Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Dann steckte sie die Zähne zurück in ihren Mund. Es klapperte.
— Wenn du’s unbedingt wissen willst, sagte ich, es handelt von einem geheimnisvollen Landstrich in den Karpaten, in dem die Menschen wie die Blumen im Winter einfrieren und im Frühling wieder auftauen, sagte ich. Und die moralischen Implikationen, die sich daraus ergeben.
Ich hatte sehr schnell gesprochen, um sie vom Thema abzubringen. Moralische Implikationen, der Begriff setzte sie sofort außer Gefecht. Ihr Kopf zitterte.
— Sicher, sagte sie, warum nicht …
Aus dem „Konversationslexikon der Jenseitsmythen“
(hrsg. v. Daniel Tammuz und Prof. Herfried Lorca),
Seite 598 f.
doch natürlich liegt Lucumoria (so die eigentliche Schreibweise), wie man heute weiß, nicht auf dem Mond. Trotzdem galt der sagenumwobene Landstrich lange Zeit als eine Art dystopische Provinz unverständlicher und grundloser Gewalttaten, von denen man auf der Erde nichts wissen wollte. Wenn man so will, war L. für viele Gelehrten der Vergangenheit eine Art höheres Narrenschiff. Der Legende nach liegt L. in einer einsamen Gegend, die schon im Sommer nicht viel Sonne abbekommt. Eis und Schnee schließen es im späten Oktober ein, und erst im Februar bricht dieser Panzer wieder auf und lässt die Bewohner frei. Es ist eine Gegend, in der viele Kalendergeschichten angesiedelt sind. Die Einwohner von L. leben in vielen dieser Geschichten mit ihren längst verstorbenen Eltern zusammen, und niemals fehlt es darin an Menschen, die diese Verstorbenen sehen, berühren und sogar an den Mittagstisch einladen können.
Nicht der erste, aber sicherlich der erste berühmte Gelehrte, der über L. geschrieben hat, ist Johannes Kepler, in seiner 1630 veröffentlichten Schrift Somnium, seu Opus Posthumum de Astronomia Lunari, in welcher er von einer Reise zum Mond erzählt und eine detailgenaue Beschreibung der Mondbewohner gibt. Kepler erwähnt darin die Bewohner von L. nur indirekt, im Zuge einer generellen Charakterisierung der Mondbewohner, und er verteilt spezielle Verhaltensweisen auf mehrere Wesen. Vielen Interpreten zufolge erscheinen die Mondbewohner so weniger menschlich, als sie es verdienen. Bereits in einer früheren Schrift (Tertius interveniens, 1610) spielte Kepler auf einen osteuropäischen Landstrich an, wo die Leute im Winter aussterben (weil die Sonne vom Himmel verschwindet) und im Frühling wieder auferstehen, wie Frösche, die aus der Winterstarre im Sumpf zurückkehren. Kepler bezog sein Wissen vor allem aus den Reiseschilderungen eines Jesuiten namens Rio, der folgende ergreifende Darstellung des jahreszeitlich bedingten Sterbens gab:
Der Tote lag aufgebahrt in seiner Kammer zwischen Fleisch und Gemüse. In ihrer großen Trauer hatten alle Mädchen des Dorfes ihm kleine Briefe mit in den Sarg gelegt. Die meisten davon waren Entschuldigungsbriefe, denn der Verstorbene hasste jegliches Ritual, das seinetwegen veranstaltet wurde, so auch das christliche Bestattungsritual. Wenn er im Frühjahr erwacht, sagten die Mädchen, wird er uns bestimmt verzeihen, und einen Winter lang ertragen wir unsere Schuld. Diese Mädchen galten in ihrem Dorf aufgrund ihrer Haltung als besonders verschwenderisch und man duldete sie nur mehr über den Winter, dann trieb man sie unter Schlägen hinaus in die Wälder, wo sie bis heute unruhig umherstreifen, betteln und einsame Wanderer mit Flüchen belegen.
