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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Nun, auf den Beinen sind Sie ja wieder,« versetzte die Wölfin, »und wie mein Mann mir sagte, hätte ich ja getan, was in meinen Kräften stand.« – »O, das ist freilich wahr! Ach, wenn mir nur der Herr Graf nun bald sagen könnte, daß mir an meine liebe Frau Georges zu schreiben erlaubt sei! Sie wird gewiß um mich recht besorgt sein ... Herr Rudolf vielleicht auch!« setzte sie hinzu, bei dem Gedanken an »ihren Gott«, an »ihr höchstes Wesen« unter tiefem Erröten die Augen niederschlagend, »vielleicht meinen beide, ich sei tot.«

»Gleich den bösen Menschen, die Sie ins Wasser stürzten?« meinte die Wölfin, »o, es ist doch wirklich haarsträubend, wieviel Schlechtigkeit in der Welt herrscht!« – »Sie meinen wirklich, ich sei keinem zufälligen Unglück ...« – »Ach, reden Sie bloß nicht so etwas, Kind! Es sollte ein Zufall sein, daß der Kahn, in dem Sie übergesetzt werden sollten, ein Loch bekam, so groß, daß man hätte hindurchspringen können? Freilich wollen sich die Martials drauf hinausreden; aber gelingen wirds ihnen nicht! Über wenn ich von den Martials rede, so meine ich nicht meinen Mann, denn er paßt nicht zu dieser Familie, er ist richtig, wie man sagt, aus der Art geschlagen, und auch Franz und Amandine gehören nicht zu den Bösewichtern – der Mutter, der ältesten Tochter und dem zweitältesten Sohne, dem Niklas.«

»Welches Interesse konnten sie aber an meinem Tode haben?« fragte Marienblume; »ich habe doch niemand im Leben Böses zugefügt!«

»Wie können Sie wissen, weshalb man Ihnen derart nachstellt? Wenn diese Martialschen beiden Bösewichten schlecht genug sind, jemand ins Wasser zu stürzen, so sind sie doch ganz gewiß nicht dumm genug, das zu tun, ohne dabei ein ordentliches Stück Geld zu verdienen! Beweis dafür, daß ich mich in dieser Hinsicht nicht auf falscher Fährte befinde, sind mir ein paar Worte, die die Witwe zu meinem Geliebten im Gefängnisse gesprochen hat.«

»So hat er wirklich die schreckliche Frau besucht?«

»Ja, und es besteht weder für sie, noch für ihre Tochter und ihren Sohn Niklas, irgend welche Hoffnung mehr. Es ist gar vieles entdeckt worden, und der Schuft von Niklas hat sogar, um sich frei zu machen, Mutter und Schwester noch eines anderen schweren Verbrechens denunziert! Aber ihn hats nicht frei machen können, sie werden vielmehr alle zusammen aufs Schafott steigen müssen. Der Advokat hat kein Tüttelchen Hoffnung mehr, sie durchzubringen. Es müsse einmal ein strenges Exempel statuiert werden, heißts bei der hohen Justiz diesmal.«

»Das ist ja schrecklich!« rief Marienblume, die Hände ringend, »fast eine ganze Familie!« – »Ja, falls Niklas nicht noch sich durch Flucht retten kann! Er ist im gleichen Gefängnisabteil wie ein anderer Bösewicht, der den Spitznamen Skelett führt und ein Komplott angezettelt hat, sich und seine Komplizen zu retten. Mein Mann ist nämlich so schwach gewesen, den Bruder im Stockhause zu besuchen. Dadurch hat der Niklas den Mut bekommen, meinem Manne bestellen zu lassen, er könne ausreißen, sobald es ihm gefiele, und ist sogar so frech gewesen, hinzuzusetzen, der alte Micou möge Geld und Kleider, die ihn unkenntlich machen sollen, bereit halten,«

»Ihr Mann hat eben auch ein gutes Herz!« sagte Marienblume.

