Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
nichts mehr daraus machte, reagierte er in bezug auf das Ansehen der von ihm ausgebildeten Ärzte empfindlich.
Am achten Tag des Monats Shawwa brachte ihm eine Karawane aus Bagdad einen Brief von Ibn Sabur Yäqüt, dem obersten medizinischen Prüfer von Bagdad. Ibn Sabur wollte in der ersten Hälfte des Monats Zulkadah nach Isfahan kommen und den maristan besuchen. Ibn Sina kannte Ibn Sabur bereits und wappnete sich gegen die Herablassung und die ständigen überheblichen Vergleiche seines Bagdader Rivalen. Trotz aller Vorteile, die die Medizin in Bagdad genoß, wußte er, daß die Prüfungen dort oft berüchtigt lax gehandhabt wurden. Im maristan gab es derzeitig zwei der besten Medizinstudenten, die er je erlebt hatte. Er sah sofort, daß er der Ärzteschaft in Bagdad damit eindrucksvoll vor Augen führen konnte, welche Ärzte Ibn Sina in Isfahan ausbildete.
Weil also Ibn Sabur Yäqüt den maristan besuchte, wurden Jesse ben Benjamin und Mirdin Askari zu der Prüfung zugelassen, die ihnen das Recht, sich hakim zu nennen, zuerkennen oder verweigern würde.
Ibn Sabur Yäqüt entsprach ganz dem Bild, das Ibn Sina von ihm im Gedächtnis bewahrt hatte. Der Erfolg ließ seine Augen unter den dicken Lidern leicht hochmütig blicken. Seine Haare waren grauer als vor zwölf Jahren, als die beiden m Hamadhän zusammengetroffen waren. Er trug ein auffallendes, teures Gewand aus buntem Stoff, das seine Stellung und seinen Wohlstand verkündete, aber trotz der hervorragenden Ausführung nicht verbergen konnte, daß er seit seiner Jugend erheblich an Umfang zugenommen hatte. Ibn Sabur besichtigte die madrassa und den maristan mit einem Lächeln auf den Lippen und eingebildet-guter Laune, seufzte und bemerkte, daß es ein Genuß sein müßte, sich in so geringem Ausmaß mit Problemem befassen zu müssen.
Der vornehme Besucher fühlte sich sichtlich geschmeichelt, als man ihn ersuchte, der Prüfungskommission anzugehören, die zwei Studenten examinieren würde.
Isfahan verfügte über keine große Zahl an hervorragenden Wissenschaftlern, konnte aber an der Spitze der meisten Fächer genügend Koryphäen aufweisen, so daß Ibn Sina keine Mühe hatte, eine Prüfungskommission zusammenzustellen, die auch in Kairo oder Toledo
respektiert worden wäre. Al-Juzjani würde in Chirurgie prüfen. Imam lussef Gamali von der Freitagsmoschee würde in Theologie examinieren. Musa Ibn Abbas, der mullah aus der Umgebung von Imam Mirza-abul Qandrasseh, des Großwesirs von Persien, würde die Fragen in Recht und Jurisprudenz stellen. Ibn Sina war für Philosophie und Medizin zuständig, und der Besucher aus Bagdad wurde geschickt dazu ermutigt, selbst die schwierigsten Fragen zu stellen. Die Tatsache, daß beide Kandidaten Juden waren, störte Ibn Sina nicht. Auch unter den Juden gab es natürlich Einfaltspinsel, die schlechte Ärzte abgaben, aber seiner Erfahrung nach hatten die intelligenten Dhimmis, die Medizin studierten, bereits die Prüfung in der Tasche, denn Forschungen, intellektuelle Schlußfolgerungen und das Vertiefen in Wahrheiten und Beweise gehörten zu ihrer Religion und wurden ihnen lange, bevor sie Medizinstudenten wurden, in ihren Studierhäusern anerzogen.
Mirdin Askari war als erster an der Reihe. Sein alltägliches Gesicht mit dem langen Kinn wirkte aufmerksam, aber ruhig, und als Musa Ibn Abbas eine Frage über das Eigentumsrecht stellte, antwortete Mirdin nicht aufgeplustert, sondern ausführlich und vollständig, zitierte Beispiele und Präzedenzfälle aus dem fiqh und der shari'a. Die anderen Prüfer richteten sich erstaunt auf, als Jussef Gamali in seinen Fragen Recht und Theologie vermengte, doch Mirdins profundes Wissen zerstreute die Vorstellung, daß der Kandidat im Nachteil sein könnte, weil er ein wahrer Gläubiger war. Er zitierte als Beweise Beispiele aus Mohammeds Leben und seinen schriftlich niedergelegten Gedanken, wobei er die rechtlichen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen dem Islam und seiner eigenen Religion beleuchtete, wo sie belangvoll waren. Dort, wo sie es nicht waren, zog er in seinen Antworten die Thora hinzu als Beweis für den Koran, oder den Koran als Grundlage derThora. Er benutzte seinen Verstand wie ein Schwert, fand Ibn Sina, indem er Scheinangriffe vortrug, parierte, um dann und wann einen Treffer zu landen, als wäre er aus geschliffenem Stahl. Seine Gelehrsamkeit war so vielseitig, daß jeder Zuhörer, obwohl er in etwa über die gleiche Gelehrsamkeit verfügte, wie betäubt und von Bewunderung für den außergewöhnlichen Verstand erfüllt war. Als Ibn Sabur an der Reihe war, schoß er Frage um Frage wie Pfeile ab. Die Antworten kamen ohne Zögern, aber sie drückten nie Mirdin Askaris persönliche Meinung aus, sondern waren Zitate von Ibn Sina oder Rhazes, Galen oder Hippokrates.
