Die Suche nach dem Auge der Welt
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #1
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:
Ein anderes Stubenmädchen kümmerte sich um die Öllampen an der Wand.
»Gibt es einen anderen Raum, in den ich mich setzen kann?« fragte er sie. Er wollte nicht wieder hinaufgehen und mit Mat in seiner mürrischen Zurückgezogenheit allein sein. »Vielleicht ein privates Speisezimmer, das nicht benutzt wird?«
»Dort ist die Bibliothek.« Sie deutete auf eine Tür. »Dort hinaus und am Ende des Flurs nach rechts. Um diese Zeit dürfte sie leer sein.«
»Dankeschön. Wenn Ihr Meister Gill seht, würdet Ihr ihm dann bitte sagen, daß Rand al'Thor mit ihm sprechen muß, wenn er eine Minute Zeit haben sollte?«
»Ich richte es ihm aus«, sagte sie, und dann grinste sie. »Die Köchin will auch mit ihm reden.«
Der Wirt versteckte sich möglicherweise, dachte er, als er sich abwandte.
Als er in den Raum trat, zu dem sie ihn gewiesen hatte, blieb er zunächst stehen und blickte sich stumm um. Auf den Regalen mußten bestimmt drei- oder vierhundert Bücher stehen, mehr, als er je zuvor an einem Ort gesehen hatte. In Leinen oder in Leder gebunden und mit vergoldeten Buchrücken. Nur ein paar waren in Sperrholz gebunden. Seine Augen verschlangen die Titel. Er suchte nach seinen alten Lieblingsbüchern. Die Reisen des Jain Fernstreicher. Die Essays von William von Maneche. Sein Atem stockte, als er eine in Leder gebundene Ausgabe der Reisen zum Meervolk erblickte. Tam hatte das immer schon lesen wollen.
Er stellte sich Tam vor, wie er lächelnd das Buch in den Händen hielt und es umdrehte. Er wollte es fühlen, bevor er sich mit seiner Pfeife vor dem Kamin niederließ, um zu lesen. Seine Hand verkrampfte sich um den Schwertgriff, als er den Verlust und die innere Leere empfand, die seine Freude an all den Büchern dämpfte.
Hinter ihm räusperte sich jemand, und er bemerkte plötzlich, daß er nicht allein war. Er wollte sich für seine Unhöflichkeit entschuldigen und drehte sich um. Er war daran gewöhnt, größer zu sein als beinahe jeder, den er traf, aber diesmal mußte er den Blick heben und heben und heben, und der Mund blieb ihm offen stehen. Dann sah er den Kopf, der beinahe die zehn Fuß hohe Decke erreichte. Die Nase war so breit wie das ganze Gesicht. Bei der Breite konnte man sie schon eher als Rüssel bezeichnen denn als Nase. Die Augenbrauen hingen wie Schwänze herunter und rahmten blasse Augen von Teetassengröße ein. Die Ohren schoben sich mit ihren behaarten Spitzen durch eine zerzauste schwarze Mähne. Trolloc! Er stieß einen Schrei aus, versuchte zurückzutreten und gleichzeitig sein Schwert zu ziehen. Doch er blieb mit den Füßen hängen und setzte sich unversehens auf den Hosenboden.
»Ich wünschte, ihr Menschen würdet sowas nicht machen«, grollte eine Stimme, so tief wie eine Baßtrommel. Die Ohren mit den Haarbüscheln an den Spitzen zuckten heftig, und die Stimme wurde traurig. »So wenige von euch erinnern sich an uns. Ich schätze, es liegt wohl an uns. Nicht viele von uns sind in die Welt der Menschen hinausgegangen, seit der Schatten auf die Wege fiel. Das ist nun... oh, sechs Generationen her. Gleich nach den Trolloc-Kriegen geschah es.« Der zerzauste Kopf wurde geschüttelt, und dann erklang ein Seufzen, das auch einem ausgewachsenen Bullen Ehre eingelegt hätte. »Zu lang her, zu lang, und nur so wenige reisen umher und sehen — es könnten genausogut gar keine sein.«
Rand saß eine volle Minute mit offenem Mund da und starrte hinauf zu der Gestalt in breiten, kniehohen Stiefeln und dunkelblauem Mantel, der vom Hals bis zur Taille zugeknöpft war und sich dann bis zu den Stiefelschäften weit ausbreitete wie ein Kilt über Pumphosen. In einer Hand hielt sie ein Buch, das im Vergleich winzig wirkte, da schon einer dieser Finger so breit war wie drei normale.
»Ich dachte, du bist...«, begann er und fing sich dann rechtzeitig. »Wer bist...?« Das klang auch nicht besser. Er stand auf und bot ihm vorsichtig die Hand. »Ich heiße Rand al'Thor.«
Eine Hand — groß wie ein mächtiger Schinken -umschloß die seine, begleitet von einer höflichen Verbeugung. »Loial, Sohn des Arent, Sohn des Halan. Dein Name singt in meinen Ohren, Rand al'Thor.«
Das klang für Rand nach einer rituellen Begrüßungsformel. Er erwiderte die Verbeugung. »Euer Name singt in meinen Ohren, Loial, Sohn des Arent... äh... Sohn des Halan.«
Alles klang ein wenig unwirklich. Er wußte immer noch nicht, was Loial eigentlich war. Der Griff der riesigen Hand Loials war überraschend sanft, aber er war trotzdem erleichtert, seine Hand unversehrt zurückzubekommen.