»Gut Herz hin, gut Herz her, Schalldirne!« rief die Wölfin unwillig, »der Schinder soll mich holen, wenn ich es leide, daß mein Mann sich für einen, der Wegen Mordes angeklagt ist, auch nur den Finger naß macht, mag es gleich sein Bruder sein! Wenn Martial nicht anzeigt, daß sich die beiden, Skelett und Niklas, mit Gedanken, auszubrechen, tragen, so ist's schon vielmehr als sich eigentlich verantworten läßt ... Aber das kann im Grunde niemand erwarten, daß ein vernünftiger Mensch solche Gedanken für etwas anderes als Wind nimmt ... Zudem ziehen wir in den nächsten Tagen von hier weg, sobald Sie nur erst wieder ganz gesund sind, so daß Sie meiner Hilfe nicht länger bedürfen. Und ich will dann schon Sorge tragen, daß weder mein Mann noch die Kinder in den nächsten Jahren den Fuß wieder in diesen Sündenpfuhl von Paris setzen! Für Martial war es immer ein schreckliches Bewußtsein, als Sohn eines Mannes angesehen zu werden, der geköpft worden ist! Wie soll es aber erst mit ihm werden, wenn es heißen wird, daß auch Mutter, Bruder und Schwester geköpft worden!«

»Ach, solange bleiben Sie doch bei mir, liebe Wölfin, bis ich mit Herrn Rudolf Ihretwegen gesprochen habe?« fragte Marienblume, »ich will ihm sagen, daß Sie sich wieder zum Guten gewandt haben, daß ich Ihnen mein Leben zu verdanken, und daß ich Ihnen versprochen habe, dafür zu sorgen, daß Sie hierfür auch einen entsprechenden Lohn bekommen! Wie könnte ich allein all das vergelten, was Sie an mir getan haben? Wenn ich davon spreche, daß Sie mir das Leben gerettet haben, so werde ich der Wahrheit ja nur zur Hälfte gerecht, denn was Sie weiter für mich getan haben durch die aufopfernde Pflege während meiner Krankheit ... .«

»Was habe ich mehr getan als meine Pflicht!« antwortete die Wölfin, »wie soll ich es leiden können, daß Sie von Personen, die Ihnen ihre Gunst zuwenden, Gutes für mich erbitten? Das müßte mich ja in ein recht eigennütziges Licht setzen!« – »Aber, liebe Freundin, lassen Sie mich doch nur machen!« erwiderte Marienblume, »von Eigennutz Ihrerseits kann keine Rede sein – sondern nur davon, daß ich meine Dankesschuld abtrage.«

»Hören Sie doch!« rief da die Wölfin, »ist das nicht Wagengerassel? Gewiß!« und sie sprang auf – »es kommt ein Wagen! Er kommt näher und näher heran... . Da, jetzt fährt er am Gitter vorbei. Eine Dame sitzt drin.« – »Ach Gott!« sagte Marienblümchen ergriffen, »mir ist's doch ganz so, als hätte ich sie schon einmal gesehen! In Saint-Lazare ... ach ja, sie ist es, und sie war damals so gütig zu mir!« – »Aber wie sollte sie wissen, daß Sie hier seien?« fragte die Wölfin. – »Darüber kann ich allerdings nichts sagen; aber die Person, von der ich so oft gesprochen habe, kennt die Dame, und wenn diese Person will, Wölfin, und Gott gebe, es sei an dem, dann dürfen wir mit Zuversicht rechnen, daß die Luftschlösser, die wir zusammen in Saint-Lazare gebaut, Wirklichkeit werden!«

»Ach, schön wäre es nun freilich,« sagte die Wölfin, tief seufzend, »wenn sich für meinen Mann irgendwo im Walde ein Platz als Förster ober Jagdhüter fände! Aber das sind Träume, und bis Träume sich verwirklichen ...«

Schnelle Schritte wurden vernehmlich. Franz und Amandine, denen der gütige Graf von Saint-Remy bei der Wölfin zu bleiben erlaubt hatte, kamen herbeigerannt mit der Meldung, es käme eine schöne Dame mit Herrn von Saint-Remy, und beide verlangten auf der Stelle, Marienblümchen zu sehen!

»Nun, liebe Wölfin,« sagte das Mädchen, »ich habe mich also doch nicht geirrt!« – Und fast im nämlichen Augenblicke erschien Graf Saint-Remy mit der Marquise von Harville. Kaum hatte die letztere das Mädchen erblickt, als sie auf sie zueilte und sie liebevoll in die Arme schloß ... »Liebes, liebes Mädchen! liebes armes Mädchen!« rief sie, »sind Sie wirklich durch Gottes gütige Fügung vor einem so jähen Tode bewahrt geblieben! Ach, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen, wieder in meine Arme zu schließen! Wir haben Sie ja alle für tot gehalten und so tief, so tief betrauert!«

»Auch ich freue mich innig, daß Sie mich nicht vergessen haben, liebe gute Dame, denn ich habe nicht vergessen und werde es mein Lebtag nicht vergessen, wie gütig Sie gegen mich gewesen sind,« sagte Marienblümchen, die Umarmung der Marquise mit Anmut und Bescheidenheit erwidernd.

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