Pelagia und die weissen Hunde
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Переводчик: Renate Reschke
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:
Am dritten Tag schlenderte Pelagia morgens aufs Geratewohl zwischen den Bäumen, blinzelnd gegen das durchs Laub sickernde Sonnenlicht, und sah plötzlich vor sich eine Lichtung, darauf saßen, den Rücken zum Gebüsch gekehrt, Schirjajew und Poggio. Beide trugen einen breitkrempigen Hut und einen langen weiten Kittel und hatten ein Skizzenbuch vor sich. Die Nonne rief sie nicht an, um sie nicht zu stören, aber einen neugierigen Blick wollte sie riskieren, besonders nach dem, was tags zuvor über die Begabung Schirjajews gesagt worden war.
Pelagia stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals. Sie sah bei Poggio, in Aquarell skizziert, die alte Eiche am anderen Rand der Lichtung, die war erstaunlich gut getroffen – die reinste Augenweide. Die Arbeit Schirjajews jedoch war leider eine Enttäuschung. Die Farben waren aufgetragen, wie es gerade kam: nicht zu erkennen, ob es sich um eine Eiche oder einen Waldschrat mit übergroßem zerrauftem Schädel handelte. Obwohl Poggios sorgfältig gearbeitetes Bild der Nonne gefiel, fand sie Schirjajews Gekleckse viel interessanter. Insgesamt war es eine rührende Szene: Alte Freunde widmeten sich ihrer Lieblingsbeschäftigung und sprachen auch gar nicht miteinander, da sie von ihrer Kunst und voneinander alles wussten.
Plötzlich machte Schirjajew eine besonders schwungvolle Handbewegung, und der Pinsel sprühte einen Regen grüner Spritzer auf die Skizze.
»Das ist ja nicht auszuhalten!«, schrie Schirjajew den Freund an. »Sich verstellen, das Spiel von Licht und Schatten diskutieren, von der Natur reden – wie ich dich hasse! Has-se!«
Poggio drehte sich ebenso heftig ihm zu, und die beiden ähnelten plötzlich zwei Kampfhähnen vor dem Duell.
Pelagia erstarrte und hockte sich erschrocken hin. Es wäre schmählich, ertappt zu werden.
Von da an sah sie nicht mehr hin, sondern horchte nur noch – notgedrungen, denn sie fürchtete zu rascheln, wenn sie zurückwich.
»Du warst mit Naina zusammen?«, fragte Schirjajew. »Gib’s zu, du warst?«
Das Wort »warst« klang so bedeutungsvoll, dass Pelagia errötete und ihre Neugier auf die Skizzen sehr bereute.
»So was fragt man nicht, und so was gibt man nicht zu«, antwortete Poggio im gleichen Ton. »Das geht dich nichts an.«
Schirjajew schnappte nach Luft.
»Du bist ein Zerstörer, ein Satan! Du beschmutzt und verdirbst alles nur mit deinem Atem! Ich liebe sie seit vielen Jahren. Wir haben miteinander geredet und geträumt. Ich habe ihr versprochen, dass . . . sobald ich frei bin, fahre ich mit ihr nach Moskau. Sie wird Schauspielerin, ich male wieder, und wir lernen das Glück kennen. Aber sie will nicht mehr Schauspielerin werden!«
»Dafür will sie jetzt Malerin werden«, spottete Poggio. »Jedenfalls wollte sie es bis vor kurzem. Was sie jetzt will, weiß ich nicht.«
Schirjajew hörte nicht hin, er schrie Zusammenhangloses, das sich in ihm angestaut hatte.
»Du bist ein Lump. Du liebst sie ja gar nicht. Wenn du sie liebtest, würde es mir wehtun, aber ich würde es hinnehmen. Aber du betreibst es nur aus Langeweile!«
Krachend zerriss Stoff. Pelagia bog mit den Armen die Büsche auseinander, sie fürchtete Mord und Totschlag. Viel fehlte nicht. Schirjajew hatte Poggio mit beiden Händen am Kragen gepackt.
»Ja, aus Langeweile«, knirschte der mit gepresster Stimme. »Anfangs. Jetzt habe ich den Kopf verloren. Aber sie braucht mich nicht mehr. Vorige Woche hat sie mich noch angefleht, sie nach Paris mitzunehmen, sprach von einem Mansardenatelier mit Blick auf den Boulevard des Capucines, von Sonnenuntergängen an der Seine. Und plötzlich ist alles anders. Sie benimmt sich unbegreiflich. Und ich verliere den Verstand. Gestern . . . gestern habe ich zu ihr gesagt: ›Gut, fahren wir. Zum Teufel mit allem. Von mir aus – Paris, Mansarde, Boulevard, ganz wie du willst.‹ – Lass los, ich krieg keine Luft.«
Schirjajew lockerte den Griff, fragte gequält:
»Und sie?«
»Gelacht hat sie. Ich . . . ich war ganz außer mir. Ich habe ihr gedroht. Es gibt da ein Mittel . . . Du brauchst das nicht zu wissen. Später erfährst du’s, dann ist sowieso alles egal.« Poggio lachte abstoßend. »Oh, ich weiß genau, was da vorgeht. Ich und du, Stepan, wir zählen nicht mehr, wir haben den Abschied gekriegt, ohne Pension. Eine interessantere Figur ist aufgetaucht. Aber ich lasse mich nicht behandeln wie ein Rotzjunge! Wenn sie wüsste, was für Frauen mir zu Füßen gelegen haben! Ich werde sie in den Schmutz treten! Ich werde sie zwingen, mit mir abzureisen!«
»Du Schuft, wage nicht, ihr zu drohen! Ich zertrete dich wie einen Wurm!«
Mit diesen Worten packte Schirjajew seinen ehemaligen Studienkollegen an der Gurgel, diesmal noch würgender als zuvor. Die Staffeleien fielen zu Boden, die beiden Männer stürzten verklammert ins dichte Grass.
