Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
»Wie geht Ihr vor, wenn Ihr ein gebrochenes Knie behandeln müßt?« fragte al-Juzjani.
»Wenn das Bein gerade ist, muß man es stillegen, indem man es zwischen zwei starre Schienen bindet. Wenn es verbogen ist, hat Hakim Jalal-al-Din eine Methode, es zu schienen, erdacht, die nicht nur beim Knie, sondern auch bei einem gebrochenen oder verrenkten Ellbogen anwendbar ist.« Neben dem Besucher aus Bagdad lagen Papier, Tinte und Feder, und der Kandidat ging zu diesen Materialien. »Ich kann ein Glied zeichnen, so daß Ihr die Anordnung der Schiene sehen könnt«, schlug er vor.
Ibn Sina war entsetzt. Wenn auch der Dhimmi ein Europäer war, mußte er doch wissen, daß jemand, der das Abbild einer menschlichen Gestalt im ganzen oder teilweise zeichnet, im heißesten Höllenfeuer brennen muß. Es war für einen strenggläubigen Mohammedaner eine Sünde und eine Gesetzesübertretung, ein solches Bild auch nur anzuschauen. Da der miillah und Imam Jussef anwesend waren, würde der Künstler, der Gott verhöhnte und ihre Moral verdarb, indem er einen Menschen zeichnete, vor ein islamisches Gericht gestellt und nie zum hakim ernannt werden.
Die Prüfer ließen die verschiedensten Gefühlsregungen erkennen. Al-Juzjanis Gesicht zeigte tiefes Bedauern, um Ibn Saburs Mund zitterte ein leichtes Lächeln, Imam Jussef war verwirrt und der mullab bereits zornig.
Die Feder flog zwischen Tintenfaß und Papier hin und her. Sie kratzte rasch über das Papier, und bald war alles zu spät: Die Zeichnung war fertig. Rob reichte sie Ibn Sabur, und der Gelehrte aus Bagdad musterte sie ungläubig. Als er sie an al-Juzjani weitergab, konnte der Chirurg ein Grinsen nicht unterdrücken.
Es dauerte lange, bis die Zeichnung Ibn Sina erreichte, aber als er das Papier endlich erhielt, sah er, daß das abgebildete Glied ein Ast war. Zweifellos der gebogene Zweig eines Aprikosenbaumes, denn er trug Blätter.
Raffinierterweise nahm ein Knorren die Stelle des verletzten Knies ein, und die Enden der Schiene waren weit unterhalb und oberhalb des Knorrens an dem Ast festgebunden. Über die Schiene wurde keine weitere Frage gestellt. Ibn Sina sah Jesse an und achtete darauf, seine Erleichterung ebenso zu verbergen wie seine Zuneigung.
Es bereitete ihm großes Vergnügen, das Gesicht des Besuchers aus Bagdad zu betrachten. Er lehnte sich zurück und begann seinem Studenten die interessanteste philosophische Frage zu stellen, die er formulieren konnte, denn er war davon überzeugt, daß der maristan von Isfahan es sich leisten konnte, etwas dicker aufzutragen.
Es hatte Rob einen gewaltigen Schock versetzt, als er in Musa Ibn Abbas den persönlichen Gehilfen des Großwesirs erkannte, der sich heimlich mit dem Gesandten der Seldschuken getroffen hatte. Aber ihm fiel schnell ein, daß man ihn bei dieser Gelegenheit nicht bemerkt hatte, weshalb die Anwesenheit des mullahs im Prüfungskomitee keine besondere Bedrohung darstellte.
Als die Prüfung zu Ende war, begab Rob sich geradewegs in jenen Flügel des maristan, in dem die chirurgischen Patienten untergebracht waren, denn er und Mirdin waren sich darin einig, daß es ihnen zu schwer fallen würde, gemeinsam untätig zu warten, bis sie die Ergebn;sse der Prüfung erfuhren. Jeder wollte die Zeit lieber mit Arbeit ausfüllen, und so stürzte sich Rob auf alle möglichen Arbeiten, untersuchte Patienten, wechselte Verbände, entfernte Nähte - all die einfachen Verrichtungen, an die er sich gewöhnt hatte. Die Zeit verging, doch es kam keine Nachricht. Dann endlich betrat Jalal-al-Din den Flügel, was bedeuten mußte, daß die Prüfungskommission sich aufgelöst hatte. Rob hätte gern gefragt, ob Jalal das Ergebnis kannte, brachte es aber nicht über sich. Am vorhergehenden Tag hatten sie gemeinsam einen Hirten zusammengeflickt, den ein Stier auf die Hörner genommen hatte. Rob hatte die zerrissenen Muskeln und das Fleisch an Schulter und Arm in die richtige Lage gebracht und genäht, und Jalal hatte die Brüche eingerichtet und geschient. Jalal bemängelte jetzt, daß die dicken Verbände neben den Schienen unförmig wirkten. »Kann man die Verbände nicht abnehmen?«
Rob wunderte sich, denn Jalal sollte es besser wissen. »Es ist zu früh.« Jalal zuckte mit den Achseln, blickte Rob freundlich an und lächelte. »Es wird wohl so sein, wie Ihr sagt, Hakim«, sagte er und verließ das Zimmer.
