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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Trotzdem begann ich zu reden. Ich erzählte von meiner Arbeit, von Max, dem Pfleger, der mir vom ersten Augenblick an unsympathisch gewesen war, der eine Glatze hatte, wie sie sonst nur böse Kobolde hatten. Ein Widerling, der alles kontrollieren wollte, auch mich, den Neuen. Und er schimpfte mit den alten Menschen, in einem scharfen, militärischen Tonfall, dass man glaubte, er wollte sie demnächst alle umbringen.

— Aber die Arbeit ist immerhin interessanter als das Studium, sagte ich laut zu der Klotür.

Dann schwieg ich und ging auf und ab. Nach einigen Minuten klopfte ich ein weiteres Mal. Keine Reaktion.

Nachdem ich mich überwunden hatte, die Türklinke zu drücken (die Tür, die ein wenig verzogen war, öffnete sich sofort einen winzigen Spalt, sodass mein Blick durchschlüpfen konnte), und erkannt hatte, dass niemand meinen Gutenmorgen-Erzählungen lauschte, ließ ich alles stehen und liegen und rannte aus der Wohnung auf die Straße.

Links oder rechts? Welchen Weg war sie gegangen?

Ich überließ die schwere Entscheidung meinem Körper. Er wählte links.

Am Ende der Straße stieg Dampf aus einem der Kanaldeckel, als hätte meine Mutter vergeblich versucht, ihre Spuren zu verwischen. Ich rannte an den Zäunen des kleinen Hundeheims vorbei, das sich seit einigen Jahren hier befand, ein hässliches Gebäude aus fleischfarbenen Ziegelsteinen. Gedämpftes Gebell kleiner Hunde.

In meinem Kopf fielen schlimme Vorahnungen durcheinander, wie die Trümmer einer einstürzenden Brücke. Meine Mutter in Polizeigewahrsam, notdürftig bekleidet, mit wirren Haaren, und einer der Polizisten hält sich ein Taschentuch vor seine blutige Nase. Meine Mutter mit Glatze, bewusstlos auf dem Gehsteig vor einem Friseursalon. Meine Mutter in einem roten Kleid, mit nichts sonst bekleidet, ein Träger hängt ihr über die Schulter herab, der Mund ungeschickt mit viel zu viel Lippenstift beschmiert, Lidschatten bis hinauf zum Haaransatz.

Ich kam an einem Gasthaus vorbei, vor dessen hell erleuchteten Fenstern ich etwas langsamer wurde. Nichts.

Meine Mutter, umgeben von japanischen Touristen, die sie unter großem Gelächter fotografieren. Meine Mutter, versunken in eine philosophische Debatte mit einem leprakranken Obdachlosen. Meine Mutter mit einem Baby in der Hand, das sie in einem Anfall von Zuwendungsbedürfnis aus einem unbeaufsichtigten Kinderwagen gestohlen hat und nun verwirrt in ihren Händen schaukelt, weil es nicht aufhören will zu schreien.

Ich kam an einem überquellenden Müllkorb vorbei.

Meine Mutter, die das Kind in den Müllkorb stopft. Oder einen von den japanischen Touristen, der selbst das noch interessant findet und glucksend mit sich geschehen lässt.

Mit unbestimmten Erwartungen hielt ich vor einer Tabaktrafik. Die Besitzerin kannte mich seit meiner Kindheit, allerdings hatte ich schon seit Jahren nicht mehr mit ihr gesprochen. Sie hatte einen kleinen Mops, das wusste ich noch, der mit ihr in dem winzigen Geschäftslokal wohnte. Als ich eintrat, ließ die automatische Ladenglocke einen Stoßseufzer in ihrer unbekannten Sprache hören.

— Guten Morgen.

— Guten Morgen, antwortete eine junge Frau, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Haben Sie meine Mutter gesehen? — der Satz hatte augenblicklich seine Bedeutung verloren, löste sich auf und wurde zu einem dumpfen Schuldgefühl unter der Zunge.

Schnell verließ ich die Trafik wieder, wenn es überhaupt die richtige — ja … Jemand musste das Geschäft von der alten Bekannten meiner Mutter gekauft haben. Merkwürdig, sie hatte mir nie davon erzählt. Sie berichtete mir sonst sogar davon, wenn ihr während des Kochens die Milch ausging und sie welche besorgen musste, während die Zutaten auf dem Küchentisch zurückblieben und sich ein Ei selbstständig machte und in den Tod rollte.