Einmal zitierte Mirdin sogar aus »Über niedrige Fieber« von Ibn Sabur Yäqüt. Der Gelehrte aus Bagdad verzog keine Miene, als ihm seine eigenen Worte wiederholt wurden.
Die Prüfung dauerte viel länger als sonst, bis schließlich keine weiteren Fragen von den Prüfern kamen. Da entließ Ibn Sina Mirdin freundlich und ließ Jesse ben Benjamin holen.
Die Atmosphäre veränderte sich unmerklich, als der neue Kandidat hereinkam. Hochgewachsen und breitschultrig stellte er für ältere, asketische Männer eine Herausforderung dar. Seine Haut war von der Sonne des Westens und Ostens gegerbt, in seinen weit auseinanderliegenden blauen Augen lagen wohl Wachsamkeit als auch Arglosigkeit, und seine gebrochene Nase verlieh ihm eher das Aussehen eines Speerträgers als das eines Mediziners. Seine großen, kräftigen Hände schienen dazu geschaffen, Eisen zu biegen, doch Ibn Sina hatte gesehen, wie sie behutsam über Gesichter von Fiebernden streichelten und mit absoluter Sicherheit in lebendes Fleisch schnitten. Im Geist war er längst ein Medicus.
Ibn Sina hatte absichtlich Mirdin zuerst prüfen lassen, um die richtigen Voraussetzungen zu schaffen und weil Jesse ben Benjamin anders war als die Studenten, an die die Sachverständigen gewöhnt waren. Er besaß Eigenschaften, die bei einer akademischen Prüfung nicht zutage treten konnten. Er hatte sich in drei Jahren erstaunlich viel erarbeitet, aber seine Gelehrsamkeit war nicht so tiefschürfend wie die Mirdins. Er war aber trotz seiner Nervosität die stärkere Persönlichkeit. Der Gehilfe von Imam Qandrassehs hatte den fast unhöflichen Blick bemerkt, den Rob auf Musa Ibn Abbas warf, und der mullah begann unvermittelt mit einer politischen Frage, deren Tücken er gar nicht verbergen wollte.
»Gehört das Königreich zur Moschee oder zum Palast?« Rob antwortete nicht mit der raschen, bereitwilligen Sicherheit, die bei Mirdin so beeindruckt hatte. »Im Koran ist es festgelegt«, antwortete er in seinem nicht völlig akzentfreien Persisch. »Allah sagt in sura zwei: >Ich setze einen Vizekönig auf der Erde ein.» Und in sura achtunddreißig wird die Aufgabe des Schahs mit folgenden Worten umrissen: >Siehe, David, Wir haben dich als Vizekönig auf der Erde
eingesetzt, deshalb urteile gerecht über Menschen und folge keiner Laune, damit du nicht vom Pfad Gottes abweichst.< Daher gehört das Königreich zu Gott.«
Indem er das Königreich Gott zuwies, hatte er die Wahl zwischen Qandrasseh und Alä vermieden; es war eine gute, geschickte Antwort. Der mullah widersprach ihm nicht.
jbn Sabur forderte den Kandidaten auf, den Unterschied zwischen Pocken und Masern zu schildern.
Rob zitierte aus Rhazes' Abhandlung »Al-Hawi« und wies daraufhin, daß die Frühsymptome von Pocken Fieber und Rückenschmerzen sind, während bei Masern das Fieber höher ist und es zu deutlicher geistiger Erschöpfung kommt. Er zitierte Ibn Sina, als säße der Arzt nicht vor ihm, weil in Buch vier von »Der Kanon der Medizin«
darauf hingewiesen werde, daß bei Masern der Ausschlag für gewöhnlich auf einmal erscheint, während bei Pocken der Ausschlag nach und nach auftritt. Er war ruhig und unerschütterlich und versuchte nicht, seine Erfahrung mit der Pest ins Spiel zu bringen, was ein unbedeutenderer Mann vielleicht getan hätte. Ibn Sina wußte, daß Rob ein würdiger Kandidat war; doch unter den Prüfern wußten nur er und al-Juzjani, welch ungeheure Eeistung dieser Mann in den letzten drei Jahren vollbracht hatte.