So erfuhr Rob das Ereignis. Es machte ihn schwindlig, so daß er eine Zeitlang wie vom Donner gerührt dastand.
Schließlich wurde er von seinen Dienstpflichten geweckt: Er mußte noch vier Kranke untersuchen. Er machte weiter und zwang sich zur Sorgfalt, wie es einem guten Arzt anstand.
Als jedoch der letzte Patient behandelt worden war, überließ er sich wieder seinen Gefühlen, der reinsten Freude seines Lebens. Fast taumelnd lief er nach Hause, um Mary die gute Nachricht zu bringen.
Der Befehl
Rob war sechs Tage vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag hakim geworden, und das Hochgefühl hielt wochenlang an. Er war froh, daß Mirdin nicht vorschlug, ihren Erfolg auf den maidans zu feiern. Statt dessen kamen die beiden Familien in Askaris Haus zusammen und genossen gemeinsam das Abendessen.
Rob und Mirdin gingen zusammen zum Schneider, um sich das schwarze Ärztegewand und den Umhang anmessen zu lassen. »Wirst du jetzt nach Masqat zurückkehren?« fragte Rob seinen Freund.
»Ich werde noch ein paar Monate hierbleiben, denn es gibt noch einiges, was ich im khasanat-al-sharaf lernen muß. Und du? Wann wirst du nach Europa reisen?«
»Mary kann während der Schwangerschaft nicht reisen. Wir warten am besten, bis das Kind geboren und kräftig genug ist, um die Strapazen zu überstehen.« Er lächelte. »Deine Familie wird in Masqat feiern, wenn ihr Medicus heimkommt. Hast du ihnen mitgeteilt, daß der Schah eine große Perle von ihnen kaufen will?« Mirdin schüttelte den Kopf. »Meine Verwandten klappern die Dörfer der Perlenfischer ab und kaufen winzige Zuchtperlen. Die verkaufen sie meßbecherweise an Händler, die sie weiterverkaufen, damit mit ihnen Kleider bestickt werden. Meinen Verwandten würde es schwerfallen, den Betrag für eine große Perle aufzubringen. Und sie wären gar nicht darauf erpicht, mit dem Schah Geschäfte zu machen, denn Herrscher sind selten bereit, für die großen Perlen, die sie so lieben, anständig zu zahlen. Ich hoffe nur, daß Alä Shahansha das >große Glück< vergessen hat, das er für meine Verwandten vorgesehen hat.«
»Gestern abend haben Mitglieder des Hofs nach dir gefragt und dich vermißt«, beschwerte sich Alä Shahansha.
»Ich habe eine schwerkranke Frau behandelt«, antwortete Karim.
»Es gibt auch kranke Menschen an meinem Hof, die deine Weisheit brauchen«, wandte Alä verdrießlich ein.
»Ja, Majestät.«
Alä hatte deutlich gemacht, daß Karim die Gunst des Thrones besaß, aber Karim hatte bereits genug von den Mitgliedern der adeligen Familien, die oft mit eingebildeten Leiden zu ihm kamen, und ihm fehlten das geschäftige Treiben und die echte Arbeit im manstan, wo er sich immer als Arzt nützlich machen konnte, statt als Aushängeschild zu dienen.
»Ich schmiede Pläne, Karim«, sagte der Schah gerade. »Ich schaffe die Voraussetzungen für große Ereignisse.«
»Möge Allah ihnen gewogen sein!«
»Du mußt deine Freunde kommen lassen, die beiden Juden. Ich möchte mit euch dreien sprechen.« »Ja, Majestät.«
Am übernächsten Morgen wurden Rob und Mirdin aufgefordert, mit dem Schah auszureiten. Dies stellte für die beiden eine Gelegenheit dar, mit Karim zusammenzusein, der in letzter Zeit von Alä voll in Anspruch genommen wurde. In den Stallungen des Hauses des Paradieses erzählten die jungen Ärzte zu Karims Vergnügen wieder von ihren Prüfungen, und als der Schah eintraf, bestiegen sie die Pferde und ritten hinter ihm hinaus aufs Land.