Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
— Mama, ich habe dir doch gesagt, dass mein Geburtstag egal ist.
— Dir kann er ja ruhig egal sein! Im Zweifelsfall ist dir ja immer alles egal!
— Also, noch mal von vorn. Wenn du sagst, du nimmst die Tabletten nicht mehr, heißt das, dass du sie einfach nicht mehr nimmst oder dass du sie nicht mehr brauchst?
— Diese Tabletten habe ich mit Sicherheit noch nie gebraucht! Wer braucht schon Tabletten, um ausgerechnet die wichtigen Dinge zu vergessen?
— Aber das sind doch nur Nebenwirkungen, sagte ich und deutete mit einer Hand hilflos im Raum herum. Wenn dein Körper sich erst einmal daran gewöhnt hat, dann …
Ich bemerkte, dass ich gar nicht wusste, wovon ich sprach. Körper, sich gewöhnt. Nebenwirkungen. Sie war einkaufen gegangen, mit Zettel und allem. Sie hatte keine hundert Glühbirnen oder zwanzig Wassermelonen oder einen Do-it-yourself-Gartengrill gekauft, sondern sinnvolle Dinge. Bis auf die drei Müslipackungen.
— Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich mitgehe? fragte ich.
— Ich nehme die Tabletten nicht mehr, sagte sie.
Das versilberte Steak wanderte in das Tiefkühlfach. Vor dem Mund meiner Mutter bildete sich für einen Augenblick eine fast unsichtbare, weiße Atemwolke.
— Ja, ich weiß, du nimmst die Tabletten nicht mehr. Das hast du schon gesagt.
— Nein, ich habe es nicht zweimal gesagt. Die Betonung war anders! Hörst du denn überhaupt nicht zu? Ich nehme die Tabletten nicht mehr, das bedeutet soviel wie: auch in Zukunft nicht. Und wenn du es unbedingt wissen willst, ich brauche niemanden, der auf Schritt und Tritt auf mich aufpasst.
Ich werde mich gut benehmen, denke ich auf dem Weg zu meiner Mutter. Ich werde mich wohlerzogen geben, obwohl ich das nicht bin und nie war. Ich werde Messer und Gabel in der richtigen Reihenfolge in die Hand nehmen und wieder ablegen.
Tischmanieren sind wie Grundrechnungsarten. Sie werden gelehrt, ohne dass sie einer tieferen Begründung bedürfen. Gleichzeitig sind sie so aufgeladen mit labyrinthischen Moralvorstellungen, dass sie allein schon für die Gründung einer Religion ausreichen würden. Eine Gabel, im falschen Winkel zum Messer auf dem Teller. Ein Ellbogen, der sich auf den Tisch verirrt. Ein Wasserglas, das noch vor dem ersten Löffel Suppe geleert wird.
Die Grundrechnungsarten führen in die unbegreifliche Welt der Mathematik, unbegreiflich in ihrer Konsistenz und Stimmigkeit, wo die richtigen Ergebnisse (diese sonderbaren Objekte, die man wahre Aussagen nennt) immer zugleich die allerunwahrscheinlichsten sind. Manieren führen in eine analoge Welt, die allerdings unsichtbar bleibt (im günstigsten Fall ist sie noch einem Diskursanalytiker oder einem Archäologen zugänglich). Sie sind verantwortlich für die meisten Episoden von scheinbar fremd gesteuerter Besessenheit, von unerklärlichen Schuldgefühlen und der herrlichen Genugtuung, die einem erwachsenen Verstand das sinnlose Abzählen von Lichtern in einem Lesesaal bereitet, das Balancieren auf den schwarzen Kästchen, wenn man über ein Schachbrettmuster geht, oder das Antippen jeder dritten (nicht der zweiten und nicht der vierten) Geländersprosse auf dem Weg zu einem wichtigen Termin im Gerichtsgebäude oder im Krankenhaus, mit schweißnassen, zittrigen Händen.
Die zwei Metalltüren des Krankenhauslifts schmolzen zusammen, als wären wir, die Fahrgäste, ein Paket für den Ofen. Ein Mädchen mit verbundenem Kiefer stieg ein. Zwei Männer gesellten sich dazu, einer mit einem Kaktus in der Hand. Ein Krankenpfleger mit gelbem Solidaritätsarmband. Halt im zweiten Stock. Drei Krankenpfleger. Halt im dritten Stock. Drei Krankenpfleger und eine Schwester. Das Mädchen stieg aus. Halt im vierten Stock. Der Kaktus-Mann und ich stiegen aus.
Der Linoleumboden in Krankenhäusern, der so aussieht, als wäre er ständig nass.
