Die Saga von Garth und Torian
- Автор: Хольбайн Вольфганг, Winkler Dieter
- Год: 1985
- Язык: немецкий
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saga von Garth und Torian». Краткое содержание книги:
Etwas fegte sein Denken mit ungeheurer Macht hinweg, und dann überfluteten die von Cathars Magie erweckten Bilder sein Bewußtsein.
Weit draußen, Meilen von der schwarzen Lavanadel des Berges entfernt, erstreckte sich die Wüste, leblos und starr wie seit Jahrmillionen. Scheinbar leblos. Es gab Leben hier, wenn es auch eines kundigen Auges bedurfte, es zu entdecken. Ein Nest kleiner schuppiger Wüstenameisen hier, unsichtbar und sich nur durch die Spuren mikroskopisch kleiner Beinchen verratend, die der Wind, der stumme Verbündete des Wüstenlebens, beinahe so schnell wieder verwehte, wie sie entstanden, ein paar Käfer da, monströse Geschöpfe mit mächtigen Panzerplatten und ehrfurchtgebietenden Scheren, winzig, aber in der miniaturisierten Welt, in der sie lebten, doch gräßliche Monster. Auch größeres Leben – eine Spinne, hier und da sogar ein so komplexer Organismus wie eine Schlange, die gefürchteten Skorpione… Nein, die Wüste war nicht tot.
Und doch war die Bewegung, die den nördlichen Hang der Düne – sie unterschied sich durch nichts von der zu ihrer Linken oder Rechten oder von irgendeiner der Millionen und Abermillionen anderer Sanddünen, die diesen Teil der Staubwüste prägten – und doch war die Bewegung, die einen Teil ihres Hanges zusammenrutschen und wie heißen roten Schnee davonstieben ließ, nicht auf irgendeinen Teil dieses Lebens zurückzuführen. Auch nicht auf den Wind.
Es war etwas in ihr.
Etwas, das unter ihr begraben gewesen war, seit langer, sehr, sehr langer Zeit, selbst für die Begriffe dieses Teiles der Welt, wo die Zeit mit einer anderen Elle gemessen wurde. Sie waren vor Tausenden von Jahren nach Caracon gekommen. Ein Volk, dessen Namen heute niemand mehr kannte, und das diesen von der Alten Rasse beherrschten Kontinent zu erobern versuchte, lange bevor der erste Mensch das Licht der Sonne erblickte. Ihre Eroberung hatte in dem riesigen sandigen Sarg, den die Menschen zehntausend Jahre später Staubwüste nannten, geendet; auf der schon damals bestehenden, wenn auch längst noch nicht zur späteren Perfektion ausgebauten Straße der Ungeheuer, zu deren Bestandteil sie wurden. Das mächtige Reiterheer, mehr als fünfzehntausend Mann, das einen weitgehend leeren Kontinent erobern wollte, war dieser Leere zum Opfer gefallen, wie andere vor ihnen und sehr viele andere nach ihnen. Einige wenige hatten noch den Fuß des Berges erreicht, aber auch sie waren gestorben, alle, den grausamen, beiläufigen Tod, den die Wüste allen denen zudachte, die so vermessen waren, sich ihren Gesetzen nicht zu unterwerfen.
Aber sie waren noch da. Sand und Hitze und Trockenheit hatten sie konserviert, ein Heer von Mumien, zehnmal tausend Jahre alt und so tot wie der Sand, der sie zugedeckt hatte.
Bis jetzt. Bis zu dem Tag, an dem etwas, das stärker war als der Tod, in ihr dunkles, heißes Grab hinabgriff, sie berührte, und mit einer neuen, schrecklichen Art von Leben, die gegen alle Gesetze der Natur verstieß. Sie erwachten aus ihrem Jahrtausende währenden Schlaf, gruben sich ihren Weg an die Erdoberfläche und richteten sich wie ein einziger Körper aus dem Wüstensand auf. Die wenigen, die vor ihrem Tod noch den Fuß des Berges erreicht hatten, fielen, von einem seelenlosen Haß erfüllt, der nicht ihr eigener war, als erste über die Eindringlinge her, die ihre Ruhe gestört hatten. Die anderen näherten sich dem Berg, unaufhaltsam und tödlich, um den Befehl zu erfüllen, der in all den Jahrtausenden Sinn ihres nicht-lebenden und nicht-toten Daseins gewesen war. Es war wie eine gräßliche Verhöhnung des Lebens selbst.
Torian öffnete mit einem Schrei die Augen und taumelte zurück.
Seine Bewegung zerbrach den kleinen Kreis. Auch Shyleen torkelte zur Seite, und selbst Cathar wankte, prallte gegen einen Felsen und blieb einen Moment um Atem ringend stehen. Auf seiner Stirn perlte Schweiß.
»Das ist… Wahnsinn«, keuchte Torian. Es fiel ihm schwer zu sprechen. Obgleich er den entsetzlichen Anblick nur durch die fremden Augen Cathars gesehen hatte, in falschen Farben und auf unbeschreibliche Weise verzerrt und entstellt, wurde er ihn nicht mehr los. Aber plötzlich war er fast dankbar, das Bild nicht auf die gewohnte Weise gesehen zu haben. Hätte er es mit eigenen Augen und in aller Klarheit erblickt, hätte es ihn wahrscheinlich um den Verstand gebracht.
