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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Wie gut,« sprach die Marquise jetzt zu Murph, »daß wir das liebe Kind nicht gleich mit heraufnahmen! Ein so ergreifender Auftritt hätte leicht die allerschlimmsten Folgen haben können!« – »Gewiß, gnädige Frau,« pflichtete Murph bei, »es war ein glücklicher Gedanke von Ihnen, sie unten zu lassen!« –

Die Marquise wandte sich wieder zu dem Fürsten, der eine Weile, wie abwesend, vor sich hingestiert hatte. – »Ich konnte doch nicht wissen, königliche Hoheit, ob Sie sich ihr zu erkennen geben wollten, und ohne von Ihnen dazu ermächtigt zu sein, sie Ihnen zuzuführen, durfte ich es doch nicht wagen ...«

Es gelang Rudolf, seine Erregung niederzukämpfen. Sein Gesicht hatte einen fast ruhigen Ausdruck wiedergefunden, und sich zusammenraffend, erwiderte er: »Frau Marquise, ich bin jetzt Herr meiner selbst, und will meine Tochter sehen. Murph,« wandte er sich an den treuesten seiner Freunde, »bitte, hole mir mein Kind!« – Der Ton, den er auf diese beiden letzten Worte: Mein Kind! legte, klang in innigstem Empfinden.

Clemence fragte ihn, ob auch wirklich für ihn selbst nichts zu befürchten sein möchte? – »O, keine Sorge! keine Sorge!« erwiderte er, »ich kenne die Gefahr, der ich mein Kind aussetzen möchte, wenn ich nicht vollständig Herr über mich wäre! Glauben Sie mir, ich werde wissen, mich zu bemeistern, um sie zu schonen! Also bitte, Murph, geh hinunter und hole sie!«

»Ja, gnädige Frau Marquise,« sagte nun seinerseits Murph, der seinen Herrn und Freund die letzte Zeit über aufmerksam beobachtet hatte, »wir dürfen sie heraufholen. Königliche Hoheit wird sich zu beherrschen wissen. Wir brauchen nichts zu befürchten. Ich hole sie. Sie kann jetzt kommen.«

»Eile, eile, guter Murph!« rief ihm der Fürst nach. – »Gewiß, Hoheit, ganz gewiß,« versetzte der wackre Diener, »aber um ein paar Minuten Verzug muß ich jetzt doch auch für mich bitten,« – und dabei fuhr er sich mit der Hand über die Augen – »ich möchte sie lieber nicht sehen lassen, daß auch mir die Tränen nahe gewesen sind.« –

»Biedre Seele!« sagte der Fürst, Murph die Hand drückend.

»Und nun, Hoheit,« sagte Murph, »nun gehe ich! Jetzt bin auch ich Herr über mich. Aber gleich einer büßenden Magdalene durch die Räume zu schleichen, hätte sich doch kaum für mich geschickt!« – Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg, blieb aber an der Tür noch einmal stehen und sagte: »Aber – aber – was soll ich ihr denn nun sagen?« – »Ja, was soll er zu ihr sagen?« fragte der Fürst die Marquise. – »Weiter nichts, als daß Herr Rudolf sie zu sehen wünscht – das genügt nach meiner Ansicht. » – »Sie haben recht. Herr – Rudolf wünsche sie zu sehen. Weiter nichts. Nun geh.«

»Das ist sicherlich das beste, was man ihr sagen kann,« meinte der Squire. »Wenn ich ihr einfach sage, Herr Rudolf wünsche sie zu sehen, so kann sie sich dabei nichts Besonderes denken. Sie wird nichts ahnen und nichts erwarten. Ja, es ist das Klügste so.« – Doch noch immer rührte Murph sich nicht von der Stelle.

»Sir Walter,« sagte Clemence lächelnd zu ihm, »Sie fürchten sich doch nicht etwa –?« – »Sie haben recht, Frau Marquise,« antwortete der Squire, »so alt ich bin, so kann ich mich doch einer gewissen Rührung noch immer nicht erwehren.« – »Lieber Freund, nimm dich in Acht,« sagte der Fürst zu ihm. »Wenn du deiner Sache noch nicht gewiß bist, so warte lieber noch einen Augenblick!«

»Jetzt bin ich fertig,« sagte der Squire, nachdem er sich mit seinen herkulischen Fäusten über die Augen gefahren war. »In meinem Alter ist solch eine Schwäche wirklich albern – fürchten Sie nichts, königliche Hoheit.« Und festen Schrittes ging er hinaus.

