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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Wären Sie kein faktischer Narr,« entgegnete Saint-Remy, »so würde ich Sie als den ärgsten Barbaren dieses Jahrhunderts betrachten.« Clemence hörte diesen Disput zwischen den beiden Männern mit wachsender Unruhe an; aber die jungen Studenten standen in so dichtgedrängter Schar um das Bett der Patientin herum, daß der Spitaldirektor sich gezwungen sah, mit lauter Stimme zu sagen: »Platz, meine Herren, Platz für die gnädige Frau Marquise von Harville, die sich herbemüht hat, um unserer Nummer Siebzehn einen Besuch zu machen.«

Infolge dieser Aufforderung traten sämtliche Herren respektvoll zurück ...

»Herr Direktor,« wandte Graf von Saint-Remy sich an diesen, »die Dame wird von Gott hierher gewiesen! Gleich mir, hat sie innigsten Anteil an dem Geschick des jungen Mädchens und seiner Mutter genommen. Mir wollte es indessen nicht gelingen, über den Verbleib der beiden unglücklichen Personen etwas zu ermitteln. Sie war glücklicher in dieser Hinsicht, denn sie hat sie gefunden und gerade noch rechtzeitig, um einen der unerhörtesten Auftritte von Barbarei zu verhindern. Meine Herren, ich beschwöre Sie, sich zu entfernen,« wandte er sich an die Begleiter Doktor Griffons, »nicht wenige von Ihnen werden eine Schwester haben. Denken Sie sich diese an die Stelle dieses armen Kindes von sechzehn Jahren, und Sie werden von keinem geringeren Abscheu erfüllt werden als ich ... Sobald Fräulein von Fermont wieder zu klarem Bewußtsein gelangt ist, werde ich Sorge tragen, daß sie aus dem Spitale gebracht wird, wie ich schon Ihrem Herrn und Meister zu sagen die Ehre hatte.« –

»Ich will mich nicht dawider auflehnen,« antwortete Doktor Griffon, »aber ich bedinge mir aus, sie in Behandlung zu behalten, denn sie leidet an einem Fieber, über das wir Aerzte noch immer im Dunkeln tappen. Ich leide unter keinen Umständen, daß mir solches wertvolle Objekt unter den Händen verschwindet.«

»Geht Ihnen denn die Wissenschaft wirklich über alles?« rief der Graf, »so daß Sie der strengsten Humanitätsgesetze abwendig werden können?« »Aber, lieber Graf,« erwiderte Doktor Griffon, »was soll denn aus der ganzen Heilwissenschaft werden, wenn wir keine Experimente mehr machen sollen? ... Wo bildet anders sich der Arzt als am Krankenbett? Sie versprechen; mir also, mich nicht um mein schleichendes Fieber zu bringen?«

»Unter der Bedingung, Doktor,« antwortete Saint-Remy, »daß das Mädchen transportabel ist.« – »O, ganz gewiß ist das der Fall.« – »Nun, dann entfernen Sie sich mit Ihren Herren!«

»Meine Herren,« wandte sich der Doktor zu seinen Jüngern, »so leid es mir tut, Sie um ein geradezu vorzügliches Studienobjekt zu verkürzen, kann ich doch zu meinem Leidwesen nichts daran ändernd. Ich behalte mir aber vor, Sie über den Verlauf der Krankheit regelmäßig zu unterrichten.«

Nach diesen Worten setzte Doktor Griffon an der Spitze seines Cötus seinen Inspektionsgang fort und ließ den Grafen von Saint-Remy mit der Marquise von Harville allein zurück bei Fräulein Klara von Fermont.

Fünftes Kapitel.

Marienblümchen

Während des letzten Teiles des hier geschilderten Auftrittes war Fräulein von Fermont der Marquise von Harville überlassen worden, die sich mit den beiden barmherzigen Schwestern in ihre Pflege teilte. Eine von ihnen hielt das bleiche schwere Haupt des jungen Mädchens, während die Marquise, über das Bett gebeugt, der Kranken den Schweiß von der kalten Stirn wischte. Graf von Saint-Remy betrachtete, tief bewegt, dies ergreifende Bild, als ihm plötzlich ein trauriger Gedanke durch den Kopf schoß ...

»Und die Mutter des unglücklichen Mädchens?« fragte er leise die Marquise.

