Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Tiger! Tiger!« heulte er, »ha! Blut! Leichen zerrissen in meiner Höhle! Schalldirne, der Bruder jener adeligen Witwe, Luisens Kind, die Eule: das sind die Leichen! O, und auch Cecily wird ihren Teil bekommen ... denn meine Klauen sind scharf und spitz... Ich bin ein alter Tiger, hab Moos auf meinem Schädel und Haare auf den Zähnen ... Niemand soll es wagen, mir mein Weibchen, meine Cecily, abwendig zu machen ... Ha! Sie ruft wieder, sie ruft wieder!« Und das häßliche Gesicht weit vorstreckend, lauschte er... Kurze Pause. Dann kauerte er sich wieder an die Wand hin und heulte: »Wo ist sie? Warte! Ich komme, o, ich komme. Geh, geh! Beiß in den Sand und brülle ... Was sie für große Augen macht! O, Cecily, Cecily, dein Männchen kommt, dein Männchen kommt!« Und sich gewaltsam zusammenraffend, richtete er sich auf den Knieen empor ... »Ha! Sie hat gebissen! Sie umschlingt mich mit ihrem eiskalten Leibe! Ich kann mich ihr nicht entwinden... . O, diese Augen! Bloß nicht ihren schillernden Blick! Zu Hilfe, zu Hilfe! Die Schlange! Die schwarze Schlange! Hinweg von mir, hinweg! Beim Zeichen des Kreuzes, hinweg!« –
Mit der Hand auf den Fußboden gestützt, versuchte Ferrand sich zu bekreuzigen. Seine bleifarbige Stirn triefte von kaltem Schweiße; seine Augen wurden matt und gläsern. Es machten sich alle Anzeichen eines nahen Todes geltend. – Stumm und starr standen Rudolf und die anderen Zeugen der schrecklichen Szene. Ferrand hatte sich auf die Knie erhoben und fuchtelte mit den Armen in der Luft nach all den Trugbildern seiner armen Opfer, und diesem letzten krampfhaften Aufzucken folgte eine tödliche Erschütterung. Steif und leblos sank er rückwärts, die Augen schienen ihm aus den Höhlen zu treten, gräßliche Zuckungen verzerrten ihm das Gesicht, blutiger Schaum trat ihm auf die Lippen, seine Stimme nahm einen pfeifenden Klang an wie die eines Wasserscheuen, denn in ihrem letzten Stadium hat diese furchtbare Krankheit, die grauenhafte Strafe der Sinnenlust, die gleichen Symptome wie die Wut. Eine letzte Vision stieg vor dem Auge des Bösewichtes auf, und die Worte stammelnd: »Cecily, Cecily, gieriges Gespenst! Mein Fleisch raucht, mein Mark verkohlt... Cecily, Feuer, Cecily! Tigerin! Tigerin!« verschied er unter wilden Zuckungen ...
Von Schauder geschüttelt entfernte sich Rudolf.
Viertes Kapitel.
Im Spital
Marienblume war, wie dem Leser erinnerlich sein wird, nach ihrer Errettung durch die Wölfin in das Landhaus des Doktor Griffon gebracht worden, der im städtischen Bürgerspitale angestellt und ein sehr gelehrter Herr war, im Kreise seiner Kollegen als ein »Fürst der Wissenschaft« galt und diesen Ruf der neuen Richtung, die er vertrat, der Vivisektion, zu verdanken hatte. Ihm war jede Kranke nichts anderes als ein »Versuchsobjekt«, neue Heilmethoden und Heilmittel zu erproben. Um zur richtigen Erkenntnis über Wert oder Unwert derselben zu gelangen; um den Uebergang von einer alten zu einer neuen Kurweise zu ermitteln, pflegte er eine bestimmte Anzahl von Kranken in Behandlung zu nehmen zur Hälfte nach der bisherigen, zur Hälfte nach der neuersonnenen Weise; dann stellte er fest, wieviel nach der einen, wieviel nach der andern geheilt und »draufgegangen« waren; das Verfahren, das die Minderheit von Todesfällen aufwies, bekam den Vorzug und wurde im Spitale eingeführt.
