Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
Der Tod der Tante rief Oljgas bittere, aufrichtige Tränen hervor und warf ein halbes Jahr lang einen Schatten auf ihr Leben. Die größten Befürchtungen und ewige Sorge wurden durch die Krankheiten der Kinder hervorgerufen; doch sowie die Furcht wich, kehrte das Glück zurück. Andrej wurde am meisten durch Oljgas Gesundheitszustand beunruhigt; sie brauchte lange Zeit, um sich nach der Entbindung zu erholen, und trotzdem sie wiederhergestellt war, hörte er nicht auf, sich um sie zu sorgen; er konnte sich keinen größeren Schmerz denken.
Wie glücklich bin ich! sagte auch Oljga still, ihr Leben betrachtend, und versank manchmal in den Momenten dieser Betrachtung in Sinnen ... besonders nach einiger Zeit, drei, vier Jahre nach ihrer Verheiratung.
Der Mensch ist seltsam! Je voller ihr Glück sich gestaltete, desto nachdenklicher und sogar ... ängstlicher wurde sie. Sie begann sich streng zu beobachten und bemerkte, daß diese Stille des Lebens, das Verweilen auf den Augenblicken des Glückes sie verwirrte. Sie schüttelte diese Nachdenklichkeit gewaltsam von ihrer Seele ab und beschleunigte das Tempo ihres Lebens, suchte fieberhaft nach Lärm, Trubel und Beschäftigung, bat den Mann, sie in die Stadt mitzunehmen, versuchte es, sich in der Gesellschaft unter den Menschen umzuschauen; aber es dauerte nicht lange. Das Leben der Gesellschaft berührte sie nur oberflächlich, sie eilte in ihren Winkel, um sich von irgendeinem drückenden, ungewohnten Eindruck zu befreien, und versenkte sich wieder in die kleinlichen Sorgen des häuslichen Lebens, verließ ganze Tage lang nicht das Kinderzimmer und erfüllte die Pflichten der Mutter als Kinderfrau, oder sie versenkte sich mit Andrej ins Lesen und in Gespräche über »Ernsthaftes und Langweiliges«; sie lasen auch Dichter und sprachen von einer Reise nach Italien. Sie fürchtete, in etwas der Apathie Oblomows Ähnliches zu versinken. Aber trotz aller ihrer Bemühungen, diese Augenblicke der periodischen Erstarrung und des Schlafes von ihrer Seele abzuschütteln, schlich an sie doch wieder zuerst ein Traum von Glück heran, eine blaue Nacht senkte sich auf sie herab und fesselte sie mit Schlummer; dann begann wieder ein Moment des Sinnens, gleichsam ein Ausruhen vom Leben, und dann ... Verwirrung, Angst, Mattigkeit, eine dumpfe Traurigkeit, und in dem unruhigen Hirn ertönten dunkle, nebelhafte Fragen.
Oljga lauschte wachsam, prüfte sich, konnte aber nicht erhaschen und herausbekommen, was die Seele manchmal bittet und sucht; sie schien sogar - es war furchtbar, es zu bekennen - voll Bangigkeit zu sein, als ob das glückliche Leben sie nicht befriedigte und sie ermüdete, als forderte sie neue ungewöhnliche Erscheinungen und als eilte sie der Gegenwart voraus ... Was ist das? dachte sie entsetzt, muß man denn und kann man denn noch etwas wünschen? Wohin sollte man sich wenden? Man konnte nirgends hin, es war kein Weg da ... Ist's denn möglich, hast du denn den Kreis des Lebens schon vollendet? War denn das alles ... alles? ... fragte ihre Seele, sprach aber nicht zu Ende ... und Oljga blickte unruhig um sich, ob jemand nicht dieses Flüstern ihrer Seele erfuhr und erlauschte ... Sie befragte den Himmel, das Meer, den Wald ... Doch sie erhielt nirgends eine Antwort. Dort war nichts als die Ferne, die Tiefe und das Dunkel. Die Natur sagte immer ein und dasselbe; sie sah darin ein stetes, aber eintöniges Fortschreiten des Lebens, ohne Anfang und Ende. Sie wußte, wen sie über diese Zweifel zu befragen hatte und wo sie Antwort finden konnte; wie würde diese aber ausfallen? Was, wenn das alles das Murren eines unfruchtbaren Geistes oder noch schlimmer: der Durst eines nicht für die Liebe geschaffenen, unweiblichen Herzens war! Sie, sein Abgott, war ohne Herz, mit einem trockenen, durch nichts zu befriedigenden Verstand! Was würde denn aus ihr