Pelagia und die weissen Hunde
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Переводчик: Renate Reschke
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:
Aber haben wir uns vielleicht gar zu weit von der Grundlinie unserer Erzählung entfernt? Schwester Pelagia hat schon längst durch das weit geöffnete Tor den Gutspark von Drosdowka betreten, und wir müssen uns beeilen, ihr zu folgen.
Nette Menschen
Der Regen ereilte Pelagia fünfzig Schritte vom Tor. Er strömte reichlich und fröhlich, und er ließ sogleich erkennen, dass er vorhatte, nicht nur die Kutte und das Tuch der Nonne, sondern auch ihr Unterhemd und sogar ihr Strickzeug in der Gürteltasche zu durchnässen. Pelegia bekam es mit der Angst. Sie hielt Umschau, ob jemand in der Nähe wäre, raffte die Röcke und rannte in beneidenswertem Tempo den Weg entlang, wozu sie durch die englische Gymnastik befähigt war, die sie, wie schon erzählt, in der Eparchialschule unterrichtete.
Nachdem sie die rettende Allee erreicht hatte, lehnte sie sich mit dem Rücken an den Stamm einer alten Ulme, deren dichte Krone sie zuverlässig schützte, wischte die betropften Brillengläser blank und blickte zum Himmel.
Da gab es was zu sehen. Die nähere Hälfte des hohen Firmaments war schwarzviolett, aber nicht von der dumpfen, düsteren Färbung wie an hoffnungslos verregneten Tagen, sondern mit öligem Schimmer, als hätte ein himmlischer Gymnasiast aus Übermut lila Tinte auf ein hellblaues Tischtuch gegossen. Bis zu der ferneren Hälfte des Tischtuchs hatte sich der Fleck noch nicht ausgebreitet, dort schien noch immer die Sonne, und an jeder Seite wölbte sich ein Regenbogen, der eine heller und kleiner, der andere trüber und dafür größer.
Eine Viertelstunde später aber hatte sich alles verändert: Der nahe Himmel war nun hell, der fernere dunkel, und das bedeutete, der Regenguss hatte aufgehört. Pelegia verrichtete ein Gebet zum Dank für die glückliche Errettung vor dem Nasswerden und schritt durch die endlos lange Allee zu dem Gutshaus.
Als erster Gutsbewohner begrüßte die Nonne ein schneeweißer Welpe mit braunem Ohr, der aus dem Gebüsch gesprungen kam und sich sofort, ohne das leiseste Zögern, in den Saum ihrer Kutte verbiss. Der Hund war noch nicht heraus aus dem Säuglingsalter, besaß jedoch schon große Entschlossenheit. Den breitstirnigen Kopf hin und her werfend und ärgerlich knurrend, zerrte er an dem festen Stoff, und es war zu sehen, dass er diese Beschäftigung nicht so ohne weiteres aufgeben würde.
Pelagia nahm den Räuber in die Arme, und sie sah übermütige hellblaue Augen, eine schwarz gesprenkelte rosa Nase und samtweiche Hängebäckchen, die mit Erde verschmiert waren, doch weitere Einzelheiten konnte sie nicht wahrnehmen, denn das Hundchen streckte seine lange rote Zunge heraus und beleckte ihr sehr geschickt Nase, Stirn und Brillengläser.
Die Nonne, vorübergehend erblindet, hörte jemanden durch die Sträucher brechen. Eine Männerstimme sagte keuchend:
»Ach, da bist du ja! Hast schon wieder Erde gefressen, du Ausgeburt des Satans! Entschuldige, Schwesterchen, dass ich den Bösen im Munde führe. Das Dummchen hat das von seinem Vater und Großvater gelernt. Uff, danke, dass du ihn eingefangen hast, ich hätt ihn sonst nicht erwischt. Flink ist er, der Teufel. Ach, schon wieder, entschuldige!«
Pelagia drückte mit einer Hand das warme, straffe Körperchen an die Brust, mit der anderen nahm sie die besabberte Brille ab. Vor sich sah sie einen bärtigen Mann in Baumwollhemd, Plüschhose und Lederschürze, der Gärtner wohl.
»Da haben Sie Ihren Sakussai«, sagte sie. »Aber halten Sie ihn fest.«
»Woher weißt du seinen Namen?«, fragte der Gärtner erstaunt. »Oder warst du schon bei uns? Ich kann mich nicht erinnern.«
»Uns Menschen im geistlichen Rang ist durch das Beten mancherlei offenbar, was gewöhnliche Sterbliche nicht wissen«, belehrte ihn Pelagia.
Ob der Bärtige ihr glaubte oder nicht, wer weiß, aber er holte ein Fünfzehnkopekenstück hervor und schob es ihr mit einer Verneigung in die Tasche.
