Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Niemand mehr da.
Alles ausgestorben.
Langsam ersticke ich an dem dichten Gestöber aus Selbstvorwürfen und Hoffnungslosigkeit. Wenn Lydia jetzt anruft, dachte ich, bringe ich das Telefon um. Ich erwürge es mit der Schnur. Wenn es ein Handy ist, zertrete ich es wie einen Käfer.
Niemand mehr da.
Clowns am Ende eines Korridors machen Späße, verhöhnen mich aus sicherer Entfernung. Ich will sie alle töten, sie mitreißen in meinen Untergang.
Zwischendurch weine ich, aber nur für ein paar Sekunden und ohne Tränen, es ist mehr wie ein verzweifeltes Beißen ins Leere. Ein hilfloses Händeringen, nur mit den Kiefern.
Da kommt Gerald zur Tür herein.
— Wie zum Teufel bist du hier rein … ach, Scheiße … dieser Steiner … Scheiße!
— Ich hab dich nur gesucht.
— Ah, dieser Wichser … diese faule Drecksau … dem trete ich in die Eier … kaputte Scheißtür …
Es ist unmöglich, unter diesen Umständen deutlich zu sprechen. Es herrscht schließlich Krieg. Krieg gegen den luftleeren Raum.
— Ich hab dich gesucht, wiederholt Gerald.
An seiner Stimmlage merke ich, dass er weiß, wie man mit Betrunkenen reden muss. Langsam und klar. Mit vielen Wortwiederholungen. Beruhigend und so wenig provokant wie möglich. Armes Kind.
— Und? frage ich.
— Nichts.
— Ist dir langweilig? Hat deine Mutter wieder keine Zeit? Liegt sie zuhause … ach, Scheißdreck, verdammter …
Mein Rücken tut weh. Ich muss aufstehen.
— Alex?
— Ja, ich weiß, ich bin betrunken.
Er sieht mich nur an.
— Tut mir leid, sage ich.
Im tristen Licht des Mittags habe ich, als ich in meinen beschämend kurzen Schatten gehüllt durch die Gegend spaziert bin, beschlossen, mich zu Tode zu trinken, allerdings nur so lange, bis alles wieder besser ist. Aus Faulheit habe ich dann irgendwann mittendrin aufgehört. Die Wirkung ist ungefähr dieselbe, als würde man mitten in einem Fallschirmsprung aufhören. Man zappelt hilflos zwischen Himmel und Erde bis vor die eigene Haustür und lehnt sich so lange dagegen, bis sie sich daran erinnert, dass sie seit fast einem Jahr kaputt ist und schon beim leichtesten Gegendruck aufgeht. Möglich, dass ich übertreibe. Aber was wollen Sie, ich bin betrunken. Meine Augen werfen Schatten, ohne dass dazu eine Lichtquelle nötig wäre, mir ist speiübel, und ich bin zu benommen, um mich aus dem Fenster zu stürzen.
Gerald setzt sich zu mir, wippt mit den Füßen.
— Ist dir langweilig? frage ich.
— Geht so, sagt er. Du hast immer noch nicht den Film gesehen.
— Ach, nein, lieber nicht. Von diesen wackeligen Bildern werde ich nur seekrank.
— Ist gar nicht verwackelt. Am Ende sieht man alles.
— Egal, lass …
Gerald steht auf und geht zu der Stereoanlage. Er findet den Stromschalter und das Gerät erwacht. Das Laufwerk öffnet sich und verlangt nach Futter.
— Darf ich? fragt Gerald.
— Sicher. Armes, verrücktes Schlüsselkind …
Habe ich das gerade laut gesagt? Muss wohl so sein, denn Gerald schaut mich vorwurfsvoll von der Seite an. Wer ist hier der Verrückte? Er hat Recht.
— Tu … tu nur … wie du magst, sage ich und versuche meiner Stimme eine gewisse nüchterne Klarheit zu geben.
Als plötzlich laute Musik aus den Boxen platzt, zucke ich zusammen.
— Leiser!
Gerald dreht am Regler.
Ich habe seit Tagen nichts Richtiges gegessen, also muss ich meine Hose ständig festhalten, damit sie nicht herunterrutscht. Und ich singe laut zu Soul Man von den Blues Brothers (die sich als kleine silberne Scheibe im CD-Player drehen und, nebenbei bemerkt, nicht singen können; sogar ich kann das besser) und deute mit dem Zeigefinger meiner freien Hand an die Decke, als wollte ich sagen: Dort, dort sitzt der Blues. Dabei ist es nur eine Decke. Ich bin so albern wie lange nicht mehr. Ich schäme mich und schwitze. Ich gehöre eigentlich nicht hierher, ich gehöre in eine Mischung aus Badewanne, Bett und Ausnüchterungszelle.