Weitere Berichte über L., die mit größter Wahrscheinlichkeit die Quelle für Rios Schrift waren, finden sich bei einem vornehmen Bürger des sechzehnten Jahrhunderts, Sigmund von Herberstein. Dieser traf in Graz auf Johannes Kepler, der in der österreichischen Kleinstadt Teile seiner wichtigsten astronomischen Werke verfasste und damit bekanntlich die Naturwissenschaften nachhaltig veränderte. Es ist möglich, dass die Erwähnung der ungewöhnlichen Geschichte über L. als eine Art von Gefallen anzusehen ist, eine nette Geste, die der sonst so kritische und scharfsinnige Astronom dem wunderlichen Baron von Herberstein erwies.
Das reparierte Uhrwerk
Ich habe aufgehört mich zu rasieren. Über Ober- und Unterlippe haben sich schwarze Zügel gelegt, das Kinn ist verschwunden, nur die Wangen sind größtenteils frei. Ihre Behaarung gleicht jener kleinen Stelle zwischen meinen Augenbrauen, die zwar stetig zueinander streben, sich aber nie wirklich berühren, es sei denn, ich blicke böse in den Spiegel.
Meine Mutter wird schimpfen, wenn sie meinen Bart sieht. Sie wird sagen, Das passt nicht zu dir und dass ich mich nicht so gehen lassen darf, obwohl sie gar nicht weiß, was inzwischen alles passiert ist. Dann wird sie natürlich fragen, warum ich mich denn so gehen lasse. Ich werde nur auf ihre Fragen antworten müssen; vorher werde ich mich allerdings noch betrinken. Einfach so, um den Schmerz zu steigern, bis er so stark ist, dass er sich von mir abschält, wie die Haut nach einem Sonnenbrand.
Inzwischen geht es meiner Mutter wieder besser. Lange hat sie irgendwelche Mittel genommen, die ihr Gedächtnis geschwächt haben.
Valerie: Nimmt sie Benzodiazepine?
Ich: Äh, ja, ich glaube … Auf jeden Fall wird sie davon immer vergesslicher.
Valerie: Ah, ganz schlecht! Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, ein Uhrwerk mit einem Presslufthammer zu reparieren.
Kurz nachdem ich mein Studium abgebrochen und die Arbeit im Heim angenommen hatte, da das Geld knapp zu werden begann, lief meine Mutter das erste Mal fort. Eines Morgens stieg ich die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf, die Steinstufen wurden flacher, je höher man kam, und da war die Wohnungstür, groß und braun, aber etwas an ihr war nicht wie immer. Sie stand offen.
Einbruch!
Ich rannte in die Wohnung — links, niemand, rechts.
— Hallo?
Ich rief nach meiner Mutter, ohne ihren Namen zu nennen, da ich kein Fremder war, keiner der Fremden, die vor kurzem noch hier gewesen waren (Skimasken, Baseballschläger). Ich rannte in alle Zimmer, ohne die Schuhe auszuziehen, das war immerhin ein Notfall, also sprang ich über die Teppiche und rief:
— Hallo? Hallo-oh!
Aber niemand war da, leere Räume, die in andeutungsreichem Schweigen hinter angelehnten Türen lagen. Mit den Straßenschuhen stapfte ich weiter durch den hinteren Teil der Wohnung. Nichts. Das Licht des Nachmittags fiel durch die Balkontüren, vor denen sich strahlend weiße Vorhänge wiegten. Verträumte Moirémuster. Ich ging ins Badezimmer. Ein sonderbarer Anblick: bunte Wäschestücke hingen in verschlungenen Knäueln aus der offenen Waschmaschine in einen grünen Wäschekorb — als hätte sie die triefend nasse Wäsche und all die Geschirrtücher in einer zusammenhängenden Wurst ausgespieen.
Dann entdeckte ich es, ach, alles meine Schuld, die Klotür: Sie war geschlossen und im Klo surrte die Lüftung. Alles in Ordnung. Ich stützte die Arme auf meinen Knien ab und atmete durch. Ich klopfte.
— Die Tür war offen, rief ich hinein. Du darfst die Tür nie offen lassen, sonst kommen Fremde in die Wohnung, so wie ich –
Ich lachte auf.
Natürlich erwartete ich keine Reaktion. Menschen auf dem Klo sprechen nicht gern. Aber ich musste mich zumindest bemerkbar machen, sonst schreckte sie sich noch, wenn sie mir plötzlich im Flur begegnete. Die Lüftung war laut.