Die Saga von Garth und Torian
- Автор: Хольбайн Вольфганг, Winkler Dieter
- Год: 1985
- Язык: немецкий
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saga von Garth und Torian». Краткое содержание книги:
Die Karte lag gleich zuoberst, auf einem Bündel alter Kleider. Torian erkannte sie sofort wieder, als er sie auseinanderrollte, obwohl er damals nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte. Sie war in Farben gezeichnet, wie er sie noch nirgendwo sonst gesehen hatte. Sie schienen sich vor seinen Augen zu verändern, wie sich auch die zunächst scheinbar völlig sinnlose Anordnung von Strichen, Kreisen und bizarren Symbolen ständig zu verformen schien. Er hatte sogar das Gefühl, als würde sich das Papier in seinen Händen bewegen, als wäre es von einem unheimlichen Eigenleben erfüllt.
Erst nach Sekunden merkte er, daß es keine Einbildung war. Die Karte war nicht einmal auf Papier gezeichnet, sondern auf etwas, das vage Ähnlichkeit mit hauchdünn gegerbter Haut hatte.
Und das Ding bewegte sich...
Torian hatte dergleichen noch nie zuvor erlebt. Das Blatt wand sich beinahe unmerklich in seiner Hand hin und her, versuchte, seinen Fingern zu entgleiten, als wollte es verhindern, daß er die Karte genauer betrachtete. Es raschelte und knisterte, doch in Torians Ohren klang es wie ein spöttisches und zugleich drohendes Wispern, das aus weiter Ferne zu kommen schien. Ein eisiger Schauer lief über seinen Rücken. Instinktiv wollte er das Blatt von sich schleudern, doch obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte, hielt er es nicht nur weiterhin fest, sondern ging sogar zum Tisch, breitete es aus und beschwerte die Ecken mit Steinen, so daß sie sich nicht mehr aufrollen konnten. Das Wispern wurde noch eine Spur drohender. Er ignorierte es und konzentrierte sich statt dessen auf die Karte. Es war schwer, unglaublich schwer. Immer noch verschwammen die Farben und Formen vor seinen Augen. Etwas wie Nebel schien über dem Blatt zu hängen und seinen Blick stets aufs neue abzulenken, wenn auch jetzt nicht mehr so stark wie noch vor ein paar Sekunden. Er wußte nicht, wie lange er das Ding anstarrte. Irgendwann gelang es ihm, vertraute Punkte auf der Karte zu entdecken. Sie bezeichnete ein Gebiet Scrooths, das nur wenige Tagesritte entfernt im Westen lag. Es mußte sich um ein Tal handeln. Was er für sinnlose Kritzeleien gehalten hatte, verwandelte sich nun in die Namen ihm bekannter Berge und Landstriche.
Torian schaute verwirrt auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er schwitzte. Seine Augen brannten, und ein dumpfer Schmerz pochte in seinem Kopf. Was auch immer er hier tat, es war nicht richtig. Mehr noch – es war gefährlich, wenn er auch nicht wußte, worin diese Gefahr bestand. Nur eines wußte er mit absoluter Sicherheit: daß dies alles andere als eine normale Karte war. Er rührte an Dinge, die den Menschen besser für immer verschlossen blieben. Eine innere Stimme riet ihm, die Karte schnellstens zusammenzurollen und in die Truhe zurückzulegen, doch statt dessen beugte er sich wieder darüber und konzentrierte sich erneut auf die bizarren Symbole, von denen sein Blick geradezu magisch angezogen wurde. Er konnte sie auch jetzt noch nicht wirklich lesen – aber er konnte sie verstehen, ihren Sinn begreifen.
Der Tempel der verbotenen Träume — Verborgen hinter einem unüberwindlichen Labyrinth des Wahnsinns – Das Tor zur Unsterblichkeit –
Der Schmerz in seinem Kopf wurde stärker. Es war, als ob feurige Finger in seinem Geist umhertasteten, und mit ihnen kam die Angst. Er wollte nicht mehr wissen, welches Geheimnis sich hinter der Karte verbarg, doch die gleiche Kraft, die er geweckt und die ihm bislang geholfen hatte, die sinnverwirrenden Kritzeleien zu verstehen, hielt ihn nun gefangen. Von irgendwoher vernahm er einen schrillen Schrei und in panischer Angst hervorgestoßene Worte, die wie ein glühendes Messer in seine Gedanken schnitten. Plötzlich war die Karte verschwunden. Im gleichen Moment erlosch der fremde Bann.
