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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Und außerstande, seine Bewegung länger zu verbergen, sank Fürst Rudolf neben dem Mädchen auf die Knie nieder und bedeckte es mit Tränen und Küssen ...

»Gelobt sei der liebe, liebe Gott!« rief Marie inbrünstig aus, die Hände wie zum Gebet faltend; »nun darf ich meinen Wohltäter so lieben, wie ich ihn immer, immer geliebt habe, so recht innig, so recht von ganzem Herzen! Mein Wohltäter, mein Vater! Ich darf ihn hinfort lieben und verehren wie das gütige Wesen, das aller Menschen Geschicke lenkt! Ich darf ihn verehren und lieben als den gütigen Hüter meines Lebens, der mich bewahrt hat vor dem schlimmsten Elend, vor der schrecklichsten Seelen- und Leibesnot! O du gütiger Gott, wie danke ich dir! wie danke ich dir!«

Aber die Erschütterung war zu stark für das kaum aus schwerer Krankheit genesene Mädchen. Sie hatte kaum das letzte Wort gesprochen, als sie in Ohnmacht sank. Der Fürst fing sie in seinen Armen auf, Murph rannte zur Zimmertür und riß sie auf ...

»David, David!« rief er, »auf der Stelle herein zu königlicher Hoheit! Auf der Stelle! Es ist schwere Gefahr im Verzuge!« »Wehe mir!« rief Rudolf, »Fluch über meine Ungebärdigkeit! Ich habe meine Tochter, mein kaum wiedergefundenes Kind in Todesgefahr gejagt!« Schluchzend sank er ihr zu Fußen und bedeckte sie wieder mit Küssen ... »Höre mich, Marie, mein Kind! Höre, denn dich ruft dein Vater! Vergib, vergib mir, ich konnte es nicht länger mit mir herumtragen, das schwere Geheimnis, konnte es nicht länger in meinem Herzen verschließen! Herrgott, Herrgott! Wie soll ich Ruhe finden, wenn ich sie in den Tod gejagt hätte!« »Königliche Hoheit, fassen Sie sich!« bat ihn Clemence, »ich meine nicht, daß Ernstliches zu befürchten sein dürfte ... sehen Sie doch, die Röte ist ja nicht von den Wangen geschwunden. Es ist nur eine leichte Ohnmacht, die sie umfangen hält.«

»Sie ist aber noch immer recht schwach,« erwiderte Rudolf, »und wird es doch vielleicht nicht überstehen! Und dann, dann wehe, wehe über mich!«

Da kam David, der Neger-Arzt, herbeigeeilt mit einem Kästchen voll Phiolen und einem Papiere, das er Murph behändigte.

»David, David,« rief der Fürst, »mein Kind, meine Tochter stirbt! Dir rettete ich einst das Leben. Trage nun deine Schuld ab und rette mein Kind!«

Der Arzt, höchlich verwundert über diese Rede seines Herrn und Gebieters, trat zu dem Mädchen, das in den Armen der Marquise ruhte, befühlte ihren Puls, legte die Hand auf ihre Stirn, drehte sich dann zu Rudolf herum, der bleich und erschrocken auf seinen Ausspruch wartete, und sagte: »Königliche Hoheit! Es ist keine Gefahr vorhanden – Sie dürfen beruhigt sein.« – »David! Sprichst du die Wahrheit?« – »Ein paar Tropfen Aether, königliche Hoheit, und der Anfall wird überwunden sein.« – »David, mein wackrer David, ich danke dir von ganzem Herzen, von ganzem Herzen!« Dann sich zu der Marquise wendend, sprach er weiter: »Clemence, sie lebt – unsre Tochter lebt! Unsre Marie wird uns erhalten bleiben!«

Inzwischen hatte Murph das Papier gelesen, das ihm von David beim Eintritt in die Hand gedrückt worden war. Heftig zusammenzuckend, blickte er den Fürsten entgeistert an ... »Ja, mein alter wackerer Murph,« wandte Rudolf sich zu ihm, »nicht lange mehr, und meine liebe Marie wird zur Frau Marquise von Harville Mutter sagen dürfen.«

Murph zitterte am ganzen Leibe ... »Königliche Hoheit,« sprach er, »die Nachricht von gestern bestätigt sich nicht.« – »Welche Nachricht?« fragte der Fürst gespannt. – »Daß Gräfin Sarah tot sei,« erwiderte stockend der schottische Squire, »es war nur eine heftige Krisis, auf die eine Ohnmacht folgte ... aber der Tod ist nicht eingetreten.«

»Was sprichst du? Die Gräfin ...«

»Der Arzt hofft, sie zu erretten,« erwiderte Murph, wieder mit stockender Stimme. – »O Gott! O Gott!« rief Rudolf, wie von einem Blitze getroffen. Frau von Harville sah ihn betroffen an.

