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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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»Was haben Sie bloß dauernd mit Ihren Bulldoggen! Das sind verfressene Geschöpfe, die ewig im Park rumlaufen und das auch schon dem kleinen Baby beibringen. Und überall lauter Unrat im Park! Gestern habe ich mit eigenen Augen eine krepierte Krähe gesehen, wirklich wahr! Sie, liebe Schwester, sollten lieber herausfinden, wer meinen Rasen so zertrampelt hat.«

Am Tisch ein Seufzen und Stöhnen, und Pelagia begriff, dass Miss Wrigleys Rasen bei den Ureinwohnern von Drosdowka ein Dauerthema war.

»Nein, wer ihn zertrampelt hat, weiß ich selber.« Die Engländerin hob kriegerisch den Finger. »Schwester, Sie brauchen mir nur zu helfen, Beweise zu finden, denn bei uns mag man an eindeutige Dinge nicht glauben.«

»Was brauchen wir diesen blöden Rasen«, sagte Gerassim vor sich hin, während er die Früchte kunstvoll auslegte. »Der muss gar nicht erst zertrampelt werden.«

»Die beiden führen seit langem einen Rasenkrieg, Miss Wrigley und der Gärtner«, erklärte der Enkel Pjotr der Nonne und zog vergnügt die rote Nase kraus. »Sie wirft ihm seine Faulheit vor und hat zu pädagogischen Zwecken ein paar Quadratmeter englischen Rasen angelegt, drüben beim Steilufer. Um zu zeigen, wie das Gras im Park aussehen soll. Aber Gerassim will es nicht lernen und hat wohl sogar Sabotage begangen. Jedenfalls hat jemand den kostbaren Rasen vorgestern total zertrampelt.«

»Sie versündigen sich, Pjotr Georgijewitsch«, sagte Gerassim gekränkt. »Die rasierten Stoppeln mag man nicht mal bespucken, geschweige denn zertrampeln. Man darf die Natur nicht verhunzen, Grünzeug und Bäume sollen wachsen, so wie Gott es will.«

»Auf Gott beruft er sich!«, kommentierte Miss Wrigley diese Doktrin. »Männer finden doch immer eine Ausrede für ihr Nichtstun.«

Aber der Wortwechsel blieb lasch und ohne Eifer, und der lange Augustabend bot keinen Anreiz für Erbitterung.

Nach einer anhaltenden friedlichen Pause sagte die Enkelin Naina plötzlich etwas unpassend:

»Ja, die Männer sind grausam und frevlerisch, aber ohne sie wäre überhaupt nichts los auf der Welt.«

Während der Mahlzeit war die junge Frau traurig und in sich gekehrt, beteiligte sich nicht am Gespräch und schien auch gar nicht zuzuhören. Pelagia blickte immer wieder zu ihr hin und versuchte zu ergründen, ob das ihre Natur war oder ob heute etwas Besonderes mit ihr vorging. Vielleicht lag der Grund für ihre sonderbare Entrücktheit in dem Gespräch, das die Nonne vor dem Abendessen teilweise mit angehört hatte? Aber wer war der Mann gewesen, der mit vor Leidenschaft überkippender Stimme gesprochen hatte? Ob er hier mit am Tisch saß?

Außerdem staunte Pelagia darüber, wie sonderbar die Vorsehung mit den Geschwistern umgegangen war, als sie deren Aussehen ganz verschieden gestaltete. Pjotr, ein noch junger Mann (dem Aussehen nach um die dreißig), hatte schwarze Haare, von der Sonne gebleichte Brauen und Wimpern und einen mehlweißen Teint, von dem sich die große rote Nase grotesk abhob. Bei Naina waren die Farben umgekehrt verteilt: goldblonde Haare, schwarze Brauen und Wimpern, zartrosa Wangen und eine fein gemeißelte Nase mit einem zierlichen Höcker. Sie war eine Schönheit, die zweifellos Männern den Kopf verdrehen und sie zu jeder Wahnsinnstat verleiten konnte. Für Pelagias Geschmack war die eigensinnige Mundkrümmung ein Makel, doch höchstwahrscheinlich brachte just diese gebrochene Linie mehr als alles andere die Männer um den Verstand.

Naina schien in Drosdowka eine Sonderstellung einzunehmen – der unverständliche Satz, den sie fallen gelassen hatte, zog ein angespanntes Schweigen nach sich, als warteten alle, ob sie noch etwas hinzufügen würde.

Und das tat sie denn auch, aber sie folgte dabei offenbar einem inneren Gedanken, so dass der Sinn nicht deutlicher wurde: »Liebe ist immer ein Frevel, selbst wenn sie glücklich ist, denn dieses Glück ist mit Sicherheit auf irgendwessen Unglück aufgebaut.«

Schirjajews Kopf zuckte wie von einem Schlag, Poggio lächelte gequält, und der reiche Sytnikow fragte:

»Wenn Sie gestatten, wie darf man das verstehen?« Er umfasste den grau melierten rötlichen Kinnbart mit seinen kurzen Fingern.