»Hier, Schwesterchen, aus reinem Herzen.«
Pelagia wies es nicht zurück. Zwar brauchte sie kein Geld, aber Gott freute sich auch über eine kleine Spende, wenn sie aus reinem Herzen kam.
»Geh lieber nicht ins Haus«, empfahl ihr der Gärtner, »spare dir die Mühe. Unsere Herrschaft gibt frommen Besuchern kein Almosen, aus Prinzip.«
»Ich habe Marja Afanassjewna einen Brief vom Bischof zu überbringen«, erklärte Pelagia. Der Mann von Drosdowka zog ehrerbietig die Schirmmütze, verneigte sich und ging von »Schwesterchen« über zu »Mütterchen«.
»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Mütterchen. Und ich dräng mich auf mit einem Geldstück. Folgen Sie mir bitte.«
Er ging voraus und hielt mit beiden Händen den sich sträubenden, ärgerlich winselnden Sakussai.
Rechterhand war eine kleine Wiese mit einer weißsteinernen Laube darauf, dort erging sich ein sonderbarer Herr im Havelock, auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut. Unterm Arm trug er einen schwarz lackierten Holzkasten und in der Hand ein langes Dreibein mit Metallspitzen. Dieses stieß er in die Erde und montierte darauf den Kasten, und nun war klar, dass es ein photographischer Apparat war, selbst in unserem entlegenen Gouvernement keine Seltenheit mehr.
Der Herr warf einen gleichgültigen Blick auf die Nonne und sagte zu dem Gärtner:
»Na, Gerassim, hast du den Ausreißer erwischt? Ich gehe hier im Park spazieren und nehme auf, wie der Dunst von der Erde aufsteigt. Ein seltener optischer Effekt.«
Der Herr sah gut aus mit dem gepflegten Bart und den gelockten langen Haaren. Es war gleich zu sehen, dass er nicht von hier stammte. Er gefiel Pelagia.
»Er ist ein photographischer Künstler«, erklärte Gerassim seiner Begleiterin, als sie ein Stück weiter waren. »Aus Piterburch. Bei uns zu Besuch. Ein Freund von unserm Gutsverwalter Stepan Schirjajew. Er heißt Arkadi Sergejewitsch Poggio.«
Sie gingen weitere hundert Schritte, doch das grüne Dach war noch immer weit weg. Hinter ihnen schmatzten Hufe über den etwas aufgeweichten Weg. Pelagia drehte sich um und sah eine leichte zweirädrige Kutsche, darin saß ein rosiger Herr mit einem weißen Kastorhut und einem leinenen Gehrock.
»Beste Gesundheit wünsch ich, Kirill Nifontowitsch«, sagte Gerassim mit einer Verbeugung. »Sie eilen zum Abendessen?«
»Wohin sonst? Brrr, brrr.«
Die blassen Äuglein richteten sich mit kindlicher Neugier auf Pelagia, und die runden Wangen falteten sich zu einem gutmütigen Lächeln.
»Wen eskortierst du denn da, Gerassim? Oho, und da hast du auch den Erbprinzen.«
»Die Schwester bringt der Herrin einen Brief vom Bischof.«
Der Herr in der Kutsche machte eine ehrerbietige Miene und lüpfte den Hut von der schweißigen Glatze.
»Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Kirill Nifontowitsch Krasnow, Gutsbesitzer und Nachbar. Steigen Sie ein, Mütterchen, ich nehme Sie mit, was wollen Sie sich abmühen. Auch das Hundchen kann mitfahren, Marja Afanassjewna hat gewiss schon Sehnsucht, steht auf der Treppe vor dem Haus, guckt sich nach ihm die Augen aus.«
»Ist das von Puschkin?«, fragte Pelagia und setzte sich neben den sympathischen Schwätzer.
»Zu viel der Ehre.« Er verbeugte sich und knallte mit der Peitsche. »Nein, von mir, ich dichte selbst. Die Zeilen fliegen mir zu bei jedem Anlass und auch ohne Anlass. Nur zu Gedichten fügen sie sich nicht, sonst wäre ich schon so berühmt wie Nekrassow und Nadson.«
Er deklamierte:
Meine Verszeilen sind mir recht,
sie sind vielleicht nicht mal ganz schlecht.
Sind sie auch nicht voll auf der Höhe,
so tun sie doch niemandem wehe.
Nach wenigen Minuten fuhren sie bei dem großen Haus vor, das mit allen Attributen der Pracht aus dem vorigen Jahrhundert ausgestattet war – dorische Säulenreihe, missmutig blickende Löwen auf Postamenten und sogar bronzene Einhörner aus Groß-Jägersdorf zu beiden Seiten der Treppe.