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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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In der Diele fragte Krasnow flüsternd ein bildhübsches Stubenmädchen:

»Wie geht’s ihr, Tanja? Schau, ich bringe ihr Sakussai.«

Die blauäugige Tanja mit den schwellenden Lippen seufzte.

»Sehr schlecht. Sie isst nicht und trinkt nicht. Weint nur. Grad vorhin ist der Doktor weggefahren. Er hat nichts gesagt, bloß mit dem Kopf geschüttelt.«

Im dämmerigen Schlafzimmer der Kranken roch es nach Lavendeltropfen. Pelagia erblickte ein breites Bett; eine füllige alte Frau mit Häubchen lag halb sitzend auf einem Berg üppiger Kissen. Es waren noch andere Leute im Zimmer, welche die Nonne nicht gleich von der Schwelle her in Augenschein nehmen mochte, überdies mussten sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen.

»Sakussai?«, fragte die Alte mit Bassstimme, richtete sich auf und streckte die vollen welken Arme vor. »Da bist du ja, mein Hängebäckchen. Danke, Väterchen, dass du ihn gebracht hast.« (zu Krasnow) »Und wer ist da noch? Eine Nonne? Ich seh dich nicht, tritt näher.« (zu Pelagia)

Pelagia trat ans Bett und verneigte sich.

»Marja Afanassjewna, ich bringe Ihnen vom Bischof den Segen und den Wunsch nach baldiger Genesung. Damit sendet er mich, die Nonne Pelagia, zu Ihnen.«

»Was soll mir sein Segen!«, murrte die Generalswitwe Tatistschewa. »Warum kommt er nicht selbst? Ha, eine Nonne schickt er, drückt sich. Ich werde alles aus dem Testament streichen, was der Kirche zugedacht war.«

Der Welpe war schon in ihren Händen, er leckte das alte, runzlige Gesicht.

Zu Füßen Pelagias tönte ein lautes Bellen, und ein breitbrüstiger Rüde stemmte die weißen Vorderpfoten aufs Bett, er hatte eine platte Nase und eine beleidigt gefaltete steil gewölbte Stirn.

»Sei nicht eifersüchtig, Sakidai«, sagte die Kranke. »Es ist ja dein Söhnchen, dein Fleisch und Blut. Na komm, lass dich streicheln.«

Sie zauste dem Erzeuger Sakussais das breite Genick und kraulte ihn hinterm Ohr.

Pelagia musterte derweil verstohlen die Leute im Schlafzimmer.

Der junge Mann und das junge Mädchen waren gewiss Enkel und Enkelin der Witwe. Er hieß Pjotr Georgijewitsch, sie Naina Georgijewna, beide Telianow, nach dem Vater. Sie waren vermutlich die Hauptbegünstigten des Testaments.

Pelagia versuchte sich vorzustellen, wie dieser helläugige brünette Jüngling, der von einem Bein aufs andere trat, den armen Hunden Gift ins Futter streute. Es gelang ihr nicht.

Zu dem bildschönen Mädchen – groß, stolz, mit launisch herabgezogenen Mundwinkeln – stellten sich auch keine schlechten Gedanken ein.

Da war noch ein Mann in Jackett und Russenhemd, der hatte ein schlichtes und angenehmes Gesicht, zu dem der Kneifer und der kurze dunkelblonde Spitzbart nicht recht passten. Wer das war, wusste Pelagia nicht.

»Der Bischof sendet Ihnen ein Schreiben«, sagte sie und reichte Frau Tatistschewa den Brief.

»Warum sagst du das nicht gleich? Gib her.«

Marja Tatistschewa sah die Nonne nun genauer an, nahm die Brille und die ganze Haltung zur Kenntnis und änderte ihren Ton:

»Geben Sie ihn mir, Mütterchen, ich will ihn lesen. Und ihr alle geht zu Abend essen. Ihr müsst hier nicht die Besorgten spielen. Und Sie gehen bitte auch essen, Mütterchen. Tanja, mach ihr ein Zimmer fertig, das Eckzimmer, in dem neulich dieser Selig übernachtet hat. Das passt gut zusammen. Er Selig, sie selig, denn sie ist ja die Braut Christi. Wenn Bubenzow wiederkommt, wie er angekündigt hat, quartieren wir Selig im Seitenflügel ein. Hol ihn der Kuckuck, er ist mir zuwider.«

Die redselige Tanja brachte die Besucherin in ein sauberes, helles Parterrezimmer, dessen Fenster in den Park blickte, und erzählte ihr von dem Selig, der vor ihr darin gewohnt hatte. Pelagia wusste, wer das war (wie sollte sie nicht, wo doch in den letzten Wochen im Bischofskloster nur noch von dem Synodalinspektor und seinen Gehilfen die Rede war), hörte aber aufmerksam zu. Tanja kam jedoch gleich auf den Tscherkessen zu sprechen, der zwar Furcht einflöße, aber auch ein Mensch sei, der sich nach einem freundlichen Wort sehne.

