Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Vielleicht jubelten einige von ihnen auch dem Hauptmann des chatirs zu, denn Karim saß auf einem nervösen grauen Araberhengst mit wilden Augen und ritt unmittelbar hinter dem königlichen Elefanten. Khuff schrie einen heiseren Befehl, und schon trabte sein Pferd hinter dem Elefanten des Königs und Karim her, dann schlössen sich die anderen Elefanten an und verließen den Platz. Nach ihnen kamen die Pferde und dann die Kamele, sodann hunderte Packesel, deren Nüstern aufgeschlitzt waren, damit sie bei großen Anstrengungen mehr Luft bekamen. Die Fußsoldaten bildeten den Abschluß. Wieder einmal befand sich Rob im dritten Viertel der Marschlinie, was offenbar sein schicksalhafter Standort war, wenn er mit größeren Gruppen reiste. Das bedeutete, daß er und Mirdin ständig unter Staubwolken zu leiden hatten. In weiser Voraussicht hatten beide ihre Turbane mit ledernen Judenhüten vertauscht, die ihnen besseren Schutz vor Staub und Sonne boten.
Rob fand seine Kamelstute beängstigend. Wenn sie kniete, und er sein beträchtliches Gewicht auf ihrem Höcker zurechtrückte, wimmerte sie laut, dann knurrte und stöhnte sie, während sie mühsam in die Höhe kam. Er mißtraute dieser Art zu reiten. Er saß viel höher als auf einem Pferd, wurde durchgerüttelt und spürte nur wenig Fett und Fleisch, die seinen Sitz weicher gemacht hätten. Als sie die Brücke über den Fluß des Lebens überquerten, sah ihn Mirdin an und lachte. »Du wirst sie noch lieben lernen!« rief er seinem Freund zu.
Rob lernte nie, sein Kamel zu lieben. Sobald es eine Möglichkeit dazu hatte, bespuckte ihn das Tier mit klebrigen Schleimpfropfen und schnappte wie ein Köter, so daß er ihm das Maul zubinden mußte. Dazu keilte es bösartig nach rückwärts aus wie ein störrischer Maulesel. Er mußte sich die ganze Zeit vor der Stute in acht nehmen. Das Reisen gefiel ihm, da er von Soldaten umgeben war. Sie hätten genausogut eine römische Kohorte sein können, und er sah sich in
Gedanken als Teil einer Legion, die überall, wohin sie kam, Eindruck machte. Doch dieses Hirngespinst wurde jeden Nachmittag zerstört, denn sie errichteten kein ordentliches römisches Lager. Alä hatte sein Zelt, weiche Teppiche, Musikanten, Köche sowie Diener in Hülle und Fülle, um seine Wünsche zu befriedigen. Die anderen suchten sich einen Platz auf der nackten Erde und wickelten sich in ihre Kleider. Der Gestank der tierischen und menschlichen Exkremente umgab sie ständig, und wenn sie zu einem Bach kamen, war er schmutzig, nachdem sie ihn verließen.
Wenn sie nachts in der Dunkelheit auf dem harten Boden lagen, lehrte ihn Mirdin weiterhin die Gebote des jüdischen Gottes. Das vertraute Studieren half ihnen, Unbehagen und Besorgnis zu vergessen. Eine Woche lang lebten sie von ihren Vorräten, dann waren sie planmäßig verbraucht. Hundert Fußsoldaten wurden zu Furieren ernannt und marschierten vor dem Haupttrupp. Sie durchstreiften das Gebiet sachkundig, und man sah täglich Soldaten, die Ziegen an einem Strick führten oder Schafe trieben, gackerndes Geflügel schleppten oder mit landwirtschaftlichen Produkten beladen waren. Das Beste blieb dem Schah vorbehalten, und der Rest wurde verteilt, so daß jeden Abend an hundert Feuern gekocht wurde und die Invasoren gut essen konnten.
Bei jedem Lager wurden täglich die Kranken behandelt. Das geschah in Sichtweite des Schahzeltes, um Simulanten abzuschrecken. Dennoch war die Schlange lang. Eines Abends tauchte Karim dort auf. »Willst du dich an der Arbeit beteiligen? Wir brauchen Hilfe«, forderte ihn Rob auf.
»Das darf ich nicht. Ich muß in der Nähe des Schahs bleiben.«
»Ah«, sagte Mirdin.
Karim lächelte schief. »Wollt ihr mehr Essen?«
»Wir haben genug«, antwortete Mirdin.
