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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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»Miss Wrigley, was haben Sie da für eine Orangerie auf dem Hut?«, fragte Frau Tatistschewa, dabei ließ sie den Blick um den Tisch wandern und hielt Ausschau, wen sie noch ärgern könnte. »Sie sind mir eine schöne jugendliche Naive. Aber warum nicht, Sie sind ja eine reiche Erbin. Höchste Zeit, sich nach einem Freier umzugucken.«

Pelagia spitzte die Ohren und musterte die Engländerin mit größerem Interesse. Sie sah eine lebendige Mimik, dünne Lippen, verschmitzte Fältchen um die Augen.

Der plötzliche Angriff hatte Miss Wrigley keineswegs eingeschüchtert, sie parierte ihn ohne die geringste Unterwürfigkeit und sprach fast akzentfrei:

»Sich nach einem Freier umzugucken ist es nie zu spät. Nicht mal in Ihrem Alter, Marja Afanassjewna. Sie küssen Ihren Sakidai so oft, dass es längst an der Zeit wäre, die Beziehung zu legalisieren. Was geben Sie sonst Naina für ein Beispiel.«

Das Gelächter rund um den Tisch zeigte Pelagia, dass die Hausfrau nur so streng tat und ihre Tyrannei eher gespielt war.

Nachdem die Engländerin ihr Paroli geboten hatte, richtete die Generalswitwe den zornigen Blick auf die Nonne.

»Unser Bischof, was mein Neffe ist, der ist auch gut. Ich kann hier krepieren, und er macht seine Witze. Was klapperst du mit den Augen, Mütterchen?«, sagte sie ärgerlich, wieder per du, zu Pelagia. »Darf ich vorstellen, meine Herrschaften: die neu erschienene Seherin in der Kutte. Sie wird mich retten, indem sie meinem Widersacher die Maske herunterreißt. Mein Neffe Mischenka sei bedankt für die Gefälligkeit. Hört mal her, was er mir schreibt.«

Sie holte den Brief hervor, setzte die Brille auf und las vor:

»Und damit Sie Ihre Ruhe wiederfinden, Tantchen, schicke ich Ihnen meine vertraute Gehilfin, Schwester Pelagia. Sie ist eine Person von scharfem Verstand und wird schnell herausfinden, wem Ihre kostbaren Hunde ein Dorn im Auge waren. Sollte es einer Ihrer Nächsten gewesen sein, der Ihnen übel will, was ich nicht glauben mag, so wird Pelagia den Frevler alsbald ermitteln und entlarven.«

Am Tisch war es still geworden. Was für eine Miene die einzelnen Leute machten, konnte Pelagia nicht sehen, da sie selbst puterrot dasaß und sich tief über den Teller mit dem Aalquappensouffle beugte.

In dieser Verlegenheit verweilte sie ziemlich lange, darauf bedacht, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber niemand versuchte, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Ihr einziger Freund bei diesem beabsichtigten oder zufälligen Scherbengericht war der freche Sakidai, der unter den Tisch geschlüpft war und ihr seine faltenreiche Schnauze aufs Knie legte. Seine Markknochen hatte er schon verputzt, und nun erkannte er mit untrüglicher Sicherheit, wer von den Menschen am Tisch sich am leichtesten erpressen ließ.

Der Älteste vom Geschlecht der weißen russischen Bulldoggen blickte die Nonne unverwandt an, den runden Kopf zur Seite geneigt und die Sokratesstirn gerunzelt. Pelagia war hungrig, aber unter diesem in die Seele dringenden Blick zu essen war ihr peinlich. Verstohlen nahm sie ein Häppchen Souffle von der Gabel und senkte die Hand unters Tischtuch. Heißer Atem umwehte ihre Finger, die raue Zunge kitzelte, das Stückchen Fisch verschwand.

Das Gespräch bei Tisch wurde interessant, es drehte sich um Talent und Genie.

