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Die Suche nach dem Auge der Welt

Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:

In dem abgeschiedenen Dorf Emondsfelde erzählt man sich noch immer die alten Geschichten um den Dunklen König und die Magierinnen der Aes Sedai, die das Rad der Zeit drehen. Niemand ahnt, auch der junge Bauernsohn Rand al'Thor nicht, wieviel Wahrheit in diesen Legenden steckt. Dann jedoch berfallen blutrnstige Trollocs, die Häscher des Dunklen Königs, das Dorf und brennen den Bauernhof von Rands Familie nieder. Die Magierin Moiraine verhilft dem Jungen in letzter Minute zur Flucht. Eine phantastische Reise beginnt, während der Rand in sein Schicksal hineinwachsen wird, der Wiedergeborene Drache und der Retter der Welt zu sein ... Dieser Band vereint — wie in der Originalausgabe — den kompletten Auftakt zu Robert Jordans Meisterwerk Das Rad der Zeit.
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»Wenigstens... « Mat gähnte mit knackendem Kiefer. »Wenigstens hast du ein bißchen geschlafen.« In seinen verquollenen Augen konnte Rand wenig Sympathie entdecken. Er hatte sich unter seinen Umhang gekuschelt und die Deckenrolle zusammengelegt unter den Kopf geschoben. »Er hat die ganze verdammte Nacht lang geredet.«

»Warst du den ganzen Weg lang wach?« fragte Bunt vom Fahrersitz aus. »Bin erschrocken, als du so geschrien hast. Na ja, wir sind da.« Er schwang eine Hand in einer umfassenden Geste. »Caemlyn, die großartigste Stadt der Welt.«

35

Caemlyn

Rand wand sich hoch und kniete hinter dem Fahrersitz. Er konnte sich nicht helfen: Er lachte vor Erleichterung. »Wir haben es geschafft, Mat! Ich habe dir doch gesagt, wir...«

Die Worte erstarben ihm im Mund, als sein Blick auf Caemlyn fiel. Nach Baerlon und noch mehr nach den Ruinen von Shadar Logoth hatte er zu wissen geglaubt, wie eine große Stadt aussah, aber das... das war mehr, als er sich je vorgestellt hatte.

Außerhalb der großen Mauer ballten sich die Gebäude, als habe man jede Stadt, durch die sie gekommen waren, aufgesammelt und hier nebeneinander aufgestellt und sie dazu noch eng zusammengedrückt. Die oberen Stockwerke von Schenken ragten über den Ziegeldächern von Wohnhäusern auf, und alle wurden eingezwängt von niedrigen, breiten, fensterlosen Lagerhäusern. Rote Backsteine und grauer Schiefer und weiße Gipswände, alles bunt durcheinander, und das zog sich hin, soweit das Auge sehen konnte. Baerlon hätte darin verschwinden können, ohne überhaupt bemerkt zu werden, und es hätte Weißbrücke wohl zwanzigmal schlucken können und keine Schluckbeschwerden bekommen.

Und dann die Mauer selbst. Blaßgrauer Stein, mit Silber und Weiß durchsetzt, fünfzig Fuß hoch und ganz senkrecht, erstreckte sich in einem großen Kreisbogen nach Norden und Süden. Er fragte sich, wie lang diese Mauer wohl sei. In geringen Abständen erhoben sich Türme darüber. Sie waren rund und ragten weit über die Höhe der Mauer selbst hinaus. Auf jedem flatterten rotweiße Banner im Wind. Innerhalb der Mauer konnte man ebenfalls Türme aufragen sehen, schmale Türme, die noch höher waren als die auf der Mauer. Kuppeln schimmerten weiß und golden im Sonnenschein. Tausend Geschichten hatten in seiner Vorstellung Städte entstehen lassen, die großen Städte der Könige und Königinnen, der Throne und Mächte und Legenden, und Caemlyn paßte zu diesen tief in seinem Geist verankerten Bildern wie Wasser in einen Krug.

Der Karren rumpelte die breite Straße zur Stadt entlang. Dort erwartete sie ein großes, von Türmen eingerahmtes Tor. Der Wagenzug eines Kaufmanns rollte gerade aus diesem Tor heraus. Er kam aus einem gemauerten Torbogen, der auch einem Riesen oder vielleicht sogar zehn Riesen nebeneinander Platz geboten hätte. Auf beiden Seiten der Straße erstreckten sich offene Märkte. Dachplatten glänzten rot und purpurn, und zwischen den Häusern standen Marktbuden und Gehege für die feilgebotenen Tiere. Kälber muhten schüchtern, Rinder brüllten, Gänse kreischten, Hühner gackerten, Ziegen meckerten, Schafe blökten, und die Menschen feilschten in voller Lautstärke. Durch Lärmwände eingeengt, fuhren sie zum Stadttor von Caemlyn. »Was habe ich euch gesagt?« Bunt mußte beinahe schreien, damit sie ihn überhaupt verstehen konnten. »Die großartigste Stadt der Welt. Von Ogiern erbaut, wißt ihr? Zumindest die Innenstadt und der Palast. So alt ist Caemlyn schon, jawohl. Caemlyn, wo die gute Königin Morgase, das Licht leuchte ihr, die Gesetze erläßt und den Frieden in Andor erhält. Die tollste Stadt der Erde.«

Rand war bereit, ihm zuzustimmen. Sein Mund stand offen, und er wollte die Hände auf die Ohren legen, um den Lärm zu dämpfen. Es liefen so viele Leute auf der Straße herum, wie man in Emondsfeld zur Zeit des Bel Tine auf dem Grün sehen konnte. Er erinnerte sich daran, wie er gedacht hatte, in Baerlon hielten sich unglaublich viele Menschen auf, und bei dem Gedanken mußte er beinahe lachen. Er sah Mat an und grinste. Mat hatte die Hände tatsächlich auf den Ohren und die Schultern so weit hochgezogen, als wolle er die auch noch über die Ohren stülpen.