Ein Rollstuhlfahrer spiegelte sich vage im Boden und brachte eine ferne und sehr unscharfe Erinnerung an die Korridore meiner Schulzeit mit sich.
Das Sonnenlicht blendete mich. Also musste ich die Gesichter, die, vollgesogen mit düsteren Vorahnungen, an mir vorbeizogen, noch nicht beachten. Das helle Licht im Linoleum verschwand erst, als ich um eine Ecke bog.
Das ist nicht ohne Grund passiert, sagte die Stimme meiner Mutter vor siebzehn Jahren in meinem Kopf.
Der Riss, breit und unübersehbar, mitten in der Wirklichkeit.
Schon von weitem erkannte ich Valeries Angehörige. Sie standen am Ende des Ganges um einen Arzt versammelt, kreisten ihn ein, ließen ihn nicht entkommen, bis er ihnen die korrekte Auskunft erteilt hatte.
Ich wandte mich ab und machte es mir im Aufenthaltsraum bequem. Ich schaltete den Fernseher ein; CNN, ein Sender, der den ganzen Tag seltsam verträumte Werbungen für diplomatentaugliche Hotels bringt. Und natürlich läuft in jedem dieser Hotels, wenn man den Fernseher einschaltet, wieder nur CNN und zeigt Hotelwerbungen. Ein ewiger Teufelskreis.
Nach einer Weile trat ich auf den Flur hinaus, die Gänge waren verlassen. Gras wuchs am Rand der Linoleumböden. Als hätte ich tausend Jahre geschlafen.
Ich kam in einen leeren Operationssaal. Eine große, dreiäugige Lampe schaute auf ein leeres Operationsbett herab, fast mitleidig, wie ein schwerer Sonnenblumenkopf. Das lange Metallgestell der Lampe war verziert mit einer Efeuranke.
Alle Fenster waren grau von Staub, und getrocknete Regentropfen hatten dicke Schlieren hinterlassen.
Im Gang lag ein auf die Seite gekippter Rollstuhl. Auf einem Rad hatte ein Vogel ein Nest gebaut, das längst verlassen war. Langsam drehte das Rad sich im Kreis, und kleine Zweige rieselten durch die Speichen auf den Boden.
Auf einer Mauer wanden sich elegante Graffiti mit großen Kanji-Schriftzeichen, die Gott weiß was bedeuten mochten. Ich stellte mich an ein Fenster und sah hinaus. Ich hatte das Gefühl, das einen im Zug befällt, wenn man eine Station zu weit fährt, weil man versäumt hat auszusteigen, und nun langsam aus dem Bahnhof rollt, unterwegs zur nächsten unbekannten Haltestelle.
Eine Passage aus einer der rätselhaften Reisebeschreibungen Pierre Duhamels kam mir in den Sinn. Als er auf seiner Wanderschaft in ein Dorf kam, das von der Pest fast zur Gänze entvölkert war, ging er, um zu rasten und weil ihm schien, es sei der einzig sichere Ort im Dorf, in die Kirche. Dort hörte er ein Geräusch, und er ging ihm nach. An der Stelle, wo die langen Seile zum Läuten der Kirchenglocken von der Decke herabhingen, baumelte ein Kind. Es hatte sich, klein wie es war, einfach auf den Knoten am unteren Ende des Glockenseils gesetzt. Und darauf schaukelte es. Hunger und Einsamkeit hatten das Kind so leicht werden lassen, dass die Glocken es trugen, ohne zu läuten.
Aus dem „Konversationslexikon der Jenseitsmythen“
(hrsg. v. Daniel Tammuz und Prof. Herfried Lorca),
Seite 268
Jizō . Bodhisattva in der japanischen Variante des Buddhismus. In der buddhistischen Mythologie ein Beschützer und Wächter über die Seelen totgeborener oder früh verstorbener Kinder, denen durch ihren vorzeitigen Tod der Übertritt über den Unterweltfluss Sanzu (siehe dazu auch Lethe) verwehrt ist. Jizō-Figuren, die meist einen sitzenden Mönch mit Glatze und geschlossenen Augen darstellen, der in der Hand einen Pilgerstab hält (vgl. Hl. Nikolaus), sind auch heute noch häufig auf Friedhöfen zu finden.
Eröffnungsfeier
Walter trug eine lächerliche Baskenmütze, die ihm ständig vom Kopf fiel. Er wollte vermeiden, dass sein Vater ihn unter den Zuschauern erkannte. Er war nicht wegen ihm gekommen. Er hielt Ausschau nach Joachim oder vielleicht nach Franz oder Dieda, denn vermutlich kreisten sie in verschiedenen Umlaufbahnen um den Dichter.