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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Was für eine lächerliche Inszenierung. Ein paar Litfaßsäulen, davon eine knallrot angemalt, standen in einigem Abstand voneinander in der Allee, und das war schon alles. Die Kunstmenschen (Leute mit Kiemen und Schwimmhäuten zwischen den Fingern) kamen tatsächlich, um sich simple Säulen anzusehen, die sie auch sonst überall zu sehen bekamen. Aber vermutlich war gerade das der Punkt, alltägliche Dinge neu erleben blablabla.

Als sich sein Vater auf der Bühne zeigte, die auf einer Wiese nahe der Allee errichtet worden war, wurde Walter kleiner. Er klappte den Mantelkragen hoch, zog den Hals ein. Er war sich einigermaßen sicher, dass seine Mutter nicht hier war. Und Mirja verstand nicht das Geringste von Kunst.

— Meine Damen und Herren!

Sein Vater hatte zu sprechen begonnen.

— Herzlich willkommen zur Eröffnung der Ausstellung Think Tanks. Mein aufrichtiger Dank gilt der Stadtverwaltung und vor allem –

Walter hörte weg, Dankesworte hatten ihn noch nie interessiert. Aber jetzt, da alle Menschen stillstanden (und ihre Kunstszene-Kiemen in Zeitlupe zwinkerten), war es einfacher, nach Joachim Ausschau zu halten.

Walter ertappte sich dabei, wie er auf Zehenspitzen herumging.

— Meine Damen und Herren. Diese Säulen sind einfache geometrische Embleme unseres Gedächtnisses. Wie der Wunderblock des großen Psychoanalytikers Sigmund Freud werden sie nie gelöscht, nie verlieren sie ihre Farbe, sondern werden immer nur überschrieben, überklebt mit einer neuen Schicht, einer neuen Schicht Werbung, die kaum einen Sinn ergibt ohne die vorhergehenden Schichten und Ge-Schichten. Schichten und Ge-Schichten. Und diese verschiedenen Ge-Schichten sprechen, in derselben Sprache wie ein Baum, zu uns vom Wesen der Zeit. Die Säulen sind gleichzeitig die Säulen der Geschichte. Sie sprechen vom Vergehen der Zeit, die Ezra Pound, ein berühmter amerikanischer Dichter, einmal auf folgende Weise beschrieben hat: We do NOT know the past in chronological sequence. It may be convenient to lay it out anesthetized on the table with dates pasted on here and there, but what we know we know by ripples and spirals eddying out from us and from our own time. Die Spiralen, von denen hier die Rede ist, sind wie die Jahresringe der Bäume oder das Schicksal verschiedener Flüssigkeiten, die in einer Kaffeetasse zusammengerührt werden.

— Kssss!

Ein Geräusch dicht neben ihm, als hätte sich jemand verbrannt. Walter drängte ein paar Menschensäulen auf die Seite, dann sah er ihn. Er sah wirklich gut aus. Er stand neben Franz, das war Pech, denn so würde sich nur ein doppelt peinliches Gespräch ergeben. Er hatte abgenommen. Er war — man musste es zugeben — wirklich hübsch. Walter war der einzige in der Menschenmenge, der gegen den Strom schaute. Fast spürte er so etwas wie Gegenwind.

— Meine Damen und Herren, lassen Sie mich also wiederholen: Diese Säulen verkörpern die Zeit, besonders natürlich die Vergangenheit. Das Problem der Vergangenheit ist allerdings eine äußerst verführerische und gefährliche Illusion, nämlich die Annahme, man könne sie deuten. Im Falle meiner Säule, der betretbaren Litfaßsäule, ist es allerdings so, dass der Hohlraum ein in jedem Fall subversiver Ort bleibt, der nicht so leicht gedeutet werden kann. Der Sessel darin und dazu das Bild an der Wand mit dem in comichafter Leichtigkeit über eine Wasserfläche steuernden Schiff — was bedeuten sie? Natürlich stellt sich jeder von uns diese Frage. Aber es ist eine Frage, die nicht beantwortet werden kann, auch so etwas gibt es, eine Frage wie ein leerer Handschuh, der das Gebärdensprache-Zeichen für Wie bitte? macht — mit anderen Worten: eine Falle. Wenn die Litfaßsäule geschlossen wird, ist es drinnen vollkommen dunkel. Natürlich haben wir daran gedacht, im Inneren eine Lampe zu installieren. Doch diese wird ausschließlich –

Walter hörte nicht mehr hin. Er schob Menschen wie Schilf zur Seite. Er stand vor Joachim und Franz.

