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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Rudolf, fast noch mehr erbleichend als Murph, erwiderte: »Aber ich errate den Grund deiner Unruhe, deiner Blässe nicht ... diese Unterredung ... was für einen Grund hat sie? Was für einen Zweck soll sie haben?«

»Auf Ehre, königliche Hoheit,« sagte Murph, »ich erinnere mich weiterer Worte aus dem Munde der Marquise nicht. Was ich Ihnen davon wiedergesagt, hatte mich schon dermaßen erschüttert, daß ich kaum noch zu hören vermochte ... Den Grund meiner Erschütterung anzugeben ist mir ebensowenig möglich ... Aber, königliche Hoheit sind ja selber bleich geworden!« – »Ich bleich geworden?« wiederholte Rudolf, sich auf einen Stuhl stützend, denn seine Füße mochten ihn nicht mehr tragen. – »Jawohl,« versetzte Murph, »königliche Hoheit sind ebenso betroffen, ebenso bestürzt wie ich.«

»Und sollte es mein Tod sein, was mir die Marquise meldet,« erklärte Rudolf, »so lasse ich nichtsdestoweniger Frau von Harville um die Ehre Ihres sofortigen Besuches bitten.«

Neuntes Kapitel.

Fürst und Marquise.

Frau von Harville, der es, wie schon erwähnt, noch nicht bekannt war, daß Marienblümchen des Fürsten Rudolf Tochter sei, hatte in ihrer ersten Freude über die Auffindung derselben gemeint, sie ihm fast ohne alle Vorbereitung zuführen zu dürfen. Wenn sie das Mädchen hatte unten im Wagen sitzen lassen, war es nur aus dem Grunde geschehen, weil sie nicht wußte, ob Rudolf sich dem Mädchen bekannt geben und ob er sie bei sich aufnehmen wolle.

Als nun Clemence die außerordentliche Veränderung in Rudolfs Zügen wahrnahm, die düstere Verzweiflung, die sich darin ausprägte, ja als sie sogar Tränen in seinen Augen wahrzunehmen meinte, da konnte sie sich nicht verhehlen, daß ihr Freund von einem schweren Unglück heimgesucht worden sei, von einem Unglück, das ihm schwerer noch ankomme als der Tod des Mädchens. Darum vergaß sie den Grund, der sie zu ihm führte, und fragte: »Gerechter Gott, königliche Hoheit! Was ist Ihnen denn passiert?«

»Sollten Sie es nicht schon wissen, Marquise? O, alle Hoffnung ist abgeschnitten. Ihr Verlangen nach einer sofortigen Unterredung rief die Meinung in mir wach ...« – »Ach! Ich bitte darum im Namen meines Vaters, dem Sie einst das Leben retteten! Ich habe wohl aber ein Recht, Sie nach dem Grunde des Kummers zu fragen, der Ihr Herz zu beherrschen scheint ... Ihre Niedergeschlagenheit und Blässe erschrecken mich. Aus Mitleid mit meiner Angst, königliche Hoheit, sagen Sie mir, was Ihnen passiert ist!«

»Lassen Sie mich, Marquise, denn meine Wunde ist nicht heilbar.« – »O, wenn Sie wüßten, wie sehr Sie durch solche Reden meine Unruhe steigern! Wenn Sie mir Auskunft weigern, königliche Hoheit, bleibt mir nichts weiter übrig, als mich an Sir Walter Murph, Ihren Freund, zu wenden. Sagen Sie mir, Murph, ich beschwöre Sie, was ist's mit königlicher Hoheit?«

Da nahm Rudolf gelassen das Wort ... »O, Frau Marquise, nichts weiter ist mit mir vorgegangen, als daß ich, seit ich Ihnen das Abscheiden des Mädchens mitteilte, in Erfahrung gebracht habe, daß dieses Mädchen mein leibliches Kind, meine solange gesuchte Tochter ist.«

»Marienblume – Ihre Tochter?!« rief Clemence in einem Tone aus, der sich unmöglich schildern läßt.

»Ja, und als Sie mir sagen ließen, Sie wünschten mich sogleich zu sehen, um mir eine Nachricht zu bringen, die mich mit großer Freude erfüllen würde – bemitleiden Sie meine Schwachheit; aber ein Vater, den der Schmerz über den Verlust seines Kindes niederbeugt, ist jeder noch so törichten Hoffnung fähig – da glaubte ich einen Augenblick, daß – aber nein, nein, ich sehe es – daß ich mich geirrt hatte. – Verzeihen Sie mir, Frau Marquise, aber ich bin meiner Sinne kaum noch mächtig.«

Er sank auf einen Stuhl und verbarg das Gesicht mit den Händen.

