Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Alles zu Ende, ich bin verloren. Eine Kugel durch den Kopf – das ist das einzige, was mir noch bleibt, dachte er, sagte dabei aber mit lustiger Stimme: »Na, nur noch eine einzige Karte, eine ganz kleine!«
»Schön«, sagte Dolochow, der seine Aufrechnung beendet hatte, »schön! Um diese einundzwanzig Rubel.« Und er zeigte auf die Zahl einundzwanzig, die er über die runde Summe von dreiundvierzigtausend hinaus gewonnen hatte, nahm ein Spiel Karten in die Hand und schickte sich an, sie abzuziehen. Rostow bog bereitwillig die Ecke um und schrieb statt der Sechstausend, die er erst in Absicht gehabt hatte, sorgsam eine Einundzwanzig hin.
»Das ist mir ganz einerlei«, sagte er, »mich interessiert nur, ob diese Zehn gewinnt oder verliert.«
Dolochow zog ernsthaft die Karten ab. Oh, wie haßte Rostow in diesem Augenblick jene roten, behaarten Hände mit den kurzen Fingern, die unter den Hemdärmeln hervorguckten und ihn doch so ganz in ihrer Gewalt hatten …
Die Zehn gewann.
»Sie schulden mir dreiundvierzigtausend Rubel, Graf«, sagte Dolochow, dehnte sich und stand vom Tisch auf. »Man wird müde, wenn man so lange sitzt«, fügte er hinzu.
»Ja, ich bin auch ganz müde geworden«, stimmte Rostow bei.
Aber Dolochow, wie um ihn daran zu erinnern, daß es ihm jetzt nicht anstehe, Scherze zu machen, unterbrach ihn: »Wann befehlen Sie, Graf, daß ich das Geld in Empfang nehme?«
Rostow wurde über und über rot und rief Dolochow auf einen Augenblick ins Nebenzimmer.
»Ich kann dir nicht alles auf einmal zahlen«, sagte er, »du nimmst doch einen Wechsel an.«
»Hör mal, Rostow« sagte Dolochow, lächelte unverblümt und sah Nikolaj gerade ins Gesicht, »du kennst doch das Sprichwort: Wer Glück in der Liebe hat, hat kein Glück im Spiel. Deine Cousine ist in dich verliebt. Das weiß ich.«
Oh, wie entsetzlich ist es, sich in der Gewalt dieses Menschen zu wissen, dachte Rostow. Er wußte, was für ein Schlag das für seinen Vater und seine Mutter sein werde, wenn er ihnen diesen Verlust eingestand, wußte, was für ein Glück es wäre, alldem enthoben zu sein, wußte, daß sich Dolochow darüber klar war, wie er ihm diese Schande und diesen Kummer ersparen könne, und daß er jetzt mit ihm spielen wollte wie die Katze mit der Maus.
»Deine Cousine …« wollte Dolochow fortfahren, aber Rostow unterbrach ihn.
»Meine Cousine hat hiermit nichts zu tun, ich verbitte mir, von ihr zu reden!« schrie er Dolochow wütend an.
»Wann kann ich also das Geld haben?« fragte dieser.
»Morgen«, erwiderte Rostow und ging aus dem Zimmer.
15
Zu sagen: »Morgen« und den schicklichen Ton zu wahren, das war nicht weiter schwer gewesen, aber nun allein nach Hause zu fahren, Schwester, Bruder, Mutter, Vater ins Gesicht zu sehen, es einzugestehen und um Geld zu bitten, das er nach dem gegebenen Ehrenwort nicht verlangen durfte, das war entsetzlich.
Zu Hause waren noch alle auf. Die Jugend des Hauses Rostow hatte sich, nachdem sie aus dem Theater gekommen war und zu Abend gegessen hatte, um das Klavier versammelt. Kaum war Nikolaj in den Salon eingetreten, so umfing ihn schon jene poetische, verliebte Luft, die den ganzen Winter über dem Hause lagerte und sich jetzt, nach Dolochows Antrag und dem Ball bei Jogel, wie vor einem Gewitter noch dichter um Sonja und Natascha zusammenzuziehen schien. Sonja und Natascha sahen in ihren blauen Kleidern, in denen sie im Theater gewesen waren, allerliebst aus und wußten das auch. Glücklich lächelnd standen sie beide am Klavier. Wera spielte mit Schinschin im Nebenzimmer Schach. Dort saß auch die alte Gräfin, die auf ihren Sohn und ihren Mann wartete, und legte Patiencen, zusammen mit einer alten adligen Dame, die bei ihnen im Hause wohnte. Denissow saß mit leuchtenden Augen und wirrem Haar am Klavier, hatte das eine Bein nach hinten gestreckt, griff mit seinen kurzen Fingern in die Tasten, schlug ein paar Akkorde an und sang unter stetem Verdrehen der Augen mit seiner kleinen, heiseren, aber sicheren Stimme ein von ihm selbst verfaßtes Lied: »Die Fee«, zu dem er eine Melodie zu finden suchte.
sang er mit leidenschaftlicher Stimme und blitzte die verwirrte, aber glückselige Natascha mit seinen schwarzen Achataugen an.
