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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Rudolf klingelte. Eine Dienerin Sarahs erschien. »Mein Bruder soll Sir Walter Murph herschicken,« befahl die Gräfin. – die Dienerin ging. – »Solch eine Vermählung ist etwas Trauriges, Rudolf,« sagte die Gräfin bitter, »Wenigstens für mich, Sie können ihr mit Ruhe entgegensehen.« – Der Fürst machte eine Handbewegung. – »Sie werden nachher so glücklich sein wie vorher,« fuhr die Gräfin fort, »denn ich werde die Trauung nicht überleben.«

Murph erschien. – »Lieber Freund,« sagte Rudolf zu ihm, »schicke doch gleich durch den Obersten den Brief hier an meine Tochter. Ich lasse bitten, daß er sie in meinem Wagen hierher bringe. Der Geistliche und die Zeugen sollen in das Nebenzimmer treten.«

»Ach, Gott im Himmel!« flüsterte Sarah, als wenn sie betete, »erhalte mir doch nur so viel Kraft noch, daß ich sie sehen kann. Laß mich nicht sterben, ehe sie kommt!« – »Warum sind Sie nicht allzeit eine so gute Mutter gewesen?« fragte Rudolf. – »Dank Ihnen fühle ich nun doch wenigstens Reue,« antwortete Sarah. »Ich habe dank Ihnen jetzt die Kraft, ein Opfer darzubringen. Ich habe durch Sie gelernt, mich selbst zu verleugnen. Eben, als mein Bruder mir sagte, unsere Tochter lebe – unsere Tochter! nicht lange mehr werde ich das sagen können! – da fühlte ich ein schreckliches Weh im Herzen, fühlte den Tod nahen, bezwang mich aber und fühle mich nun glücklich, nachdem ich es überwunden habe ... Meine Tochter soll in die Rechte ihrer Geburt eingesetzt werden. Jetzt sterbe ich frohen Herzens.«

»Sprechen Sie doch nicht so!« – »O doch,« versetzte sie, »diesmal täusche ich mich nicht, Rudolf ... Sie werden sehen! Sie werden sehen!« – »Und auch den alten Ehrgeiz so ganz überwunden?« fragte Rudolf; »warum kommt Ihre Reue so spät?« – »Wohl kommt sie spät,« antwortete Sarah, »aber sie ist auch tief und echt, wie Sie mir glauben dürfen ... In diesem feierlichen Augenblicke danke ich meinem Schöpfer, daß er mich hinwegnimmt, weil Ihnen mein Leben zu einer so furchtbaren Last geworden ist.« –

»Sarah!« rief Rudolf. – »Eine letzte Bitte, Rudolf,« sagte Sarah, seine Hand nehmend. – Das Gesicht abwendend, lieh Rudolf ihr die Hand. Sie griff hastig zu und hielt die Hand fest umschlossen. – »O, wie kalt sind Ihre Hände!« rief Rudolf, von einem Schauder geschüttelt. – »Ja, Rudolf, der Tod naht sich mir, und vielleicht soll es meine Strafe sein, daß ich mein Kind nicht wiedersehe.«

»Gott – wird durch Ihre Reue – sich erweichen lassen,« sagte Rudolf stockend. – »Stimmt meine Reue Sie weicher?« fragte Sarah, »gewähren Sie mir Verzeihung? Werden Sie mir in Gegenwart meiner Tochter – vorausgesetzt, daß sie noch zurzeit kommen sollte – sagen, daß Sie mir verzeihen? oder wollen Sie es nicht tun, weil Sie befürchten, sie könnte dadurch erfahren, welch schwere Schuld ich auf mich geladen habe? Aber was kann es Ihnen ausmachen, ob sie mich haßt oder liebt, wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile?«

»Machen Sie sich keine unnützen Gedanken, Gräfin,« erwiderte Rudolf, »denn aus meinem Munde soll unser Kind nichts über seine Mutter erfahren.« – »So verzeihen Sie mir, Rudolf, verzeihen Sie mir!« bat Sarah, »bin ich nicht schon unglücklich genug? Sie können so unbarmherzig nicht sein!« – »Nun, denn, Sarah! Möge Gott Ihnen alles, was Sie an Ihrem Kinde Böses getan, verzeihen! Gleichwie ich Ihnen vergebe, was Sie mir getan, Sie – Unglückliche!«

Mit einer Regung von Freude und Dank drückte Sarah Rudolfs Hand an die zitternden Lippen und bat ihn, den Geistlichen und die Zeugen hereinzurufen, da sie sich am Ende ihrer Kräfte fühlte.

