Pelagia und die weissen Hunde
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Переводчик: Renate Reschke
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:
Dann, eine Weile später, traf Pelagia die Witwe in selbstloser Versöhnlichkeit. Vor Edelmut schluchzend, sagte die Witwe:
»Setz dich, Mütterchen, und hör zu. Mir ist aufgegangen: Es war Stepan, und ich gebe ihm keine Schuld. Wie viel von seiner Lebenszeit hat er mir geopfert. Seit zwanzig Jahren ist er ständig bei mir. Seinen Traum hat er aufgegeben, sein Talent begraben, ist mit vierzig noch Junggeselle. Ich lebe doch von seiner unermüdlichen Arbeit. Ohne ihn wäre das Vermögen meines Mannes längst in Rauch aufgegangen, bei meiner Dummheit, doch er hat es bewahrt und gemehrt. Dabei ist er auch ein lebendiger Mensch. Vielleicht denkt er: Die Alte hat ihr Leben gelebt, nun wird es Zeit, dass sie abtritt. Poggios Ankunft hat ihm den Kopf verdreht, klarer Fall. Stepan hat die Staffelei vom Dachboden geholt, hat sich Farben aus der Stadt mitgebracht, und seine Augen sind anders geworden. Nun, ich verstehe ihn und verurteile ihn nicht . . . Aber er hätte es mir auch ins Gesicht sagen können. Soundso, Marja Afanassjewna, ich habe genug für Sie gearbeitet, jetzt lassen Sie mich bitte gehen. Aber das sagt er nicht. Es ist ihm peinlich. Lieber eine alte Frau umbringen als undankbar vor ihr dazustehen. Ich kenne diese Sorte, da geht Stolz und Leidenschaft Hand in Hand . . . Doch nein, ich bin ja blind! Nicht Stepan war es, sondern Poggio!« Sie richtete sich mühsam auf. »Stepan hofft vielleicht insgeheim, dass ich bald abkratze, doch ein hilfloses Hundchen vergiften, nein. Aber Poggio, der ja! Nur spaßeshalber oder um einem Freund zur Freiheit zu verhelfen! Verdorben ist er, ein Satan! An Naina hat er sich rangemacht, hat Bildchen von ihr gemalt und sie photographiert. Und den Stepan bringt er durcheinander . . . Ich merke längst, dass er mich anguckt wie ein Wolf. Er war’s, er! Und hat sich hier als Dauergast eingenistet, den dritten Monat schon. Anfangs wollte er einen ›knappen Monat‹ bleiben. Er wird nicht abreisen, ehe er mich ins Grab gebracht hat!«
In kürzester Zeit wuchs ihr eine neue Überzeugung zu, so unerschütterlich wie die bisherigen.
»Sytnikow! Der ist ein furchtbarer Mensch, der braucht nur Gewinne, dafür verkauft er dem Teufel seine Seele. Nicht umsonst heißt es, er habe wegen des Geldes geheiratet und hinterher seine Frau vergiftet. Auch den Grund kenne ich, warum ich ihm im Wege bin. Das Gorjajewsche Ödland! Seit langem will er, dass ich’s ihm abtrete, weil er da einen Umschlagplatz errichten möchte, die Stelle passt gut dafür. Ich habe ihm gesagt, ich verkaufe nicht. Seine Lastkähne würden mir die ganze Aussicht vermiesen! Aber er gibt nicht auf. Alles muss nach seiner Nase gehen. Sonst macht ihm das Leben keinen Spaß. Seine Frau hat er zu Tode gebracht, und nun will er auch mich zu Tode bringen. Und wenn ich nicht mehr bin, werden ihm Pjotr und Naina nicht nur das Ödland, sondern alles hier verkaufen, und dann schleunigst ab in die Hauptstadt und ins Ausland. Also macht es für Donat Sytnikow Sinn, mich bald ins Jenseits zu befördern. Aber sie alle werden ihr blaues Wunder erleben.« Die Alte zeigte matt eine Feige. »Ich habe vor drei Tagen mein Testament noch einmal umgeschrieben und alles der Engländerin vermacht. Ich wollte denen nur einen Schreck einjagen, aber jetzt lasse ich’s so. Da sie mich nicht mehr leiden können, soll Janet Wrigley ihre Herrin sein. Dann werden sie schon sehen.«
Pelagia hatte den wirren Reden der Kranken anfangs sehr aufmerksam zugehört und sie in Beziehung gesetzt zu ihren eigenen Überlegungen und Beobachtungen, aber jede neue Hypothese übertraf die vorhergehende an Aberwitz.
Die letzte war schon gänzlich außerhalb des gesunden Menschenverstandes.