Frau von Harville stand erstaunt und stumm da; sie konnte kein Glied rühren, wagte kaum zu atmen, gab sich bald einer entzückenden Freude, bald der Furcht vor den vielleicht schädlichen Folgen der Entdeckung hin, die sie dem Fürsten zu machen hatte, und dankte begeistert der Vorsehung, die sie – sie in den Stand gesetzt hatte, dem von ihr so hochgeschätzten, ja so innig geliebten Fürsten die Kunde bringen zu können, daß seine Tochter noch lebe, und daß sie ihm dieselbe zuführe! In dem Sturme so verschiedener Gefühle konnte sie keine Worte finden.

Murph, der einen Augenblick die Hoffnung des Fürsten geteilt hatte, war so niedergeschlagen wie dieser ... Da sank die Marquise, außerstande, ihrem innern Drange zu widerstehen, unbekümmert um Rudolfs und Murphs Anwesenheit, auf die Knie, faltete die Hände und rief im Gefühle inniger Dankbarkeit aus: »Gelobt seist Du, mein Gott! Ich erkenne Deinen allmächtigen Willen und danke Dir, denn Du hast mich erwählt, ihm anzuzeigen, daß seine Tochter gerettet ist.«

Murph und Rudolf hatten die Worte, ob sie gleich leise, wie in inbrünstigem Gebete, gesprochen worden waren, gehört; und der Fürst richtete rasch den Kopf empor, als Clemence sich wieder erhob ... Blick, Gebärde, Ausdruck seines Gesichtes, als er die Marquise ansah, lassen sich nicht beschreiben.

Die Marquise, in deren reizenden Zügen sich eine himmlische Freude malte, stützte sich mit der einen Hand auf den Marmor einer Konsole, hielt mit der andern den hochwallenden Busen nieder und antwortete durch ein bejahendes Nicken dem Blicke Rudolfs.

»Und – wo ist sie?« fragte der Fürst, zitternd wie ein Espenblatt. – »Unten in meinem Wagen.«

Hätte nicht Murph ihn zurückgehalten, so wäre der Fürst auf der Stelle vor das Haus gerannt.

»Königliche Hoheit, es wäre ja des Kindes sicherer Tod!« warf der schottische Squire ein. – Clemence ihrerseits bemerkte: »Sie befindet sich seit gestern im Stadium der Genesung: ich muß Sie beschwören, teurer Fürst, bloß jetzt keine Unvorsichtigkeit!«

Rudolf vermochte sich kaum zu beherrschen ... »Sie sprechen die Wahrheit,« sagte er nach einer Weile, »ich muß mich zur Ruhe zwingen, und Gott gebe es, daß ich es könne!« Er schritt ein paarmal in dem Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Murph stehen und sagte: »Gut! Ich will sie noch nicht sehen, sondern will warten, bis sich meine Aufregung gelegt haben wird. Aber, ich versichere dir, du mein einziger Freund, es geht fast über meine Kräfte ... es ist wirklich der Anstrengung zuviel für einen Tag!«.– Dann trat er zu der Marquise von Harville und reichte ihr die Hand ... »ich habe durch Sie, teuerste der Frauen, Vergebung gefunden von schwerer Sünde, und Sie, Sie Edle, sind es gewesen, die mir Vergebung vermittelten!«

»Königliche Hoheit,« antwortete nicht minder ergriffen die Marquise, »Sie haben mir den Vater wiedergegeben, und der allgütige Gott hat es in seiner Gnade gefügt, daß ich Ihnen Ihr Kind zuführte! Aber verzeihen Sie, edler Fürst, auch mir meine Schwäche, mich hat diese unvermutete Entdeckung aufs tiefste erschüttert. Ich muß Ihnen sagen, daß ich wohl kaum den Mut fände, unsre süße Marienblume herzuholen ... müßte ich doch fürchten, sie durch meine Aufregung, meine Unruhe aufs tiefste zu erschrecken!«

»Aber wie ihr die Rettung geworden, das können Sie mir doch sagen, Fürstin,« drang Rudolf in sie; »wer ist der Wackere gewesen, der sie errettete? – Da sehen Sie, wie undankbar ich bin! Nicht einmal diese Frage habe ich Ihnen bislang gestellt!« – »Ein tapferes Mädchen hat sie im Augenblicke des Ertrinkens aus der Seine gerissen!«

»Kennen Sie diese brave Person?« fragte der Fürst.

»Meines Wissens wird sie morgen hierher kommen.«

»Ich bin ihr zu unermeßlichem Danke verpflichtet,« rief der Fürst, »aber – ich werde alles tun, die Schuld, in der ich zu ihr stehe, wettzumachen.«

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