Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Moewig-Verlag
- Переводчик: Birgit Reß-Bohusch
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Flucht aus der Zukunft [=Zeitspringer / The Time-Hoppers - de]». Краткое содержание книги:
Pomrath war an der Spitze der Schlange angelangt.
Er stand vor einer blanken Aluminiumscheibe, einem Quadrat von etwa einem halben Meter, in dessen Zentrum sich ein rundes Suchschild befand. Das Schild leuchtete grün auf, und Pomrath legte wie immer die Hand darüber. Es war eine Art Zeremonie geworden.
Es war nicht nötig, mit der Maschine zu sprechen. Sie wußte, weshalb Pomrath gekommen war, wer er war und was ihn erwartete. Dennoch fragte Pomrath mit seiner tiefen, heiseren Stimme: »Wie steht es mit einem kleinen Job für mich?« Er drückte auf den Antwortknopf.
Und er bekam die Antwort schnell.
Etwas in der Wand hinter der blanken Aluminiumscheibe begann zu surren und zu klappern. Vielleicht nur, um uns zu beeindrucken, dachte Pomrath. Um uns Proleten einzureden, daß die Maschine wirklich etwas für uns tut. Ein Schlitz öffnete sich in der Scheibe, und eine Mini-Notiz wurde herausgeschoben. Pomrath riß sie ab und studierte sie ohne großes Interesse.
Sie trug seinen Namen, seine Klasse und das übrige Identifizierungszeug, das ihn auf seiner Reise durch das Leben begleitete. Darunter stand in sauberer Blockschrift die Entscheidung:
BESCHÄFTIGUNGSPROGNOSE IMMER NOCH UNGÜNSTIG. WIR GEBEN IHNEN BESCHEID, WENN SICH MÖGLICHKEITEN FÜR EINE ANSTELLUNG ERGEBEN. WIR BITTEN DRINGEND UM GEDULD UND VERSTÄNDNIS. AUGENBLICKLICHER DRUCK ZWINGT DIE HOHE REGIERUNG, NUR EINEN TEIL DER ZUR VERFÜGUNG STEHENDEN ARBEITSKRÄFTE EINZUSETZEN.
»Schade«, murmelte Pomrath. »Mein herzliches Beileid an die Hohe Regierung.«
Er steckte den Zettel in den Abfallschlitz und wandte sich ab. Er bahnte sich einen Weg durch die reglos wartende Menge, die wie er die schlechten Nachrichten persönlich erfahren wollte. Das war also sein Besuch bei der Job-Maschine gewesen.
»Wie spät ist es?« fragte er.
»Halb fünf«, erwiderte die Uhr.
»Ich denke, ich gehe noch auf einen Sprung in eine nette Traumbar. Keine schlechte Idee, was?«
Die Uhr in seinem Ohr war nicht auf Antworten dieser Art programmiert. Für das doppelte Geld konnte man eine bekommen, die sich wirklich mit einem unterhielt, die über andere Dinge als die Zeit sprach. Pomrath fand, daß er sich so einen Luxus jetzt nicht leisten konnte. Außerdem war er nicht so auf Geselligkeit aus, daß er sich nach einer Unterhaltung sehnte. Aber er wußte, daß es Menschen gab, die darin Trost suchten.
Er trat in das blasse Sonnenlicht des Frühlingsnachmittags hinaus.
Die Traumbar, die er zumeist aufsuchte, befand sich vier Häuserblocks weiter. Es gab eine Menge Traumbars im näheren Umkreis der Job-Maschine, aber Pomrath ging nur in die eine. Weshalb auch nicht? Man bekam in jeder die gleichen Gifte, und so wählte man eben eine, in der man am besten bedient wurde. Selbst ein Arbeitsloser der Klasse Vierzehn schätzt es, wenn man ihn als Kunden betrachtet — wenn auch nur in einer Traumbar.
Pomrath ging schnell. Die Straßen waren überfüllt. In letzter Zeit kam das Fußgängertum wieder in Mode. Der kleine, untersetzte Pomrath hatte wenig Geduld mit Hindernissen, die sich ihm in den Weg stellten. In einer Viertelstunde hatte er die Traumbar erreicht. Sie befand sich im vierzigsten Untergeschoß eines Tankbaubetriebs. Alle Bars, in denen mit Illusionen gehandelt wurde, mußten sich unter der Erde verstecken. Man wollte nicht, daß Kinder, die ja leicht zu beeinflussen sind, frühzeitig auf die schiefe Bahn gerieten. Pomrath betrat das Gebäude und nahm den Expreß nach unten. Es gab hier achtzig Stockwerke, und die untersten standen in Verbindung mit anderen Gebäuden. Aber so tief unten war Pomrath noch nie gewesen. Er überließ die unterirdischen Abenteuer den Mitgliedern der Hohen Regierung.
