Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Der Ausritt hatte eine bereits vertraute Routine. Sie speisten gut und sprachen belangloses Zeug, bis alle vier im heißen Wasser des Teiches in der Höhle saßen und Wein tranken.
Hier erzählte ihnen Alä ruhig, daß er in fünf Tagen mit einem großen Stoßtrupp von Isfahan aufbrechen würde.
»Wem gilt der Überfall, Majestät?« fragte Rob. »Den Elefantengehegen in Südwestindien.«
»Darf ich Euch begleiten, Majestät?« fragte Karim sofort mit leuchtenden Augen.
»Ich hoffe, daß ihr alle drei mitkommen werdet«, sagte Alä. Er sprach lange mit ihnen und schmeichelte ihnen, indem er ihnen seine geheimsten Pläne verriet. Die Seldschuken im Westen bereiteten sich eindeutig auf einen Krieg vor. Sultan Mahmud in Ghazna führte sich wilder auf denn je, und man würde sich einmal mit ihm befassen müssen. Alä hatte jetzt eine Gelegenheit, seine Streitkräfte auszubauen. Seine Spione meldeten ihm, daß in Mansura eine schwache indische Garnison viele Elefanten bewachte. Ein Überfall würde eine nützliche Gefechtsübung darstellen und ihm, was noch wichtiger war, wertvolle Tiere einbringen, die, mit Panzerplatten bedeckt, eine eindrucksvolle Waffe darstellten, die den Ausgang einer Schlacht bestimmen konnte. »Mir schwebt noch ein anderes Ziel vor«, fuhr Alä fort. Er griff nach der Scheide, die neben dem Teich lag, und zog einen Dolch heraus, dessen Klinge aus fremdartigem, blauem Stahl war und ein Muster von kleinen Wirbeln aufwies.
»Das Metall dieses Messers findet man nur in Indien. Es unterscheidet sich von jedem Metall, das wir besitzen.
Diese Schneide ist besser als
unser Stahl und bleibt länger scharf. Sie ist so hart, daß sie in gewöhnliches Metall eindringt. Wir werden Schwerter suchen, die aus diesem blauen Stahl gemacht sind, denn eine Armee, die genügend derartige Schwerter besitzt, muß siegen.« Er reichte den anderen den Dolch, damit sie seine gehärtete Schneide prüfen konnten. »Wirst du uns begleiten?« fragte er Rob.
Beide wußten, daß es ein Befehl war, keine Frage. Jetzt wurde die Rechnung präsentiert, und Rob mußte seine Schuld bezahlen. »Ja, Majestät, ich komme mit«, antwortete er und versuchte, dabei einen forschen Eindruck zu machen. Er war nicht nur vom Wein benommen und fühlte, wie sein Puls raste. »Und du, Dhimmi?« fragte Alä
Mirdin.
Mirdin war blaß. »Eure Majestät hat mir gestattet, zu meiner Familie in Masqat zurückzukehren.«
»Gestattet? Natürlich hatte ich es gestattet. Jetzt mußt du entscheiden, ob du uns begleiten willst oder nicht«, sagte Alä förmlich. Karim griff hastig nach dem Ziegenschlauch und füllte Wein in ihre Becher. »Komm mit nach Indien, Mirdin!«
»Ich bin kein Soldat«, meinte der zögernd und blickte dabei Rob an. »Komm mit uns!« drängte auch Rob. »Wir haben noch nicht einmal ein Drittel der Gebote besprochen. Unterwegs könnten wir zusammen studieren.«
»Wir werden Ärzte brauchen«, gab Karim zu bedenken. »Übrigens ist Jesse der erste Jude in meinem Leben, der bereit ist zu kämpfen.« Es war gutmütiger, wenn auch derber Spott, doch Mirdins Augenlider zogen sich zusammen.
»Es ist nicht wahr, Karim! Der Wein macht dich dumm«, mischte sich Rob ein.
»Ich komme mit«, sagte Mirdin, und sie jubelten vor Freude. »Stellt euch das einmal vor«, sagte Alä Shahansha zufrieden, »vier Freunde überfallen gemeinsam Indien!«
An diesem Nachmittag suchte Rob die Hebamme Nitka auf. Sie war eine magere, strenge, aber noch nicht alte Frau. Er erklärte ihr nur, daß er abreisen müsse. Ihr Gesicht verriet ihm, daß dies für sie etwas Alltägliches war: Der Ehemann geht auf Reisen, die Frau bleibt zurück und muß allein leiden.
„Ich habe Eure Frau gesehen: die rothaarige Andersgläubige.« »Ja. Sie ist eine europäische Christin.«
Nitka dachte nach, dann faßte sie einen Entschluß. »Also gut. Ich werde ihr beistehen, sobald ihre Zeit gekommen ist. Wenn es Schwierigkeiten gibt, werde ich in den letzten Wochen vor der Entbindung in Eurem Haus wohnen.«
»Danke.« Er gab ihr fünf Münzen, vier davon aus Gold. »Genügt das?«
»Es genügt.«
Statt heimzugehen, verließ er die Jehuddijeh wieder und begab sich unangesagt zu Ibn Sina.