— Comin’ to ya! On a dusty road!
Ich ahme John Belushis quakende Stimme nach, was Gerald wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Er kennt den Film nicht. Die CD gehört Lydia. Briefcase full of Blues. Ich habe sie seit zwei Jahren nicht mehr gehört. Gerald lacht über meine, über unsere improvisierte Darbietung so heftig, dass er ohne nachzudenken plötzlich einen Tanzschritt ausführt. Gott sei Dank macht er ihn auf dem Teppich und steht gleich wieder auf. Die Haut auf seinen Knien ist inzwischen wahrscheinlich so dick wie Elefantenfußsohlen.
— Got what I got! The hard way!
Ich habe es noch nie bemerkt, aber das Gitarrenriff, diese zwei, drei Akkorde, die von der Rhythmusgruppe während der Strophen immer und immer wieder heruntergenudelt werden, haben die Fähigkeit, einen glücklich zu stimmen. Wie zum Teufel machen sie das? Es liegt vielleicht daran, dass ich mein Gehirn mit Getränken unterschiedlichster Art auf die Frequenz eines melancholischen Nachtwächters heruntergetunt habe, der alten Zeiten nachtrauert und während seiner ewigen Rundgänge interessante Dinge im Mond erkennt: einen Hasen, das Gesicht von Mafalda aus den Peanuts, ein Smileygesicht, das nachdenkliche Konterfei von James Joyce. Aber diese Gitarrenakkorde dürfen das nicht, sie sollen mich gefälligst in Ruhe trauern lassen, weil alles entsetzlich und hoffnungslos ist, und ich bin ganz allein auf der Welt und am Ende wahrscheinlich noch viel schlimmer dran als ein zusammengeschlagener Clown, der in der Gosse liegt und an seiner eigenen Schminke erstickt.
— Ama Soulmääähn!
Geralds Stimme kann richtig laut sein, wenn sie will. Sie tut mir zwischen den Augen weh, als besäße jeder Vokal eine scharfe Kante. Vom Tanzen wird mir schwindlig. Mein Bauch fühlt sich an wie ein angebissener Apfel. Aber mitten in dem Schwindel, dem Ekel und den dummen Tanzbewegungen, die ich mir in meinem luftleeren Raum erlaube, überfällt mich plötzlich eine Klarheit, als wären meine Augen zwei Luftblasen, eingeschlossen in einem Eiszapfen.
Tee ist das Beste
Der Sommer war endgültig vorbei, es war Herbst geworden: Die Luft kühlte ab, die Bäume in den Straßen verfärbten sich, die Nobelpreise wurden vergeben.
Ich war auf dem Weg zu meiner Mutter. Gerald hatte irgendwann die Geduld mit mir verloren und war nach Hause gegangen, zum nächsten betrunkenen Menschen. Kein leichtes Leben. Keine Auswege.
Ich hatte nicht weit, aber schwankend und unsicher, wie ich mich fühlte, dauerte es trotzdem eine Ewigkeit. Das fette, grüne Baugerüst am Nachbarhaus lag verlassen da, obwohl heute ein Werktag war. Wie ein ausgeflogener Bienenstock. Eine schlotternde Riesenflagge. Vielleicht machte es aus irgendeinem Grund keinen Sinn mehr, das Gebäude fertig zu stellen.
Im Wohnzimmer meiner Mutter stand ein altes Klavier, das sich von Jahr zu Jahr mehr verstimmte, als verliere es langsam seinen Verstand. Aus Mitleid spielte niemand mehr darauf. Nur hin und wieder tänzelte eine der Katzen meiner Mutter über die Tasten und komponierte nervöszerklüftete Filmmusik für eine Horrorparodie.
Sie freute sich sehr, mich zu sehen, und umarmte mich. Ihr ging es so gut wie schon lange nicht. Die Medikamente abzusetzen, sagte sie, sei die beste Entscheidung gewesen, die sie je getroffen habe. Es käme ihr nicht mehr so leicht alles durcheinander. Im Kopf.
— Ich bin so froh, dass du mich besuchen kommst, sagte sie. Magst du Tee?
— Ja.
— Bist du heiser?
— Ein wenig.
— Warum denn?
— Ich hab zu laut gesungen.
So zärtlich wie möglich dachte ich: Warum konnte sie nicht tot sein anstelle — Ich war immer noch betrunken, das durfte sie nicht merken. Während sie Tee machte, heulte ich still in meine Handfläche. Als sie zurückkam, schwebten vor ihrem Gesicht Dampffäden über den beiden Teetassen wie orientalische Flaschengeister.