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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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»Das stimmt, unsere Altgläubigen sind misstrauisch gegenüber dem Neuen, aber doch nicht alle«, trat Sytnikow für seine Landsleute ein. »Die Jungen wachsen nach, und bei uns hier ändert sich alles. Mich hat dieser Tage ein Kaufmann von der Sekte der Priesterlosen aufgesucht, Awwakum Silytsch Wonifatjew, um mir Wald zu verkaufen. Sie werden sich erinnern, bevor ich ihn begrüßen ging, habe ich hier beim Tee erzählt, dass er mit fünfzehn Jahren an eine dreiunddreißigjährige Frau verheiratet wurde. Pjotr Georgijewitsch, Sie waren nicht dabei, Sie hatten in Sawolshsk zu tun«, sagte er zu Telianow.

Schirjajew nickte.

»Gewiss, eine pikante Geschichte, passt zu den hiesigen Sitten. Bubenzow hat noch gesagt, die Staatsmacht will euer Altgläubigentum hier ausrotten, um Schluss zu machen mit dieser Barbarei. Und, haben Sie Wonifatjew den Wald abgekauft?«, fragte Schirjajew. »Wie viele Dessjatinen?«

»Guter Wald, nur Kiefern. Knapp dreitausend Dessjatinen, bloß ziemlich weit weg, am Oberlauf der Wetluga. Eine Menge Geld hat er mir abgeknöpft, fünfunddreißigtausend. Aber das macht nichts, ich geb dem Wald noch zehn, fünfzehn Jahre zum Wachsen, dorthin wird gerade eine Schmalspurbahn gebaut, dann krieg ich dafür bestimmt dreihunderttausend. Aber darum geht’s nicht. Wonifatjew hatte seinen Sohn mit, interessanter Bengel. Während sein Vater und ich, wie üblich, lange feilschten, bis wir einschlugen, hatte ich den Jungen in die Bibliothek gesetzt, damit er sich nicht langweilt, und ihm Äpfel und Pfefferkuchen hingestellt. Einmal schau ich rein, ob er nicht eingeschlafen ist, da seh ich, er liest in meinem Fachbuch für Elektromotoren, das hatte ich mir kürzlich aus Moskau kommen lassen. Ich frag ihn: Wozu liest du das? Da sagt er: Onkel, wenn ich groß bin, will ich eine elektrische Bahn durch den Wald bauen. Eine Schneise schlagen und Schienen verlegen, das ist langwierig und teuer. Ich, sagt er, stelle starke Masten auf und hänge kleine Waggons an Seile. Das ist billiger und bequemer und geht schneller. Und da sagen Sie und Bubenzow, wir sind Wilde . . .«

»Sakidai!«, rief die Generalswitwe plötzlich und schlug die Hände zusammen. »Sakidai! Wo steckt der Hund? Ich hab ihn schon eine Weile nicht gesehen!«

Alle hielten Umschau, und Schwester Pelagia linste unter den Tisch. Die Bulldogge war nicht auf der Terrasse. Der kleine Sakussai lag mit ausgestreckten Pfoten friedlich schnaufend neben der leeren Schüssel, doch sein Erzeuger war verschwunden.

»In den Park ist er gelaufen«, konstatierte Miss Wrigley. »Dort wird er wieder irgendeinen Dreck fressen.«

Frau Tatistschewa griff sich ans Herz.

»Ach mein Gott . . .« Sie schrie gellend: »Sakidai, wo steckst du?«

Pelagia sah staunend große Tränen aus ihren Augen rinnen. Die Herrin von Drosdowka versuchte aufzustehen, sank aber wie ein Sack in den Korbsessel zurück.

»Liebe Leute«, murmelte sie. »Geht, lauft . . . Sucht ihn. Gerassim! Beeilt euch! Tanja, lass jetzt die Tropfen. Geh mit, ihn suchen. Die Tropfen kann mir die Schwester geben, sie kennt ja den Park nicht. Bringt ihn mir!«

Im Handumdrehen leerte sich die Terrasse – alle, auch die störrische Miss Wrigley und die eigensinnige Naina, liefen in den Park, um den Hund zu suchen. Nur die schluchzende Frau Tatistschewa und Schwester Pelagia blieben zurück.

»Zwanzig sind zu wenig, ich will dreißig Tropfen.«

Mit fliegender Hand nahm die Witwe das Glas mit den Herztropfen und trank.

»Geben Sie mir Sakussai!«, verlangte sie und drückte den verschlafenen Welpen an die Brust.

Sakussai öffnete ein wenig die Augen und schlug leise an, weigerte sich aber aufzuwachen. Er kuschelte sich unter die umfängliche Büste der Witwe und wurde still.

Aus dem Park klangen die Stimmen und das Gelächter der Sucher, die sich untereinander verständigten, während sie den weitläufigen Park durchsuchten. Die unglückliche Frau Tatistschewa saß, nicht tot noch lebendig, da und redete, redete, als wollte sie so die Sorge verscheuchen.

