Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Woher willst du wissen, wo diese Waffenkammern sind?«
Schatten erfassten Scapas Gesicht. »Die Waffen werden, wie Torrons Schätze, im Zentrum des Fuchsbaus versteckt sein, wo es weder Fenster, noch zerbröckelte Mauern gibt. Wir müssen auf unser Glück vertrauen. Aber das hätten wir so oder so tun müssen.«
Eine Weile blieb es still. Jeder schien darüber nachzudenken – eine Entscheidung würde für manche Leben oder Tod bedeuten. Scapa sprang vom Tisch und trat in die Mitte des Zimmers. Langsam drehte er sich im Kreis und sah jeden Jungen und jedes Mädchen einzeln an.
»Ich weiß, dass manche von euch verletzt werden. Einige werden sogar sterben. Es ist ein großes Risiko. Für uns alle. Wir riskieren unser Leben. Aber der Gewinn – der Gewinn ist die Freiheit! Der Gewinn ist Macht! Der Gewinn ist der Fuchsbau, Torrons Schätze, ein Leben ohne Hunger und Elend!« Ein verzweifeltes Lächeln glitt über seine Züge. »Was ist schon ein Leben, in dem man bloß versucht, so lange wie möglich dem Tod auszuweichen? Wozu kämpfen, frage ich euch, wozu klauen und hungern und den ganzen elenden Mist, wenn die Welt uns keinen einzigen Augenblick Frieden schenkt? Ich sage, wir erbeuten uns den Frieden! Wir nehmen uns, was uns zusteht! Niemand kann uns davon abhalten, um unser Glück zu kämpfen. Das Schicksal hat uns arm geboren. Die Götter – ich sage, die Götter wissen nicht mal, dass es uns gibt! Und ich spucke auf sie! Ich brauche sie nicht, wenn ich eine Faust zum Zuschlagen habe und ein Herz voller Mut! Ich brauch sie nicht! Ich entscheide, wer ich bin und was mir gehört. Und wenn wir jetzt nicht unser Schicksal in die Hand nehmen, dann bleiben wir das, was wir unser ganzes Leben lang waren: Torrons Sklaven! Seine – seine Hunde! Kämpft! Kämpft mit Mut und Kraft! Es geht um unser Leben!«
Von überall kamen Jubelrufe.
»Ich werde mitkommen!« Fesco sprang auf. Ihm folgten andere. »Ich auch!«
»Ich bin dabei!«
Cev erhob sich. »Mir gefällt nicht, wie du über die Götter redest!«
Stille senkte sich über die Menge. Gespannt beobachtete man Cev und Scapa.
»Ich glaube an die Götter«, sagte Cev eisig. »Man darf sich nicht gegen sie stellen. Aber ... ich glaube auch, dass du Recht hast. Die Götter wissen nichts von uns. Straßenkinder sind ihnen egal.« Cev blickte in die Runde. »Ich werde mitkämpfen.«
Erleichterte Rufe wurden laut. Nun standen alle auf, reckten die Fäuste und stimmten in den Jubel ein.
Scapa drehte sich zu Arane um. Sie lächelte.
Der Fuchsbau
Innerhalb der nächsten fünf Tage hatten Scapa, Arane und ihre Verbündeten mehrere dutzend Anhänger aufgelesen. In Gruppen zogen sie durch die Straßen, blieben vor jedem Jungen und Mädchen stehen und fragten sie: »Verlangt Torron Schutzgeld von dir?«
Und weil jeder bejahte, erklärten sie: »Dann kannst du jetzt um deine Freiheit kämpfen. Wir zahlen dir alles zurück, was du Torron je geben musstest. Wenn du nur Mut dazu hast.«
Auf diese Art sammelten sich mehr als siebzig Straßenkinder hinter Scapa und Arane. In allen Winkeln Kesselstadts tuschelte man über den Bandenkrieg, der sich wie ein Gewitter zusammenbraute. Es gab Gerüchte über Verräter, die zu Torron überliefen, und Drohungen, dass Torrons Männer jedes Kind töten würden, das ihnen über den Weg lief. Aber all das konnte nicht aufhalten, was Scapa und Arane begonnen hatten. Sie bereiteten sich vor, eisern und entschlossen, so wie unzählige andere Jungen und Mädchen.
An dem Tag, der der letzte vor dem Kampf sein sollte, hing der Himmel düster und schwer über Kesselstadt. Die sommerliche Hitze lastete auf den tiefsten Vierteln, kein Windzug rührte sich, und die Feuchtigkeit eines nahenden Gewitters mischte sich in die Gerüche der Stadt. In der Nacht begann es erst leicht zu nieseln, dann goss es in Strömen. Weite Pfützen bildeten sich, zogen in blutroten Bächen durch die Gassen und überfluteten manche Gegenden. Die Laternenanzünder gingen auf Stelzenschuhen von Straßenlampe zu Straßenlampe. In manchen Vierteln stand das Wasser auch so hoch, dass sie die Laternen ganz ausließen.