Ich rannte den Weg zurück, den ich gekommen war. Meine Mutter, in irgendeinem weit entfernt liegenden Bezirk der Stadt, auf der Suche nach der Toilette. Meine Mutter, friedlich schlafend auf einer Parkbank, mit zerrissenen Strümpfen. Meine Mutter mit einem blutigen Schuh. Meine Mutter, nackt im Swimmingpool eines verlassenen Herrenhauses am Stadtrand, glücklich plätschernd, auf dem Rücken schwimmend, zwischen Herbstblättern, die auf dem Wasser schaukeln. Meine Mutter, gefangen in der Drehtür eines Hotels, ewig im Kreis gehend.

Als ich wieder auf unser Haus zurannte, sah ich einen kleinen Punkt auf der anderen Seite der Straße, dort wo man zum Einkaufszentrum oder zum Volksgarten abbog, der Punkt schwankte im Gehen, er kam mir bekannt vor, meine Mutter, ja, sie musste es sein. Ihr entgegenrennend erkannte ich sie, es gab keinen Zweifel.

Schnaufend kam ich vor ihr zum Stehen. Links und rechts baumelten Einkaufstaschen an ihrem Körper.

— Alex!

— Mama, mein Gott, was machst du denn? fuhr ich sie an und nahm ihr die Einkaufstaschen aus der Hand.

— Nichts, ich –

— Warum läufst du einfach so weg?

— Weglaufen? Was –

— Du hast mir einen furchtbaren Schrecken eingejagt! Warum gehst du einfach so –

Ich hatte zu schnell gesprochen, ich musste zu Atem kommen, erschöpft vom Laufen. Ich stützte mich auf meinen Knien ab, blickte zu Boden. Ein zertretener Kaugummi. So viel unnötiger Stress. So viel — der braune Asphalt unter mir bewegte sich unmerklich, wie ein Teppich, den man mit dem Fuß über den Boden zieht — so viel unnötiges –

— Gib her, sagte meine Mutter, was soll denn das, das sind meine!

Und sie nahm mir die Einkaufstaschen weg. Durch das bläuliche Plastik sah man Orangen hervorleuchten.

— Wo bist du hingegangen, ich meine, wo –

— Die habe ich bezahlt! unterbrach sie mich. Warum nimmst du sie mir weg?

— Du warst einkaufen?

— Es war nichts mehr im Haus, also bin ich einkaufen gegangen. Du nimmst mir ja nie Obst oder Schokolade mit, wenn ich dich darum bitte. Du vergisst ja immer die Hälfte!

— Du warst einkaufen? wiederholte ich.

— Vergesslich wie du bist, sagte sie.

— Hilf mir wenigstens beim Ausräumen, sagte sie gereizt, als wir in der Küche waren.

Ich ließ die Orangen in die alte Obstschale rollen, wo sie ganz von selbst eine schiefe, unvollkommene Pyramide bildeten. Drei große Packungen Müsli — ich wusste nicht, ob meine Mutter sie gekauft hatte, um es auch wirklich zu essen. Die Milch stellte ich in den Kühlschrank.

Im Kühlschrank lag eine Brille. Das linke Glas vergrößerte die Aufschrift auf einem Joghurtbecher über dessen Ränder hinaus. Das E von Vanille lag jenseits des Bechers in einem Niemandsland optischer Täuschungen, wo vieles möglich war.

— Was ist denn da, warum starrst du in den — ach, da!

Sie drängte mich auf die Seite und nahm ihre Brille an sich.

— Warte, murmelte sie, du kommst jetzt an die Leine. So.

Und sie befestigte die Bügel an einem Brillenband, das sie sonst um den Hals trug.

— Manchmal lege ich sie ab, erklärte sie mir, während sie weiter ihre Einkäufe auspackte. Die Schnur kitzelt mich immer an den Wangen. Ich hab so ein breites Gesicht. Meine Tabletten nehme ich auch nicht mehr. Jedes Mal, wenn sie mich kitzelt, könnte ich mich stundenlang kratzen, aber genau das ist für meine alte Haut das Allerschlimmste. Meine Haut hält überhaupt nichts mehr aus. Das dauernde Kratzen …

— Hast du gerade gesagt, dass du deine Tabletten nicht mehr nimmst?

Meine Mutter raschelte mit einer Alufolie, in die sie ein Steak einwickelte.

— Hm?

— Du nimmst deine Tabletten nicht mehr?

— Sie machen alles langsamer … und außerdem vergesse ich immer, wo ich bin. Glaubst du, ich könnte einkaufen gehen, wenn ich dieses Zeug nehmen würde? Ich habe sogar deinen Geburtstag vergessen! Das ist mir noch nie passiert …

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