werden? Vielleicht ein Blaustrumpf? Wie würde sie in seinen Augen sinken, wenn sich ihm diese neuen, nicht gewohnten, aber ihm doch verständlichen Leiden eröffneten! Sie versteckte sich vor ihm oder schützte Krankheit vor, wenn ihre Augen gegen ihren Willen den samtenen Glanz verloren und so trocken und heiß blickten, wenn auf ihrem Gesichte eine schwere Wolke lastete und sie sich trotz aller Bemühungen nicht dazu zwingen konnte, zu lächeln und zu sprechen, und die wichtigsten Neuigkeiten auf dem Gebiete der Politik, die interessantesten Erklärungen eines neuen Fortschreitens der Wissenschaft, eines neuen Schaffens in der Kunst gleichgültig aufnahm. Sie wollte aber nicht weinen, und es kam über sie ein plötzliches Erbeben, wie zu der Zeit, da ihre Nerven in Aufruhr waren und ihre weiblichen Kräfte erwachten und sich äußerten. Nein, das war etwas anderes! Was ist es denn? fragte sie sich verzweifelt, wenn sie an einem schönen, stillen Abend oder an der Wiege oder sogar während der Liebkosungen und Reden ihres Mannes plötzlich traurig und allem gegenüber gleichgültig wurde ... Sie wurde wie versteinert und schwieg, bewegte sich dann mit geheuchelter Lebhaftigkeit hin und her, um ihr seltsames Leiden zu verbergen, oder schützte Migräne vor und ging schlafen.
Es fiel ihr aber nicht leicht, Stolz' wachsamen Blick zu täuschen; sie wußte es und bereitete sich innerlich mit derselben Unruhe zur bevorstehenden Auseinandersetzung vor, wie sie sich einst zur Beichte der Vergangenheit vorbereitet hatte. Der Augenblick kam.
Sie gingen eines Abends in der Pappelallee spazieren. Sie hängte sich fast an seine Schulter und schwieg. Sie quälte sich mit einem ihrer unbegreiflichen Anfälle ab und beantwortete kurz alles, was er sagte.
»Die Kinderfrau hat gesagt, daß Olenjka in der Nacht gehustet hat. Sollte man morgen nicht den Arzt holen lassen?« fragte er.
»Ich habe ihr Warmes zu trinken gegeben und werde sie morgen nicht hinauslassen, wir wollen abwarten!« antwortete sie eintönig.
Sie durchschritten schweigend die Allee.
»Warum hast du denn den Brief deiner Freundin Sonitschka nicht beantwortet?« fragte er. »Und ich habe immer darauf gewartet und wäre fast zu spät auf die Post gekommen. Das ist schon ihr dritter unbeantworteter Brief.«
»Ja, ich möchte sie möglichst bald vergessen...« sagte sie und schwieg.
»Ich habe Bitschurin von dir gegrüßt«, begann Andrej wieder; »er ist ja in dich verliebt, es wird ihn vielleicht ein wenig trösten, daß sein Weizen nicht mehr zur rechten Zeit eintrifft.«
Sie lächelte trocken.
»Was hast du, willst du schlafen?« fragte er.
Ihr Herz begann wie jedesmal, wenn diese Fragen an sie gerichtet wurden, zu klopfen.
»Noch nicht«, sagte sie mit künstlicher Frische, »warum denn?«
»Bist du unwohl?« fragte er wieder.
»Nein. Warum glaubst du das?«
»Dann langweilst du dich!«
Sie preßte ihm mit beiden Händen fest die Schulter zusammen.
»Nein, nein!« wies sie seine Vermutungen mit gekünstelt unbefangener Stimme zurück, in welcher aber tatsächlich etwas wie Langeweile ertönte.
Er führte sie aus der Allee heraus und wandte ihr Gesicht dem Mondlichte zu.
»Sieh mich an!« sagte er und sah ihr forschend in die Augen.
»Man könnte meinen, daß du ... unglücklich bist! Du hast heute so seltsame Augen, und nicht nur heute ... Was hast du, Oljga?«
Er führte sie an der Taille wieder in die Allee.
»Weißt du, ich ... habe Hunger!« sagte sie und versuchte zu lachen.
»Lüge nicht, lüge nicht! Ich liebe das nicht!« rief er mit gespielter Strenge aus.
»Unglücklich!« wiederholte sie vorwurfsvoll, in der Allee stehenbleibend. »Ja, ich bin vielleicht deswegen unglücklich ... weil ich zu glücklich bin!« fügte sie mit einem so weichen, zärtlichen Klang der Stimme hinzu, daß er sie küßte. Sie wurde dreister. Die zwar scherzhafte, leichthin geäußerte Voraussetzung, sie könnte unglücklich sein, spornte sie unerwartet zur Offenherzigkeit an.