Scapa, der in dieser Nacht nicht schlief, beobachtete vom dunkelroten Vorhang aus, wie die graubraune Brühe von der Straße über den Rand des Zimmers schwappte und den Fußboden überschwemmte. Als das Wasser seine Schuhe einholte, trat er nicht davor zurück.
»Wieso Elfen?«, flüsterte eine Stimme hinter ihm.
Ohne gleich zu antworten, löste er seine drei Haarzöpfe. Straff band er sich die vorderen Strähnen zurück, dann kniete er nieder und schöpfte mit der Hand Wasser vom Boden. Er schrubbte sich den Schmutz von Wangen und Stirn und wischte sich das Gesicht am Ärmel trocken. »Jede Hand zählt«, antwortete er schließlich.
Arane, die bis jetzt mit angewinkelten Beinen auf ihrem Stuhl gesessen hatte, erhob sich. Ihre Füße traten platschend ins Wasser, das sich immer weiter in den Raum vortastete. »Elfen!«, zischte sie und kam auf Scapa zu. Sie fasste ihn eindringlich am Ärmel.
»Du hast erlaubt, dass elfische Jungen mit uns kämpfen! Wenn sie uns nicht gleich verraten, dann werden sie am Ende noch mit uns gemeinsam den Fuchsbau bewohnen!«
Arane schien fassungslos, aber Scapa sah sie nicht einmal an. Sein Blick war hinaus in die Dunkelheit gerichtet. Nur der Regen glomm manchmal im Mondschein auf, wie in silbrigen Fäden zog er sich durch die Nacht. Es sah so schön aus, dass Scapa ganz schwer zumute wurde.
»Am Ende werden die Elfen die Macht über den Fuchsbau an sich reißen, und dann gehört Kesselstadt endgültig den Schlammfressern!«
Scapa drehte sich um. »Traust du uns beiden so wenig zu, den Fuchsbau behalten zu können?«
Dass Scapa nicht so hitzig wie sie, sondern sehr leise und ruhig geantwortet hatte, schien sie nur noch wütender zu machen. Ihre Nasenflügel bebten. »Aber es ist nicht die Angelegenheit der Elfen! Es ist unser Krieg.«
»Und du willst ihn doch gewinnen, oder?« Scapa sah sie von oben bis unten an. »Dafür können uns ruhig ein paar Leute mehr helfen. Elfen, Menschen – ist doch egal, wer oder was sie sind, Hauptsache wir haben am Ende, was wir wollen.«
Arane atmete langsam aus. Der Zorn wich aus ihrem Gesicht und ein unzufriedenes Zucken ging ihr um den Mund. Scapa beobachtete den Wechsel ihrer Gefühle geduldig. Manchmal kam es ihm fast vor, als könne sie ihre Empfindungen lenken, wie es ihr gerade passte. Als diene alles, was sie von sich zeigte, irgendeiner Strategie.
Plötzlich spürte er, wie ihm ein Kloß in den Hals stieg, und er musste schwer schlucken.
»Was wirst du eigentlich tun?«, fragte er leise.
Seine Stimme war mit einem Mal dünn.
Arane erwiderte seinen Blick. »Was willst du?«, flüsterte sie.
»Ich will nicht, dass du kämpfst.« Scapa räusperte sich und fügte hinzu: »Es wird ganz schön gefährlich.«
»Ich weiß«, sagte Arane, ohne zu blinzeln. »Ich glaube, ich sollte doch mitkämpfen. Du sagst es ja selbst: Jede Hand zählt.«
Wieso warf Arane ihm seine eigenen Worte vor?
Dankte sie ihm so seine Besorgnis? Manchmal hasste er es, wie sie ihre Worte benutzen konnte! »Du hast aber noch nie ein Schwert in den Händen gehalten«, gab Scapa trocken zu bedenken.
»Du auch nicht.«
»Aber ich kann mit einem Dolch umgehen. Das ist gar nicht so anders als mit einem Schwert oder einer Lanze oder ... einem Knüppel.« Er starrte auf seine Füße. Plötzlich überkam ihn die Angst, stärker denn je. Was, wenn er, wenn Arane tatsächlich umkam in dieser Nacht? Für einen Moment wünschte er sich, sie hätten sich nie gegen Torron erhoben. Er wünschte sich, Arane hätte nie ausgesprochen, was jeder in Kesselstadt wusste: dass Torron sie ausbeutete. Und, dass man sich ihm stellen sollte.