Vor der Traumbar brannten grelle Argonlampen. Die meisten dieser Etablissements hatten sich auf Automation umgestellt, aber hier wurde man noch persönlich bedient. Und das war es, was Pomrath schätzte. Er konnte hineingehen, und da stand der gute, alte Jerry, der ihn aus blutunterlaufenen Augen ansah. Es waren menschliche Augen.
»Norm. Schön, daß du kommst.«
»Ich weiß nicht. Was macht das Geschäft?«
»Lausig. Willst du eine Maske?«
»Mit Vergnügen«, sagte Pomrath. »Und die Frau? Endlich schwanger?«
Der dicke Mann hinter der Theke grinste. »Ich müßte ja glatt verrückt sein. In Klasse Vierzehn kann man keinen Stall voller Kinder brauchen. Ich habe mich zur Kinderlosigkeit verpflichtet, Norm. Hast du das vergessen?«
»Wahrscheinlich«, meinte Pomrath. »Ist ja auch egal. Manchmal wünsche ich, ich hätte es auch getan. Gib mir die Maske.«
»Was atmest du ein?«
»Butylmerkaptan«, sagte er beiläufig.
»Mach keine Witze. Du weißt genau …«
»Dann eben Nitrosäure. Mit einem Schuß Laktose-Dehydrogenase 5. Zur Anregung.«
Pomrath erntete ein Lachen, aber es war das mechanische Lachen eines Barkeepers, der einen verbitterten Kunden besänftigen möchte. »Hier, Norm. Hör auf, mich zu ärgern, und nimm das da. Auf einen schönen Traum! Du hast Lager Neun. Und ich bekomme anderthalb.«
Pomrath nahm die Maske und legte ein paar Münzen hin. Dann zog er sich auf die Liege zurück. Er streifte die Schuhe ab und streckte sich aus. Dann drückte er die Maske ans Gesicht und atmete tief ein. Ein harmloses Vergnügen, ein mildes Halluzinationsgas, eine schnelle Illusion, um den Alltag zu färben. Während Pomrath umnebelt wurde, spürte er, wie Elektroden gegen seine Stirn gepreßt wurden. Die offizielle Erklärung war, daß man sie zur Kontrolle seines Alpha-Rhythmus brauchte. Wenn die Illusion zu heftig wurde, konnte man ihn wecken, bevor er sich etwas antat. Pomrath hatte schon Gerüchte gehört, daß die Elektroden anderen, schlimmeren Zwecken dienten. Sie sollten die Halluzinationen aufzeichnen und den Klasse-Zwei-Millionären vorspielen, die hin und wieder ein Vergnügen daran fanden, in der Haut eines kleinen Proleten zu stecken. Pomrath hatte Jerry deswegen zur Rede gestellt, aber Jerry hatte es verneint. Nun ja, so wichtig war es nicht. Wenn man gern mit Halluzinationen aus zweiter Hand handelte, bitte. Pomrath war es egal, solange er sein eigenes Vergnügen hatte.
Er ließ sich von den Träumen einfangen.
Plötzlich war er in Klasse Zwei, als Besitzer einer Villa auf einer künstlichen Insel im Mittelmeer. Er hatte nichts als einen Streifen grünen Tuchs um die Hüfte geschlungen und lag wohlig auf einem aufgeblasenen Stuhl am Rand des Meeres. Ein Mädchen schaukelte vor ihm im kristallklaren Wasser, und auf ihrer feuchten, sonnengebräunten Haut schimmerte die Sonne. Sie lächelte ihn an, und er winkte ihr zu. Sie sah hübsch aus im Wasser, dachte er.
Er war Vizekönig für die Aufrechterhaltung der Beziehungen zu Moslem-Ost, ein herrliches Klasse-Zwei-Pöstchen, das hin und wieder einen Besuch in Mekka und ein paar Winterkonferenzen in Kairo erforderte. Er hatte ein schönes Haus in der Nähe von Fargo in Nord-Dakota, ein geschmackvolles Apartment in der New Yorker Zone von Appalachia und natürlich seine Insel im Mittelmeer. Er rechnete fest damit, daß er bei der nächsten Umbildung der Hohen Regierung in Klasse Eins gelangte. Danton beriet sich oft mit ihm, und Kloofman hatte ihn schon ein paarmal zum Abendessen in das hundertste Kellergeschoß eingeladen. Sie hatten sich über Weinsorten unterhalten. Kloofman war ein Feinschmecker. Er und Pomrath hatten einen Abend lang einige Flaschen Chambertin genossen, den die Maschinen noch im Jahre 74 hergestellt hatten. Ein gutes Jahr, 74. Besonders für die schweren Burgunder.
Helaine kletterte aus dem Wasser und stand schlank und nackt vor ihm, nur in warmes Sonnenlicht eingehüllt.
»Liebling, warum schwimmst du heute nicht?« fragte sie.