Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Pierre wälzte sich mit seinem dicken Körper vorwärts, brach sich Bahn durch die Menge und grüßte bald rechts, bald links ebenso nachlässig und gutmütig, als ob er durch ein Gedränge auf dem Markt ginge. Er schob sich durch die Menge und schien jemanden zu suchen.
Natascha freute sich, Pierres bekanntes Gesicht zu sehen, das Gesicht dieses Hanswurstes, wie ihn Fräulein Peronskaja genannt hatte. Sie wußte, daß Pierre die Rostows und ganz besonders sie selbst in der Menge suchte. Er hatte ihr versprochen, auf den Ball zu kommen und ihr Tänzer vorzustellen.
Aber Besuchow war noch nicht bis zu ihnen vorgedrungen, als er neben einem kleinen, sehr hübschen, brünetten Herrn in weißer Uniform stehenblieb, der sich am Fenster mit einem großen Herrn mit Orden und Ordensbändern unterhielt. Natascha erkannte den kleinen jungen Offizier in der weißen Uniform sofort: es war Bolkonskij, der ihr heute viel jünger, hübscher und lustiger vorkam.
»Da ist noch ein Bekannter, Bolkonskij, sehen Sie, Mama?« sagte Natascha und wies auf den Fürsten Andrej. »Wissen Sie noch, er blieb einmal in Otradnoje über Nacht bei uns.«
»Ach, den kennen Sie?« sagte Fräulein Peronskaja. »Ich kann ihn nicht ausstehen. Il fait à présent la pluie et le beau temps. Und eingebildet ist er, daß es keine Grenzen hat! Ganz nach seinem Vater geraten. Er ist mit Speranskij liiert, sie arbeiten irgendwelche Entwürfe aus. Sehen Sie nur, wie er sich wieder gegen diese Damen benimmt. Sie reden mit ihm, und er dreht sich um«, sagte sie und zeigte auf ihn. »Ich würde es ihm aber stecken, wenn er sich gegen mich so benähme wie gegen diese Damen eben.«
16
Plötzlich kam Leben in die Menge, ein Flüstern lief durch den Saal, man drängte zusammen und trat wieder auseinander. Zwischen den zwei Reihen, die sich augenblicklich bildeten, trat bei den Klängen der neu einsetzenden Musik der Kaiser in den Saal. Ihm folgten der Herr und die Dame des Hauses. Eilig nach rechts und links grüßend schritt der Kaiser durch die Menge, als läge ihm daran, diese ersten Begrüßungsaugenblicke so schnell wie möglich hinter sich zu haben. Die Musik spielte eine Polonäse, die damals durch ihren Text allen bekannt war. Dieser Text fing mit den Worten an: »Alexander und Elisabeth, voll Begeisterung schaun wir zu euch empor …« Der Kaiser trat in den Salon, die Menge drängte bis in die Türen nach, einige hohe Persönlichkeiten eilten hastig mit ganz verändertem Gesichtsausdruck ebenfalls hinein und kamen dann wieder heraus. Dann strömte die Menge wieder etwas von den Türen des Salons zurück, weil der Kaiser im Gespräch mit der Dame des Hauses sich wieder der Tür genähert hatte. Ein junger Mann kam mit verlegener Miene auf die Damen zu und bat sie, etwas beiseite zu treten. Trotzdem drängten einige mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie alle Anstandsregeln der Welt vergessen, immer weiter nach vorn, obgleich das Gedränge für ihre Toiletten nicht gerade vorteilhaft war. Die Herren traten auf ihre Damen zu, und die Paare stellten sich zur Polonäse auf.
Alle machten Platz, und der Kaiser trat, die Dame des Hauses am Arm führend, lächelnd und ohne auf den Tusch der Musik zu achten, aus der Tür des Salons. Hinter ihm ging der Herr des Hauses mit Marja Antonowna Naryschkina[101], dann schlossen sich die Gesandten an, die Minister und verschiedene Generäle, die Fräulein Peronskaja den Rostows unermüdlich nannte.
Über die Hälfte der Damen war bereits engagiert und hatte sich der Polonäse angeschlossen oder war eben dabei, sich einzureihen. Natascha fühlte, daß sie mit der Mutter und Sonja zu der kleineren Anzahl der Damen gehören würde, die an die Wand gedrängt und nicht zur Polonäse aufgefordert wurden. Sie stand da, ließ die dünnen Arme herunterhängen, hielt den Atem an, so daß sich ihre kindliche Brust nur kaum merklich hob und senkte, und sah mit glänzenden, erschrockenen Augen vor sich hin mit einem Ausdruck, als erwarte sie das höchste Glück oder das tiefste Herzeleid. Sie sah nicht auf den Kaiser noch auf alle die hochgestellten Persönlichkeiten, die Fräulein Peronskaja ihnen zeigte, sie hatte nur den einen Gedanken: Kommt denn wirklich keiner zu mir? Soll ich wirklich diesen ersten Tanz nicht mittanzen? Bemerkt mich wirklich keiner von all diesen Männern, die mich jetzt gar nicht zu sehen scheinen, und wenn sie auch nach mir hinschauen, mich mit einem Ausdruck ansehen, als wollten sie sagen: Ach, das ist sie nicht, da brauche ich gar nicht weiter hinzuschauen! Nein, das kann doch nicht sein! dachte sie. Sie müssen doch wissen, wie gern ich tanzen möchte, wie ausgezeichnet ich tanze, und was es für ein Vergnügen für sie sein würde, mit mir zu tanzen!
