Pelagia und die weissen Hunde
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Переводчик: Renate Reschke
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:
Naina hörte sich diese unglaubliche Rede bis zu Ende an, ohne ihn zu unterbrechen. Einen wie Sytnikow zu unterbrechen würde sich auch nicht jeder getraut haben, der war eine zu starke Persönlichkeit.
Aber als er verstummte, lachte das Fräulein. Nicht laut, doch so sonderbar, dass es Pelagia kalt über den Rücken lief.
»Wissen Sie, Donat Abramowitsch, wenn mein Plan, wie Sie sagen, tatsächlich platzt, gehe ich lieber ins Wasser als mit Ihnen. Aber er wird nicht platzen. Hier tun sich ja Abgründe auf, dass einem die Luft wegbleibt. Ich habe es satt, wie eine Stoffpuppe behandelt zu werden, an der jeder herumzerrt. Ich will mein Schicksal selber in die Hand nehmen. Und nicht nur meins. Wenn leben, dann aus dem Vollen. Nicht als Sklavin, sondern als Herrin!«
Wieder knarrte das Leder – Sytnikow war aufgestanden.
»Was Sie da reden, verstehe ich nicht. Ich sehe nur, Sie sind nicht ganz bei sich. Darum gehe ich. Denken Sie über meine Worte nach, sie sind ernst gemeint.«
Die Tür ging auf und schloss sich wieder, aber Naina blieb noch. Fünf Minuten lang, vielleicht auch länger, hörte Pelagia untröstliches Schluchzen und konzentriertes Schniefen. Dann ein Flüstern, halb böse, halb leidenschaftlich.
Die Nonne horchte und verstand:
»Dann ist er eben eine Ausgeburt, und wenn schon. Ganz egal . . .«
Sobald es möglich war, ging Pelagia hinaus in den Korridor, um in ihr Zimmer zu gelangen. Unterwegs schüttelte sie sorgenvoll den Kopf.
Aber bevor sie ihr Zimmer erreichte, lief ihr Tanja über den Weg. In der einen Hand trug sie ein Bündelchen, mit der anderen zog sie an der Leine Sakussai hinter sich her, der sich mit allen vier Pfoten sträubte.
»Mütterchen«, sagte sie erfreut, »wollen Sie nicht mitkommen? Frau Tatistschewa ist eingeschlafen, und ich gehe ins Dampfbad, ich hab’s schon am Morgen geheizt. Sie waschen sich, und ich bleib derweil bei dem Hund. Hinterher passen Sie auf ihn auf. Das würde mir sehr helfen. Ich kann ihn schließlich nicht in den Waschraum mitnehmen. Er lässt mir auch so schon keine Ruhe, die sabbernde Missgeburt.«
Pelagia lächelte freundlich und willigte ein. Zumindest im Dampfbad würde sie niemanden beobachten und belauschen müssen.
Das Dampfbad befand sich hinter dem Haus – eine geduckte Blockhütte aus bernsteingelben Kiefernbohlen mit winzigen Fensterchen unterm Dach. Aus dem bauchigen Schornstein stieg weißer Rauch.
»Wasch dich nur, ich bleibe hier«, sagte die Nonne, setzte sich in dem kleinen sauberen Vorraum auf das Bänkchen und nahm den Welpen in den Arm.
»Ich danke auch schön, Sie helfen mir sehr, ich lauf mir die Hacken ab, bin ganz verschwitzt und komm nicht zum Waschen oder zum Baden im Fluss«, schnatterte Tanja, während sie sich flink auszog und die zum Knoten gebundenen blonden Haare löste.
Pelagia betrachtete wohlgefällig die wie gemeißelte Figur des Mädchens. Eine Artemis, Herrin des Waldes, fehlt nur noch der Köcher mit Pfeilen über der Schulter.
Kaum war Tanja hinter der Tür des Waschraums verschwunden, tönte draußen ein leichtes Pochen.
