Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»O, ihn belastet noch ein weiterer Mord,« sagte die Marquise, »erst vor wenigen Tagen noch hat er sich Straflosigkeit dadurch zu sichern gestrebt, daß er ein blutjunges Mädchen, an deren Tode ihm viel gelegen war, auf eine Seine-Insel geschickt, wo sie ins Wasser gestürzt worden ist.«
»Welch ein seltsames Zusammentreffen!« sagte der Graf. »Auf welcher Seine-Insel ist das passiert?« – »Bei Asnières,« erklärte die Marquise. – »Sie ist's! sie ist's!« rief Saint-Remy. – »O, von wem sprechen Sie?« fragte die Marquise. – »Von dem jungen Mädchen, an deren Tode dem Verbrecher sehr viel gelegen war.« – »Doch nicht Marienblume?« – »Q, Madame, Sie kennen sie?« rief der Graf. – »Ich habe das arme Kind von Herzen geliebt. O, wüßten Sie, welch ein liebliches, welch ein edles treues Kind es war ... . Doch wie geht es zu, daß ...«
Der Graf fiel ihr ins Wort: »Doktor Griffon und ich haben ihr den ersten Beistand geleistet.« – »Den ersten Beistand?« wiederholte die Marquise, »ihr? und wo?« – »Auf der Insel bei Asnières ... als sie gerettet worden war.«
»Das Mädchen ist gerettet worden?« rief die Marquise, »und wie?«
»Ein wackeres Weib, derb, aber ehrlich, hat sie mit eigner Gefahr des Lebens aus der Seine gefischt,« versetzte »O, kaum wage ich an eine so glückliche Wahrheit zu glauben, Herr Graf,« antwortete die Marquise, »sondern fürchte fast, Sie möchten sich geirrt haben. Sagen Sie mir, Graf, wie sieht das Mädchen aus? Ich beschwöre Sie, wie sieht das Mädchen aus?« – »Sie ist von hervorragender Schönheit, Marquise.« – »Blondine? Große blaue Augen?«
– »Ja, Madame!«
»Sagen Sie eins noch: Als man sie in der Seine ertränken wollte, hat sich ein älteres Weib bei ihr befunden?«
– »Davon gesprochen hat sie, das stimmt. Doch nur andeutungsweise. Sie ist noch sehr schwach und kann erst seit gestern wieder sprechen. Aber ich glaube bestätigen zu dürfen, daß eine bejahrte Frau sich in ihrer Gesellschaft befunden hat.«
Da faltete Clemence die Hände und rief: »Gelobt sei Gott! Ich werde also ihm die Botschaft bringen dürfen, daß seine Schutzbefohlene noch lebt. Welche Freude für ihn! Erst in seinem letzten Briefe an mich hat er mit schmerzlichen Ausdrücken von dem jungen Kinde gesprochen. O, Herr Graf! Wüßten Sie, wie glücklich Sie mich durch diese Kunde machen! Und außer mir noch eine andere Person, die dem armen Kinde noch mehr Liebe geschenkt, es noch mehr in seinen Schutz genommen hat ... aber – wo ist das Mädchen jetzt?«
»Im Hause desselben Arztes, der dieses Spital leitet, des Doktor Griffon, in Asnières. Doktor Griffon hat ja seine Gelehrtenschrullen, die mir gar nicht behagen, ist aber sonst ein sehr wackerer Herr, der dem Mädchen alle nur denkbare Fürsorge und Pflege angedeihen läßt.« –
»Ist das Mädchen jetzt aus aller Gefahr?« – »Gewiß. Madame, doch erst seit ein paar Tagen. Heute wird ihr erst gestattet werden, an ihren Beschützer zu schreiben.« – »Nun, diese Arbeit will ich ihr abnehmen,« rief die Marquise, »oder vielmehr, ich werde mir die Freude sichern, das arme Kind zu den Leuten hinzuführen, die schon ihren Tod beklagen, die in tiefster Trauer um sie sind.«
»Daß man um Marienblümchen trauert, will mir freilich einleuchten,« erwiderte der Graf, »denn wer sollte sie kennen, ohne ihrem Zauber sich unterworfen zu fühlen? Auf wen übte nicht die Anmut und Sanftmut dieses Herrlichen Geschöpfes eine geradezu unbeschreibliche Gewalt? Das Weib, das sie aus dem Wasser gerettet hat,« fuhr der Graf fort, »ist, wie gesagt, eine Person voll Mut und zu aller Aufopferung fähig, besitzt aber ein so heftiges, ungebärdiges Temperament, daß sie »die Wölfin« genannt wird. Seit aber Marienblume nur ein paar Worte mit ihr gesprochen, ist die Wölfin wie umgewandelt. Ich habe es selbst mit angesehen, wie sie geschluchzt und geweint hat, als Doktor Griffon nach einer sehr schweren Krise am Leben des dem Ertrinken so nahe gewesenen Mädchens verzweifelte.«
»Das will mich nicht weiter Wunder nehmen,« versetzte die Marquise, »ich kenne die Person dieses Namens.«
»Sie kennen die Wölfin, Madame?« versetzte Saint-Remy in heller Verwunderung, »wie ist das möglich?« – »Daß Sie sich darüber verwundern, lieber Graf, wundert nun freilich mich nicht,« erwiderte Clemence und lächelte vergnügt, denn sie fühlte sich glücklich in dem Gedanken, dem Fürsten eine so überfrohe Kunde überbringen zu können ... Aber wie groß wäre erst ihre Freude gewesen, hätte sie gewußt, daß sie Rudolf eine von ihm für verloren gehaltene Tochter wieder zuführen sollte!