Nun folgte eine ergreifende Szene: Mit Murph und Graun, als Rudolfs Trauzeugen, erschien der Geistliche, während als Zeugen für Gräfin Sarah der Herzog von Lucenay und Lord Douglas erschienen. Als letzter folgte Thomas Seyton. Nun wurde durch Baron von Graun der Ehevertrag zwischen Seiner königlichen Hoheit Gustav Rudolf, regierendem Großherzog von Gerolstein, und Sarah Seyton von Halesbury, Gräfin Mac Gregor – zum Zwecke der Legitimation ihrer Tochter Marie – abgefaßt, vorgelesen und durch die beiden Gatten und ihre Zeugen unterschrieben.

So reuig auch Gräfin Sarah sich gestimmt fühlte, funkelte doch noch einmal brennender Stolz aus ihren Augen, als der Geistliche mit feierlicher Stimme an Rudolf die Frage richtete: »Wollen Ew. königliche Hoheit Madame Sarah Seyton von Halesbury, Gräfin Mac Gregor, als eheliches Gemahl annehmen?« und der Fürst mit lauter, fester Stimme sein »Ja!« sprach. Ein flüchtiger Ausdruck stolzen Triumphes zog über ihre Züge, – der letzte Blitz des Ehrgeizes, der mit ihr starb.

Während dieser traurigen und imposanten Zeremonie fiel zwischen den Anwesenden kein Wort. Als sie beendigt war, verbeugten sich die Zeugen Sarahs, Herzog von Lucenay und Lord Douglas, tief vor dem Fürsten und entfernten sich. Auf einen Wink Rudolfs folgten ihnen Murph und Baron von Graun ... »Bruder,« sagte Sarah leise, »bitte den Geistlichen, dich in das Nebenzimmer zu begleiten und dort einen Augenblick zu verweilen!«

»Wie geht es dir, Schwester?« fragte Tom, »du bist recht bleich!« – »O, nun bleibe ich sicher noch am Leben!« erwiderte sie mit verbittertem Lächeln, »bin ich denn nun nicht Großherzogin von Gerolstein?« Und als sie mit Rudolf allein war, flüsterte sie mit ersterbender Stimme, während ihre Züge sich gräßlich veränderten: »Mit meinen – Kräften – gehts zur Neige – ich fühle, daß ich sterben muß – ich werde – mein Kind – nicht mehr sehen.«

»Sarah, fassen Sie sich! Sie werden Ihre Tochter doch noch – sehen,« antwortete Rudolf. – »Ich habe keine Hoffnung mehr,« antwortete Sarah, »meine Augen werden matt – O, es bedurfte einer – übermenschlichen Kraft, dies – alles – zu überwinden.« – »Raffen Sie sich auf, Sarah, in wenigen Minuten –« – »Nein, Rudolf,« antwortete sie, »Gott will mir – diesen – letzten Trost nicht – spenden!«

»Sarah!« rief Rudolf, »hören Sie doch! Ein Wagen fährt vor! Sie kommt, sie kommt, Ihre Tochter!« – Die Gräfin zitterte heftig ... »Rudolf!« bat sie, »Sie – werden ihr – nicht sagen, welch böse, böse Mutter ich ihr war?« Sie sprach die Worte langsam, sehr langsam, und sprach sie leise, unzusammenhängend, und ihre Augen wurden immer starrer, immer glasiger ... Rudolf beugte sich über sie, um ihre letzten Worte zu hören... »Meine Tochter soll – mir – verzeihen – wenn auch – sie mir nicht – vor Augen – treten kann – Verzeihen – nach dem Tode – meine Ehre – mein Rang er–«

Es waren ihre letzten Worte... Die fixe Idee, die sie ihr ganzes Leben geleitet hatte, fand sich bei ihr, all ihrer Reue ungeachtet, noch im Augenblick ihres Verscheidens wieder ein!

Da erschien Murph im Zimmer . »Königliche Hoheit,« meldete er, »die Prinzessin Marie...«

»Nein,« befahl Rudolf fest und bestimmt, »sie darf jetzt nicht eintreten! – Der Anblick eignet sich für ihr junges Herz nicht! – Murph, befiehl Seyton, den Geistlichen noch einmal zu holen!« – Und auf Sarahs todbleiches Gesicht zeigend, setzte er hinzu: »Gott versagt ihr den letzten Trost, ihr Kind zu sehen!«

Noch eine halbe Stunde gänzlicher Bewußtlosigkeit ... dann hatte Gräfin Sarah Mac Gregor, im letzten Augenblick vorm Verscheiden zur Großherzogin von Gerolstein erhoben, zu leben aufgehört.

Elfter Teil

Erstes Kapitel.

Im Bicêtre

Vierzehn Tage waren vergangen, seit Rudolf durch die Vermählung mit Gräfin Sarah Mac Gregor, Marie, sein mit ihr gezeugtes Kind, legitimiert hatte.

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