»Liebe ohne Verrat gibt es nicht«, fuhr Naina fort, dabei starrte sie mit weit offenen schwarzen Augen vor sich hin. »Denn jeder Liebende verrät seine Eltern, verrät seine Freunde, verrät die ganze Welt um des einen Menschen willen, der dieser Liebe vielleicht gar nicht würdig ist. Ja, die Liebe ist auch ein Verbrechen, das liegt klar auf der Hand . . .«

»Was bedeutet das – auch?«, fragte Sytnikow achselzuckend. »Was ist das für eine Manier, in Andeutungen zu reden?«

»Sie will sich interessant machen«, fauchte ihr Bruder. »Sie hat irgendwo gelesen, dass die modernen Fräulein in den Hauptstädten in Rätseln sprechen, und das übt sie nun an uns.«

In diesem Moment trat Tanja zu Pjotr, um ihm Tee nachzuschenken, und Pelagia sah, dass er ihr für einen Moment die Hand drückte.

»Danke, Tatjana Sotowna«, sagte er zärtlich. Das Stubenmädchen erglühte und blickte verstohlen zu der Generalswitwe. »Wie denken Sie über die Liebe?«

»Unsereins ist nicht zum Denken da«, lispelte Tanja. »Dafür gibt’s die gebildeten Leute.«

»Unsere Nonne hat aber guten Appetit«, bemerkte Krasnow und zeigte auf die leere Platte, von der Pelagia sich gerade die letzte Schinkenscheibe genommen hatte. »Obwohl wir die Fasten haben, Schwesterchen?«

»Macht nichts«, antwortete Pelagia verschämt. »Heute ist doch das Fest der Verklärung Christi, da erlaubt es die Klosterordnung.«

Sie tat, als führte sie den Schinken zum Munde. Sakidai stieß ihr sogleich empört die Schnauze ans Knie – du vergisst dich. Pelagia ließ unauffällig die Hand sinken, stopfte den Schinken dem Erpresser in den Rachen und gab ihm einen Stups gegen die feuchte kalte Nase: Schluss, mehr gibt’s nicht. Sakidai verschwand im Nu.

»Wenn ich die Vorschriften unserer rechtgläubigen Kirche mag«, sagte Krasnow, »dann weil ihre Diätvorschriften so wohl durchdacht sind. Das verzwickte System der Fasten und des Fleischgenusses nach dem Fasten ist, medizinisch gesehen, eine ideale Hilfe für Magen und Darm. Nein wirklich, warum lachen Sie, ich meine es ernst! Das Fleischessen im Herbst und im Winter unterstützt die Ernährung in der kalten Jahreszeit, und die Großen Fasten reinigen den Darm vor der Pflanzennahrung im Frühjahr und im Sommer. Die rechtzeitige Darmentleerung ist der Eckpfeiler des intellektuellen und geistigen Lebens! Ich zum Beispiel kompensiere mein Nichteinhalten der Fastengebote durch allabendliche Klistiere mit Kamillenaufguss, was ich nur weiterempfehlen kann. Ich habe zu diesem Thema sogar einen Vierzeiler geschrieben:

Warte mit dem Schlafen, Schöne!

Du hast Wichtiges vergessen:

Dir zur innren Reinigung

Die Kamille zuzumessen.«

»Hol Sie der und jener, Kirill Nifontowitsch!«, rief lachend Frau Tatistschewa. »Hören Sie nicht auf ihn, Mütterchen, er ist bei uns der Anhänger des Fortschritts. Fährt mit dem Veloziped über die Wiese und erschreckt die Kühe. Und besuchen Sie ihn nie unangekündigt, er sitzt oft splitternackt auf dem Dach und nimmt Sonnenbäder. Pfui Schande! Und sehen Sie die Stoppeln rund um seine Glatze? Alle Jahre zu Beginn des Sommers rasiert er sich die Haare ab, damit sein Schädel atmen kann. Vor kurzem hat er sein Gut verpfändet, um von Sawolshsk bis zu sich nach Hause eine Telegraphenleitung zu legen. Und wissen Sie, wozu? Um telegraphisch mit dem Postmeister Dame zu spielen. Wenn er wenigstens gut spielen täte, aber nein, er verliert dauernd.«

»Na und?« Krasnow war nicht beleidigt. »Ich spiele ja nicht aus Ehrgeiz, sondern um unsere Sawolshsker Wilden zu belehren. Sie sollen wissen, was Fortschritt ist. In Europa werden täglich neue Entdeckungen und Erfindungen gemacht, in Amerika bauen sie Häuser, die bis in die Wolken reichen, und unsere langschößigen Altgläubigen, die sich mit zwei Fingern bekreuzigen, laufen vor Lokomotiven davon und kneifen vor den Gaslaternen die Augen zu, um sich nicht mit der Teufelsflamme zu besudeln.«

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