»Von mir wurde schon als Kind gesagt: ein Talent, ein Talent«, erzählte Poggio und kniff ironisch ein Auge ein. »Als ich noch dumm war, habe ich mir viel darauf eingebildet, doch dann kam ich zu Verstand und dachte: Nur ein Talent? Warum ist Raffael ein Genie und ich nur ein Talent? Worin besteht der Unterschied zwischen ihm und mir? Ich bin nach Italien gereist, habe mir Raffaels Madonna angesehen – eindeutig genial. Dann meine Bilder – alles, wie es sich gehört: originell, subtil, feiner als Raffael, viel feiner. Und sofort zu erkennen: talentiert, bitte die Unbescheidenheit zu entschuldigen, aber nicht ge-ni-al.« Er dehnte die Silben. »Darum habe ich die Malerei aufgegeben – Talent, doch kein Genie. Jetzt mache ich photographische Bilder, und man sagt, sie sind gut. Zeugen von Talent. Aber das macht nichts, Genies gibt‘s noch nicht in der photographischen Kunst, und Raffael steht mir nicht im Licht.« Poggio lachte unfroh. »Aber Stepan hier, mit dem ich in der Akademie studiert hab, war auf dem Weg zum Genie. Du hättest das Malen nicht aufgeben sollen, Stepan. Ich habe gesehen, wie du neulich ein kleines Aquarell gemacht hast. Mit der Technik ist es nicht weit her, aber kühn, kühn. Solche Sachen bringen jetzt in den Pariser Salons viel Geld, und du warst schon vor zwanzig Jahren so weit. Sag mal, als du nach so vielen Jahren wieder zum Pinsel gegriffen hast, hat da nicht dein Herz frohlockt?«

Stepan Schirjajew antwortete mürrisch und widerwillig, mit gesenktem Blick:

»Frohlockt oder nicht, ist doch egal. Das Aquarell hab ich einfach so gemalt, hatte sonst nichts zu tun. Heu haben wir schon gemacht, und für Getreide ist es noch zu früh. Eine Verschnaufpause . . . Wozu Vergangenes aufrühren. Es hat sich so ergeben, also gut. Talent, Genie, alles dasselbe. Man muss die Sache tun, die einem obliegt. Und je eifriger, desto besser.«

Pelagia hatte den Eindruck, dass Schirjajew über Poggio verärgert war, und den schien die Abfuhr ein wenig zu entmutigen.

Um dem Gespräch eine scherzhafte Wendung zu geben, wandte er sich der Nonne zu und fragte mit übertriebener Ehrerbietung:

»Und was meint die heilige Kirche zum Thema Genie und Talent?«

Das Gespräch interessierte die Nonne, und die Kontrahenten gefielen ihr, darum wich sie nicht aus.

»Was den Standpunkt der Kirche angeht, da sollten Sie lieber einen Würdenträger fragen, doch nach meinem bescheidenen Verständnis besteht der Sinn des irdischen Lebens darin, das Genie in sich zu entdecken.«

»Das soll der Sinn sein?«, fragte Poggio verwundert. »Nicht Gott? Sie trauen sich ja was, Schwester.«

»Ich meine, in jedem Menschen ist ein Genie verborgen, eine kleine Öffnung, durch die Gott zu sehen ist«, erklärte Pelagia. »Doch nur wenigen gelingt es, sie zu entdecken. Die meisten Menschen tappen herum wie blinde Kätzchen und finden sie nicht. Und wenn doch einmal das Wunder geschieht, begreift der Mensch sofort – das ist es, wozu ich auf die Welt gekommen bin, und er lebt ruhig und selbstsicher weiter, ohne andere zu fragen. Das eben ist Genie. Talente kommen bedeutend öfter vor. Das sind die Menschen, die das verwunschene Fensterchen nicht gefunden haben, ihm aber ganz nahe sind und vom Widerschein des wundersamen Glanzes leben.«

Um besser zu überzeugen, schwenkte sie die Hand gen Himmel, doch so ungeschickt, dass sie mit dem weiten Ärmel eine Tasse umriss und Kirill Krasnow das Hosenbein verbrühte.

Der Ärmste hüpfte auf einem Bein, so heiß war das. Hüpfte, stöhnte und sprach dazu:

Und die Nonne von Schemacha

sprach zum Zaren voller Tücke:

»Koch dich bei lebend’gem Leibe

und zerlege dich in Stücke.«

Pelagia wäre vor Scham am liebsten in die Erde gesunken, sie brach fast in Tränen aus. Außerdem konnte sie nicht zu Ende sprechen, so laut lachten alle.

Schirjajew freilich hätte das Gespräch gern fortgesetzt, er sah die Nonne aufmerksam an und fragte:

»So also denken Sie über das Genie?«

Aber Frau Tatistschewa, die sich bei der theoretischen Diskussion weidlich gelangweilt hatte, warf rücksichtslos ein:

»Mütterchen, anstatt zu theoretisieren und die Leute zu verbrühen, sollten Sie lieber baldigst herausfinden, wer Saguljai und Sakidai vergiften wollte.«

Soeben kam der Gärtner Gerassim vom Park herein und brachte eine Schale mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen. Sein Erscheinen hatte auf Miss Wrigley, die bislang teilnahmslos Pajitos geraucht hatte, eine überraschend belebende Wirkung.

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