»Ach, Mütterchen, dass mein Haus voller Menschen ist, besagt gar nichts, ich bin schrecklich allein, niemand liebt mich wirklich, nur meine Kinderchen.«

»Ist das wenig?«, sagte Pelagia tröstend. »Diese beiden prächtigen jungen Leute.«

»Sie meinen Pjotr und Naina? Ich spreche von meinen Hunden. Pjotr und Naina . . . denen bin ich nur im Wege. Meine Kinder hat der Herr zu sich genommen. Am längsten hat Polina gelebt, die Jüngste, aber auch ihr war nur eine kurze Zeit beschieden. Sie starb, als sie Naina zur Welt brachte. Ein gutes Mädchen war sie, lebhaft, mit heißem Herzen, aber als Frau stockdumm, und Naina kommt nach ihr. Polina hat gegen meinen und meines Mannes Willen früh geheiratet, diesen lausigen kleinen Fürsten aus Georgien, der nichts anderes konnte als den Leuten blauen Dunst vormachen. Ich wollte nichts mit der Sippe zu tun haben, aber als Polina die Augen zugemacht hatte, taten mir die Waisen leid. Ich habe sie losgekauft und zu mir genommen.«

»Losgekauft? Wie denn?«, fragte Pelagia verwundert.

Die Generalswitwe machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ganz einfach. Ich habe ihrem Vater versprochen, seine Schulden zu bezahlen, wenn er mir ein Papier unterschreibt, dass er seinen Sohn und seine Tochter nie wiedersieht.«

»Und das hat er unterschrieben?«

»Was sollte er machen? Unterschreiben oder ins Kittchen.«

»Und er hat sich nie wieder gemeldet?«

»Doch, hat er. Vor fünfzehn Jahren hat er mir einen weinerlichen Bettelbrief geschrieben. Gebettelt hat er nicht um ein Wiedersehen mit den Kindern, sondern um eine geldliche Zuwendung. Später soll er nach Amerika gegangen sein. Ob er noch lebt, weiß ich nicht. Aber die Enkel hat er mir verdorben mit seinem Gockelblut. Pjotr ist ein Tölpel. Aus dem Gymnasium haben sie ihn geworfen wegen dummer Streiche. Von der Universität ist er geflogen wegen Aufruhr. Über den Minister habe ich ihn freigebeten, damit er unter meine Obhut durfte, eigentlich sollte er nach Sibirien. Der Junge ist gutmütig und feinfühlig, aber eben sehr . . . dumm. Er hat keinen Charakter und taugt zu keiner Aufgabe. Er versucht, Stepan Schirjajew zu helfen, aber er bringt nicht mehr Nutzen als eine Nonne Nachwuchs.«

Pelagia räusperte sich zum Zeichen, dass der Vergleich unpassend war, aber Frau Tatistschewa hatte für solche Feinheiten keinen Sinn. Mit gequälter Stimme rief sie aus:

»Mein Gott, warum dauert das so lange? Wenn bloß nichts passiert ist . . .«

»Und was ist mit Naina Georgijewna?«, fragte Pelagia, um die Gutsherrin von ihren unruhigen Gedanken abzulenken.

»Die kommt nach ihrer Mutter«, sagte die Witwe heftig. »Ebenso launisch, nur hat sie von dem Fürsten obendrein den Hang zur Wichtigtuerei geerbt. Mal wollte sie Schauspielerin werden und hat dauernd Monologe deklamiert, dann wieder zog es sie zur Malerei, und jetzt kapiert man überhaupt nichts mehr, so wirr redet sie. Ich bin ja selber schuld, hab sie zu sehr verwöhnt, als sie noch klein war. Das Waisenkind hat mir Leid getan. Sie war Polina so ähnlich . . . Was, bringen sie ihn?«

Sie erhob sich vom Sessel, horchte und setzte sich wieder.

»Nein, ich hab mich geirrt. Was aus ihnen werden soll, wenn ich nicht mehr bin, das weiß Gott allein. Meine ganze Hoffnung liegt bei Stepan. Er ist ehrlich, treu, rechtschaffen. Das wäre der Richtige für Naina, und er liebt sie, das sehe ich, aber begreift sie denn, was an Männern schätzenswert ist? Stepan ist unser Zögling. Er ist hier auf gewachsen, hat dann an der Akademie studiert, um Kunstmaler zu werden, und da ist mein Apollon gestorben. Stepan war zwar noch ein Jungchen, aber er hat das Studium hingeworfen, ist nach Drosdowka zurückgekommen, hat die Wirtschaft in die Hände genommen und macht das so gut, dass mich das ganze Gouvernement beneidet. Doch er ist nicht mit dem Herzen dabei, das sehe ich. Aber er murrt nicht, empfindet das als seine Pflicht. . . Ich stehe in seiner Schuld, ich Sünderin. Vorgestern habe ich mit ihm gezankt, auch mit den Enkeln, war ganz außer mir wegen Saguljais Tod. Habe mein Testament geändert, und jetzt schäme ich mich . . .«

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