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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Schau, was ich für ein Kerl bin! schien sie als Antwort auf den entzückten Blick Denissows, der sie nicht aus den Augen ließ, sagen zu wollen.

Worüber ist sie nur so glücklich? dachte Nikolaj und sah die Schwester an. Ob ihr das nicht einmal langweilig wird, ob sie sich dessen nicht schämt?

Natascha setzte mit der ersten Note ein, ihre Kehle dehnte sich aus, ihre Brust straffte sich, ihr Gesicht nahm einen ernsthaften Ausdruck an. Sie dachte in diesem Augenblick an niemanden und an nichts, und aus ihrem auf ein Lächeln eingestellten Munde drangen Töne, wie sie in den gleichen Abständen und Folgen jeder hervorzubringen vermag, Töne, die einen tausendundeinmal kalt lassen, aber das tausendundzweitemal erbeben machen und Tränen entlocken.

Natascha hatte in diesem Winter erstmalig ernstlich mit Singen angefangen, und hauptsächlich deshalb, weil Denissow so von ihrer Stimme entzückt war. Sie sang jetzt nicht mehr auf jene kindliche Weise, in ihrem Ausdruck lag nicht mehr dieses komische, schulmädchenhafte Sichmühegeben, aber sie sang auch noch nicht gut, wie alle Kenner und Kritiker, die sie gehört hatten, sagten. »Eine schöne Stimme, aber noch ungeschult, sie muß erst ausgebildet werden«, sagten alle. Doch diesen Ausspruch taten sie gewöhnlich erst lange, nachdem ihre Stimme verklungen war. Denn während diese ungeschulte Stimme mit dem unvorschriftsmäßigen Atemholen und den gewaltsamen Übergängen ertönte, waren auch die Kenner und Kritiker ganz still, gaben sich nur dem Genuß dieser ungeschulten Stimme hin und wünschten weiter nichts, als sie noch weiterzuhören. In ihrer Stimme lag jene mädchenhafte Unberührtheit, jene unbewußte Kraft, jener noch durch keine Schulung beeinflußte Schmelz, und das alles war so eng mit den Mängeln ihrer Sangeskunst verschmolzen, daß es unmöglich schien, an dieser Stimme etwas zu ändern, ohne sie zu schädigen.

Was ist das? dachte Nikolaj, hörte auf ihre Stimme und sah sie mit großen Augen an. Was ist mit ihr geschehen? Wie singt sie denn heute? dachte er. Und plötzlich versank alles um ihn her, und sein ganzes Interesse, seine ganze Erwartung galt nur noch den folgenden Noten, den folgenden Worten, und die ganze Welt zerfiel für ihn nur in die drei Taktteile: Oh, mio crudele affetto … Eins, zwei, drei … eins, zwei … drei … eins … Oh, mio crudele affetto … Eins, zwei, drei … eins. Ach, was ist unser Leben doch für ein Possenspiel! dachte Nikolaj. Alles das: Unglück, Geld, Dolochow, Bosheit, Ehre – das ist ja alles nur Unsinn … Nur dies allein ist das Wahre … Gut, Natascha, gut, mein Täubchen, mein Liebling! … Wie wird sie das H herausbringen? Sie hat es getroffen! Gott sei Dank! und um dieses H zu verstärken, hatte er selber diese hohe Note eine Terz tiefer in zweiter Stimme mitgesungen, ohne es selber zu merken. Gott, wie schön! Habe ich wirklich richtig eingesetzt? Welch ein Glück! dachte er.

Bebend verhallte diese Terz, aber etwas, das noch besser war, sang und klang in Rostows Seele. Und dieses Etwas war unabhängig von der ganzen Welt und höher als die ganze Welt. Was ist ein Spielverlust, ein Dolochow, ein Ehrenwort! … Nichtigkeiten! Man kann morden und stehlen und dennoch glücklich sein …!

16

Es war seit langer Zeit das erstemal, daß Rostow die Musik wieder als Hochgenuß empfand. Aber kaum hatte Natascha ihre Barkarole zu Ende gesungen, als ihm die Wirklichkeit wieder schwer auf die Seele fiel. Er ging, ohne ein Wort zu sagen, hinaus und begab sich nach unten, auf sein Zimmer. Eine Viertelstunde später kam der alte Graf, lustig und zufrieden, aus seinem Klub nach Hause. Nikolaj, der ihn hatte kommen hören, ging zu ihm hinein.

»Na, gut amüsiert?« fragte Ilja Andrejewitsch und sah seinen Sohn mit frohem, stolzem Lächeln an,

Nikolaj wollte ja sagen, brachte es aber nicht heraus, da ihm ein Schluchzen in der Kehle aufstieg. Der Graf steckte sich eine Pfeife an und bemerkte deshalb den Zustand seines Sohnes nicht.