Der Arzt aller Ärzte begrüßte ihn und hörte ihm dann ernst zu. »Was geschieht, wenn Ihr in Indien fallt? Mein Bruder Ali wurde getötet, als er an einem ähnlichen Unternehmen teilnahm.« »Ich hinterlasse meiner Frau genügend Geld. Nur wenig davon ist meines, das meiste stammt von ihrem Vater«, erklärte er gewissenhaft.
»Falls ich sterbe, werdet Ihr dann dafür sorgen, daß sie und das Kind nach Hause zurückreisen können?«
Ibn Sina nickte. »Ihr müßt darauf achten, daß ich nicht in diese Lage komme.«
Dann sagte er plötzlich in einem anderen Ton. »Jetzt setzt Euch näher zu mir, Hakim. Ihr würdet gut daran tun, mit mir einige Zeit über die Behandlung von Wunden zu sprechen.«
Als sie im Bett lagen, erzählte Rob Mary alles. Er erklärte ihr, daß er keine Wahl habe, daß er verpflichtet sei, Alä seine Schuld zurückzuzahlen, und daß seine Teilnahme am Stoßtruppunternehmen auf jeden Fall ein Befehl sei. »Ich brauche wohl nicht zu betonen, daß weder Mirdin noch ich verrückten Abenteuern nachjagen würden, wenn es sich vermeiden ließe.«
Er ging nicht auf mögliche Unglücksfälle ein, teilte ihr aber mit, daß er sich Nitkas Dienste für die Geburt gesichert habe und daß Ibn Sina ihr helfen würde, falls Schwierigkeiten aufträten.
In der Nacht legte er ihr einmal seine Hand auf den Bauch und fühlte das warme Fleisch darunter, das schon deutlich wuchs. »Du wirst es vielleicht nicht sehen können, wenn es so groß ist wie eine Wassermelone, wie du vorhattest«, sagte sie in der Dunkelheit.
»Bis dahin werde ich bestimmt schon zurück sein.«
Mary zog sich in sich selbst zurück, als der Tag der Abreise kam, und wurde wieder jene harte Frau, die ihren sterbenden Vater im Ahmads waäi allein beschützt hatte.
Als es für ihn Zeit wurde zu gehen, stand sie im Hof und striegelte ihren Rappen. Ihre Augen waren trocken, als sie ihn küßte und zusah, wie er fortritt. So stand sie da, eine hochgewachsene Frau, die um die Taille stärker wurde und ihren Körper jetzt so hielt, als wäre sie immer müde.
Der Kamelreiter
Für eine Armee wäre die Streitmacht klein gewesen, aber für ein Stoßtruppunternehmen war sie groß: sechshundert Soldaten, ein Großteil auf Pferden und Kamelen, und vierundzwanzig Elefanten. Als Rob zum Musterungsplatz geritten kam, requirierte Khuff sofort den braunen Wallach.
»Ihr bekommt Euer Pferd wieder, wenn wir nach Isfahan zurückkehren. Wir verwenden nur Reittiere, die dazu abgerichtet wurden, vor dem Geruch von Elefanten nicht zu scheuen.«
Zu Robs Bestürzung und Mirdins großer Belustigung wies man ihm eine schmuddelige, graue Kamelstute zu, die ihn hochmütig musterte, während sie wiederkäute. Ihre gummiartigen Lippen bewegten sich gleichmäßig, und ihre Kiefer mahlten gegenläufig. Mirdin bekam einen braunen Kamelhengst. Er war sein Leben lang auf Kamelen geritten und zeigte Rob, wie er an den Zügeln zerren und einen Befehl bellen mußte, daß das einhöckerige Dromedar die Vorderbeine abbog, in die Knie ging, dann die Hinterbeine beugte und auf den Boden sank. Der Reiter saß im Damensitz, riß an den Zügeln, erteilte einen anderen Befehl, und das Tier stand in der umgekehrten Reihenfolge wie beim Niederlegen auf.
Es waren zweihundertfünfzig Fußsoldaten, zweihundert berittene Soldaten und hundertfünfzig auf Kamelen.
Dann erschien Alä, der einen prächtigen Anblick bot. Sein Elefant war um Ellen größer als alle anderen.
Goldringe schmückten seine gefährlichen Stoßzähne. Der
mahout saß stolz auf dem Kopf des Bullen und lenkte ihn mit den Füßen, die er hinter den Ohren des Tiers einsetzte. Der Schah saß aufrecht in einem mit Kissen ausgelegten Gehäuse auf dem gewölbten Rücken und war herrlich anzuschauen. Er war in dunkelblaue Seide gekleidet und trug einen roten Turban. Das Volk tobte.