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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Nun, da sehen Sie, wie es zu Ihrem Glück gewesen, daß Sie – so gut, so fleißig waren.«

»Liebe Luise, mich trifft dabei wohl kaum ein Verdienst, denn ich habe dabei gar nichts getan – es fand sich eben ganz von selbst, und das war für mich um so besser. Aber hören Sie nur weiter, ich bin noch nicht fertig. Ganz unten, auf dem Boden des schönen Kästchens, finde ich ein reizendes Portefeuille mit der Aufschrift: »Der Nachbar seiner Nachbarin«. Was finde ich drin? Zwei Päckchen – eins für Germain, eins für mich; in dem für Germain ein Papier, das ihn zum Direktor einer Volksbank mit 4000 Franks Gehalt ernannte, und in dem für mich bestimmten Paketchen eine Anweisung von 40 000 Franks! Das sollte meine Mitgift sein. Ich wollte es gar nicht annehmen, aber unser Mütterchen, das mit dem großen kahlköpfigen Herrn und Germain gesprochen hatte, sagte zu mir: »Kind, Du kannst und mußt das Geschenk annehmen; es ist der Lohn für deine Rechtschaffenheit, deinen Fleiß und deine Aufopferung für die Unglücklichen; denn du mußtest dir, auf die Gefahr hin, krank zu werden und so deine Existenz zu verlieren, die Zeit, um deinen unglücklichen Freunden Trost zu bringen, vom Schlafe abringen!«

»Ja, das ist wahr,« fiel Luise ein, »darin tuts Ihnen niemand gleich, liebe Frau Germain.«

»Ich sagte nun dem großen kahlköpfigen Herrn, was ich getan, hätte ich gern und mit Vergnügen getan, und er antwortete: »Das bleibt sich gleich, Herr Rudolf ist reich, das Geschenk, das er Ihnen sendet, ist ein Zeichen seiner Achtung und Freundschaft, und es würde ihm höchst schmerzlich sein, wenn sie es ablehnen wollten; übrigens wird er sich persönlich zu Ihrer Hochzeit einfinden, und würde Ihnen – darauf verlassen Sie sich – schön die Leviten lesen, wenn Sie mich mit einem Korbe zu ihm zurückschicken wollten.«

»Es ist doch eine schöne Sache, reich zu sein, liebe Freundin!« sagte Luise, »aber noch schöner, daß es noch immer so edle Menschen gibt, wie diesen Herrn Rudolf, die von ihrem Reichtum einen so schönen und vornehmen Gebrauch machen.« – »O, Herr Rudolf muß wohl ein steinreicher Herr sein, sonst könnte er doch nicht Geld in so reichem Maße verschenken! Aber wenn Sie erst wissen, liebe Freundin, wer dieser Herr Rudolf eigentlich ist, dann würden Sie vielleicht nicht so sehr staunen über seinen Reichtum als über seine Leutseligkeit, über seinen wahrhaftigen Edelsinn! Und diesen Herrn habe ich sogar Pakete tragen lassen, als wir zusammen Einkäufe im Magazin machten! Doch Geduld, Freundin, Geduld! Sie werden gleich hören, wie alles zugegangen ist! Am Tage vor der Hochzeit, abends zu sehr später Stunde, kam der alte große Herr mit der Glatze und dem gutmütigen Gesicht wieder. Herr Rudolf, sagte er, würde nun leider doch nicht kommen können, er aber sollte seine Stelle vertreten, Herr Rudolf sei nicht recht auf dem Posten ... und da erst haben wir erfahren, Luise, wer Herr Rudolf ist ... Denken Sie sich, Ihr und unser aller Wohltäter ist – nun, was meinen Sie? – O, Sie würden es nie erraten! Nein, im ganzen Leben nicht, darauf können Sie Gift nehmen! Herr Rudolf ist ein Fürst, ein regierender Fürst, ein Fürst von Gottes Gnaden!«

»Was sagen Sie da, Frau Germain? ... Ein Fürst?« – »O, noch viel, viel was Höheres! Nicht bloß ein regierender Fürst, sondern ein regierender Großherzog mit dem Titeclass="underline" Königliche Hoheit! Germain hat mir gesagt, was man darunter zu verstehen hat! Und sein Land und seine Residenz hat er über dem Rheine in Deutschland!« – »Wirklich und wahrhaftig, Frau Germain?« – »Wirklich und wahrhaftig, Luise! O, und ich hatte ihm zugemutet, mir meine Stube neu zu bohnern!« – »Aber ich denke, er hat sich als Dekorationsmaler bei der Frau Pipelet eingeschrieben?« – »Ja doch, ja doch! Aber trotz alledem ist er ein Fürst, nein kein Fürst, sondern ein Großherzog, einer, der den Titel Königliche Hoheit führt!« – »O, deswegen konnte er also so außerordentlich viel Gutes stiften!« rief Luise. –

Viertes Kapitel.

