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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Sie werden kommen. Als ich von Hause wegging, waren sie schon fort –«

»So werden sie sich gewiß einfinden; Pipelet ist ja pünktlich wie eine Uhr. – Aber um auf meine Heirat und Herrn Rudolf zurückzukommen. Denken Sie sich, Luise, daß er meinem Germain durch mich den Freilassungsbefehl zustellen ließ ... O, Sie können sich unsre Freude gar nicht ausmalen, als wir das verwünschte Gefängnis hinter uns hatten. In meinem Stübchen angelangt, machte ich uns ein Mittagbrot zurecht – o, Germain hat gar tüchtig dabei zugreifen müssen – aber der größte Feinschmecker hätte sich die Finger danach geleckt, das dürfen Sie mir glauben: Koteletten gabs und Schoten und Mohrrüben dazu, und hinterher einen Reisauflauf mit Himbeersauce, und dann feinen Roquefort als Nachtisch – ich sage Ihnen, es wäre gar kein Wein dazu nötig gewesen, aber Germain ließ es sich nicht nehmen, eine feine Pulle Rotspohn dazu vom nächsten Weinhändler zu holen! Aber wie es dann ans Essen gehen sollte, ja prosit Mahlzeit! Da schnürte uns beiden die Freude die Kehle zu, daß wir kaum einen Bissen herunterbringen konnten. Wenigstens hats eine ganze Weile gedauert, bis uns Zunge und Gaumen parieren wollten. Als wir mit vieler Mühe fertig geworden waren, ging mein Germain fort mit dem heiligen Versprechen, am andern Tage in aller Frühe wieder bei mir zu sein. Ich war schon vor fünf Uhr am Gange und bei meiner Arbeit, denn ich hatte doch ganze zwei Tage versäumt. Da pochte es auf einmal. Ich gucke auf die Uhr. Es ist gerade acht. Ich renne zur Tür, in der Meinung, Germain sei es. Und wer steht da? Herr Rudolf! Natürlich dankte ich ihm aus meines Herzens tiefstem Grunde unverzüglich für alles Gute und Liebe, was er meinem Germain angetan, aber er ließ mich nicht lange schwatzen, sondern sagte: »Meine herzliebe Nachbarin, Germain wird sicher bald da sein, und sobald er Ihnen den ersten Kuß gestohlen, geben Sie ihm hier den Brief. Dann setzen Sie sich beide in einen Fiaker und fahren nach Bouqueval hinaus. Es ist ein kleines Dorf an der Straße nach Ecouen, zwischen Ecouen und Saint-Denis. Fragen Sie in Bouqueval nach der Frau Georges. Es kann Ihnen jedes Kind im Dorfe sagen, wo sie wohnt. Und nun wünsche ich Ihnen eine recht vergnügte Fahrt und in Bouqueval die froheste Zeit!«

Drittes Kapitel.

Was Germain und Lachtaube draußen ln Bouqueval hörten und fanden.

Die junge Frau – fast hätte ich mich selber an ihr wieder versündigt und hätte sie Lachtaube genannt – machte eine kleine Pause. Sie schien sich an der Neugierde ihrer Freundin zu werden und sie gern ein wenig warten zu lassen – lange aber konnte sie dem Drange zu erzählen selbst nicht widerstehen und begann wieder: »Ich sagte Herrn Rudolf, es möchte doch Wohl ein Tag noch drüber hingehen, bis wir würden fahren können, denn es läge mir gar zuviel Arbeit auf dem Halse. Aber da sagte er: »Nicht doch, das geht auf keinen Fall, meine liebe, kleine Nachbarin. Packen Sie sich meinetwegen Ihre Arbeit zusammen und machen Sie sie draußen in Bouqueval fertig. Ich weiß, Frau Germain hat selbst Arbeit über Arbeit für Sie. Vielleicht hilft sie Ihnen bei Ihrer Arbeit, damit Sie recht bald mit der andern auch fertig werden... . Und nun leben Sie recht wohl, meine kleine Herzensfreundin, und machen Sie sich, wie gesagt, gleich auf den Weg, sobald Ihr kleiner Germain da ist.« – Ich sagte zu ihm: »Nun, da müssen wir freilich fahren, Herr Nachbar, aber danken darf ich Ihnen doch wenigstens für Ihre erneute Liebenswürdigkeit?« – Er sagte, dawider hätte er nichts einzuwenden; und so reichte ich ihm die Wange zum Kusse; aber der liebe Herr fackelte nicht lange, sondern drehte mir das Gesicht herum und gab mir einen derben, gar derben Schmatz auf den Mund ... und dann war er auf einmal zur Tür hinaus!« Lachtaube lachte, und unter Lachen fuhr sie fort: »Ich mußte ihm herzlich hinterher lachen, und als bald darauf mein lieber Germain hereinkam, erzählte ich ihm alles, und er sagte: »Herr Rudolf, liebes Kind, macht uns kein X für ein U, darauf verlaß dich, und wenn er es uns so dringend macht, nach dem kleinen Dorfe hinaus zu fahren, dann dürfen wir keinesfalls säumen! Also gesagt, getan! Wir setzten uns in einen Fiaker und fuhren fidel und guter Dinge die Straße nach Saint-Denis zu ... Sie können sich gar nicht vorstellen, in welcher glücklichen Stimmung wir diese Fahrt gemacht haben! Denken Sie nur, den krassen Unterschied zwischen der herrlichen Gottesnatur und dem Gefängniskasten, in welchem tags vorher noch mein lieber Germain schmachten mußte! Und die schlechten Subjekte, mit denen er zusammen die gleiche Luft hatte atmen müssen! Aber – unser Glück während der Fahrt war noch gar nichts im Vergleich zu dem Empfange draußen in Bouqueval. O, noch jetzt treten mir Tränen in die Augen, wenn ich daran denke ... Was soll ich Ihnen viel erzählen, liebe, gute Freundin? Ich brauche Ihnen ja bloß eines zu sagen: Denken Sie sich, mein Germain ist der einzige Sohn der lieben, braven Frau Germain! Und Sie sind jahre-, jahrelang – ach! was sage ich! fast das ganze Leben lang durch widrige Schicksale getrennt voneinander gewesen, und keiner hat vom andern auch nur ein Sterbenswörtchen zu hören bekommen, geschweige daß sie einander je einmal gesehen hätten!«

