihm gleich in die Augen. Er erkannte sie, erriet ihre Gefühle, begriff, daß sie zum erstenmal auf einem Ball war, dachte an ihr Gespräch am Fenster und trat mit heiterem Gesichtsausdruck auf die Gräfin Rostowa zu.

»Erlauben Sie, daß ich Sie mit meiner Tochter bekannt mache«, sagte die Gräfin errötend.

»Ich hatte bereits das Vergnügen, die Bekanntschaft Ihrer Fräulein Tochter zu machen, wenn sich die Komtesse noch meiner erinnert«, sagte Fürst Andrej mit einer artigen und tiefen Verbeugung, die mit den Bemerkungen Fräulein Peronskajas über seine Unhöflichkeit gänzlich in Widerspruch stand. Dann trat er auf Natascha zu, bat sie um einen Walzer und hob, ehe er diese Aufforderung noch zu Ende gesprochen hatte, schon den Arm, um ihre Taille zu umfassen. Nataschas todunglückliches Gesichtchen, auf dem die Erwartung tiefster Verzweiflung und höchster Wonne lag, überstrahlte plötzlich ein glückliches, dankbares, kindliches Lächeln.

Wie lang habe ich schon auf dich gewartet! schien dieses erschreckte und beglückte Mädchen zu sagen, während ein Lächeln über ihr Gesicht flog, das noch soeben den Tränen nahe gewesen war, und sie legte ihre Hand auf Fürst Andrejs Schulter. Sie waren das zweite Paar, das in den Kreis trat. Fürst Andrej war einer der besten Tänzer seiner Zeit, und auch Natascha tanzte ausgezeichnet. Ihre Füßchen in den weißen Atlasschuhen taten leicht, flink und fast wie von selbst ihre Pflicht, und ihr Gesicht strahlte in eitel Wonne. Ihr bloßer Hals und ihre bloßen Arme waren mager und häßlich im Vergleich mit Helenes vollen Formen. Ihre Schultern waren eckig, ihre Brust noch unentwickelt und ihre Arme dünn. Aber Helenes Körper hatten alle die tausend Blicke, die schon über ihn hingestreift waren, bereits gewissermaßen wie mit einem Lack überzogen, während Natascha dagegen als das junge Mädchen erschien, das, zum erstenmal entblößt, sich dessen sehr geschämt haben würde, wenn man ihr nicht versichert hätte, daß dies nicht anders gehe.

Fürst Andrej tanzte sehr gern, war jetzt zum Tanzen vorgetreten in dem Wunsch, möglichst bald den klugen, politischen Gesprächen, mit denen sich alle an ihn wandten, zu entgehen und den Dunstkreis von Verlegenheit, der sich in Gegenwart des Kaisers immer bildete, zu durchdringen, und hatte Natascha deshalb gewählt, weil Pierre sie ihm gezeigt hatte und sie das erste hübsche weibliche Wesen war, das ihm unter die Augen kam. Doch kaum hatte er diesen schlanken, biegsamen Körper umfaßt, der sich so dicht neben ihm bewegte und ihm aus so nächster Nähe zulächelte, als ihm ihre Reize wie feuriger Wein zu Kopf stiegen, und als er sie losließ, um Atem zu schöpfen, und stehenblieb und den Tanzenden zuschaute, fühlte er sich verjüngt und wie neugeboren.

17

Nach dem Fürsten Andrej trat Boris auf Natascha zu und forderte sie zum Tanz auf, dann kam der Vortänzer, der den Ball eröffnet hatte, und noch andere junge Leute, und Natascha hörte mit glühenden Wangen und glückstrahlendem Gesicht den ganzen Abend nicht wieder auf zu tanzen, wobei sie ihre überzähligen Kavaliere noch an Sonja abgab. Sie sah und hörte nichts von alledem, was die Aufmerksamkeit aller anderen auf diesem Ball so sehr in Anspruch nahm. Sie bemerkte nicht, daß sich der Kaiser lange mit dem französischen Gesandten unterhielt, sah nicht, daß er besonders gnädig mit der und der Dame sprach, merkte nicht, daß die Fürsten Soundso und Sowieso dies oder jenes taten und sagten, daß Helene großen Erfolg hatte und die besondere Aufmerksamkeit des Prinzen X. erregte, ja sie sah nicht einmal den Kaiser; und daß er fortgegangen war, merkte sie erst daran, daß nach seinem Weggang der Ball viel animierter wurde.

