Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
René erkannte mitten unter den Zuschauern den Seemann, dem er früher am Tag begegnet war; bis zum Abendessen blieb noch eine Stunde Zeit. René hatte zuerst vorgehabt, Surcouf nach am selben Tag seine Aufwartung zu machen, doch er hatte den Besuch auf den nächsten Tag verschoben, um nicht in Zeitnot zu geraten; zudem kam es ihm nicht ungelegen, von einem Seemann, einem gewöhnlichen Matrosen, Auskünfte über den außergewöhnlichen Mann zu erhalten, den er aufsuchen wollte. Deshalb winkte er seinem Gast, um ihm zu bedeuten, er solle hereinkommen, was dieser sogleich tat; doch da er sich im Erdgeschoss der Herberge durch die eng gedrängte Menschenmenge kämpfen musste, hatte René Zeit, die Klingelschnur zu ziehen und Zigarren, etwas Kautabak und ein Fläschchen Branntwein bringen zu lassen.
Kaum waren diese Dinge auf den Tisch gestellt worden, trat der Seemann ein.
René trat zu ihm, reichte ihm die Hand und bot ihm einen Stuhl neben dem Tisch an.
Der Seemann aber sah sich erstaunt in dem Zimmer um; offenbar fand er es etwas sehr elegant für einen einfachen Matrosen, und der Branntwein, die Zigarren und der Kautabak bestärkten ihn in seinem Eindruck, dass der Neuankömmling offenbar ebenfalls einen Prisenanteil zu verprassen habe.
»Ha, ha, Matrose!«, sagte er. »Der Fischzug scheint reiche Ernte gebracht zu haben! Zwei Gewänder, was für ein Luxus! Seit zehn Jahren fahre ich zur See, und seit zehn Jahren trocknet mir das Gewand am Leib, wenn es nass wurde, denn ich hatte nie genug Geld, um mir ein zweites zu kaufen.«
»Sie täuschen sich, Kamerad«, erwiderte René. »Ich komme von zu Hause, ich bin der einzige Sohn wohlhabender Eltern, und die Fahrt, für die ich anheuern will, wird meine erste sein. Aber ich bin lernwillig, ich fürchte mich nicht vor Gefahren, und ich bin willens, mein Leben zu verlieren oder meinen Weg zu machen. Ich habe erfahren, dass mehrere Schiffe ausgerüstet werden, um auszulaufen: die Leth, die Saint-Aaron und die Revenant. Auf der Leth führt Niquet das Kommando, auf der Saint-Aaron Angenard und auf der Revenant Surcouf. Für welches dieser Schiffe würdest du dich entscheiden?«
»Ha! Du bist mir ein Spaßvogel! Ich habe mich schon entschieden.«
»So, du schiffst dich wieder ein?«
»Gestern habe ich angeheuert.«
»Und auf welchem der drei Schiffe?«
»Na, auf der Revenant.«
»Ist sie der beste Segler unter den dreien?«
»Tja, das kann man noch nicht wissen, weil sie neu ist. Unter Surcouf wird ihr nichts anderes übrigbleiben als verdammt gut zu segeln oder verdammt gute Gründe zu haben, warum sie es nicht tut. Surcouf würde sogar einem Transportkahn Beine machen.«
»Du hast also Vertrauen zu Surcouf?«
»Na, ich habe ihn ja schließlich erlebt, ich fahre nicht zum ersten Mal unter ihm. Mit der Confiance haben wir den Engländern ganz schön heimgeleuchtet. Ha, dem haben wir es gezeigt, dem armen John Bull!«
»Kannst du mir nicht ein paar eurer Streiche erzählen, Kamerad?«
»Ha, du musst nur sagen, welche.«
»Nur zu, ich lausche dir.«
»Warten Sie, ich nehme mir erst einen neuen Priem«, sagte der alte Seemann, und er widmete sich dieser Handlung mit aller gebotenen Aufmerksamkeit, schenkte sich daraufhin ein Gläschen Branntwein ein, das er auf einen Zug leerte, hustete zweimal feierlich und begann zu erzählen:
»Wir kreuzten also in den Gewässern der Insel Ceylon; unsere Kampagne hatte unter schlechten Vorzeichen begonnen: Als wir uns vor der Antilleninsel Saint-Anne segelfertig machten, kenterte eine Pirogge, und drei Männer wurden von Haien zerrissen; in diesen Gewässern bleibt niemand lange im Wasser, man wird sofort gefressen.
