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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»O, Sie wissen wirklich nicht, liebes Kind, wie erfreut alle Ihre Freunde gewesen, als sie vernahmen, daß Sie gerettet seien! Und wie werden sich erst diejenigen freuen, die bis zur Stunde noch um Sie trauern!«

Marienblümchen nahm die Wölfin, die schüchtern beiseite getreten war, an der Hand und sagte zu der Marquise: »Wenn sich die gütigen Herrschaften, die mir ihre Huld zuwenden, tatsächlich darüber freuen, daß ich dem Leben erhalten geblieben, dann wird es mir wohl erlaubt sein zu bitten, einen Teil des mir zugedachten Wohlwollens auf die Freundin hier zu übertragen, deren Aufopferung ich das Leben allein zu verdanken habe.«

»Seien Sie ohne Sorge, mein liebes Kind,« erwiderte die Marquise, »Ihre Gönner und Gönnerinnen werden der braven Person, die Ihnen das Leben gerettet, den Dank dafür nicht schuldig bleiben.«

Die Wölfin wurde rot und wußte vor Verlegenheit nicht, wie sie darauf antworten sollte; ja sie wagte es nicht einmal, die Augen zu der vornehmen Dame zu erheben, die einen geradezu überwältigenden Eindruck auf sie gemacht hatte, besonders seitdem sie gehört hatte, daß es eine Marquise sei.

»Aber es ist kein Augenblick zu verlieren,« sagte die Marquise weiter, »denn ich brenne vor Ungeduld, Sie mit mir in meinem Wagen von dannen zu führen! Da, hüllen Sie sich hier in diesen Mantel, mein liebes Mädchen. Es wird Sie gewiß nicht darin frieren. Aber kommen Sie, kommen Sie schnell!«

Dann drehte sie sich zu dem Grafen herum und sagte zu ihm: »Sie sagen wohl der tapferen Person dort, der wir soviel verdanken, meine Wohnung und fordern sie auf, morgen zu mir zu kommen? In meinem Hause soll sie sich von ihrer Freundin verabschieden ... denn sie müssen sich nun beide trennen, das geht nicht anders; auf diese Weise werden wir aber die Frau dazu nötigen, den Fuß zu uns zu setzen, was sie andernfalls nicht täte.«

Durch diese freundlichen Worte fühlte sich die Wölfin so ermutigt, daß sie sich ein Herz faßte und antwortete: »O, ich werde ganz bestimmt kommen, gnädige Frau, denn wenn ich wirklich von Marienblume Abschied nehmen soll, so bleibt mir doch gar nichts anderes übrig ... Wie könnte ich es über mein Herz bringen, sie von hier ziehen zu lassen, ohne sie noch einmal an mein Herz zu schließen?«

Wenige Minuten später waren Frau von Harville und die Schalldirne unterwegs nach Paris.

Siebentes Kapitel.

Rudolf und Murph.

Rudolf hatte sich aus dem Hause des Notars, wo er dessen grausigem Tode beigewohnt, in der beklommensten Stimmung nach seiner Wohnung verfügt und nach einer endlos langen Nacht Sir Walter Murph zu sich beschieden, um dem alten getreuen Freunde die schreckliche Kunde zu melden, die ihm tags vorher über das junge Mädchen, für das er sich so warm interessierte, zu teil geworden war.

Murph war wie vom Blitze getroffen, denn mehr als sonst jemand war er imstande, den maßlosen Schmerz zu fassen, der das Herz des Fürsten erfüllte.

»Fassen Sie Mut,« hatte er Rudolf zugesprochen, erschüttert von dessen unsäglichem Schmerze, »fassen Sie Mut! Wenn ich auch kaum glauben darf, daß ich ein Linderungsmittel finden werde für Ihren schweren, schweren Kummer!«

»Du hast recht, lieber Murph. Mit meinen heutigen Empfindungen verglichen, sind die gestrigen von verschwindender Bedeutung.« – »Ich glaube es Ihnen, Königliche Hoheit,« erwiderte Murph, »denn gestern wurden Sie durch den furchtbaren Schlag betäubt, und Nachwehen sind ja immer die schlimmsten ... Aber, Hoheit, fassen Sie Mut!« – »O, Murph, was mir am nächsten gegangen ist, ist die Verachtung, der Abscheu, den mir jenes gräßliche Weib einflößte ... Aber möge ihr der ewige Gott gnädig sein! ... Sie steht vor seinem Richterstuhle. Gestern bestürmten mich Eindrücke über Eindrücke, Empfindungen über Empfindungen, Haß, Entsetzen – verzweiflungsvolle Liebe bestürmt mich heute. Gestern konnte ich keine Träne finden, heute möchte ich die Tränen zurückdrängen ... Ich bin am Ende meiner Kraft ... Verzeihe mir, Murph, verzeihe mir! Denke, daß es mein Kind ist, dem solch gräßliches Unglück das Leben vergiftet hat in der schönsten Blüte!«