»Wie können wir uns dort verstecken?« wollte er überlaut wissen, als er bemerkte, daß Rand ihn ansah. »Woher wissen wir, wem wir unter so vielen trauen können? So verdammt viele! Licht, was für ein Lärm!«

Rand sah Bunt an, bevor er antwortete. Der Bauer war ganz in den Anblick der Stadt versunken, und bei dem Lärm hatte er Mats Worte vielleicht gar nicht gehört. Trotzdem brachte Rand seinen Mund ganz nah an Mats Ohr. »Wie können sie uns unter so vielen Menschen finden? Merkst du nichts, du wollköpfiger Idiot? Wir sind in Sicherheit, falls du jemals lernst, deinen vorlauten Mund zu halten!« Er wies mit der Hand auf alles — die Märkte, die Stadtmauer vor ihnen. »Sieh dir das an, Mat. Hier kann alles passieren. Alles! Vielleicht warten sogar Moiraine und Egwene und die anderen dort auf uns.«

»Falls sie noch leben. Wenn du mich fragst, dann sind sie genauso tot wie der Gaukler.«

Das Grinsen verschwand von Rands Gesicht, und er wandte sich dem immer näher kommenden Tor zu. Alles konnte in einer Stadt wie Caemlyn geschehen. Er klammerte sich stur an diesen Gedanken.

Das Pferd konnte nicht schneller traben, so sehr auch Bunt die Zügel auf seinen Hals klatschen ließ. Je näher sie dem Tor kamen, desto dichter wurde die Menschenmenge. Schulter an Schulter schoben sie sich dahin, drängten sich an die Karren und Wagen, die hineinfahren wollten. Rand war froh, als er bemerkte, daß recht viele davon staubbedeckte junge Männer zu Fuß waren, die kaum Gepäck dabei hatten. Wie alt sie auch immer sein mochten, so sahen doch viele in der Menge, die sich auf das Tor zuschob, nach einer anstrengenden Reise aus. Die Karren waren klapprig, die Pferde müde, die Kleider zerknittert von vielen Nächten im Freien, die Schritte schleppend und die Augen matt. Doch ob erschöpft oder nicht, aller Blicke waren auf das Tor gerichtet, als könnten sie drinnen alle Erschöpfung abstreifen.

Ein halbes Dutzend Gardesoldaten standen am Tor. Ihre sauberen rotweißen Waffenröcke und der polierte Glanz ihrer Brustpanzer bildeten einen scharfen Kontrast zur Kleidung der meisten Leute, die unter dem Steinbogen durchströmten. Steif aufgerichtet, die Köpfe stolz erhoben, so betrachteten sie die Ankömmlinge mit verächtlichem Mißtrauen. Es war klar, daß sie am liebsten die meisten dieser Menschen abgewiesen hätten. Aber abgesehen davon, daß sie dem stadtauswärts fließenden Verkehr eine Fahrbahn freihielten und mit denen schimpften, die zu sehr drängelten, behinderten sie niemanden.

»Haltet eure Plätze ein. Nicht drängen. Nicht drängen, Licht noch mal! Es ist genug Platz da für alle, das Licht helfe uns! Haltet eure Plätze ein.«

Bunts Karren rollte mit der langsamen Flut der Menge nach Caemlyn hinein.

Die Stadt erhob sich auf niedrigen Hügeln und stieg stufenartig zur Mitte hin an. Dieses Stadtzentrum wurde von einer weiteren Mauer umschlossen, die blendend weiß leuchtete und sich über die Hügel zog. Innerhalb dieser Mauer befanden sich sogar noch mehr Türme und Kuppeln; weiß und golden und purpurn. Von ihrer erhöhten Position auf den Hügeln aus blickten sie auf den Rest von Caemlyn herab. Rand nahm an, das sei die Innenstadt, von der Bunt gesprochen hatte.

Die Straße nach Caemlyn änderte ihren Charakter, sobald sie innerhalb der Stadt verlief. Sie wurde zu einer breiten Prachtstraße, die in der Mitte durch einen mit Gras und Bäumen bepflanzten Grünstreifen unterbrochen war. Das Gras war braun und die Bäume kahl, aber die Menschen hasteten vorbei, als sähen sie nichts Ungewöhnliches. Sie lachten, unterhielten sich, stritten sich, verhielten sich also ganz normal. Gerade so, als hätten sie keine Ahnung, daß es dieses Jahr keinen Frühling gegeben hatte und vielleicht auch keiner mehr käme. Sie erkannten das nicht, das wurde Rand schnell klar. Sie konnten oder wollten es nicht erkennen. Ihre Blicke wandten sich ab von den kahlen Ästen, und sie gingen über das abgestorbene und absterbende Gras hinweg, ohne auch nur einmal hinabzublicken. Was sie nicht sahen, das konnten sie ignorieren; was sie nicht sahen, gab es eben in Wirklichkeit nicht.

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