Die Klänge der Polonäse, die gar kein Ende zu nehmen schien, fingen in Nataschas Ohren schon an, wehmütig zu klingen, als erinnerten sie sie an etwas. Sie war dem Weinen nahe. Fräulein Peronskaja war von ihnen gegangen, der Graf befand sich am anderen Ende des Saales, und so standen denn die Gräfin, Sonja und sie in diesem Schwarm unbekannter Menschen, von denen keiner ihnen Aufmerksamkeit schenkte oder sie brauchte, so einsam und allein wie in einem Wald. Fürst Andrej ging mit einer Dame an ihnen vorüber und erkannte sie augenscheinlich nicht. Der hübsche Anatol schlenderte ebenfalls vorbei, unterhielt sich lächelnd mit der Dame, die er führte, und sah Natascha mit einem Blick ins Gesicht, als schaue er auf die kahle Wand. Boris ging zweimal an ihnen vorbei, wandte sich aber jedesmal ab. Da trat Berg mit seiner Frau, die nicht tanzten, auf sie zu.
Natascha berührte dieses Zusammenhocken der ganzen Familie hier auf dem Ball peinlich, als ob es keinen anderen Ort gäbe, wo man sich mit seiner Familie unterhalten könne, als ausgerechnet hier. Sie hörte nicht zu und sah Wera nicht an, die ihr etwas von einem grünen Kleid erzählte.
Endlich blieb der Kaiser mit seiner letzten Dame – er hatte mit dreien getanzt – stehen und die Musik verstummte. Ein besorgter Adjutant lief auf die Rostows zu und bat sie, noch etwas beiseite zu treten, obgleich sie schon ganz an der Wand waren. Da ertönte von der Galerie noch vorsichtig, aber streng im Takt eine lockend langsame Walzermelodie. Der Kaiser sah sich lächelnd im Saal um. Wohl eine Minute verging – keiner wollte den Anfang machen. Ein Adjutant, der Vortänzer war, trat auf die Gräfin Besuchowa zu und forderte sie auf. Sie hob lächelnd den Arm und legte ihn, ohne ihren Tänzer anzusehen, auf des Adjutanten Schulter. Der Adjutant und Vortänzer, ein Meister in seinem Fach, legte gemessen und ohne sich zu beeilen, aber selbstbewußt, den Arm fest um seine Dame, führte sie anfänglich in einer Glissade am äußersten Rande des Kreises hin, ergriff am Ende des Saales ihre linke Hand, schwenkte seine Dame herum, und nun hörte man durch die Klänge der immer schneller werdenden Musik nur noch, wie die Sporen an den flinken und gewandten Füßen des Adjutanten im Takte klirrten, und wie sich bei jedem Dreivierteltakt das Samtkleid seiner Tänzerin wie auflodernd blähte. Natascha sah ihnen zu und kämpfte mit den Tränen, weil sie diesen ersten Walzer nicht mittanzen durfte.
Fürst Andrej, in der weißen Uniform eines Kavallerieobersten, in Strümpfen und Schuhen, stand in den vordersten Reihen des Kreises, nicht weit von den Rostows entfernt. Baron Vierhof unterhielt sich gerade mit ihm über die erste Sitzung des Reichsrates[102], die morgen stattfinden sollte. Als Vertrauter Speranskijs und Mitarbeiter bei der Gesetzkommission konnte Fürst Andrej eine zuverlässige Auskunft über die morgige Sitzung geben, über die allerlei Gerüchte im Umlauf waren. Aber er hörte nicht auf das, was Vierhof zu ihm sagte, sondern blickte bald zum Kaiser hinüber, bald auf ein paar junge Herren, die tanzen wollten, sich aber nicht entschließen konnten, in den Kreis zu treten. Er beobachtete die Herren, die sich durch die Anwesenheit des Kaisers so einschüchtern ließen, und die Damen, die vor Verlangen, zum Tanz aufgefordert zu werden, fast vergingen.
101
Marja Antonowna Naryschkina: Gattin des Oberhofmarschalls N., war die Gehebte Alexanders I.
102
des Reichsrates: auf Vorschlag Speranskijs als beratendes Organ in Fragen der Legislative, der Exekutive und der Jurisdictio dem Kaiser zur Seite gestellt Die erste Sitzung fand am 1. Januar 1810 statt.