Für lange – sehr lange – Zeit sprach keiner von ihnen ein Wort. Sie alle – auch Garth und der Rattengesichtige – schwiegen, starrten aus weit aufgerissenen Augen vor sich hin und versuchten auf die eine oder andere Weise, mit dem Entsetzlichen fertig zu werden, das sie gesehen hatten oder zumindest erahnten. Schließlich war es Shyleen, die das lähmende Schweigen brach.
»Sie werden uns angreifen«, murmelte sie. »Wie lange werden sie brauchen, um hier zu sein?«
»Eine Stunde«, antwortete der Magier mit einer Nervosität, die Torian noch nie an ihm bemerkt hatte. »Vielleicht zwei. Sie… sind nicht sehr schnell.«
»Zwei Stunden.« Torian seufzte. Es klang wie ein unterdrückter Schmerzenslaut. »Zu wenig. Viel zu wenig, um zu fliehen.«
»Dann vernichten wir sie«, entschied Cathar hart. »Uns bleibt keine Wahl mehr.«
Torian lachte schrill auf. »Vernichten?« stieß er mit sich überschlagender Stimme hervor. »Wie denn? Es sind mehr als zehntausend! Sie werden uns einfach durch ihre Zahl überrennen!«
»Wir werden sie vernichten«, wiederholte Cathar, ohne auf die Frage zu antworten. »Vielleicht werde ich dabei selbst das Leben verlieren, aber es ist der einzige Weg, der uns noch bleibt.«
Das waren die letzten Worte, die für lange Zeit von ihm zu hören waren. Er blieb völlig reglos und mit versteinertem Gesicht stehen, den Blick in die Unendlichkeit der Staubwüste gerichtet, aus der sich das Heer der lebenden Toten wie ein gigantischer schwarzer Wurm heranwälzte. Die Spitze der entsetzlichen Kolonne war noch gut zwei Meilen entfernt, aber die klare Luft über der Wüste ließ den Eindruck entstehen, es wären nur mehr wenige hundert Schritte. Jetzt, nachdem es vollends hell geworden war, war es wirklich heiß, und die Luft flimmerte wie durchsichtiges Wasser, was den taumelnden Gang der Untoten noch schlimmer aussehen ließ. Ein Geruch wie nach heißem Stein wehte aus der Wüste herüber, aber in Torians Phantasie wurde er zum Gestank verwesenden menschlichen Fleisches, so wie das Raunen und Wispern des Windes in seinen Ohren zu schrecklichen, feuchten Schritten wurde. Für einen kurzen Moment hatte er das schreckliche Gefühl, den Wind, der aus der Richtung der Untoten wehte, wie die Berührung einer narbigen Hand zu spüren. Es kostete ihn all seine Kraft, diese Vorstellung abzuschütteln. Er schauderte. Trotz der erdrückenden Hitze, die der Tag gebracht hatte, fror er mit einem Male. Mühsam riß er sich von dem Anblick der Schreckensgestalten los und blickte zu dem Schwarzen Magier hinüber.
Ganz langsam hob Cathar die Hände, bis er in einer fast absurden Haltung dastand, mit ausgestreckten Armen, weit gespreizten Fingern, die Augen geschlossen und jeden Muskel im Körper angespannt. Ein Ausdruck höchster Konzentration erschien auf seinem Gesicht. Seine Lippen begannen Worte zu murmeln; unglaublich kehlige, düstere Worte, die für menschliche Stimmbänder unaussprechlich waren.
Nichts geschah.
Der Wind heulte weiter, die Sonne brannte unverändert vom Himmel, und das Heer der lebendigen Toten rückte näher. Vielleicht nahm der Wind ein bißchen zu, aber wenn, dann bemerkten es die Kreaturen nicht einmal, denn das, was anstelle eines Bewußtseins in ihren Schädeln war, hatte nur Platz für wenige, grausame Gedanken. Sie waren tot, und sie waren gerufen worden, um ihrerseits zu töten. Keinem von ihnen fiel auf, daß sich das Heulen des Windes ein wenig änderte, daß die Wüste, die sie durchquerten, mit einem Male auf unmöglich in Worte zu fassende Weise anders war.
Dann stolperte der Mann an der Spitze. Sein Fuß, zu einem mühsamen, schleppenden Schritt gehoben, senkte sich wieder auf den Sand, aber er fand plötzlich keinen Widerstand mehr, sondern sank weiter ein, versank wie in körnig geronnenem Wasser bis über die Knöchel, die Wade, schließlich bis ans Knie. Der Untote fiel nach vorne, mit beiden Händen Halt suchend, aber auch seine Arme verschwanden. Der Sand teilte sich unter ihm, brodelte und kochte einen Moment – und verschlang ihn. Unbeeindruckt schritten die hinter ihm Gehenden weiter. Ein zweiter Mann begann in die Tiefe gezogen zu werden, dann ein dritter, vierter. Aber die anderen marschierten weiter, unbeeindruckt, wie seelenlose Puppen stiegen über die versinkenden Körper der anderen hinweg und setzten ihren Weg fort. Und die, welche bereits eingesunken waren, versuchten sich wieder auszugraben, wühlten mit rissigen Händen wie große bizarre Tiere im Sand, plumpe Schwimmbewegungen vollführend, tot, nicht mehr in der Lage, noch einmal zu sterben, immun gegen den erstickenden Sand. Der Vormarsch der Alptraumarmee kam ein wenig ins Stocken, aber bald war die Grube, die sich so jäh gebildet hatte, mit Treibsand gefüllt, und der höllische Marsch ging weiter. Die Kette aus Leibern war jetzt zerbrochen, aber das änderte nichts.