Ach, es hilft doch alles nichts! dachte Nikolaj zum ersten- und letztenmal. Und plötzlich sagte er zu seinem Vater, so daß er sich selber ekelhaft vorkam, in höchst nachlässigem Ton, als bäte er ihn um einen Wagen, um in die Stadt zu fahren: »Papa, ich komme in geschäftlichen Angelegenheiten zu dir. Beinahe hätte ich’s vergessen. Ich brauche Geld.«

»Siehst du«, sagte der Vater, der bei besonders guter Laune war, »das habe ich dir doch gleich gesagt, daß du nicht auskommen würdest. Ist es viel?«

»Sehr viel«, erwiderte Nikolaj errötend und mit einem dummen, nachlässigen Lächeln, das er sich lange nachher nicht verzeihen konnte. »Ich habe ein bißchen verspielt, das heißt viel, sehr viel sogar, dreiundvierzigtausend Rubel.«

»Was? An wen? … Das ist doch nicht dein Ernst?« schrie der Graf, und sein Hals und sein Nacken wurden plötzlich wie bei einem Schlaganfall ganz rot, wie das bei alten Leuten vorzukommen pflegt.

»Ich habe versprochen, es morgen zu bezahlen«, fuhr Nikolaj fort.

»Auch das noch«, stöhnte der Graf, spreizte die Arme auseinander und sank kraftlos auf das Sofa nieder.

»Was soll man da machen? Das passiert doch jedem einmal!« sagte der Sohn in ungeniertem, dreistem Ton, während er sich innerlich für einen Taugenichts, einen Schurken hielt, der niemals im Leben sein Verbrechen wiedergutmachen könne. Er hätte seinem Vater die Hand küssen, ihn kniefällig um Verzeihung bitten mögen, und dabei sagte er in lässigem, ja sogar unhöflichem Ton, daß das jedem einmal passieren könne.

Graf Ilja Andrejewitsch schlug die Augen nieder, als er diese Worte seines Sohnes hörte, und geriet in eine nervöse Unruhe, als suche er etwas.

»Ja, ja«, murmelte er, »aber es wird schwer sein, fürchte ich, sehr schwer sein, das Geld zu beschaffen … Das passiert ja jedem einmal! Ja, gewiß, jedem einmal …«

Und der Graf warf einen kurzen Blick auf das Gesicht seines Sohnes und ging aus dem Zimmer. Nikolaj war auf einen harten Kampf gefaßt gewesen, dies aber hatte er keinesfalls erwartet.

»Papa, lieber, guter Papa!« rief er ihm nach und brach in Schluchzen aus. »Verzeihen Sie mir!«

Und er ergriff die Hand seines Vaters, drückte sie an seine Lippen und weinte laut auf.

Zur selben Zeit, als Vater und Sohn diese Auseinandersetzung hatten, fand eine nicht minder ernste Aussprache zwischen Mutter und Tochter statt. Natascha kam ganz außer sich zur Mutter hereingelaufen.

»Mama … Mama! … Er hat mir …«

»Was hat er dir denn?«

»Einen Heiratsantrag gemacht, Mama! Einen Heiratsantrag!« rief Natascha atemlos.

Die Gräfin traute ihren Ohren kaum. Denissow hatte einen Antrag gemacht? Und wem? Diesem kleinen Gör Natascha, das vor kurzem noch mit der Puppe gespielt hatte und jetzt noch in die Tanzstunde ging.

»Hör doch auf, Natascha, mit diesen Dummheiten!« sagte sie, immer noch in der Hoffnung, daß es nur ein Scherz sei.

»Aber ich bitte Sie, Dummheiten! Was ich sage, ist Tatsache!« erwiderte Natascha ärgerlich. »Ich komme, um zu fragen, was ich tun soll, und Sie nennen das ›Dummheiten‹ …«

Die Gräfin zuckte mit den Achseln.

»Nun, wenn das wahr ist, daß Monsieur Denissow dir einen Antrag gemacht hat, so sage ihm nur, daß er ein Narr ist, und damit Schluß!«

»Nein, er ist gar kein Narr«, erwiderte Natascha ernst und gekränkt.

»Na, was willst du denn sonst? Ihr seid ja ewig verliebt. Wenn du ihn also liebst, so heirate ihn doch!« sagte die Gräfin, ärgerlich lachend. »In Gottes Namen!«

»Nein, Mama, ich bin nicht verliebt in ihn, das kann doch wohl nicht die Liebe sein.«

»Nun, so geh doch hin und sage ihm das.«

»Mama, sind Sie mir böse? Seien Sie mir nicht böse, liebste, beste Mama! Habe ich denn etwas Unrechtes getan?«

»Nein, aber was willst du denn, mein Liebling? Willst du, daß ich zu ihm gehen und es ihm sagen soll?« fragte die Gräfin lächelnd.

»Nein, ich will es ihm selber sagen, Mama, sagen Sie mir nur, wie. Sie nehmen das alles so leicht«, fügte sie als Entgegnung auf das Lächeln ihrer Mutter hinzu. »Wenn Sie ihn nur gesehen hätten, wie er es mir sagte! Ich weiß doch, daß er es mir nicht sagen wollte, und nun hat er es doch plötzlich ausgesprochen.«

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