»Als ich ihn abends auf dem Hof traf, hab ich nur so gezittert. Er hat mich mit seinen schwarzen Augen angeguckt, und plötzlich hat er mich umgefasst, hier so. Ich bin ganz erstarrt, und er . . .«, plauderte Tanja halb flüsternd, während sie das Kissen aufschüttelte, doch dann kam sie zur Besinnung. »Oi, Mütterchen, was red ich da! Ihr dürft doch so was gar nicht hören als Nonne!«

Pelagia lächelte dem netten Mädchen zu. Sie wusch sich nach dem Fußweg und bürstete den Straßenstaub von der Kutte. Dann stand sie ein Weilchen am Fenster und blickte in den Park. Der war wunderschön, wenngleich verwildert. Oder war er gerade deshalb schön?

Auf einmal hörte sie ganz in der Nähe Stimmen. Zuerst eine Männerstimme, gedämpft und vor starker Erregung überkippend:

»Ich schwöre dir, ich tu’s! Danach kannst du nicht mehr hier leben! Ich werde dich zwingen wegzufahren!«

Schwester Pelagia hatte in ihrem Leben nur sehr wenige Liebeserklärungen gehört, aber das reichte aus, um sogleich zu erkennen – das hier war die Stimme eines wahnsinnig Verliebten.

»Wenn ich wegfahre, dann nicht mit Ihnen«, sagte eine Mädchenstimme. »Und ob ich wegfahre, ist noch die Frage.«

Du Ärmster, dachte Pelagia, sie liebt dich nicht.

Sie wurde neugierig. Sacht öffnete sie den Fensterflügel und linste hinaus.

Gleich rechts von ihrem Zimmer war die Hausecke. Das junge Mädchen stand genau an der Kante, so dass ihr Rücken nur halb zu sehen war. An dem rosa Kleid aber erkannte Pelagia, dass es Naina Telianowa war. Schade, der Mann war nicht zu sehen.

In diesem Moment läutete die Glocke zum Abendessen.

Der Tisch war auf der geräumigen Veranda gedeckt, die mit der Balustrade und der Vortreppe an den Park grenzte. Hinter den Bäumen war die Weite das Flusses zu ahnen, der seine Wasser am Hochufer von Drosdowka vorbeiführte.

Pelagia erblickte neue Gesichter und kam nicht gleich dahinter, wer wer war, aber die Mahlzeit und das anschließende Teetrinken dauerten geraume Zeit, und danach sah sie schon etwas klarer.

Außer den Personen, die sie bereits kannte – den Geschwistern, dem Photokünstler Arkadi Poggio und dem benachbarten Gutsbesitzer Kirill Krasnow –, saßen am Tisch der Mann im Russenhemd (nicht schön, aber von einnehmendem Äußerem), ein weiterer Mann mit Bart und bäurischem Gesicht, aber in einem Tweedanzug, und ein farbloses Frauenzimmer mit einem albernen Hütchen, das mit künstlichen Paradiesäpfeln geschmückt war.

Der Unschöne war der Gutsverwalter Stepan Trofimowitsch Schirjajew. Der Bärtige im Tweedanzug hieß Donat Abramowitsch Sytnikow, war ein reicher Altgläubiger aus dem Transwolgaland und hatte vor kurzem in der Nähe ein Landhaus erworben. Das verwelkte Frauenzimmer hieß Miss Wrigley. Welche Rolle sie in Drosdowka spielte, war nicht ersichtlich, doch sie gehörte höchstwahrscheinlich zu der verbreiteten Kategorie der englischen, französischen und deutschen Gouvernanten, die ihre russischen Zöglinge aufgezogen und unterrichtet und sich unter dem Dach ihrer Herrschaft so eingerichtet hatten, dass sie nicht mehr wegzudenken waren.

Zu Beginn des Abendessens erlebte Schwester Pelagia eine unangenehme Erschütterung.

Frau Tatistschewa erschien, auf Tanjas Schulter gestützt, und führte Sakidai und Sakussai an der Leine. Der Brief des Bischofs hatte sie sichtlich erleichtert, aber ihre Laune hatte sich nicht gebessert. Der Bischof sagte immer, manchen Kranken müsse man nicht mit Arzneien voll stopfen, sondern tüchtig erzürnen. Diese Methode schien er hier angewendet zu haben.

Die Bulldoggen, Vater und Sohn, wurden beiseite geführt, wo den Ersteren eine Schüssel mit Markknochen, den Letzteren eine mit Gänseleber erwartete. Nun begann ein Knirschen und Schmatzen, und an den beiden Hinterteilen, dem großen und dem kleinen, wackelten rhythmisch die weißen Schwanzstummel.

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