Im Palais des fünften Rudolf

»Sie können sich denken, Luise, wie verwirrt mich diese Nachricht gemacht hat, und daß ich mich dann natürlich nicht mehr getraut habe, die Mitgift auszuschlagen, die er mir so gütig spendete! Nun, vor vierzehn Tagen also sind wir getraut worden, und vor etwa acht Tagen ließ uns Herr Rudolf sagen, wir beide, mein Mann und ich, möchten mit unserer Mutter, der Frau Georges, ihm einen Besuch machen. Und da haben wir uns natürlich gleich auf den Weg gemacht. Mir hat – das können Sie sich wohl denken – das Herz gewaltig geklopft, als wir in der Rue Plumet ankamen und in einen herrlichen Palast eintraten, durch eine ganze Reihe von Sälen geführt wurden, in denen es von betreßten Dienern, von Herren in Fracks, mit silbernen Ketten am Halse und Degen an der Seite, schier wimmelte. Auch Offiziere in Uniform habe ich gesehen, und Gold über Gold, so daß man schier geblendet wurde! Endlich kamen wir in ein großes Zimmer, an dessen Wänden Bücher über Bücher standen, und dort saß vor einem großen, herrlichen Schreibtische der alte, große Herr mit der Glatze und dem gutmütigen Gesicht, und um ihn herum standen und saßen allerhand Herren in Uniform, alte und junge, und als wir eintraten, stand der alte, große Herr mit der Glatze auf, nahm die Frau Georges bei der Hand und führte uns in ein anderes großes Zimmer, wo wir Herrn Rudolf, ich meine, den regierenden Herrn Großherzog, erblickten. O, der war aber ganz schlicht gekleidet und sah so lieb, so schlicht, so herzensgut aus, und gar nicht stolz – wie es Fürsten und Könige doch immer sein sollen – sondern ganz wieder so, wie wir ihn immer gesehen hatten – so daß ich gleich wieder Mut faßte und daran dachte, wie er mir aus dem Magazine die Pakete getragen hatte ...«

»Sie haben sich wirklich gar nicht gefürchtet?« fragte Luise, »ach! ich – ich hätte am ganzen Leibe gezittert!« – »Nein, liebe Freundin, mir hat's gar nichts ausgemacht ... Zumal er gar gütig gegen Frau Georges war und Germain die Hand reichte und lächelnd zu mir sagte: »Nun, liebe Nachbarin, wie geht es denn Ihrem Papa Cretu und Ramonette? – (So heißen nämlich meine beiden Vögelchen.) Auch an sie sogar dachte er! – »Die singen doch,« fuhr er fort, »mit Germain jetzt um die Wette?« – »Ja, gnädigster Herr – unsere Mutter, Frau Georges, hatte unterwegs zu mir gesagt, wir müßten ihn gnädigster Herr oder königliche Hoheit nennen – ja, gnädigster Herr, wir sind sehr glücklich und freuen uns unseres Glückes noch weit mehr, weil wir es Ihnen verdanken.« – »Nicht mir, mein Kind, sondern Ihren und Germains Tugenden haben Sie zu verdanken, was Sie Ihr Glück nennen« – und so sprach er noch vieles, was ich aber lieber übergehe, weil es sonst leicht scheinen möchte, als ob ich mich selbst loben wollte. – Endlich mußten wir den guten Herrn verlassen, aber wir taten es mit recht schwerem Herzen, denn wir werden ihn nicht wiedersehen. Er sagte, er würde nach wenigen Tagen nach Deutschland zurückkehren, vielleicht ist er schon fort; aber mag er hier sein oder dort, wir werden immer an ihn denken.«

»Wie glücklich müssen sich die Untertanen solches Herrschers fühlen!«

»Ja, wenn man denkt, was er uns, die wir ihm doch fremd sind, Gutes getan! Noch vergaß ich Ihnen zu sagen, daß in Bouqueval ein recht gutes, braves Mädchen gewohnt hat, die auch – und zu ihrem Glück – Herrn Rudolf kennen lernte; aber unsere Mutter hatte mir verboten, ihrer gegen den Fürsten Erwähnung zu tun, ich weiß nicht warum, wahrscheinlich weil er es nicht gern hört, daß man von seinen Wohltaten spricht. – Das liebe Mädchen – unter den Leuten, die sie früher beherbergten, hieß sie die Schalldirne – hat übrigens ihre Eltern wiedergefunden, die sie weit, weit mit sich fortgenommen haben. Es tut mir recht, recht leid, daß ich nicht von ihr Abschied habe nehmen können.

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