Nach Verlauf von etwa einer Stunde führte Frau von Harville in Begleitung des Grafen von Saint-Remy Fräulein von Fermont, die vom Ableben ihrer Mutter noch keine Nachricht hatte, aus dem Bürgerhospitale in ihr Palais und fuhr hierauf unverzüglich mit dem Grafen von Saint-Remy nach Asnières, um dort Marienblümchen abzuholen und zu Rudolf zu bringen.
Sechstes Kapitel.
Hoffnung.
Die ersten Frühlingstage nahten sich. Die Sonne bekam neue Kraft, der Himmel war rein, die Luft lau und mild. Auf die Wölfin gestützt, versuchte Marienblume zum ersten Male ihre Kräfte auf einem kurzen Gange im Garten des Doktors Griffon. Ihrem bleichen, abgemagerten Gesichte lieh die Sonnenwärme im Verein mit der körperlichen Bewegung eine leichte Röte. Da ihr bäuerlicher Anzug bei der ungestümen Hilfe, die ihr die Wölfin geleistet, zerrissen worden war, hatte sie ein dunkelblaues Merinokleid angezogen, das durch eine wollene Gürtelschnur um ihren schlanken Leib gehalten wurde.
»Ach, die herrliche Sonne!« sagte sie zur Wölfin, neben einer Baumgruppe stehen bleibend, »hier könnten wir uns doch ein Weilchen setzen?« – »Warum fragen Sie da erst?« erwiderte Martinis Geliebte, die Achseln zuckend, nahm ihr Tuch ab und breitete es auf dem feuchten Sande aus.
»Aber, Wölfin,« sagte Marienblume, die Absicht ihrer Begleiterin zu spät bemerkend, so daß sie sie nicht mehr daran hindern konnte, »Sie ruinieren sich ja Ihr Tuch!« – »Was kommts auf den Lappen an?« erwiderte die andere barsch, »der Boden ist kalt, wollen Sie sich lieber erkälten?« – »Ach, Wölfin, Sie verhätscheln mich ja,« sagte Marienblume. – »Nun, daß man es tut, ist freilich nicht am Platze, sträuben Sie sich doch immer gegen alles, was man zu Ihrem Wohle unternimmt! Sie müssen doch auch müde geworden sein, denn wir sind nun bereits eine reichliche halbe Stunde unterwegs. In Asnières hat es gerade zwölf geschlagen.«
»Die Müdigkeit macht sich allerdings bei mir geltend,« meinte Marienblümchen, »aber recht gut getan hat mir der Spaziergang doch.« – »Wenn Sie Müdigkeit fühlten, warum konnten Sie es mir nicht sagen, daß wir uns schon einmal unterwegs gesetzt hätten?« – »Ach, seien Sie mir deshalb nicht böse! Ich bin es nicht gewahr geworden, ist es doch ein herrlicher Genuß, nach so langer Bettlägerigkeit wieder einmal Sonne, Bäume und Feld zu sehen!«
»Sie armes Ding!« antwortete die Wölfin, »es stand wirklich für Sie recht schlimm, der Arzt hatte schon beinahe alle Hoffnung aufgegeben.« – »Ach, Wölfin,« sagte Marienblume, »als ich unter Wasser geriet, fiel mir eine böse Frau ein, die mich gequält hat, als ich noch kleines Kind war, und mich auch einmal hat ins Wasser werfen wollen. Da sagte ich zu mir, ich müsse doch ein rechtes Unglückskind sein, da ich in einem fort vom Schicksale so verfolgt würde.«
»So? Waren das wirklich Ihre letzten Gedanken, als Sie den Tod vor Augen hatten?« – »Nein, nein!« erwiderte Marienblume, in heller Begeisterung, »mein letzter Gedanke vorm Tode, als ich sein Nahen fühlte, galt dem höchsten Wesen, das ich für meinen Gott halte, und ihm galt auch mein erster Gedanke, als ich mich erholte.« – »Ach, liebes Kind, Ihnen wohlzutun, ist wirklich eine rechte Freude. Es wird kaum einen zweiten Menschen geben, der so dankbar wäre.« – »Ich kann mir auch nichts Häßlicheres denken als Undankbarkeit,« versetzte Marienblume, »wie schön ist es, sich sagen zu können, daß man jedem gerecht geworden ist. Mit solchem Bewußtsein schläft es sich süß ein und wacht es sich süß auf.« – »Für Menschen wie Sie, könnte man durchs Feuer gehen,« sagte die Wölfin. – »O, und warum freue ich mich so, dem Leben wiedergeschenkt worden zu sein? Weil ich noch immer hoffe, Ihnen mein Versprechen erfüllen zu können! Sie wissen ja doch, was für Luftschlösser wir in Saint-Lazare noch gebaut haben!«