Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Die Offiziere kamen herbei.
»Diese Mädchenhand«, fuhr Surcouf fort, »hat soeben jene Achtundvierzigerkugel über meinen Kopf hinweg nach dort draußen geschleudert.«
Renés Hand, die in Surcoufs kräftigen Händen wie eine Frauenhand gewirkt hatte, sah zwischen Kernochs riesigen Pranken wie eine Kinderhand aus.
»Kapitän«, sagte Kernoch, »Sie halten uns wohl zum Besten; soll das vielleicht eine Hand sein?« Und mit einer verächtlichen Geste brutaler Kraft gegenüber augenscheinlicher Schwäche stieß er Renés Hand von sich.
Surcouf streckte die Hand aus, um Kernoch Einhalt zu gebieten, doch René kam ihm zuvor und sagte: »Kapitän, gestatten Sie?«
»Nur zu, mein Junge, nur zu«, sagte Surcouf, der wie alle überlegenen Geister das Unerwartete begrüßte.
Und René sprang über die Querstange des Fensters hinweg in den Garten.
Nicht weit von der Kugel, die René geworfen hatte, lag eine zweite Kugel gleicher Größe, mit der Surcouf wohl Gewichtheben geübt hatte.
René legte die eine Kugel auf seine Handfläche, legte dann die zweite Kugel im Gleichgewicht auf die erste und trug beide zum Fenster; dort angekommen, nahm er in jede Hand eine Kugel, sprang unter der Querstange hindurch in das Zimmer und trat zu Kernoch, dem er eine Kugel reichte. »Ein Fass Apfelwein für die Mannschaft«, sagte er, »zu Ehren desjenigen, der die Kugel am weitesten wirft.«
René hatte sich seiner selbstgestellten Aufgabe mit so viel Anmut und Leichtigkeit unterzogen, dass mehrere der Offiziere die Kugeln betasteten, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich aus Eisen waren.
»Ha! Kernoch, alter Freund, das ist ein Vorschlag, den du kaum zurückweisen wirst.«
»Ganz gewiss nicht«, sagte Kernoch, »und vorausgesetzt, mein Schutzpatron, der heilige Jakob, lässt mich nicht im Stich...«
»Bitte sehr«, sagte René zu dem bretonischen Hünen.
Kernoch richtete sich auf, sammelte alle Körperkraft in seinem rechten Bein und rechten Arm, dann schnellten beide wie Federn zurück, die Kugel sauste durch das Fenster, fiel draußen in einer Entfernung von zehn Schritten zu Boden und rollte noch ein paar Schritte weiter.
»So viel vermag ein Mensch«, sagte Kernoch, »mehr kann nur der Teufel.«
»Ich bin nicht der Teufel, Monsieur Kernoch«, sagte René, »aber ich glaube Grund zu der Annahme zu haben, dass Sie es sein werden, der das Fass für die Mannschaft ausgibt.«
René begnügte sich damit, mehrmals mit dem Arm auszuholen, bevor er beim dritten Mal die Kugel warf, die ein paar Schritte hinter Kernochs Kugel zu Boden fiel und noch etwa zehn Schritte weit rollte.
Surcouf stieß einen Freudenruf aus, Kernoch einen Laut des Zorns. Alle anderen waren sprachlos vor Staunen; allerdings erbleichte René nach diesem Wurf erschreckend und musste am Kaminsims Halt suchen.
Surcouf sah ihn besorgt an, sprang zu einem Schränkchen, holte die umflochtene Flasche mit Branntwein heraus, die er bei Gefechten quer über Brust und Schulter umgehängt trug, und bot sie René an.
»Danke«, sagte dieser, »ich trinke nie geistige Getränke.«
Daraufhin trat er zu einer Wasserkaraffe, die mit einem Glas und etwas Zucker auf einem Tablett stand, goss ein wenig Wasser in das Glas und trank es. Sogleich kehrte das Lächeln auf seine Lippen und das Rot in seine Wangen zurück.
»Willst du deine Revanche, Kernoch?«, fragte ein junger Leutnant zur See.
»Meiner Treu, nein!«, erwiderte Kernoch.
»Kann ich Ihnen einen anderen Gefallen tun?«, fragte René.
»Jawohl!«, sagte Kernoch. »Machen Sie das Kreuzeszeichen.«
René musste lächeln; er bekreuzigte sich und sagte dazu die Worte: »Ich glaube an Gott den Herrn, den Allmächtigen, Schöpfer von Himmel und Erde.«
»Meine Herren«, sagte Surcouf, »lassen Sie mich jetzt bitte mit diesem jungen Mann allein.«
Alle zogen sich zurück, Kernoch brummend, die anderen lachend.
René, der mit Surcouf allein zurückblieb, war wieder so ruhig und bescheiden wie vorher. Ein anderer hätte vielleicht auf den Sieg angespielt, den er soeben errungen hatte, er jedoch wartete ruhig darauf, dass Surcouf das Wort an ihn richtete.
»Monsieur«, sagte dieser lachend, »ich weiß nicht, ob Sie noch andere Fertigkeiten besitzen als die, welche Sie mir vorgeführt haben, aber ein Mann, der so springen kann wie Sie und mit einer Hand eine Achtundvierzigerkugel wirft, wird auf einem Schiff wie dem meinen immer gebraucht. Was sind Ihre Bedingungen?«
»Eine Hängematte an Bord, Verpflegung wie an Bord üblich und das Recht, mich für Frankreich töten zu lassen, das ist alles, was ich verlange, Monsieur.«
»Mein lieber Freund«, sagte Surcouf, »ich bin es gewohnt, die Dienste, die man mir leistet, zu bezahlen.«
»Aber ein Seemann, der noch nie auf dem Meer war, ein Seemann, der sich auf sein Gewerbe nicht versteht, kann Ihnen keinerlei Dienst leisten, sondern im Gegenteil leisten Sie ihm einen Dienst, indem Sie ihm sein Gewerbe beibringen.«
»Meine Mannschaft erhält ein Drittel meiner Prisen; wären Sie einverstanden, in meinen Dienst zu treten zu den Bedingungen, die für meine besten und für meine schlechtesten Matrosen gelten?«
»Nein, Kapitän, denn Ihre Matrosen müssten mir zu Recht vorwerfen, dass ich Geld einstecke, das mir nicht zusteht, da ich nichts kann und alles lernen muss. In sechs Monaten können wir dieses Gespräch führen, wenn es Ihnen recht ist; bis dahin sollten wir es auf sich beruhen lassen.«
»Aber mein Lieber«, sagte Surcouf, »Sie werden doch nicht einzig und allein ein Athlet wie Milon von Kroton sein? Sind Sie vielleicht Jäger?«
»Die Jagd zählte zu den Vergnügungen meiner Jugend«, erwiderte René.
»Wenn Sie jagen, verstehen Sie sich auch auf Pistolen?«
»Wie jedermann.«
»Sie fechten?«
»Gut genug, um mich erstechen zu lassen.«
»Nun gut! An Bord haben wir drei ausgezeichnete Schützen und eine Rüstkammer, in der jedes Mitglied unserer Mannschaft zu den Zeiten, da es nicht auf Wache ist, nach Herzenslust mit Degen oder Säbel üben kann. Sie werden es halten wie die anderen und ihnen innerhalb von drei Monaten in nichts nachstehen.«
»Ich hoffe es«, sagte René.
»Dann bleibt nur noch die Frage Ihres Solds, und die werden wir nicht in sechs Monaten klären, sondern über dem Abendessen, denn ich hoffe, Sie werden mir nicht abschlagen, heute Abend mit mir zu speisen.«
»Oh, Kapitän, ich danke Ihnen für die Ehre.«
»Wollen Sie unterdessen unseren Pistolenschützen zusehen? Kernoch und Bléas sind gegeneinander angetreten, und da sie gleichwertige Kombattanten sind, wird die Sache so bald nicht entschieden sein.«
Surcouf führte Roland zu dem zweiten Fenster. Von dort aus sah man im Garten eine gusseiserne Schießscheibe in einer Entfernung von fünfundzwanzig Schritt, mit einem senkrechten Kreidestrich in der Mitte markiert.
Die zwei Seemänner setzten ihren Wettkampf fort, ohne sich um die Neuankömmlinge zu scheren; bei jedem Treffer applaudierten die Zuschauer.
Kernoch und Bleás waren gute, wenn auch nicht herausragende Schützen.
René applaudierte mit den anderen.
Kernoch traf den Kreidestrich, und René rief: »Bravo!«
Kernoch, der René noch immer verübelte, dass dieser ihn besiegt hatte, nahm Bléas wortlos die Pistole aus der Hand und reichte sie René.
»Was soll ich damit anstellen, Monsieur?«, fragte René.
»Vorhin haben Sie uns Ihre Körperkraft bewiesen«, sagte Kernoch, »und ich hoffe, Sie werden sich jetzt nicht zieren, Ihre Geschicklichkeit zu beweisen.«
»Oh, Monsieur, mit Vergnügen. Sie lassen mir wenig Chancen, da Sie die Linie getroffen haben, doch ich sehe, dass Ihre Kugel rechts ein wenig mehr übersteht als links.«
»Und?«, fragte Kernoch.
»Und«, sagte René, »ich will versuchen, den Kreidestrich genau in der Mitte zu treffen!«