»Gerechter Gott!« rief die Marquise, »sie ist tot. Ich erfuhr,« setzte sie hinzu, »erst gestern Abend bei meiner Rückkehr, wo sich Frau von Fermont aufhielte, und in welch hoffnungslosem Zustande sie sich befände ... So früh es mir mit meinem Arzte möglich war, begab ich mich zu ihr.. Ach, lieber Graf! Welch ein Bild bot sich mir da! Die Armut in all ihren Schrecken! Und von Hoffnung, die arme, im Sterben liegende Frau zu retten, nicht die geringste Möglichkeit!«

»Ach, wenn sie ihrer jugendlichen Tochter gedacht hat, muß es ein schwerer Todeskampf gewesen sein!« rief Saint-Remy. – »Nun, der Name ihrer Tochter war ihr letztes Wort.« – »O, schrecklich, schrecklich!« rief der Graf, »und sie war eine aufopfernde Frau, eine zärtliche Mutter! Ach, es ist gräßlich!«

Eine barmherzige Schwester unterbrach die Unterhaltung des Grafen mit der Marquise und sagte zur letzteren: »Das junge Mädchen ist sehr schwach. Sie hört kaum. Vielleicht kommt sie gerade wieder ein wenig zu sich. Sofern es Sie nicht beschwert, solange hier zu verweilen, bis die Kranke völlig wieder zum Bewußtsein gekommen, möchte ich mir erlauben, Ihnen meinen Stuhl anzubieten.«

»O, bitte, mir ganz angenehm,« erwiderte die Marquise, »will ich doch Fräulein von Fermont erst verlassen, wenn ich sie wieder bei Bewußtsein und klarem Verständnis ihrer Situation weiß. Zum wenigstens soll sie, wenn sie die Augen wieder aufschlägt, ein wohlwollendes Antlitz aus ihrer Sphäre erblicken ... Der Arzt meinte, sie könne ohne Gefahr aus dem Spitale geschafft werden. Ich werde sie also gleich mitnehmen.«

»Ach, Marquise,« rief Saint-Remy, »möge Gott Sie für all das Gute, das Sie der Menschheit erweisen, reichlich belohnen! Verzeihen Sie, daß ich Ihnen noch immer nicht gesagt habe, in welchen Beziehungen ich zu dem Herrn von Fermont, dem Gemahl der verstorbenen Dame, gestanden. Er war mein liebster Freund. Ich habe mit ihm in Angers gewohnt und bin dort weggezogen, weil ich gar keine Kunde von der edlen Frau erhielt, die eines Tages, als sie erfuhr, daß ihr Bruder in Paris sich selbst das Leben genommen, mit ihrer Tochter dorthin gereist war. Nach einiger Zeit erfuhr ich, die arme Frau hätte ihr ganzes Vermögen eingebüßt, was doch für sie um so schrecklicher sein mußte, als sie bis dahin im Wohlstande gelebt hatte.«

»Nun, das trifft freilich zu, aber Sie scheinen noch nicht zu wissen, daß die Frau auf die gemeinste Weise um ihr Hab und Gut betrogen worden ist.«

»Doch nicht durch ihren Notar?« fragte Saint-Remy; »solcher Argwohn ist mir allerdings aufgestiegen.«

»Es war ein elendes Subjekt, dieser Notar Ferrand!« rief die Marquise empört, »nicht bloß dieses Verbrechen hat er begangen, sondern ein noch weit schlimmeres: und einzig und allein in der Absicht, sich in Besitz des Fermontschen Vermögens zu setzen; aber – er ist gezwungen worden, das Geld wieder herauszugeben, so daß –«

»–Dieses unglückliche Mädchen,« fiel Graf Saint-Remy ihr ins Wort, »wieder zu ihrem Gelde gelangen wird?« –

»Allerdings,« antwortete Frau von Harville, »aber Sie wissen wirklich noch nichts über die schrecklichste aller Missetaten, die dieser Notar Ferrand begangen hat, getrieben von maßloser Habsucht?«

»Nein, gnädige Frau, kein Wort!« sagte der Graf.

»Der Notar hat den Bruder der Frau von Fermont ermordet und das Gerücht verbreitet, daß sich derselbe selbst das Leben genommen habe, nachdem er das Vermögen seiner Schwester vergeudete.« –

»Das ist ja geradezu gräßlich!« rief der Graf; »an einen Selbstmord habe ich allerdings niemals recht glauben mögen, da Renneville doch immer die Ehrenhaftigkeit selbst war... . Aber – wo ist das Geld deponiert worden, das Ferrand zurückerstattet hat?«

»Es wurde dem Pfarrer des Kirchspiels, in welchem der Notar Ferrand domiziliert, behändigt und wird Fräulein von Fermont übergeben werden.«

»Es genügt nicht, daß einem solchen Schurken das Geld wiedergenommen wird, das er sich auf solch schurkische Weise zu eigen gemacht hat,« erwiderte der Graf, »solch ein Halunke muß an den Galgen! Hat er doch nicht einmal, sondern zwiefältig gemordet! Was diese arme Frau von Fermont mit ihrer Tochter gelitten, ist doch einzig und allein durch den schmählichen Vertrauensmißbrauch des Schurken hervorgerufen worden.«

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