David, mit Marien beschäftigt, sagte, zur Balkontür tretend und sie öffnend: »Es ist von keiner Gefahr mehr die Rede. Freie Luft wird ihr gut tun. Wir wollen den Sessel auf die Terrasse hinaus schaffen. Dann wird der Qhnmachtsanfall auf der Stelle gehoben sein.«

Murph riß die Tür auf, die auf den terrassenartigen Balkon hinausführte, und rollte zusammen mit dem Arzte den Sessel, auf dem Marie ruhte, hinaus.

Rudolf blieb mit Clemence allein.

Elftes Kapitel.

Aufopferung.

»O, meine Clemence,« rief Rudolf, sobald sich Murph mit David entfernt hatte, »Sie wissen wohl nicht, wer Gräfin Sarah ist, wenn Sie sie auch kennen? Sarah ist – Mariens Mutter.« – »Gerechter Gott!« rief Clemence. – »Und ich war der Meinung, der Tod habe sie hinweggerafft.« –

Eine lange Pause folgte. Frau von Harville wurde leichenblaß. Das Herz drohte ihr zu brechen.

»Sie wissen auch nicht,« sprach Rudolf mit maßloser Herbigkeit weiter, »daß dieses selbstische, ehrgeizige Weib, das mich nur meines Fürstenranges willen liebte, mich in meinen jungen Jahren zu einem ehelichen Bunde verleitet hat, der später wieder gelöst worden ist. Sarah, die sich nachmals wieder verheiraten wollte, hat all das Unglück, dessen Zeugen wir teilweis geworden, über ihr und mein unglückseliges Kind gebracht.«

»O, jetzt wird mir die Abneigung erklärlich, die Ihr Herz gegen sie beherrscht.« – »Nun werden Sie auch begreifen, warum Sarah Sie zweimal durch gemeine Verleumdung ins Unglück zu stürzen versucht hat ... In ihrem maßlosen Ehrgeize hat sie geglaubt, mich dazu zwingen zu können, daß ich sie wieder aufnehme – und um solchen Zwang auf mich auszuüben, war ihr jedes Mittel recht.«

»Ha! Ist das eine erbärmliche Intrige!« – »Und nun, Clemence, nun höre ich, daß der Tod sie verschont hat!« – »Königliche Hoheit, es ist Ihrer unwürdig, solchen Gedanken zu fassen,« sagte Clemence. – »O, meine Teure,« rief Rudolf, »Sie können sich nicht ausmalen, welch grenzenloses Leid dieses Weib über mich gebracht hat! Vernichtet sie mir nicht eben wieder den schönen Traum, meinem Kinde eine Mutter zu geben, die sich seiner mit wahrer Liebe angenommen hätte? O, dieses Weib ist ein Racheengel, der mich unablässig peinigt und verfolgt wie eine Furie des Altertums!«

»Trösten Sie sich, königliche Hoheit,« erwiderte Clemence, die Tränen abwischend, die sich in ihre Augen stahlen, »und lassen Sie nicht allen Mut sinken! denn Sie haben eine ernste, heilige Pflicht zu erfüllen. Eben sagten Sie ja noch, in einer edlen und gerechten Regung von Vaterliebe, daß Ihre Tochter hinfort ganz ebenso glücklich werden solle, wie sie bislang unglücklich gewesen sei; soll sich dieses Wort bewahrheiten, so ist es doch notwendig, daß Sie sie legitimieren, und wie soll dies anders geschehen können als durch eine offizielle Vermählung mit ihrer Mutter, also Gräfin Sarah!«

»Das wird nun und nimmer geschehen, denn ich belohnte ja dann den Eidbruch dieses schändlichen Weibes, hülfe ihrer Selbstsucht und ihrem Ehrgeize zur Befriedigung! Ich werde meine Tochter anerkennen, werde sie an Kindes Statt annehmen, werde sie Ihnen überantworten, denn ich bin überzeugt, daß sie bei Ihnen wahre Mutterliebe finden wird.«

»Nein, königliche Hoheit,« antwortete Clemence, »das können Sie nicht tun! Denn das hieße die Geburt Ihrer Tochter verschleiern! Gräfin Sarah entstammt einem alten Adelsgeschlecht. Eine eheliche Verbindung mit ihr entspricht zwar Ihrem Range nicht vollständig, immerhin ist sie nichts weniger als unehrenhaft ... Zwar wird Ihr Kind dadurch nicht legitim, aber die eheliche Geburt ist ihr nicht abzusprechen, sie wird sich, gleichviel welche Zukunft sie erwartet, immer getrost auf ihren Vater und ihre Mutter berufen können.«

»Aber Ihnen entsagen? Das kann ich nicht. – O, Sie können sich nicht denken, welches Glück mir das Leben im Bunde mit Ihnen und meiner Tochter, den beiden Wesen in der Welt, die ich allein liebe, in Aussicht stellt!«

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