Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Es war Mittfasten, und wir geleiten den Leser nach Bicêtre, jener großen Anstalt, wo Geisteskranke behandelt werden, die auch als Heimstätte für sieben- bis achthundert arme Invaliden gilt, wenn sie das siebzigste Jahr erreicht haben oder an schweren Gebrechen leiden; auch werden die zum Tode Verurteilten hierher gebracht.
In einem Abteil dieses Hauses sahen die beiden Weiber Martial, die Witwe und deren Tochter, dem Tage ihrer Hinrichtung entgegen. Nur einen Tag noch durften sie leben. Sie hatten weder um Begnadigung bitten, noch Berufung einlegen mögen ... Niklas, das Skelett und andere Missetäter waren am Tage vor ihrer Abführung nach Bicêtre glücklich aus La Force entkommen.
Der Frühling war zeitig eingetreten; die Ulmen und Linden bedeckten sich bereits mit jungen grünen Blättern; die Rasenplätze und Beete schmückten sich bereits mit Schneeglöckchen und Primeln; die Sonne vergoldete den glitzernden Gartensand; die in grauen Röcken umherwandernden oder auf Bänken sitzenden Invaliden plauderten und ihre frohen Gesichter kündeten Seelenruhe und glückliche Sorglosigkeit.
Es hatte 11 Uhr geschlagen, als zwei Fiaker am äußern Gittertore anhielten; aus dem ersten stiegen Frau Georges, Germain und Lachtaube, aus dem zweiten Luise Morel mit ihrer Mutter.
Germain und Lachtaube waren seit vierzehn Tagen ein glückliches Paar. Aus dem blühenden Gesichte der jungen Frau, deren Lippen sich nur öffneten, um zu lachen, oder Frau Georges zu küssen, die sie Mutter nannte, strahlte die herrlichste Frohlaune, das reinste Glück.
Germains Züge verrieten ein ruhigeres Glück, in das sich neben selbstbewußtem Stolze ein Gefühl innigen Dankes für das gute mutige Mädchen mischte, das ihm so erquickenden Trost in das Gefängnis gebracht hatte. Lachtaube aber schien hieran längst nicht mehr zu denken. Sobald Germain das Gespräch hierauf brachte, sprach sie sogleich von etwas anderem, weil, wie sie meinte, diese Erinnerungen sie traurig stimmten. Ob sie gleich nun Madame Germain war und Rudolf sie mit einer Mitgift von 40 000 Franks ausgestattet, hatte Lachtaube doch mit Einwilligung ihres Mannes ihr Grisettenhäubchen nicht mit einem Hute vertauschen mögen, und allerdings kam die Bescheidenheit der unschuldigen Koketterie niemals besser zu statten, denn nichts konnte anmutiger und eleganter sein als ihr Häubchen mit Barben, das an jeder Seite mit zwei großen orange Schleifen ausgeputzt war, die das glänzende Schwarz ihres schönen Haares noch mehr hervorhoben, das sie in langen Locken trug, seit ihr Zeit genug blieb, sich Lockenwickel zu drehen. Ein reichgestickter Kragen umgab den reizenden Hals der jungen Frau. Ein persischer Schal von derselben Farbe wie die Häubchenbänder verhüllte halb ihre zierliche Taille: das hoch hinaufreichende Taffetkleid warf, trotzdem sie für gewöhnlich kein Korsett trug, nicht die kleinste Falte.
Frau Georges betrachtete mit glückstrahlender Miene ihren Sohn und sein Lachtäubchen: ihr Herz schwamm gleichsam in Wonne.
Luise Morel war nach einem eingehenden Untersuchungsverfahren von der wider sie erhobenen Anklage freigesprochen worden. Auf ihrem Gesicht lag freilich noch die Spur der überstandenen Haft recht deutlich ausgeprägt, aber die liebliche Milde ihres ganzen Wesens kam schon wieder zum wohlwenden Vorschein. Die Mutter, die sich in ihrer Begleitung nach Bicêtre begeben hatte, war zufolge der durch Rudolfs Freigebigkeit ihr zuteil gewordenen sorgsamen Pflege vollständig wieder gesundet.
Der Hauswart fragte Frau Georges, was sie hier suche, und als sie sagte, daß sie von einem der Irrenärzte – dem Doktor Herbin – auf halb zwölf Uhr mit den in ihrer Begleitung befindlichen Personen herbestellt worden sei, wurde ihr freigestellt, ob sie bis zu der festgesetzten Zeit auf dem Hofe verweilen oder ins Wartezimmer eintreten wolle. Sie entschied sich für das erstere, und ging, auf ihres Sohnes Arm gestützt, in lebhafter Unterhaltung mit der Frau des armen Steinschneiders auf und ab. In gemessenem Abstände von ihnen schritten Luise und Lachtaube hinterher.
Zweites Kapitel.
