Nach all den Jahrmilliarden
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1982
- Язык: немецкий
- Год: Moewig
- ISBN: 3-8118-3601-3
- Переводчик: Andreas Brandhorst
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Nach all den Jahrmilliarden». Краткое содержание книги:
Wir alle haben dieses seltsame und rätselhafte Gefühl, am Rande einer bedeutenden Erkenntnis zu stehen. Niemand weiß, warum. Vielleicht ist es nur übersteigerte Erwartung.
Wir arbeiten hart. Sich mit Archäologie zu beschäftigen, das heißt meistens, sich einen krummen Rücken und wunde Finger zu holen. Die Romantik kommt erst hinterher, wenn die Jungs aus den Nachrichtenstudios ihre Stories schreiben. Abends ruhen wir uns aus, spielen viel Schach, diskutieren ein wenig und lauschen dem Prasseln des Regens. Ich glaube, die meiste Zeit über bin ich ziemlich gelangweilt, aber im großen und ganzen bedeutet es eine ungeheure Aufregung für mich, hier zu sein.
Wir haben ein Problem mit Mirrik. Und wenn nicht bald eine Lösung gefunden wird, wird er vielleicht von der Expedition ausgeschlossen. Was sehr schade wäre, denn in seiner schwerfälligen Art und Weise ist er ein sehr sympathischer Typ. Ich habe dir bereits erzählt, daß Mirrik in gewisser Weise der Trunksucht verfallen ist. Er spricht nicht auf Schnaps an, sondern auf Blumen. Irgend etwas im Nektar einer ganz gewöhnlichen Blüte macht ihn ungeheuer stark an. Die Auswirkung einer Blume auf den Stoffwechsel eines Dinamonianers muß gewaltig sein, weitaus intensiver als die des Alkohols auf unseren Metabolismus: Nur ein paar Happen Blüten reichen aus, um Mirrik einen kolossalen Schwung zu geben.
So öde es hier auch ist, es gibt ein paar Blumen. Einer der Terraforming-Ingenieure muß einen Hang zur Poesie gehabt haben: Etwa zwei Kilometer von unserer Ausgrabungsstelle entfernt hat er ein Wäldchen von Milla biflora — Mexiko-Sternen — angepflanzt. Die Pflanzen wachsen an ein paar geschützten Stellen. Mirrik, der eine Menge Bewegung braucht und gern lange, einsame Streifzüge unternimmt, hat sie gefunden.
Ich war der erste, der sein Geheimnis lüftete.
Eines Nachmittags, als ich nach Beendigung meiner Schicht in der Ausgrabungsstelle dienstfrei hatte, sah ich, wie Mirrik mir entgegentollte. Auch er hatte ein paar Stunden Freizeit. Als er die Fundstelle nahezu erreicht hatte, richtete er sich auf und versuchte, seine Vorderbeine zusammenzuklatschen. Das funktionierte nicht und er verhedderte sich. Er erhob sich wieder, rannte im Kreis umher und versuchte es erneut. Wieder schlug es fehl. Er sah mich an und kicherte. Stell dir einmal einen zehn Tonnen schweren, kichernden Dinamonianer vor! Gut gelaunt schnalzte er mit seinen Stoßzähnen. Er schwankte mir entgegen, riß mich mit seinen Armen gutmütig an sich und wirbelte mich herum. Das erheiterte ihn so sehr, daß er mit seinen Beinen rhythmisch aufzustampfen begann. Der Boden erzitterte.
„Hallo, Tommeee, wie gehss dir, Junnge?“ Er zwinkerte. Er blies mir seinen Atem ins Gesicht. „Guter alter Tommeee. Lass unsss tanssen, Tommeee!“
„Mirrik, du bist ja sternhagelvoll!“ tadelte ich ihn.
