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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Mir blieb keine Zeit, darauf zu antworten, denn ein Schrei aus dem Hauptstallgebäude ließ sämtliche Köpfe dorthin herumfahren.

Ein Pferd kam durch den schmalen Gang zwischen dem Stall und dem langen, offenen Gebäude, in dem sich die Schmiede befand, auf uns zu.

Ein Percheron-Hengst, und zwar ein junger, seinem Apfelschimmelfell nach nicht älter als zwei oder drei. Selbst junge Percherons sind groß, und der Hengst kam mir riesig vor, als er sich langsam mit schlagendem Schweif im Trab hin und her bewegte. Er war eindeutig noch nicht an den Reiter gewöhnt; seine gewaltigen Schultern zuckten, um die kleine Gestalt loszuwerden, die rittlings auf seinem Hals klemmte, beide Hände tief in der dichten schwarzen Mähne vergraben.

»Teufel, das ist Fergus!« Durch das Geschrei aufgestört, waren sämtliche Damen auf den Beinen und betrachteten das Spektakel mit großem Interesse.

Ich begriff erst, dass die Männer zu uns gestoßen waren, als eine Frau sagte: »Aber wie gefährlich das aussieht! Wenn der Junge herunterfällt, wird er sich doch verletzen!«

»Nun, wenn er sich nicht bei einem Sturz verletzt, kümmere ich mich darum, sobald ich das Kerlchen in die Finger bekomme«, sagte eine grimmige Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah, dass Jamies Blick über meinen Kopf hinweg auf das schnell näher kommende Pferd gerichtet war.

»Solltest du ihn nicht da herunterholen?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, das soll das Pferd erledigen.«

Eigentlich schien das seltsame Gewicht auf seinem Rücken das Pferd eher zu verwundern als zu verängstigen. Sein Apfelschimmelfell zuckte und zitterte, als würde es von Fliegenhorden attackiert, und der Hengst schüttelte verwirrt den Kopf, als fragte er sich, was los war.

Fergus hingegen saß beinahe im Spagat auf dem breiten Rücken des Percherons; er hielt sich eindeutig nur dadurch auf dem Pferd, indem er die Finger in die Mähne krallte. Und so wäre es ihm möglicherweise auch gelungen, zu Boden zu gleiten oder zumindest unbeschadet vom Pferd zu purzeln, hätten die Opfer der Pferdeäpfelschlacht ihre Rachepläne nicht vollendet.

Zwei oder drei Stallknechte folgten dem Pferd in sicherem Abstand und blockierten hinter ihm den Gang. Einem weiteren war es gelungen, vorzulaufen und das Tor zu einer leeren Koppel in unserer Nähe zu öffnen. Das Tor befand sich zwischen den picknickenden Besuchern und dem Ende des Gangs zwischen den Gebäuden; also hatten sie wohl vor, das Pferd in aller Ruhe auf die Koppel zu bugsieren, wo es Fergus nach Belieben zertrampeln konnte oder auch nicht, wo es aber zumindest selbst keine Möglichkeit hatte, sich zu befreien oder zu verletzen.

Doch ehe dies bewerkstelligt werden konnte, steckte eine schmale Gestalt den Kopf aus einem kleinen Heubodenfenster hoch über dem Zwischengang. Da die Zuschauer nur Augen für das Pferd hatten, war ich die Einzige, die es bemerkte. Der Junge auf dem Heuboden verschaffte sich einen Überblick, zog sich zurück und tauchte beinahe augenblicklich wieder auf. Er hielt eine große Scheibe Heu in beiden Händen. Mit perfektem Zeitgefühl ließ er diese fallen, als Fergus und sein Pferd direkt unter ihm vorbeikamen.

Die Wirkung glich der einer explodierenden Bombe. Dort, wo Fergus gerade noch gewesen war, war die Luft voll Heu, und der Hengst wieherte in Panik auf, winkelte die Hinterbeine an und schoss davon wie ein Derbysieger. Er hielt geradewegs auf die kleine Schar der Höflinge zu, die in alle Himmelsrichtungen auseinanderstoben und dabei wie die Gänse quietschten.

Jamie hatte sich auf mich geworfen, indem er mich aus dem Weg schubste und mich dabei zu Boden schleuderte. Jetzt erhob er sich unter gälischen Flüchen von mir. Ohne sich nach meinem Wohlergehen zu erkundigen, rannte er in die Richtung los, die Fergus eingeschlagen hatte.

Das Pferd stieg und drehte sich völlig verstört. Seine wirbelnden Vorderbeine hielten eine kleine Schar von Pferdeknechten und Stalljungen in Schach, die zunehmend aus der Ruhe gerieten bei dem Gedanken, eines der kostbaren Pferde des Königs könnte sich vor ihren Augen verletzen.