Was Lachtaube Luisen zu erzählen hatte
»Ach, wie mich das freut, liebe Luise, wieder einmal mit Ihnen zusammen zu sein!« sagte Lachtaube; »als wir von Bouqueval her an dem Hause vorbeikamen, wo Sie wohnen, wollte ich schon hinaufgehen und nach Ihnen fragen, aber mein lieber Germain litt es nicht, weil es zu hoch sei. Deshalb habe ich unten im Fiaker gewartet. Da wir nun aber vorausfuhren, – ich weiß nicht, weshalb es von meinem Manne so bestimmt wurde, – habe ich Sie erst wieder hier gesehen.«
»O, mein liebes, liebes Lachtäubchen,« antwortete Luise, »ich denke immer noch daran, in welch herzlicher Weise Sie mir in Saint-Lazare Trost zusprachen. Sie haben wirklich ein zu edles Gemüt!«
»Vor allem andern, meine liebe Freundin,« antwortete Lachtaube lustig, in der Absicht, weiteren Dankesworten die Möglichkeit abzuschneiden, »bin ich jetzt kein Fräulein Lachtaube mehr, sondern die Frau Germain! Verstehen Sie? In aller Form Rechtens verehelicht seit nun beinahe vierzehn vollen Tagen! Ich weiß ja nicht, ob Ihnen das bisher böhmische Dörfer gewesen, aber – Sie müssen mir schon erlauben, streng auf den Titel zu halten, der mir zufolge dieser bürgerlichen und kirchlichen Zeremonie zusteht.«
»O, gewiß habe ich gewußt, daß sie Herrn Germains Frau geworden sind,« antwortete Luise, »aber daß ich Ihnen für das mir erwiesene Gute als der lieben, trauten Lachtaube danke, das dürfen Sie mir wirklich nicht übelnehmen!«
»Nun, meinetwegen,« sagte mit schelmischem Lachen die junge Frau, wieder in der Absicht, die Gedanken ihrer Freundin auf ein anderes Gebiet zu lenken, »daß wir aber uns so schnell nur haben verheiraten können, weil Herr Rudolf das Füllhorn seiner Güte über uns ausgeschüttet hat, das wissen Sie doch vielleicht noch nicht? O, denken Sie nur, nicht bloß eine sichere Lebensstellung hat er meinem Manne verschafft, sondern mir eine wunderschöne Ausstattung gekauft, eine Ausstattung, deren sich keine Patriziertochter zu schämen brauchte, und außerdem mir sogar noch 40 000 Franks Heiratsgut gestiftet! O, der liebe, liebe Herr Rudolf ist uns allen wirklich und wahrhaftig ein gütiger Engel gewesen!«
»Ach, wir segnen Herrn Rudolf jeden Tag. – Als ich Saint-Lazare verließ, sagte mir der Advokat, der mich in seinem Auftrage aufsuchte, um mir Mut einzusprechen und mich mit Rat und Tat zu unterstützen, Herr Ferrand« – die Unglückliche konnte den Namen nicht ohne Zittern und Beben aussprechen – »sei durch Herrn Rudolf veranlaßt worden, mir und meinem Vater eine Rente auszusetzen als Sühne für die Schlechtigkeiten, die er an meinem armen Vater und mir verübt hat. Mein Vater ist leider noch immer hier, aber es geht, Gott sei Dank, täglich besser mit ihm.«
»Er wird heute mit Ihnen nach Paris zurückkehren, wenn die Hoffnung des würdigen Herrn Herbin – des Abteilungsarztes, auf den wir hier warten, in Erfüllung geht.« –»Gebe es Gott!«
»Gott wird es wohl machen, Freundin! – Ihr Vater ist ja so gut und so rechtschaffen! Ich bin überzeugt, daß er mit uns nach Hause fahren darf. Der Arzt ist der Meinung, daß die unerwartete Anwesenheit der Personen, welche Ihr Vater vor seiner Krankheit täglich sah, seine Heilung vollenden werde.«
»Ich wage nicht, es zu glauben, mein liebes Fräulein.«
»Frau – wenn ich bitten darf, Luise – Frau Germain. Um aber wieder auf meine Rede zurückzukommen, Sie wissen wohl nicht, wer Herr Rudolf ist?«
»Er ist die Vorsehung der Unglücklichen.«
»In erster Linie ja, aber dann? – Das wissen Sie nicht! Nun, ich will es Ihnen sagen.«
Lachtaube wendete sich darauf an ihren Mann, der mit seiner Mutter ein paar Schritte vor ihr herging und mit der Frau des Steinschneiders sprach: »Gehe nicht so schnell, lieber Mann, unsere Mutter wird ja müde und dann – habe ich dich auch lieber in der Nähe –« Germain drehte sich um, ging etwas langsamer und lächelte seiner jungen Frau zu. »Wie allerliebst mein Germain ist! Nicht wahr, Luise? – Er hat etwas Nobles an sich – und eine so schöne Taille als meine anderen Nachbarn, Giraudeau, der Reiseonkel und Cabrion! Ach, über Cabrion fällt mir ein, wo steckt denn Herr Pipelet mit seiner Frau? Der Arzt sagte doch, sie kämen auch, weil Ihr Vater sehr oft von ihnen gesprochen hätte?«