„Unssinn.“ Mit seinen Stoßzähnen knuffte er mich scherzhaft in die Rippen. „Tanssen! Tanssen!“
Ich sprang zurück. „Wo hast du Blumen gefunden?“
„Blummen gibss hier nich. Binn einnfach nnur glückkklich!“ Seine Schnauze war von den Pollen der Mexiko-Sterne goldfarben bestäubt. Ich runzelte die Stirn und wischte es fort. Mirrik kicherte erneut. „Halt still, du überdimensionaler Ochse!“ sagte ich. „Wenn dich Dr. Horkkk so sieht, zieht er dir das Fell über die Ohren!“
Beim Laboratorium wollte Mirrik haltmachen, um mit Pilazinool über Philosophie zu diskutieren. Ich redete ihm das aus. Dann begann es zu regnen, was ihn ein wenig ernüchterte. Soweit jedenfalls, daß er begriff, in Schwierigkeiten geraten zu können, wenn ihn einer der Chefs entdeckte. „Geh mit mir spazieren, bis mein Kopf wieder klar wird“, sagte er, und ich erfüllte ihm seinen Wunsch. So diskutierten wir über die Entwicklung religiöser Mystik, bis er wieder ganz bei Verstand war. „Ich schäme mich für meine Schwäche, Tom“, sagte er bekümmert, als wir zum Lager zurückkehrten. „Aber ich glaube, durch deine Hilfe kann ich der Versuchung nun widerstehen. Ich werde dem Fleckchen mit den Mexiko-Sternen nicht noch einmal einen Besuch abstatten.“ Am nächsten Tag kam er ebenfalls betrunken zurück. Ich war im Laboratorium und reinigte und sortierte die letzte Förderung von zerbrochenen Inschriftsknoten und verbeulten Plaketten, als draußen eine Stimme zu dröhnen begann:
„Es ist das Ruba’ijat!“[5] rief Jan, als sie eintrat. „Es ist Mirrik!“ keuchte ich. Dr. Horkkk sah finster von seinem Computer-Terminal auf.
Dr. Schein runzelte die Stirn. 408b gab seinem Widerwillen mit einem undeutlichen Murmeln Ausdruck — es konnte solche Laster einfach nicht begreifen. Mirrik fuhr fort:
Jan und ich stürzten aus dem Laboratorium heraus und entdeckten Mirrik, der mit seinen Stoßzähnen den Boden vor dem Gebäude durchwühlte.
Hinter seinen Ohren ragten zerknitterte Blüten von Mexiko-Sternen hervor, und sein ganzes Gesicht war mit Pollen bestäubt. Einen Augenblick lang sah er mich betrübt an, als versuche ein nüchterner Mirrik, hinter der betrunkenen Maske zum Vorschein zu kommen. Dann kicherte er wieder und fuhr fort:
„Morgen bist du vielleicht schon auf dem Weg nach Hause“, sagte ich scharf. „Um Omar Chajjans willen, den du hier so vergewaltigst, verschwinde von hier! Wenn Dr. Horkkk dich so sieht…“
Zu spät.
In jener Nacht hatte Mirrik eine lange Unterredung mit unseren Chefs, die sich darum sorgen, eines Tages könne er wirklich den Verstand verlieren und das ganze Lager dem Boden gleichmachen. Ein betrunkener und herumtollender Dinamonianer ist so wenig ungefährlich wie eine umherschwirrende Cruise Missile, und wenn Mirrik nicht die Finger von den Mexiko-Sternen lassen könne, würde er fortgeschickt. 408b hatte einen reizenderen Vorschlag: Man solle Mirrik einfach wie einen widerspenstigen Stier anketten, wenn er nicht arbeitet. Unser guter alter 408b findet immer sofort die humanste Lösung.
Die meisten von uns versuchen Mirrik zu helfen, wenn er betrunken ins Lager zurückkehrt. Wir gehen mit ihm spazieren, bis er nüchtern ist, oder wir führen ihn von den Aufblashütten weg, wenn er versucht, sie zu betreten, oder wir schützen ihn auf andere Art und Weise vor sich selbst. Aber wir machen uns nichts vor. Dr. Schein und Dr. Horkkk sind beide besorgt in dieser Angelegenheit. Und wenn die beiden in irgend etwas übereinstimmen, dann bedeutet das Ärger.
Leroy Chang glaubt übrigens, ich hätte eine Liebesaffäre mit Jan. Das ist wirklich komisch.
Ich gebe zu, eines Nachts habe ich mit ihr einen langen Spaziergang gemacht. Und einige kleinere Streifzüge. Kann ich etwas dafür, wenn ich ihre Gesellschaft zu schätzen weiß? Sie ist die einzige menschliche Frau hier… ähem, ich meine, Kelly Wachmann nicht mitgezählt! Jedenfalls ist sie hier die einzige Person meines Alters, Steen Steen ausgenommen, der/die mich nicht besonders interessiert, und sie ist das einzige Mädchen hier — Kelly ist über neunzig und außerdem ein Android —, und ich habe mit ihr mehr gemeinsam als etwa mit 408b oder Dr. Horkkk. Also ist es ganz verständlich, wenn ich dazu neige, die Zeit mit ihr zu verbringen.
5
Ruba’ijat: Titel der Dichtung von Omar Chajjam oder deren freie Übersetzung von Edward Fitz-Gerald (Anm. d. Übers.)