— Oh, hallo, sagte Franz.

Da ihm vor Aufregung ein Frosch in den Hals gekrochen war, hob Walter die Hand zu einer lässigen Begrüßungsgeste.

— Ja, wenn — Ha!

Joachim ging auf ihn zu, umarmte ihn und tätschelte seinen Nacken. Walters Körper war sofort kraftlos geworden, sodass Joachim ihn nicht gleich wieder loslassen konnte. Er hing wie ein schlaffer Kartoffelsack in den Armen des Dichters. Dann war es Zeit, sich wieder aufzurichten.

— Du schaust fantastisch aus, brachte er hervor.

— Na ja, ich fühl mich ganz gut. Körperlich. Sonst ist diese Veranstaltung bisher allerdings eine einzige Höllenfahrt.

— Ja, allerdings, pflichtete Franz bei, nahm Joachims Hand und legte sie sich auf die Brust.

Die Geste war so überdeutlich, dass Walter besiegt zu Boden blickte.

— Der lässt kein gutes Haar an meinem Text. Alles total verdreht und gekürzt und verstümmelt, sagte Joachim. Aber gut, wenigstens steht der Originaltext in der Broschüre.

— Und bezahlt hat man dich auch ganz ordentlich, sagte Franz zu Joachims Hand auf seiner Brust.

— Oh ja. Geld hat er, dein Papa.

Und Joachim klopfte Walter, der sich inzwischen umgedreht hatte und in die gleiche Richtung schaute wie all die anderen Menschen auf diesem Planeten, auf den Rücken. Dein Papa. Ja, das stimmte, das da vorne am Rednerpult war sein Vater. Die Welt war ja so klein, andauernd fiel sie einem runter und dann suchte man stundenlang vergeblich nach ihr, weil sie in irgendeine Ritze im Fußboden gekullert war, die Welt.

— Joachim, sagte Walter hilflos.

— Hast du das gehört? sagte Joachim zu Franz. Er schafft es nicht einmal, einfach vom Blatt abzulesen.

Franz kuschelte sich an ihn, während er das sagte. Er begann Joachims Schal abzuwickeln und schlang sich das eine Ende um seinen Hals. Jetzt waren sie beide miteinander verbunden. Walter bildete Fäuste in seinen Manteltaschen. Er spürte, wie sich die Nägel in seine Handflächen gruben. Schlimm genug, dass er an einem kalten Tag wie diesem mit dieser albernen Mütze herumlaufen musste. Und dann noch diese unverhohlene Verachtung, die so offensichtlich war, dass man daraus einen steinharten Schneeball hätte kneten können.

— Säulen, sagte er und produzierte die ersten Atemwolken in dem stetig kälter werdenden Jahr. Haha. So eine komische Idee, oder?

— Find ich gar nicht, sagte Franz.

Er hatte sich den Schal etwas zu fest um den Hals gewickelt und wurde nun jedes Mal wie ein angeleinter Hund hin und her gerissen, wenn Joachim sich bewegte.

— Die dümmste aller möglichen Ideen, wenn du mich fragst, sagte Joachim und sah Walter an.

Mit größter Mühe stemmte Walter seine Mundwinkel in die Höhe.

— Kopf hoch, sagte Joachim leise zu ihm.

— Mir ist nur kalt, sagte Walter.

Sie warteten das Ende der Eröffnungsrede ab, dann gingen Franz und Joachim nach vorne, um ein paar Leute zu begrüßen. Walter ließ sich unterdessen von dem aus vielen, vielen Händen hervorbrechenden Applaus verscheuchen, als wäre sein Herz ein lärmempfindliches Tier.

Soul Man

Ich habe immer noch die Fähigkeit, mich selbst zu überraschen. Leider nur mich allein. Gerald scheint es mit großer Gelassenheit hinzunehmen, dass ich vor ungefähr einer Viertelstunde den Verstand verloren habe. Er scheint sich sogar mit mir über diese Entwicklung zu freuen und tut das, was er sonst nie in Gesellschaft tut: Er tanzt.

Vor einer Viertelstunde lag ich noch in meinem Zimmer und beobachtete die Decke dabei, wie sie langsam auf mich herabsank.

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