Wie durch ein Wunder der Sturheit oder auch Angst befand sich Fergus nach wie vor an Ort und Stelle, und seine dünnen Beinchen flogen auf und ab, während er auf dem schaukelnden Rücken umhergeworfen wurde. Die Stallknechte schrien ihm zu, er solle loslassen, doch er ignorierte diesen Rat und hielt die Augen fest geschlossen, während er sich an die zwei Hände voll Pferdehaar klammerte wie an ein Rettungsseil. Einer der Stallknechte hatte eine Heugabel dabei, die er drohend in die Luft schwang, was einen bestürzten Aufschrei von Madame Montresor zur Folge hatte, die anscheinend glaubte, er hätte vor, das Kind aufzuspießen.

Der Schrei wirkte zudem nicht besonders beruhigend auf den Hengst. Er tänzelte und rutschte auf der Stelle, während er vor den Menschen zurückwich, die ihn einzukreisen begannen. Ich glaubte zwar nicht, dass der Stallknecht Fergus vom Rücken des Pferdes stechen wollte, doch es bestand die Gefahr, dass das Kind zertrampelt wurde, wenn es herunterfiel – und mir war nicht klar, wie er dieses Schicksal noch lange vermeiden wollte. Das Pferd schlug plötzlich einen Haken in Richtung einer Baumgruppe neben der Koppel, vielleicht, um vor dem Pöbel zu flüchten, vielleicht aber auch, weil es beschlossen hatte, den Inkubus auf seinem Rücken mit Hilfe eines Astes abzustreifen.

Als es unter den ersten Ästen vorbeikam, sah ich plötzlich roten Tartan im Grün, und dann folgte ein roter Blitz, und Jamie schwang sich aus dem Schutz eines Baumes hervor. Sein Körper prallte gegen den Hengst, und er purzelte in einem Gewirr aus Plaid und nackten Beinen zu Boden, das dem genauen Beobachter verraten hätte, dass dieser Schotte im Moment nichts unter seinem Kilt trug.

Die Höflinge eilten wie ein Mann herbei und konzentrierten sich auf den gestürzten Lord Broch Tuarach, während die Stallknechte das Pferd zum anderen Ende der Baumgruppe verfolgten.

Jamie lag flach auf dem Rücken unter den Buchen; sein Gesicht war grünlich leichenblass, Mund und Augen weit geöffnet. Die Arme hatte er fest um Fergus geschlungen, der ihm an der Brust hing wie ein Blutegel. Jamie blinzelte zu mir auf, als ich auf ihn zugeschossen kam, und versuchte mühsam zu lächeln. Das leise Keuchen, das aus seinem offenen Mund kam, veränderte sich zu flachem Hecheln, und ich entspannte mich erleichtert; es hatte ihm nur den Atem verschlagen.

Schließlich begriff Fergus, dass er nicht mehr in Bewegung war, und hob vorsichtig den Kopf. Dann setzte er sich kerzengerade auf den Bauch seines Brotherrn und sagte begeistert: »Das hat Spaß gemacht, Milord! Können wir es noch einmal tun?«

Jamie hatte sich bei seinem Rettungseinsatz in Argentan einen Oberschenkelmuskel gezerrt, und als wir nach Paris zurückkehrten, humpelte er schwer. Er schickte Fergus – unbeschadet trotz der Eskapade und der Standpauke, die darauf gefolgt war – in die Küche zum Essen und sank auf einen Sessel am Kamin, um sich das geschwollene Bein zu massieren.

»Tut es sehr weh?«, fragte ich mitfühlend.

»Ein bisschen. Aber eigentlich braucht es nur Ruhe.« Er stand auf und rekelte sich genüsslich, so dass seine langen Arme fast bis an die geschwärzten Deckenbalken über der Kamineinfassung reichten. »Es war so eng in der Kutsche; ich wäre lieber geritten.«

»Mmm. Ich auch.« Ich rieb mir das Kreuz, das nach dem anstrengenden Ausflug schmerzte. Der Schmerz schien sich durch mein Becken hindurch in meine Beine fortzusetzen – vermutlich lockerte sich durch die Schwangerschaft das Bindegewebe.

Ich fuhr tastend mit der Hand über Jamies Bein, dann zeigte ich zum Sofa.

»Leg dich da auf die Seite. Ich habe eine schöne Salbe für dein Bein; vielleicht lindert sie den Schmerz ein bisschen.«

»Wenn es dir nichts ausmacht.« Mit steifen Bewegungen legte er sich auf die linke Seite und zog den Kilt bis weit über das Knie hoch.

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