Eine der lustigen Kotillontouren vor dem Abendessen tanzte Fürst Andrej wieder mit Natascha. Er erinnerte sie an ihren ersten Zusammenstoß in der Allee von Otradnoje und an die Mondnacht, in der sie nicht hatte einschlafen können und er sie unfreiwillig belauscht hatte. Natascha wurde rot bei dieser Erinnerung und versuchte sich zu rechtfertigen, als schäme sie sich der Gefühle, deren unfreiwilliger Zeuge Fürst Andrej geworden war.

Wie alle Leute, die in der großen Welt aufgewachsen sind, freute sich Fürst Andrej jedesmal, wenn er in Gesellschaft mit einem Menschen zusammentraf, der nicht den Allerweltsstempel dieser Kreise trug. Und ein solcher Mensch war Natascha mit ihrem Staunen, ihrem Glück, ihrer Schüchternheit und ihren Fehlern beim Französischsprechen. Er verkehrte und unterhielt sich mit ihr ganz besonders zart und behutsam. Wenn er neben ihr saß und von den einfachsten, harmlosesten Dingen mit ihr plauderte, ergötzte er sich an dem glücklichen Leuchten ihrer Augen und an ihrem Lächeln, das nicht aus dem, was sie sagte, sondern aus einer allgemeinen inneren Glückseligkeit entsprang. Und wenn dann Natascha aufgefordert wurde, sich lächelnd erhob und durch den Saal tanzte, freute sich Fürst Andrej besonders über ihre schüchterne Anmut. Mitten im Kotillon kehrte Natascha, nachdem die eine Figur zu Ende war, atemlos auf ihren Platz zurück. Wieder trat ein Kavalier auf sie zu und wollte sie von neuem auffordern. Sie war müde und heiß und dachte sichtlich daran, zu danken, doch legte sie gleich wieder heiter die Hand auf die Schulter des neuen Tänzers und lächelte dem Fürsten Andrej nur zu.

Wie gern würde ich mich ausruhen und neben Ihnen sitzen, denn ich bin müde, aber Sie sehen ja, wie ich immer wieder aufgefordert werde, und ich freue mich darüber und bin glücklich und liebe sie alle. Wir beide, Sie und ich, verstehen das alles, sagte dieses Lächeln und noch vieles mehr. Als der Tänzer sie freiließ, lief Natascha durch den Saal, um noch zwei Damen zu ihrem Karree aufzufordern.

Wenn sie jetzt zuerst zu ihrer Cousine geht und dann erst zu einer anderen Dame, so soll sie meine Frau werden, sagte sich Fürst Andrej plötzlich ganz unvermittelt im stillen, während er nach ihr hinsah. Und wirklich ging Natascha erst zu ihrer Cousine.

Was für dummes Zeug einem manchmal durch den Kopf fährt, dachte Fürst Andrej, aber Tatsache ist jedenfalls, daß dieses junge Mädchen so reizend und eigenartig ist, daß sie keine vier Wochen hier tanzen wird, ohne einen Mann zu finden … Sie ist für Petersburg eine Seltenheit, dachte er, als Natascha, die Rose wieder an ihr Mieder steckend, sich neben ihn setzte.

Zum Schluß des Kotillons kam der alte Graf in seinem blauen Frack zu den Tanzenden hin. Er lud den Fürsten Andrej ein, ihn doch auch hier in Petersburg einmal zu besuchen, und fragte seine Tochter, ob sie sich gut amüsiere. Natascha gab erst keine Antwort und lächelte nur in einer Weise, aus der man den Vorwurf herauslesen konnte: Wie kann man da nur noch fragen! »So schön ist es wie noch nie im ganzen Leben!« rief sie dann, und Fürst Andrej sah, wie sie schnell ihre mageren Arme aufhob, um den Vater zu umarmen, sie aber gleich wieder sinken ließ. Und wirklich war Natascha so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Sie befand sich auf jener höchsten Stufe des Glücks, wo der Mensch eitel Liebe und Güte wird und alles Böse, alles Unglück und allen Kummer in der Welt gar nicht für möglich hält.

Pierre fühlte sich auf diesem Ball durch die Stellung, die seine Frau in den höchsten Kreisen einnahm, zum erstenmal verletzt und beleidigt. Er war finster und zerstreut. Er stand am Fenster, blickte durch seine Brille, ohne irgend jemanden zu sehen, und quer über seine Stirn zog sich eine breite Falte.

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