Torian schrie. Die Welt um ihn herum war hinter einem Vorhang aus Flammen und bizarr verschlungenen Schatten verschwunden. Unvorstellbare Schmerzen wüteten in seinem Körper und seinem Geist; Lava schien statt Blut durch seine Adern zu rinnen. Er stürzte und wälzte sich immer noch schreiend und von Krämpfen. geschüttelt auf dem Boden hin und her. Er wünschte sich nur noch zu sterben; jetzt sofort, um den unerträglichen Qualen zu entfliehen, doch nicht einmal diese Gnade wurde ihm gewährt.
Irgendwann, nach einer zeitlosen, von Schmerz und Wahnsinn und namenlosen Schrecken erfüllten Ewigkeit, verlor er endlich das Bewußtsein. Als Torian wieder zu sich kam, lag er auf einem einfachen Strohlager. Mit einem Ruck fuhr er in die Höhe und schaute sich um. Neben ihm hockte Shyleen und starrte besorgt auf ihn herab. Sie befanden sich in einem etwa fünf auf zwanzig Schritte messenden Raum mit gewölbter Decke und nur rauh bearbeiteten Felswänden. Durch einige schmale, mit massiven Eisenstäben gesicherte Fenster direkt unter der Decke fiel trübes Licht herein.
»Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr aufwachen«, sagte Shyleen. Die Erleichterung in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Wie fühlst du dich?«
»Habe mich schon wohler gefühlt«, stöhnte Torian und massierte seine Schläfen. Sein rechter Arm war verbunden, tat aber nicht allzu weh und ließ sich fast mühelos bewegen. »Wir sind in Moran-Dur, nicht wahr?«
Hilflos zuckte Shyleen mit den Schultern. »Ich weiß nicht einmal, was dieses Moran-Dur überhaupt ist. Das letzte, woran ich mich erinnere, war der Kampf, und dann bin ich vor zwei oder drei Stunden hier aufgewacht.«
»Es ist Moran-Dur«, beantwortete Torian seine Frage selbst und verzog schmerzlich das Gesicht. »Das sicherste und zugleich schlimmste Gefängnis von Scrooth. Hierher kommen nur Mörder und andere, für die man selbst den Henker noch zu schade hält, und die Wächter sind nicht viel besser als die Gefangenen. Wer nach Moran-Dur gebracht wird, ist im Grunde schon tot, und spätestens nach ein paar Tagen wünscht man sich, daß man es wirklich wäre.«
»Aber die anderen Gefangenen. Wo sind sie?« fragte Shyleen und deutete auf die mindestens zwanzig weiteren Schlafstellen in dem Raum.
»Ich habe selbst nur Gerüchte über Moran-Dur gehört«, antwortete Torian ausweichend. Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber er wollte nicht mehr sagen. Shyleen würde alles weitere noch früh genug erfahren. »Was ist mit Garth?« wechselte er das Thema. Der hünenhafte Dieb war nirgendwo zu sehen.
»Er ist tot«, erklang eine Stimme hinter ihnen. Torian fuhr herum. Er hatte nicht einmal gehört, wie die schwere, eisenbeschlagene Tür geöffnet wurde. In Begleitung von vier Soldaten traten zwei Männer ein. Der eine von ihnen war Warlon, den anderen – ein schmächtiger, kleiner Mann mit braunem Haar und stechenden Augen – kannte Torian nicht. »Er starb, als er zu fliehen versuchte«, fuhr Warlon fort. »Leider. Ich hätte ihn gerne ebenfalls hier gesehen.«
»Du lügst!« schrie Torian. Einen Herzschlag lang starrte er seinen Bruder fassungslos an, dann war er mit einem Satz auf den Beinen und sprang auf Warlon zu, doch gleich zwei der Soldaten packten ihn und stießen ihn grob auf sein Lager zurück. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine rechte Körperhälfte, als er auf den verletzten Arm fiel. Er spürte den Schmerz trotzdem kaum, sondern sprang sofort wieder auf. Nur die gezogenen Schwerter der Wächter hinderten ihn daran, Warlon sofort wieder anzugreifen. »Du lügst!« schrie er noch einmal. »Garth ist nicht tot!«
»Glaub meinetwegen, was du willst«, gab Warlon hochmütig zurück. »Ich bin nur gekommen, um es dir persönlich zu sagen. Dieses Vergnügen wollte ich mir nicht entgehen lassen. Das ist übrigens Barul-Konos, Kommandant von Moran-Dur. Ich habe ihm geraten, besonders gründlich auf dich achtzugeben.« Der schmächtige Mann lächelte auf eine Art, die Torian überhaupt nicht gefiel.
»Irgendwann werde ich hier herauskommen«, stieß Torian hervor. »Und dann wirst du für alles bezahlen, selbst wenn ich dich bis zum Ende der Welt jagen müßte. Das schwöre ich dir, und bislang habe ich meine Versprechen noch alle gehalten.«