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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Aber! Nein, nicht doch … Wie ein kleines Mädchen.

Ob er hingehen sollte? Aber sie hatten sich nichts zu sagen. Alles lag hinter ihnen, die ganze Welt war simpel und durchschaubar wie ein Puppenhaus.

Schon hörte sie auf zu weinen. Bestimmt würde sie es nicht mehr tun. Letzte Nachbeben. Messerschmidt selbst kannte das, sie dauerten mitunter noch Jahrzehnte an (was immer man unter einem Jahrzehnt verstehen mochte), oder sie wurden zyklisch, wie bei dem alten kleinen Männlein, das jeden Monat einmal über das Hausdach gegenüber wanderte und dabei sehnsüchtig in den Garten hinunterstarrte, wo es sich viel lieber aufhielt als dort oben in Gegenwart der tief hängenden Sterne.

Messerschmidt erbebte. Sie hatte ihn entdeckt, ihr Blick hatte ihn zuerst an der Schulter getroffen.

Wenig später war sie aus dem Zimmer verschwunden und hatte ihren Rundgang durch alles, was es in der Wohnung gab, angetreten. Sie hielt oft inne und nahm das Überflüssige, Unverdiente in sich auf. Es fiel, ankerlos, durch sie hindurch. Schon bald lernte sie damit umzugehen und bewegte sich fort, ohne die Orte zu vermissen, von wo sie gekommen war. Gegen Abend war sie wieder in ihrem Zimmer und verhedderte sich in ihrer Armbanduhr, die den Rückweg vom Krankenhaus allein, in der Handtasche ihrer Mutter, hatte antreten müssen und sich nun kalt und abweisend verhielt.

Uljana ruhte sich aus. So viel Aufregung, so viel Blut. Sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können. Jetzt war es wieder heller Tag und sie hielt sich versteckt. Ihre Kiefer mahlten in selbstständigem Eifer aneinander. Und manchmal entkam ihr ein Knurren.

— Rrrr …

Sie war auf einen Parkplatz zurückgekehrt, um sich zu erholen. Der Parkplatz und die Autos hatten sich zwar verändert, alles war neu, aber das passierte manchmal mit Dingen, die in einer Stadt herumstanden, das musste man hinnehmen. Die Fahnen in der Ferne waren verschwunden.

Hin und wieder suchte sie die helle Fensterreihe in der Ferne nach dem vertrauten Gefühl ab, aber alles blieb fremd und abweisend. Dennoch konnte sie sich nicht einfach beruhigen, alles vergessen und ihren kleinen, heißen Kopf einschlafen lassen.

Sie wartete.

Sie würde den ganzen Tag warten, wenn es sein musste. Die Attacke in der Nacht hatte ihren Kampfinstinkt entfacht. Sie war mehrere Stunden wie irr durch die Gegend gerannt, hatte sich verlaufen und war schließlich hierher gekommen, was nun wie ein schlimmer Fehler aussah. Sie hatte das Gefühl, die Stadt und der Bezirk seien vielleicht über Nacht geschrumpft.

Die süßen, angenehmen Nachwehen der Attacke knisterten über ihr müdes Gehirn. Immer wieder biss sie in Gedanken zu, vergrub die Zähne in die dargebotene Hand. Alles geschah so glatt und geschmeidig, ein Gefühl wie das Verstreichen von Zeit, wenn man es am wenigsten mitbekommt.

Sie erlaubte sich einen jener lauten, jaulenden Hundeseufzer, gähnte und klappte ihr Maul wieder zu.

— Chp!

Mmmh, dieses genüssliche Knacken der Knöchel, als sie zugebissen hatte, und dann das ganze prächtige dicke ängstliche verräterische salzhaltige verrückt gewordene blubbernde Blut über all den verletzten Fingern –

Der Riss, dritter Akt

Eine weitere notwendige Abschweifung

Eine Biene, gefangen hinter Fensterglas. Als kompakter, brummender Flimmerball steigt sie langsam nach oben, weil das die einzige Richtung ist, die sie kennt. Wie entsetzlich, wenn man die helle Welt da draußen zwar sehen, aber nicht mehr berühren kann! Natürlich versucht sie, das Beste daraus zu machen, und steigt immer weiter aufwärts, langsam, mit flirrenden Flügeln, denn irgendwo muss schließlich der Ausgang sein, die kleine Luke, die ins Blaue führt. Was aber wird sie dort draußen erwarten? Bestimmt haben sie alle anderen Bienen längst vergessen, und sie kehrt zurück in eine Welt, die sie gar nicht mehr wiedererkennt. In dieser Welt gibt es keine Eltern mehr. Keine Keller.