»Herrlich! Ausgezeichnet!« rief Natascha. »Nun noch die andere Strophe!« sagte sie, ohne Nikolaj zu bemerken.
Bei ihnen ist alles beim alten, dachte Nikolaj und warf einen Blick ins Nebenzimmer, wo er Wera und seine Mutter mit der alten Dame sitzen sah.
»Ah, da ist ja auch Nikolenka!«
Natascha lief auf ihn zu.
»Ist Papa zu Hause?« fragte er.
»Wie freue ich mich, daß du kommst!« rief Natascha, ohne auf seine Frage zu antworten. »Wir sind so lustig. Wassilij Dimitritsch bleibt meinetwegen noch einen Tag länger, weißt du schon?«
»Nein, Papa ist noch nicht zurückgekommen«, antwortete ihm Sonja.
»Koko, du bist da? Komm doch zu mir, mein Junge!« hörte man die Stimme der Gräfin aus dem Nebenzimmer.
Nikolaj ging zu seiner Mutter hinüber, küßte ihr die Hand, setzte sich zu ihr an den Tisch und sah auf ihre Hände, die die Karten legten. Aus dem Salon hörte man immer noch Lachen und lustige Stimmen, die auf Natascha einredeten.
»Na schön, schön!« rief Denissow. »Jetzt haben Sie aber keine Ausrede mehr. Sie sind uns noch die Barkarole schuldig. Ich bitte Sie flehentlich darum.«
Die alte Gräfin sah ihren schweigsamen Sohn an.
»Was hast du denn?« fragte sie Nikolaj.
»Ach, nichts«, sagte er, als wäre es ihm bereits langweilig, daß man ihn immer wieder dasselbe fragte. »Kommt Papa noch nicht bald?«
»Ich denke doch.«
Bei ihnen ist alles beim alten. Sie wissen es noch nicht. Wo soll ich nur hingehen? dachte Nikolaj und ging wieder in den Salon hinüber, wo das Klavier stand.
Sonja saß am Klavier und wollte eben die Einleitung zu jener Barkarole spielen, die Denissow so besonders liebte. Natascha schickte sich an zu singen. Denissow sah sie mit entzückten Augen an.
Nikolaj fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.
Was er nur davon hat, sie zum Singen zu nötigen! Was kann sie denn groß? Und warum sie dabei nur so lustig sind? dachte er.
Sonja schlug die ersten Akkorde der Einleitung an.
Großer Gott, ich bin verloren, ein ehrloser Mensch! Eine Kugel in den Kopf, das ist das einzige, was mir noch bleibt. Ich kann sie nicht singen hören, dachte Rostow. Soll ich fortgehen? Aber wohin? Es ist ja alles gleich, mögen sie nur singen.
Er fuhr fort, im Zimmer auf und ab zu gehen, und sah Denissow und die Mädchen finster an, wich aber ihren Blicken aus.
Nikolenka, was fehlt Ihnen? fragte Sonjas Blick, der auf ihn gerichtet war. Sie hatte sogleich gesehen, daß etwas mit ihm geschehen war.
Nikolaj wandte sich von ihr ab. Natascha in ihrer Feinfühligkeit hatte ebenfalls sofort den Seelenzustand ihres Bruders erkannt. Sie fühlte es, aber sie war in diesem Augenblick selber so lustig, so fern von Kummer, Gram und Not, daß sie sich absichtlich darüber hinwegtäuschte, wie das junge Leute häufig zu tun pflegen. Nein, ich bin jetzt zu froh, um mir mein Glück durch die Teilnahme an fremdem Kummer zu trüben, sagte ihr ein inneres Gefühl, und sie redete sich ein: Nein, ich täusche mich ganz sicher, er muß ja ebenso vergnügt sein wie ich.
»Na los, Sonja!« sagte sie und trat bis in die Mitte des Salons, wo ihrer Meinung nach die Schallwirkung am besten war.
Sie hob den Kopf hoch, ließ beide Arme leblos herabsinken, wie es Tänzerinnen tun, hob sich mit einem energischen Ruck von den Hacken auf die Zehenspitzen, trippelte so ein paar Schritte vor und zurück und blieb dann stehen.