Wir befanden uns östlich von Ceylon und kreuzten von der malaiischen Küste zur Küste von Koromandel über den Golf von Bengalen; dort hatten wir so ungeahntes Glück, dass wir es kaum fassen konnten; in nicht einmal einem Monat kaperten wir sechs prachtvolle Schiffe, jedes einzelne reich beladen und bedeutend, die miteinander an die fünfhundert Tonnen ausmachten.
Nachdem wir unsere Prisen verschifft hatten, bestand unsere Mannschaft aus einhundertdreißig verschworenen Kameraden. Mit einem Schiff wie der Confiance und einem Kapitän wie Surcouf durften wir hoffen, noch weitere glänzende Fänge zu tun.
Hin und wieder begegneten wir englischen Kreuzern mit Oberwerk, und vor denen mussten wir die Flucht ergreifen, was unsere Eitelkeit kränkte, aber die Confiance war so schnell, dass wir trotz allem stolz darauf waren, wie flugs wir den Engländern entkamen. So steuerten wir seit ungefähr einer Woche von Küste zu Küste, ohne auf Beute zu stoßen, als eines Morgens der Ruf erscholclass="underline" ›Schiff in Sicht!‹
›Und wo?‹, rief Surcouf, der den Ruf in seiner Kabine gehört hatte und an Deck eilte.
›Ein dickes, fettes Schiff?‹
›Fett genug, dass die Confiance es nicht auf einmal verschlingen kann.‹
›Umso besser! Welchen Kurs hält es?‹
›Schwierig zu entscheiden, es hat alle Segel gesetzt.‹<
Sofort richteten sich alle Fernrohe und alle Augen auf die angegebene Stelle, und wahrhaftig sah man eine hohe, unbewegliche Pyramide, deren Weiße durch den dichten Nebel leuchtete, denn in jenen Gewässern kriecht der Nebel nachts von den Bergen herunter und bedeckt noch am Morgen alles, was sich in Ufernähe befindet.
›Das kann genauso gut ein Schiff mit Oberwerk sein wie ein Handelsschiff der französischen Ostindienkompanie. Wenn es ein Kriegsschiff ist – pah, dann werden wir uns eben amüsieren, aber wenn es ein Handelsschiff ist, dann werden wir es kapern.‹<
Keine zwei Seemeilen trennten uns von unserem Ziel, und obwohl es unter den gegebenen Umständen einigermaßen schwierig war, abzuschätzen, um welche Art Schiff es sich tatsächlich handelte, begannen wir mit der Beobachtung -«
Doch in diesem Augenblick wurde geklopft, und man teilte ihnen mit, dass der Tisch gedeckt sei und das Essen sie erwarte. So groß das Vergnügen der beiden neuen Gefährten am Erzählen und Zuhören sein mochte, stärker war die Zauberwirkung dieser Worte, denn beide erhoben sich unverzüglich und vertagten die Fortsetzung des Berichts auf einen späteren Zeitpunkt.
51
Die falschen Engländer
Um ihren Gast nicht zu stören, hatte Madame Leroux, mehr als besänftigt durch die Handvoll Gold, die sie in seinen Fingern hatte funkeln sehen, das Abendessen in einem Nachbarzimmer auftragen lassen. Es ließ sich kein einladenderer Anblick denken als der des gedeckten Tischs mit den Austern, den drei Gläsern verschiedener Form neben den Gedecken, dem blitzenden Silberbesteck und den zwei Flaschen Chablis, beide bereits entkorkt. Der alte Seemann blieb an der Tür stehen und betrachtete den herrlichen Anblick mit wohlgefälligem Lachen.
»Ha!«, sagte er, »wenn Sie sich in der Hoffnung einschiffen, an Bord jeden Tag so fürstlich zu leben, dann täuschen Sie sich, mein junger Freund. Die Kost ist nicht zu verachten bei Surcouf, aber trockene Bohnen sind da eher an der Tagesordnung als gebratene Hühner.«