Der Schatten der Biene, gespenstisch vergrößert, zitterte über den Schreibtisch und das weiße Papier. Mit rotem Korrekturstift waren die Fehler in meinem Aufsatz Die Welt in fünfzig Jahren unterstrichen worden. Am Rand der Seite standen die Wörter richtig. Und unter dem Text eine große Fünf. Ich nahm einen Kugelschreiber, einen ähnlichen, wie ihn auch der Lehrer verwendet hatte, und machte aus der Fünf eine Sechs. In meinem Traum lag direkt hinter dem Schreibtisch das Hospital, in das meine Mutter eingeliefert worden war. Ich ließ den Schreibtisch hinter mir und ging langsam auf das Hospital zu. Zu meiner Überraschung stand meine Mutter in der Einfahrt und schaufelte Schnee. Ich hielt ihre Schaufel fest und fragte sie:

— Was machst du da?

— Siehst du den Schnee nicht?

— Aber warum machst das du? Lass das doch jemand anderen machen …

— Sonst macht es ja niemand! Du solltest einmal sehen, wie die mit mir umgesprungen sind. Und wie das Zimmer aussieht. Jemand anderen …

— Ja, die ganzen Schläuche und alles … Ich hab’s gesehen.

Die schwarze Schaufel stach mürrisch in den Schnee:

— Na also.

— Es tut mir ja leid, Mama.

— Davon wird der Schnee auch nicht weniger.

— Trotzdem solltest du jetzt wieder reingehen, sagte ich.

— Du hast das Zimmer doch gesehen, oder? Die Schläuche? Diesen riesigen, absurden Verband? Dann weißt du auch, dass ich da bestimmt nicht wieder reingehe. Nie wieder!

— Aber Mama, komm jetzt, du musst doch da rein. Es ist auch nicht für immer.

— Für immer? Wer bringt dir solche Ausdrücke bei?

Ich nahm sie beim Arm und zog sie sanft zum Haupteingang. Sie krallte sich mit der Schaufel, die plötzlich ein Metallrechen war, in die Erde und leistete Widerstand.

— Mama, bitte, sagte ich, du musst da rein, komm jetzt –

— Nein!

— Bitte, tu’s für mich, man tut dir auch nicht mehr weh, bestimmt.

— Lass mich!

Sie war ungewöhnlich stark. Ich stemmte mich gegen sie, wollte sie an den Schultern durch die Eingangstür drücken, aber je näher wir den Flügeltüren kamen, desto stärker wurde ihr Widerstand.

— Ich. Lass. Mich. Nicht.

Sie sprach nur mehr durch die Zähne. Ihre Stimme war krächzend und schmerzverzerrt. Ich dachte an ihre Krankheit und dass sie sich nicht überanstrengen sollte, und ließ sie los. Erst einmal verschnaufen. Sie ging sofort wieder zurück in den endlosen Schnee und schaufelte weiter. Der Schneeberg war während unserer kurzen Rangelei angewachsen auf die Größe einer Scheune.

— Mama, rannte ich ihr sofort hinterher, Mama, hör jetzt auf, bitte –

— Ich geh da nicht rein, zischte sie. Aua, ich glaub, du hast mir die Stimme zerbrochen, mit deinen groben Händen …

Sie fasste sich an den Hals. Ich brach in Tränen aus, zerrte an ihrem Rock.

— Bitte, komm jetzt, du musst da rein, nur kurz, nur ganz kurz, ich versprech’s. Ich bin auch immer da. Bitte, die lassen dich gleich wieder gehen.

Meine Mutter besaß eine kleine, rote Fahrradklingel, mit der sie die Menschen aus dem Weg läuten konnte, wenn sie ihr im Weg standen oder auf andere Art lästig waren. Sie hatte die Klingel von einem alten Kinderfahrrad abmontiert, das ich einmal besessen hatte. (Gott weiß, was mit diesem Rad passiert ist. Alles an dem Rad war verkleinert gewesen, die Lenkstange, die Räder, das Gerüst, sogar der Dynamo: ein daumengroßes, summendes Ding, auf das ein kleiner grinsender Teufel gezeichnet war, dem elektrische Funken aus den Hörnern stoben. Nur die Klingel war von normaler Größe gewesen und hatte daher als einzige überlebt. Ich erinnere mich noch, wie ich mit diesem Rad oft durch den Park gefahren bin, in unfreiwilligen Schlangenlinien und immer viel zu schnell.)

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