»Lassen Sie den Tränen freien Lauf, königliche Hoheit! Ich kann Ihnen alles nachfühlen, was Ihr Herz erfüllt. Aber Tränen machen die Herzen leicht. Der Verlust, der Sie trifft, ist freilich unersetzlich!« – »Wieviel Herzeleid hätte ich hier heilen können!« klagte Rudolf, »und nun – nun hat sie alles, alles mit in ihr überfrühes Grab genommen!« – »Einen Trost, königliche Hoheit,« wandte Murph ein, »finden Sie doch vielleicht in dem Bewußtsein, daß Sie kaum eine Schuld an all den Fügungen trifft, die den Lebensweg dieser Aermsten ihres Geschlechts geleitet haben ... und dann wäre der Uebergang aus so niedriger Sphäre in diejenige, auf die sie durch ihre Geburt ein sicheres Anrecht besitzt, doch vielleicht zu kraß, zu schwer zu tragen gewesen.«

»Nicht doch, nicht doch!« erwiderte Rudolf, abwehrend, »ich hätte sie mit aller Behutsamkeit dazu vorbereitet, hätte ihr die Verhältnisse ihrer Geburt mit der größten Schonung erzählt ... Es war ja so leicht und einfach! O, wenn es nur das wäre,« setzte der Fürst mit traurigem Lächeln hinzu, »so hätte ich mich frei fühlen können von allem Bedrängnis, wäre vor dem lieben Kinde hingekniet und hätte ihm gesagt: Du hast die schweren, schweren Prüfungen nun hinter dir, mein Herzblatt, und sollst hinfort nichts mehr davon erleiden. Denn du bist mein Fleisch und Blut, bist mein Kind, bist meine Tochter! ... Nein,« unterbrach sich Rudolf, »nein, nein! Das wäre zu schnell gewesen, zu übereilt! Nein, ich hätte an mich gehalten, hätte ihr lieber gesagt: »Weißt du, Kind! Es ist gelungen, sichere Auskunft über deine Eltern zu finden ... Deine Mutter ist zwar nicht mehr am Leben, aber dein Vater ... und, Kind, denke dir, dein Vater ... nun ja, dein Vater ist niemand anders als ich, ja, Kind, als ich! Du bist meine leibliche Tochter!« Doch nein! Auch das wäre noch zu jäh, zu unvermittelt! Aber an mir liegt es wahrlich nicht, daß mir alles so stürmisch über die Lippen dringt. Es braucht eines zu großen Aufwands von Selbstbeherrschung, um über diese Klippe hinwegzukommen ... Du wirst es dir wohl denken können! So vor seiner Tochter dazustehen und sich Zwang antun zu müssen! Solchen Zwang!« Von neuem überließ sich Rudolf seiner Verzweiflung ... »Doch warum all diese unnützen Worte? Was hätte ich ihr sonderlich zu sagen gehabt? Weißt du, ein geradezu gräßlicher Gedanke ist es mir, daß ich sie einen ganzen Tag lang, jenen in Ewigkeit verfluchten und mir doch wieder so heiligen Tag lang, bei mir in Bouqueval hatte – jenen Tag, da sich mir alle Schätze ihrer Engelsseele in all ihrer Reinheit vor mir offenbarten! ... Ich sah das Erwachen dieser göttlichen Menschenseele und doch hat nichts in meinem Herzen gesprochen: Sie ist dein Fleisch und Blut! ist deine Tochter, deine leibliche Tochter! Nein, keine einzige Regung in meinem Herzen! O, wie verhärtet muß doch mein Herz sein! Wie eingeengt muß all mein Denken sein. Ich verstehe mich nicht, ich begreife mich nicht! O, ich bin nicht wert gewesen, von solchem reinen, lieben Wesen Vater genannt zu werden!«

»Aber, königliche Hoheit!« rief Murph.

»Still,« sagte der Fürst, »war es mir nicht in die Hand gelegt, das Kind zu behalten oder wegzubringen? Was bestimmte mich, es zu der Frau Georges zu führen, statt es um mich zu behalten? ... Heute brauchte ich nur die Arme zu öffnen, um sie an meine Brust zu drücken ... Warum habe ich es nicht getan? Weil man das Gute immer nur halb tut, weil man Wunder erst dann recht empfindet, wenn sie bereits vorbei sind – wenn sie auf immer entschwunden sind ... weil ich unterlassen habe, dieses bewunderungswürdige junge Mädchen, das trotz Armut und Verlassenheit größer und edler vielleicht durch ihren Geist und ihr Herz war, als sie durch Geburts- und Erziehungsvorzüge wohl jemals geworden wäre, gleich auf die ihr gebührende Höhe zu heben, und schon viel für sie zu tun meinte, als ich sie auf ein Landgut, zu guten Menschen brachte ... aber hätte ich das nicht auch für die erstbeste Bettlerin getan, die mir Interesse abgewann? Nein, nein! Es ist meine Schuld, einzig und allein meine Schuld, lieber Murph, denn hätte ich mich verhalten, wie es meine Pflicht war, so wäre sie heute nicht tot! so weilte sie noch unter den Lebenden ... Murph, ich bin ein schlechter Sohn gewesen und ein noch schlechterer Vater!«

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