»O Gott, lasse es nicht zu«, wehklagte Pelagia leise und sprang auf, denn das Rascheln brauchte sie unter diesen Umständen nicht mehr zu fürchten. Sie lief ein Stückchen zurück und schrie:
»Sakussai! Machst du da solchen Krach? Du ungezogener Bengel! Schon wieder bist du weggelaufen!«
Das Getümmel auf der Lichtung hörte augenblicklich auf. Pelagia ging nicht dorthin, sie wollte die Männer nicht in Verlegenheit bringen, sondern rief noch ein paarmal, trampelte durchs Gebüsch und entfernte sich. Es genügte, dass die Streithähne sich besonnen hatten und sich wieder wie Menschen benahmen.
Sie beschloss, den Park künftig zu meiden und Stattdessen friedlich in der Bibliothek zu sitzen.
Sie kam vom Regen in die Traufe.
Kaum hatte sie sich in dem großen Zimmer mit den hohen Schränken voller Bücher in anheimelnden goldgeprägten Einbänden niedergelassen, hatte sich mit hochgezogenen Füßen in den gewaltigen Ledersessel gekuschelt und den duftenden alten Band der »Lettres provinciales« von Pascal aufgeschlagen, da quietschte die Tür, und jemand kam herein – wer, konnte sie hinter der hohen Lehne nicht sehen.
»Hier können wir uns aussprechen«, sagte die ruhige, selbstsichere Stimme von Donat Sytnikow. »In die Bibliothek schaut kaum mal jemand, da stört uns keiner.«
Pelagia wollte sich räuspern oder sich zeigen, aber sie kam nicht dazu. Eine andere Stimme (von Naina Teli-anowa) sprach ein paar Worte, wonach Pelagia, hätte sie sich gemeldet, alle Beteiligten in eine peinliche Lage gebracht hätte.
»Wollen Sie mir wieder Herz und Hand antragen, Donat Abramowitsch?«
Wie sie hier alle verzaubert hat, dachte Pelagia kopfschüttelnd und bedauerte den gesetzten, kaltblütigen Industriellen, der, nach der spöttischen Frage zu urteilen, nicht auf Gegenliebe hoffen durfte.
»Nein«, antwortete Sytnikow wieder ruhig. Leder knarrte, man hatte wohl auf dem Sofa Platz genommen. »Zurzeit kann ich nur mein Herz anbieten.«
»Wie darf ich das verstehen?«
»Ich erklär’s Ihnen. In den letzten Tagen habe ich Sie besser kennen gelernt als in all den Monaten, in denen ich wegen Ihrer schwarzen Augen immer wieder hergekommen bin. Ich sehe, ich habe mich geirrt. Als Ehefrau eignen Sie sich nicht für mich, und ich bin auch nichts für Sie. Ich bin kein Schwätzer, sondern geradeheraus, ohne Umschweife. Aus meinen Gefühlen für Sie habe ich kein Geheimnis gemacht, aber ich habe mich auch nicht aufgedrängt. Ich gab Ihnen Zeit einzusehen, dass außer mir hier niemand als Partner für Sie in Frage kommt. Schirjajew ist ein Phantast und ein Langweiler, da würden Sie mit Ihrem Charakter sich nach einem halben Jahr entweder aufhängen oder sich der Ausschweifung ergeben. Poggio, der taugt allenfalls zum Spaß. Sie haben ihn doch nicht etwa ernst genommen, oder? Ein kleines Menschlein, ein Garnichts. Und jetzt Ihre neue Passion. Ich habe eigentlich nichts dagegen. Amüsieren Sie sich, ich kann warten, bis diese Laune vergeht. Aber diesmal spielen Sie mit dem Feuer, dieser Herr hat mächtige Zähne. Nur bedeuten Sie ihm nichts, er hat andere Interessen. Sie sind jetzt nicht ganz bei sich, meine Worte langweilen Sie – hören Sie dennoch auf Donat Sytnikow. Ich bin wie eine steinerne Mauer, auf die kann man sich stützen, hinter ihr sich verstecken. Ich bitte Sie um eines: Wenn Ihr Plan platzt, gehen Sie nicht ins Wasser. Es wäre schade um solche Schönheit. Kommen Sie lieber zu mir. Zur Ehefrau nehme ich Sie nicht, das hat keinen Zweck, aber als Geliebte sehr gern. Sie brauchen mich gar nicht so anzufunkeln, ich mache Ihnen ein sachliches Angebot. Als meine Geliebte haben Sie es besser und angenehmer – keine Sorgen mit der Hauswirtschaft, keine Kinderaufzucht, und vor Klatsch brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Es wird keinen geben. Ich plane derzeit, mein Hauptkontor nach Odessa zu verlegen. Mir ist es hier am Fluss zu eng, ich will aufs Meer. Odessa ist eine fröhliche, südliche Stadt mit freien Sitten. Dort können Sie machen, was Sie wollen. Wenn Sie malen wollen, besorg ich Ihnen die besten Lehrer, andere als Ihr Poggio. Wenn Sie Schauspielerin werden wollen, schenke ich Ihnen ein Theater. Sie können dann selbst bestimmen, welche Stücke gespielt werden, Sie können die besten Schauspieler engagieren, sogar aus Petersburg, und sich die schönsten Rollen aussuchen. Mein Geld reicht für alles. Und als Mensch bin ich anständig und zuverlässig und nicht so verbraucht wie Ihr jetziger Erwählter. Das ist es, was ich Ihnen zu sagen habe.«