Führen wir nun den Leser in den großen Saal des Krankenhauses, der ein im höchsten Grade betrübendes Bild bot. Längs der großen, düstern Mauern, in denen sich hier und da wie in einem Stockhause vergitterte Fenster befinden, stehen zwei Reihen Betten, die durch eine an der Decke hängende Lampe matt erhellt werden. Es herrscht eine so unreine, mit allerhand Krankheitsmiasmen angefüllte Luft, daß neue Patienten gemeinhin erst eine Art Staupe durchmachen müssen, bis sie sich an den Aufenthalt gewöhnen. Das typische Zeichen für den Aufenthalt ist eine fahle Blässe.
Die nächtliche Stille wird häufig durch Aechzen, Wehklagen, schwere Seufzer oder banges Gestöhn unterbrochen. Tritt einmal völlige Stille ein, so hört man noch immer die eintönigen, taktmäßigen Schwingungen der Uhrenpendel, die die für schlaflose Kranke so entsetzlich langsam hinschleichende Zeit verkünden.
Unter den Frauen, die in diesem Saale weilen, befand sich die Tochter jener unglücklichen Frau von Fermont, die durch die Schlechtigkeit und Habsucht des Notars Ferrand um ihr ganzes Vermögen gekommen war.
Klara, die schon fast eine Woche im Spitale lag, zeigte trotz der von ihrer Krankheit – schleichendes nervöses Fieber – angerichteten Verheerungen in ihrem holden Antlitz noch immer die Spuren seltener Schönheit. Sie hatte die Nacht in heftigen Schmerzen zugebracht und war eben in einen leichten Schlummer gesunken, als Doktor Griffon zu ihrem Bette trat, begriffen auf seinem Inspektionsgange, der dem ihm nicht bloß seine Assistenzärzte, sondern auch ein Cötus von Studenten der Medizin zu begleiten pflegten.
Aber das dadurch hervorgerufene Geräusch hatte Klara nicht geweckt. Erst als Doktor Griffen sie leicht an der Achsel berührte, fuhr sie auf, nicht wenig erschrocken, die vielen Männer um ihr Bett herumstehen zu sehen, darunter nicht wenige in noch recht jugendlichem Alter. All ihre Kräfte in einen einzigen Angst- und Schreckensruf zusammenfassend, stöhnte sie: »Mutter, Hilfe! Hilfe, Mutter, Hilfe«
Da ging die Tür des Saales auf, und eine tief in Schwarz gekleidete Dame trat in Begleitung des Spitaldirektors und eines älteren Herrn über die Schwelle. Die Dame war keine andere als die Marquise von Harville, der Herr der Graf von Saint-Remy.
»Ich bitte Sie dringend,« sagte Frau von Harville, »geleiten Sie mich zu dem Fräulein von Fermont.« – »Fräulein von Fermont,« versetzte der Direktor, »befindet sich im Bett Nummer 17 dieses Saales.« – »O, über das unglückliche Kind,« rief Frau von Harville, vom tiefsten Schmerze ergriffen, »daß ich sie hier finden muß, ist geradezu gräßlich«
Als die Marquise, dem Direktor auf dem Fuße folgend, sich der Männergruppe näherte, die das Bett der jungen Dulderin umstand, drängte der Graf von Saint-Remy sich zu Doktor Griffon und sprach im lebhaftesten Unwillen: »Sie werden das arme Kind ums Leben bringen, denn was Sie jetzt vorhaben, ist ja geradezu ein Mord an ihm!« – »Aber, lieber Saint-Remy, so lassen Sie sich doch sagen ...« – »Und ich wiederhole, daß Ihr Verhalten grausam im höchsten Maße ist! Frau von Fermont gilt mir als meine Tochter, und ich verbiete Ihnen, sich ihr zu nähern. Wenn Sie auf Ihrem Willen bestehen, so werde ich Sorge tragen, daß sie auf der Stelle aus dem Saale getragen wird.«
»Aber, mein lieber Freund, so lassen Sie sich doch belehren! Das Fräulein ist an einem schleichenden Fieber erkrankt. Ich wollte die Gelegenheit nicht ungenützt vorbeigehen lassen, sondern an ihr ein neues Heilmittel, Phosphor, versuchen Sie dürfen mir hierin unter keinen Umständen entgegen sein, denn Sie entziehen unserer ärztlichen Wissenschaft eines der interessantesten Versuchsobjekte.«