Es folgte eine Pause. Clemence fiel nun ein, daß sie sich in Rudolfs Wohnung befände und allein mit ihm sei. Tiefe Röte bedeckte ihre Wangen. Der Fürst trat zu ihr und sagte, ein wenig beklommen:

»Wenn ich diesen Tag wähle, diesen Augenblick dazu benutze, Ihnen ein Herzensgeständnis abzulegen, so wird die Feierlichkeit von Tag und Augenblick den Ernst meiner Worte noch erhöhen. Seit ich Sie gesehen habe, liebe ich Sie. Solange ich diese Liebe verbergen mußte, habe ich sie für mich behalten. Jetzt aber sind Sie frei – Sie haben mir meine Tochter wiedergegeben, wollen Sie nun deren Mutter sein?«

»Königliche Hoheit!« rief Clemence. »Was sind das für Worte – zu mir – zu mir –?!« – »Ja, zu Ihnen, Clemence, und ich beschwöre Sie, schlagen Sie meine Bitte nicht ab. Lassen Sie diesen Tag entscheiden über das Glück meines ganzen Lebens!«

Auch Clemence liebte den Fürsten längst mit Leidenschaft. Sie glaubte zu träumen. Sein Geständnis, so schlicht ausgesprochen, und doch so ernst und innig, beglückte sie im höchsten Maße, und zögernd antwortete sie: »Ich muß Sie, Hoheit, an den Abstand erinnern, der uns trennt, an die Interessen Ihres fürstlichen Hauses –«

»Denken Sie vor allem an die Interessen meines Herzens und an die meiner Tochter!« unterbrach sie Rudolf, »und machen Sie uns beide glücklich – sie und mich! Machen Sie, daß ich, eben noch ohne Familie, sagen kann: Meine Gattin – mein Kind! daß das arme Wesen, bislang noch ohne Eltern, sagen kann: Mein Vater – meine Mutter – meine Schwester – denn Sie haben ja auch eine kleine Tochter, die dann auch mein Kind sein wird.«

»O, königliche Hoheit, gibt es auf so edle Worte eine andere Antwort als Tränen des Dankes?« erwiderte Clemence. Dann bezwang sie sich und setzte rasch hinzu: »Man kommt – es ist – Ihre Tochter.« – »Versagen Sie mir doch nicht die Erfüllung meiner Bitte!« sagte Rudolf mit bewegter Stimme. »Im Namen meiner Liebe! sagen Sie: unsere Tochter!« – »Nun denn,« antwortete Clemence flüsternd, »unsere Tochter.«

Im selben Augenblick öffnete Murph die Tür und führte Marienblume herein.

Zehntes Kapitel.

Vater und Tochter.

Das junge Mädchen, das an dem Portale des Palastes aus dem Wagen der Marquise gestiegen war, schritt jetzt an Murphs Hand durch ein erstes Vorzimmer, das von Dienern in großer Livree gefüllt war, dann durch ein Wartezimmer, wo sich die Kammerdiener aufhielten, dann durch den Vorsaal, wo der Huissier seinen Platz innehatte, endlich durch das große Gemach, das den Kammerherrn vom Dienste und den Adjutanten zum Aufenthalte diente.

Mag sich der Leser die Verwunderung, das Staunen der armen Schalldirne selber ausmalen, die keinen andern Glanz kannte als das bißchen Wohlstand, daß sie in der Meierei Bouqueval angetroffen hatte, und die sich jetzt in Zimmern sah, die von Gold und Spiegeln und den herrlichsten Gemälden geradezu strotzten!

Kaum wurden ihre Schritte hörbar, so eilte die Marquise ihr entgegen, nahm sie bei der Hand, schlang einen Arm um sie, wie um sie zu halten oder zu stützen, und führte sie zu Rudolf, der am Kamine stand und außerstande war, auch nur einen Schritt zu tun. Murph seinerseits retirierte, seiner ebenfalls recht unsicher, hinter einen der großen Fenstervorhänge.

Als Marienblümchen sich Angesichts des Mannes sah, in welchem sie nicht bloß ihren Retter aus höchster Not und Pein, sondern ihren »Gott« zu sehen meinte, zitterte sie am ganzen Leibe ... und doch sah sie, daß sein Auge mit stummer Wonne an ihr hing ...

»Fassen Sie sich ein Herz, mein teures Kind,« sagte die Marquise zu ihr, »und kommen Sie näher! Ihr Freund, Herr Rudolf, hat Sie mit Ungeduld erwartet, ist tiefbesorgt um Sie gewesen und preist jetzt den allgütigen Gott, daß er schirmend seine Hand über Ihnen gehalten hat.«

»Ja, die liebe Frau spricht wahr,« nahm Rudolf jetzt das Wort – doch auch seine Stimme bebte – und nicht bloß seine Stimme, sondern all seine Glieder bebten, »ja, die liebe Frau spricht wahr,« wiederholte er – und nach einer Weile, einer ziemlich langen Weile sprach er weiter: »ich danke ihm, dem gütigen Gott im Himmel droben, aus tiefstem Herzen, daß er Sie beschützt und mir wiedergegeben hat!« – Trotz seinem festen Vorsätze sah er sich gezwungen, das Gesicht abzuwenden denn die innere Bewegung drohte ihn zu überwältigen ...

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