»Kirill Krasnow«, sagte Frau Tatistschewa scharf akzentuiert, als Tanja die Nonne wieder einmal ins Schlafzimmer brachte. »Er ist tückisch, eine Bestie, spielt aber den Narren. Wieso trabt er jeden Tag hier an? Geld will er von mir. Im Herbst kommt sein Gut unter den Hammer mitsamt seinen wunderbaren Telegraphen. Er sagt: ›Dann sterbe ich.‹ Und das wird er auch, ganz bestimmt. Was soll er machen ohne sein Gut Krasnowka? Er läuft rum und jammert. Bittet um anderthalbtausend, die er an Zinsen bezahlen muss. Ich habe ihm gesagt, von mir kriegt er sie nicht. Schon mehr als einmal habe ich ihm was gegeben. Jetzt reicht’s. Und nun will er sich an mir rächen. Bestimmt denkt er: Wenn ich sterben muss, braucht auch die alte Hexe nicht mehr zu leben.«
Pelagia redete der Leidenden ins Gewissen, damit sie, falls sie denn wirklich aus dieser Welt schiede, nicht die Sünde solcher Verbitterung mitnehme:
»Marja Afanassjewna, und wenn Sie Kirill Nifontowitsch vielleicht doch das Geld leihen, damit er sich beruhigt? Was bedeuten Ihnen schon die anderthalbtausend? Ins Jenseits können Sie sie nicht mitnehmen, dort brauchen Sie kein Geld.«
Dieses schlichte Argument überzeugte die Witwe.
»Ja, ja«, murmelte sie, sah den schlafenden Sakussai an, und ihr Blick wurde milder. »Was soll ich damit, Miss Wrigley kriegt sowieso alles. Ich geb’s ihm. Soll er noch ein Jährchen strampeln. Ich gebe ihm zweitausend.«
»Das mit dem Testament ist auch nicht gut«, fuhr die Nonne, von dem Erfolg ermutigt, fort. »Miss Wrigley ist gewiss eine würdige Frau, aber Pjotr und Naina gegenüber ist es unrecht. Die können schließlich nichts dafür, dass sie von Ihnen zum Müßiggang erzogen wurden und keinen Beruf erlernt haben. Sie müssten dann ohne Erbteil durch die Welt gehen. Und vor Ihrem Gutsverwalter müssten Sie sich im Jenseits schämen. Der hat seine besten Jahre für Sie geopfert. Sie haben selber gesagt, dass er Ihr Vermögen beträchtlich gemehrt hat. Wäre das nicht eine Sünde?«
»Ja, Mütterchen«, gestand die Witwe kläglich. »Sie haben Recht. Ich habe mich ereifert. Ich muss ja nicht nur meine Enkel bedenken, sondern auch noch andere Verwandte. He, Tanja! Sie soll zu mir kommen . . . Tanja, lass Korsch aus der Stadt holen. Ich will, dass er kommt und das Testament ändert.«
Wenn Pelagia nicht im Schlafzimmer der Generalswitwe saß, ging sie meist im Park spazieren. Sie verbrachte nicht wenig Zeit in der Bretterbude am Steilufer. Hier lagen, blau lackiert, Hacken, Spaten, Sägen, Harken, Hackmesser und sonstiges Gartengerät von Gerassim. Von hier hatte der unbekannte Verbrecher das Beilchen geholt. Pelagia las vertrocknete Erdklümpchen vom Fußboden auf, zerrieb sie zwischen den Fingern und kroch auf allen vieren um die Hütte herum, fand aber keine Anhaltspunkte. Die Hütte war nie verschlossen, das Beil hätte jeder nehmen können, und weder außen noch innen gab es irgendwelche Spuren. Blieb nur, die weiteren Ereignisse abzuwarten.
Innerhalb von zwei Tagen hatte Pelagia den ganzen Park kreuz und quer durchstreift. Sie war auch auf den berühmten englischen Rasen gestoßen, ein kleines Quadrat von sorgsam gestutztem Gras, auf dem tatsächlich vor kurzem jemand tüchtig herumgetrampelt haben musste, aber die elastischen Halme richteten sich schon wieder auf, und es war abzusehen, dass diese Pflanzstätte der Zivilisation bald in alter Schönheit wiederhergestellt sein würde. Von hier war es ein Katzensprung zum Fluss, eine frische Brise wehte, und neben dem Rasen schwankten im Wind die noch grünen, doch schon leblosen Zweige einer dünnen, angewelkten Espe. Die Nonne schaute öfter hier vorbei, setzte sich in die weiße Laube oberhalb des Steilufers, strickte an dem Gürtel für Schwester Emilia, saß auch lange still da, blickte auf den breiten Fluss, in den Himmel, auf die überschwemmten Wiesen des anderen Ufers. Schön war es, über die kleinen Waldwiesen und über die zugewucherten Wege zu wandern, wo die Luft von Bienen durchsummt und vom Laub der Bäume durchraschelt war.
Aber der Frieden war trügerisch, nicht echt, die Nonne spürte in der elektrisierten Luft von Drosdowka Aufregung und hörte einen bestimmten Ton, als ob jemand eine dünne, aufs äußerste gespannte Saite zupfte. Erstaunlich, dass sie das Gut am ersten Tag als einen Garten Eden empfunden hatte. Pelagia war nicht darauf aus, jemanden zu belauern oder zu belauschen, gleichwohl wurde sie immer wieder gegen ihren Willen Zeugin unverständlicher Szenen und undurchschaubarer Konflikte zwischen den hiesigen Einwohnern.