»Ihr Menschen regt euch immer so schnell auf«, sagte Loial in seinem Baßgrollen. »Ich hatte wohl all die Geschichten gehört und natürlich die entsprechenden Bücher gelesen, aber das war mir einfach nicht bewußt. An meinem ersten Tag in Caemlyn konnte ich all den Aufruhr kaum glauben. Kinder weinten, und Frauen kreischten, und ein Mob jagte mich quer durch die ganze Stadt. Die schwenkten doch tatsächlich Knüppel und Messer und Fackeln und schrien: ›Trolloc!‹ Ich fürchte, ich regte mich wirklich ein wenig auf. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn nicht eine Einheit der Königlichen Garde mitgekommen wäre.«
»Ein Glücksfall«, sagte Rand mit schwacher Stimme.
»Ja, schon, aber selbst die Gardesoldaten schienen sich vor mir genauso zu fürchten wie die anderen. Vier Tage lang bin ich nun in Caemlyn, und ich habe meine Nase nicht aus dieser Schenke hinausstrecken können. Der gute Meister Gill hat mich sogar gebeten, nicht in den Schankraum zu gehen.« Seine Ohren zuckten. »Nicht, daß er nicht gastfreundlich gewesen sei — versteht mich da nicht falsch. Aber am ersten Abend gab es nun mal ein paar Probleme. Alle Menschen schienen zur gleichen Zeit die Schenke verlassen zu wollen. Ein solches Gekreische und Schreien, und alle versuchten, sich gleichzeitig durch die Tür zu zwängen. Ein paar hätten sich verletzen können!«
Rand blickte fasziniert diese zuckenden Ohren an.
»Ich kann dir sagen, daß ich mein Stedding nicht gerade zu diesem Zweck verlassen habe.«
»Du bist ein Ogier!« rief Rand. »Warte. Sechs Generationen? Du sprachst von den Trolloc-Kriegen! Wie alt bist du?« Er wußte, sobald er das ausgesprochen hatte, daß es unhöflich war, aber anstatt beleidigt zu sein, ging Loial in Verteidigungsstellung.
»Neunzig Jahre«, sagte der Ogier förmlich. »In nur zehn weiteren Jahren werde ich in der Lage sein, den Stumpf direkt anzusprechen. Ich glaube, die Ältesten hätten mich anhören sollen, da sie ja entschieden, ob ich abreisen durfte oder nicht. Aber letzten Endes machen sie sich ja über jeden Sorgen, der nach draußen geht, gleich, welchen Alters er ist. Ihr Menschen seid so hektisch, so sprunghaft.« Er blinzelte und verbeugte sich dann kurz. »Bitte vergib mir. Ich hätte das nicht sagen sollen. Aber ihr streitet euch eben die ganze Zeit, selbst wenn es keinen Grund dafür gibt.«
»Das ist schon in Ordnung«, sagte Rand. Er bemühte sich immer noch, Loials Alter zu begreifen. Älter als der alte Cenn Buie, und doch nicht alt genug, um... Er setzte sich auf einen der Stühle mit hoher Lehne. Loial nahm einen weiteren ein — groß genug für zwei, doch er füllte ihn. Im Sitzen war er so groß wie die meisten Männer im Stehen. »Zumindest ließen sie euch gehen.«
Loial blickte zu Boden, rümpfte die Nase und rieb sie mit einem dicken Finger. »Na ja, was das betrifft, also... Siehst du, der Stumpf hatte sich nicht lange zuvor erst getroffen, es lag nicht einmal ein Jahr zurück, aber ich wußte vom Hörensagen, daß ich alt genug sein würde, um auch ohne ihre Erlaubnis zu gehen, wenn ich auf ihre Entscheidung wartete. Ich fürchte, sie werden sagen, ich steckte meine Axt auf einen langen Schaft, aber ich... ging einfach. Die Ältesten haben schon immer behauptet, ich sei zu hitzköpfig, und ich fürchte, ich habe bewiesen, daß sie recht hatten. Ich frage mich nur, ob sie schon begriffen haben, daß ich weg bin? Aber ich mußte einfach gehen.«
Rand biß sich auf die Lippe, um nicht loszulachen. Wenn Loial schon ein hitzköpfiger Ogier war, dann konnte er sich vorstellen, wie sich die meisten Ogier verhielten. Hatten sich erst vor kurzem getroffen, noch nicht einmal vor einem Jahr? Meister al'Vere hätte wohl staunend den Kopf geschüttelt. Wenn eine Sitzung des Gemeinderats einen halben Tag lang dauerte, dann würde jeder schon nervös hin und her rutschen, selbst Haral Luhhan. Eine Welle von Heimweh überkam ihn. Der Gedanke an Tam, an Egwene und die Weinquellenschenke und an Bel Tine in glücklicheren Zeiten raubte ihm den Atem. Er verdrängte die Gedanken aus seinem Kopf.