»Ich kann euch beschaffen, was ihr wollt. Es wird einige Monate dauern, bis wir die Elefantengehege in Mansura erreichen. Ihr solltet euch das Leben während des Marsches so angenehm wie möglich machen.«
»Ich möchte dich um etwas bitten«, meinte Rob. »An den vier Grenzlinien jedes Lagers sollten Gräben ausgehoben werden, die als Latrinen benützt werden können.«
Karim nickte.
per Vorschlag wurde sofort in die Tat umgesetzt, und es wurde bekanntgemacht, daß diese Maßnahme auf Befehl der Ärzte erfolgte, pies machte sie nicht gerade beliebter, denn nun wurden jeden Abend müde Soldaten zum Ausheben von Gräben abkommandiert, und wer nachts mit Bauchkrämpfen aufwachte, mußte in der Dunkelheit herumstolpern und einen Graben suchen. Wer die Vorschrift mißachtete und dabei erwischt wurde, erhielt Prügel. Doch der Gestank wurde erträglicher, und es tat gut, am Morgen nicht in menschliche Exkremente zu treten, wenn das Lager abgebrochen wurde.
Als sie Schiras erreichten, suchte sie der kelonter Debbid Hafiz, wie vorher abgemacht, in Begleitung einer mit Lebensmitteln beladenen Tragtierkolonne außerhalb der Stadt auf, ein Opfer, das den Bezirk Schiras davor bewahrte, beim Requirieren rücksichtslos geplündert zu werden. Nachdem der kelonter dem Schah seine Reverenz erwiesen hatte, umarmte er Rob, Mirdin und Karim, und sie tranken mit ihm Wein und erinnerten sich an die Zeit der Pest.
Rob und Karim ritten mit Debbid Hafiz bis zu den Toren der Stadt zurück. Auf dem Rückweg ließen sie sich von einem flachen, glatten Stück der Straße und vom Wein in ihrem Blut dazu verführen, ihre Kamele ein Rennen laufen zu lassen. Es war eine Offenbarung für Rob, denn die wiegende, unbequeme Gangart veränderte sich vollkommen, wenn das Kamel lief. Die Schritte des Tieres wurden länger, verwandelten sich in schwungvolle Sprünge, die das Tier und seinen Reiter gleichmäßig und schnell durch die Luft trugen. Rob meisterte die Stute mühelos und erlebte die unterschiedlichsten Eindrücke: Er schwebte, er schwang empor, er wurde zum Wind.
Jetzt verstand er, warum die persischen Juden dafür ein eigenes hebräisches Wort geprägt hatten, das die Bevölkerung übernommen hatte: gemala sarka, fliegende Kamele.
Die graue Stute strengte sich bis zum äußersten an, und zum erstenmal empfand Rob etwas wie Zuneigung für sie. »Komm, meine Kleine! Komm, Mädchen!« schrie er, während sie Richtung Lager jagten. Mirdins brauner Hengst siegte zwar, aber das Rennen versetzte Rob in fröhliche Stimmung. Er erbat von den Elefantenhütern zusätzliches Futter und gab es der Stute, worauf sie ihn in den Unterarm biß. Der Biß verletzte seine Haut nicht, hinterließ aber einen unangenehmen, blauroten Bluterguß, der ihn tagelang schmerzte. Und jetzt taufte er die Kamelstute auf den Namen Biest.
Indien
Südlich von Schiras erreichten sie die Gewürzstraße und folgten ihr, bis sie, um das Gebirge im Landesinneren zu umgehen, in der Nähe von Hormuz zur Küste abzweigten. Es war Winter, aber die Luft am Golf war warm und duftete. Als sie ins Fischerdorf Tiz kamen, nahm Mirdin Rob an der Hand und führte ihn zum Ufer. »Dort auf der gegenüberliegenden Seite«, er zeigte auf den azurblauen Golf, »liegt Masqat. Von hier könnte uns ein Boot in ein paar Stunden zum Haus meines Vaters bringen.«
Diese Nähe war quälend, aber schon am nächsten Morgen brachen sie das Lager ab und entfernten sich mit jedem Schritt von der Familie Askari.
Beinahe einen Monat, nachdem sie Isfahan verlassen hatten, überschritten sie die Landesgrenze. Nun änderte sich einiges. Alä befahl, daß nachts drei Ringe von Wachtposten um das Lager stehen sollten, und an jedem Morgen wurde ein neues Losungswort ausgegeben. Wer 1 versuchte, ins Lager zu gelangen, ohne die Parole zu kennen, war des Todes.
Als sich die Soldaten im Lande Sind befanden, plünderten sie hemmungslos, und eines Tages trieb der Trupp der Furiere Frauen ins Lager, als wären sie Vieh. Alä gab bekannt, daß sie nur für diese Nacht Frauen haben durften und dann nicht mehr. Es war ohnedies sehr schwierig, mit sechshundert Mann unbemerkt nach Mansura zu gelangen, und er wollte nicht, daß ihnen Gerüchte vorauseilten, weil sie unterwegs Frauen geraubt hatten.