»Was?« rief Luise und schlug in heller Verwunderung die Hände über dem Kopfe zusammen ... »Was sagen Sie? Frau Georges ist Germains Mutter? Germain ist ..« – »Nun ja doch,« fiel ihr Lachtaube ins Wort, »wenn sie seine Mutter ist, dann muß er schon ihr Sohn sein! Und so ist's auch, meine liebe Freundin! Mein Germain ist ihr als kleines Kind geraubt worden, und sie hat gar nicht mehr gehofft, ihn noch je einmal wiederzusehen! Können Sie sich vorstellen, wie selig die beiden Menschen waren, als sie einander in den Armen lagen? Und als Frau Georges ihren »Jungen« abgeherzt und abgeküßt hatte – ich dachte wirklich schon, es würde überhaupt kein Ende haben! – da kam ich an die Reihe ... und Herr Rudolf muß der lieben Frau wohl recht viel Gutes und Liebes von mir geschrieben haben, denn als sie mich herzte und küßte, da sagte sie, sie wisse recht gut, was ich alles ihrem Jungen zuliebe getan! – »Und wenn du nichts dawider hast, Mütterchen,« sagte da Germain, »dann hast du heute nicht bloß deinen Jungen wiedergefunden, sondern hast auch eine Tochter dazu bekommen.« – Und Frau Georges rief: »Ach, Kinder, was könnte mich glücklicher machen, als in euch ein glückliches Paar zu sehen? Weiß ich doch, mein Herzensjunge, daß du in ganz Frankreich keine bessere, hübschere und gütigere Frau finden könntest, als sie hier vor mir steht!« Und nun wohnen wir draußen in Bouqueval, in dem freundlichen Dörfchen, auf dem hübschen Landgute, Germain und seine Mutter und ich – und meine Vögelchen habe ich auch hinausbringen lassen, die armen Tierchen mochten ohne mich wirklich gar nicht zurechtkommen! Eigentlich ist ja das Leben auf dem Lande nicht gerade meine Passion. Ich bin nun einmal eine richtige Pariser Landratte; aber mir sind die Tage doch vergangen, schnell wie ein Traum; ich arbeitete nur zu meinem Vergnügen, ging unserer lieben Mutter in allem zur Hand, ging mit meinem Germain fleißig spazieren – und endlich wurde unsere Hochzeit auf gestern vor vierzehn Tagen festgesetzt. Wer kam den zweiten Tag vorher in einem schönen Wagen an? Ein großer, dicker, kahlköpfiger Herr, der recht gutmütig aussah und mir von Herrn Rudolf ein Hochzeitsgeschenk brachte, denken Sie sich, Luise, einen Kasten von Rosenholz, auf dem auf blauem Porzellan die Worte in goldnen Buchstaben standen: »Arbeit und Ehrlichkeit, Liebe und Glück.« Ich mache den Kasten auf und was finde ich darin? Kleine Spitzenhäubchen wie die, welche ich trage, Kleiderzeuge, Schmucksachen, Handschuhe, einen Langschal und einen großen Schal, kurz es war ein Feenmärchen.«

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