»Tanja, Tanja«, flüsterte eine Männerstimme durch den Türspalt. »Mach auf, Herzblättchen. Ich weiß, dass du da drin bist. Ich hab dich mit dem Bündel gesehen.«
Sollte das Krasnow sein? Pelagia stand verwirrt auf, ihre Kutte raschelte.
»Ich höre dein Kleidchen rascheln. Zieh’s nicht an, bleib, wie du bist. Mach auf, niemand kann es sehen. Gönnst du es mir nicht? Davon fällt dir kein Stein aus der Krone. Ich habe dir zu Ehren ein Gedicht gemacht. Hör zu.
So wie die Wolke voller Nass
als Regen auszufließen trachtet,
so wie der gelbgesicht’ge Mond
der Erde in die Arme schmachtet,
so schaue ich voller Verlangen
der hübschen Tanja ins Gesicht,
bin seit dem siebenten Dezember
auf ihre Küsse stets erpicht.
Siehst du, ich habe mir den Tag gemerkt, an dem wir Schlitten gefahren sind. An dem Tag habe ich dich lieb gewonnen. Lauf nicht mehr vor mir davon, Tanjuscha. Pjotr wird dir keine Gedichte schreiben. Mach auf, ja?«
Der Anbeter horchte ein Weilchen und fuhr dann drohend fort:
»Mach endlich auf, sonst erzähl ich Pjotr Georgijewitsch, wie du neulich mit dem Tscherkessen, ich hab’s gesehen! Dann redet er dich nicht mehr mit Sie an! Auch Marja Afanassjewna erzähl ich’s, dann jagt sie dich Flittchen vom Hof. Mach auf, sag ich!«
Pelagia riss mit einem Ruck die Tür auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
Kirill Krasnow, der Nachbar, in weißer Tolstoi-Bluse und Strohhut, stand mit ausgebreiteten Armen auf der Schwelle, die Lippen gespitzt im Vorgeschmack des Kusses. Die blassblauen Augen klapperten verwirrt.
»Oi, Mütterchen, Sie . . . Warum haben Sie sich nicht gleich zu erkennen gegeben? Wollten Sie mich zum Gespött machen?«
»Das kann manch einem nicht schaden«, antwortete Pelagia streng.
Krasnow blitzte sie an mit einem Blick, in dem keine Spur der sonst üblichen kindlichen Naivität mehr war. Er drehte sich um und verschwand hinter der Ecke des Badehäuschens.
Wahrlich ein Schlangennest, dachte Pelagia.
Nach dem Dampfbad schlenderten sie in gelöster Stimmung durch die abendliche Kühle, das nasse Haar straff mit einem Tuch umwunden. Sie hatten auch Sakussai gewaschen, trotz seines Kläffens und Jaulens. Er war jetzt noch weißer, und die kurzen Fellhaare standen gesträubt wie bei einem Entenkücken.
Vor dem Pferdestall hielt eine staubbedeckte schwarze Kutsche. Ein finsterer schwarzbärtiger Mann in einem schmutzigen Tscherkessenrock, eine runde Filzmütze auf dem Kopf, schirrte die Rappen ab.
Tanja griff nach Pelagias Ellbogen und hauchte mit ersterbender Stimme:
»Er ist gekommen . . . Herr Bubenzow ist da.«
Dabei blickte sie wie verzaubert dem Schwarzbärtigen nach, der eines der Pferde in den Stall führte.
Pelagia musste an die Drohung Krasnows denken und sah ihre Begleiterin genauer an. Deren Gesicht hatte einen entrückten Ausdruck, die Pupillen waren geweitet, die vollen rosa Lippen leicht geöffnet.
Der Tscherkesse blickte nur kurz zu den beiden Frauen. Er grüßte nicht, nickte nicht – er führte das zweite Pferd am Zügel.
Tanja ging langsam zu ihm, machte eine Verbeugung, sagte leise: