Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Die Gewissensbisse, die jetzt bei Sarah an Stelle ihrer bisherigen Ehrsucht getreten waren, erschwerten Seyton seine Aufgabe außerordentlich. Jetzt beruhte all seine Hoffnung darauf, daß Sarah nicht bloß ihn, sondern auch sich selbst täusche, und daß ihr Stolz sich wieder regen würde, sobald sich ihr das so heiß ersehnte Diadem zeigte.
»Schwester,« sagte er mit feierlicher Betonung, »du siehst mich in einer höchst peinlichen Situation ... ich wiederhole dir, ein Wort aus meinem Munde kann dir Leben oder Tod geben.« – »Und ich, Bruder, habe dir gesagt, daß es für mich keine Erregungen mehr geben kann.« – »Auch nicht, wenn es sich um deine – Tochter handeln sollte?« – »Meine Tochter?« wiederholte Sarah; »du weißt doch, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilt.« –
»Wer sagt es?« rief Seyton – »und nun angenommen, es wäre nicht der Fall, sondern deine Tochter noch am Leben?« – »Bruder, mehre nicht meine Gewissenspein noch! Sie ist ohnehin kaum zu ertragen.« – »Und doch muß ich dir sagen, Schwester, wir haben mit diesem Falle zu rechnen! Laß dir sagen, daß deine Tochter lebt! daß sie durch Rudolf dem Tode entrissen worden – und nun sage du mir, wie du dich in diesem Falle zu Verhalten gedenkst.«
»Was faselst du, Tom? Das Mädchen, dem ich einst das Leben gab, weilt längst nicht mehr unter den Lebenden.« – »Und ich sage dir, Schwester, daß du im Irrtume bist ... Draußen im andern Zimmer steht der Fürst, in Gesellschaft eines Geistlichen und zweier Freunde von mir. Ich versichere dich, du stehst der endlichen Erfüllung deines heißen Wunsches näher denn je! Die Prophezeiung, die dich so lange genarrt hat, soll sich erfüllen, Sarah! Du sollst zur Fürstin, zur Großherzogin erhoben werden!«
Während er dieses sagte, hatte er keinen Blick von seiner Schwester gelassen, hatte ängstlich gespäht nach irgend einem Zeichen einer ungewöhnlichen Erregung; zu seiner nicht geringen Verwunderung erlitten aber Sarahs Züge nicht die geringste Veränderung. Sie legte nur beide Hände auf die Herzgrube, lehnte sich in ihrem Sessel zurück, unterdrückte einen leichten Aufschrei, der ihm durch einen jähen starken Schmerz abgerungen zu werden schien ... Dann aber gewann ihr Gesicht die alte Ruhe wieder ...
»Schwester,« fragte er besorgt, »was ist dir?« – »O, nichts! nichts! Mich droht nur die jähe Freude, endlich das Ziel meines langen Sehnens zu erreichen, zu ersticken., Bruder, es ist zuviel, das zu ertragen.« – »So habe ich mich,« dachte Thomas bei sich, »doch nicht getäuscht; ihre Ehrsucht packt sie wieder, sie ist gerettet!« Dann trat er dicht vor sie hin und fragte: »Nun, Schwester, was soll ich ihm sagen?«
»Du hast recht gehabt, Tom,« antwortete sie, die Gedanken, die den Bruder beschlichen, erratend, mit herbem Lächeln: »Noch einmal hat Ehrsucht die Mutterliebe ertötet, die sich in meinem Herzen zu regen begann.« – »Du wirst leben, Sarah, und – lieben, wenigstens doch deine Tochter lieben!« – »Daß ich leben werde, Tom, daran zweifle ich nicht; sieh doch nur, wie ruhig ich bin.« – »Erzwungen ist diese Ruhe nicht?« fragte er lauernd. – »Wie sollte sie es sein? Traust du mir hierzu noch Kraft genug zu?« Nach einer Weile richtete sie sich in ihrem Bett auf ... »Sprich, Tom, wo ist der Fürst?« –
»Im Zimmer nebenan,« antwortete Tom. »Soll ich ihn rufen?« – »Ja,« sagte sie leise, »vor der Zeremonie, von der du redest, möchte ich ihn unter vier Augen sprechen.«
– »Im Ernst, Schwester?« – »Gewiß, im Ernst, Tom,« erwiderte sie, »und meine Tochter – weilt sie auch hier?«
– »Nein! Doch sollst du sie später sehen.« – »Schön! Mir auch recht! Zeit bleibt ja noch,« antwortete Sarah, »so laß den Fürsten hereintreten!« – »Schwester, aber deine Miene ...« – »O, verlangst du etwa, daß ich lachen solle? Meinst du, gesättigte Ehrsucht sähe sanft und rosig aus? Ich sage dir, laß ihn hereintreten, den Fürsten!«
Die eigentümliche Ruhe seiner Schwester machte Tom unruhig. Einen Augenblick war es ihm vorgekommen, als ob Tränen in ihren Augen flimmerten. Zögernd stand er eine Weile. Dann schritt er zur Tür zurück und verschwand.
»Jetzt bin ich zufrieden,« sprach Sarah bei sich, als sie allein war, »wenn es mir bloß vergönnt werden sollte, meine Tochter zu sehen und zu umarmen. Es wird wahrscheinlich seine Schwierigkeiten haben. Aber ich denke doch, daß Rudolf sich bestimmen lassen wird, mich dieser hohen Gunst teilhaftig werden zu lassen ... O, ich wills an nichts fehlen lassen, ihn dazu zu bestimmen! ... Doch still, da kommt er!«
Rudolf trat über die Schwelle und schloß die Tür hinter sich ... »Sie haben aus Ihres Bruders Munde vernommen, um was es sich handelt?« fragte er kalt und schroff. – »Ja.« – »Ihr Ehrgeiz ist befriedigt?« – »Ja.« – »Nun, der Geistliche ist zur Stelle, und die Zeugen auch.« – »Ich weiß es.« – »Sollen die Herren eintreten?«
»Ein Wort vorher ...« – »Nun?« – »Ich möchte meine Tochter einmal sehen.« – »Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen lassen.« – »Rudolf, ich bitte darum, bitte inständig darum!« – »Das Kind hat sich von den letzten Aufregungen, die auf sie eingestürmt sind, noch nicht erholt. Erst heute morgen hat sie wieder eine starke Gemütserregung gehabt, und eine solche Begegnung könnte für sie vom größten Verderben sein.«
»Sie wird doch ihrer Mutter einen Kuß geben dürfen?« – »Wozu das?« antwortete Rudolf, abweisend; »was fragt Ihr Herz danach, wenn es seinen Ehrgeiz befriedigt weiß?« – »Noch ist dies nicht der Fall,« versetzte Sarah, »sondern soll erst geschehen... und wird erst geschehen, wenn ich meine Tochter habe küssen dürfen.« Rudolf maß die Gräfin mit einem Blicke hellster Verwunderung ... »Wie? Sie stellten Mutterliebe der Ehrsucht voran?« fragte er. – »Erschreckt Sie das?« fragte Sarah. – »Zum wenigsten muß es mich wunder nehmen,« sagte er, »denn ich kannte Sie von dieser Seite noch nicht.« – »Antworten Sie mir kurz und bündig, Fürst: werde ich mein Kind sehen dürfen oder nicht?« – »Ich bin außer –«
»Sehen Sie sich vor, Fürst,« fiel Sarah ihm ins Wort, »die Augenblicke möchten gezählt sein. Mein Bruder sagte mir eben noch, solche Erregung könne mein Tod sein, könne mich vielleicht auch retten. Sie sehen, daß ich momentan all meine Kräfte zusammenraffe – und sie tun mir wahrlich not, um gegen die Gemütsbewegung anzukämpfen, die solche Entdeckung hervorrufen muß ... Entweder ich darf meine Tochter sehen und küssen,« rief sie fest und bestimmt, »oder ich verzichte darauf, Ihnen angetraut zu werden. Im letzteren Falle bleibt auf Ihrem und meinem Kinde der Schimpf, ein Bastard zu sein, eben haften.«
»Das Kind ist nicht da,« erwiderte Rudolf, »ich müßte es also erst holen lassen ...« – »Nun, dann lassen Sie sie holen! Auf der Stelle!« erwiderte Sarah, sich aufrichtend. »Sobald ich sie gesehen habe, werde ich in alles willigen, was Sie von mir begehren. Aber, wie schon einmal gesagt, die Augenblicke dürften gezählt sein, drum mag, während man meine Tochter abholt, die Vermählung vor sich gehen.«
»Obgleich dieses Gefühl bei Ihnen mich überrascht, will ich Ihnen doch zu Willen sein. Also gut! Sie sollen Marie sehen – ich werde ihr schreiben.« – »Hier, an dem Schreibtisch, bitte, wo ich verwundet wurde.« – Während Rudolf eilig ein paar Worte zu Papier brachte, trocknete die Gräfin die Stirn, auf der kalter Schweiß perlte. Ihre bis dahin starren Züge verrieten ein verborgnes, heftiges Leiden. Es sah aus, als wirke es beruhigend auf sie, daß sie sich nun keinen Zwang mehr anzutun brauchte.
Rudolf war mit dem Schreiben fertig, stand auf und sagte zu Sarah: »Ich lasse den Brief durch einen Adjutanten meiner Tochter bringen. In einer halben Stunde kann sie hier sein. Soll ich den Geistlichen und die Zeugen herbeirufen?« – »Meinetwegen – aber klingeln Sie doch lieber, statt mich allein zu lassen. Schicken Sie Sir Walter. Er kann ja den Pfarrer und die Zeugen holen.«