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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Bald brach der Hund das Spiel ab, lief ein paar Schritte, wie um eine Spur zu verfolgen, die aus dem Nichts gekommen war, blieb aber gleich wieder stehen und sah sich um. Sein Blick passte genau in meinen, wie ein Stecker in die Steckdose.

Wir schauten uns lange an, als gälte es herauszufinden, wer als erster den Blick abwandte. Wir gewannen beide, denn ohne mich aus den Augen zu lassen, rannte der Hund plötzlich los. Ich flüchtete aus der Wohnung.

Dritter Teiclass="underline" Das rechtzeitige Köpfen des Frühstückseis

When she died and was laid

in her hospital bed

she took Infinity with her

The Mathematician’s Blues

I watched an Indian movie about the tribulations of a lamb lost in Calcutta. The lamb’s innocence so touches those it encounters that butchers and starving men befriend it. The film made me hungry.

Harry Mathews

Wolfgang, ein Update

Wolfgang war ein Turnlehrer wie es viele gab. Ein durchtrainierter, einfacher Mann, der sich seine Trillerpfeife am Morgen umhängte wie ein Medizinmann seinen Geisterschmuck und sie auch trug, wenn weit und breit kein Spielfeld zu sehen war.

Er verlangte nicht viel vom Leben. Seiner Frau sollte es gut gehen und seinem Kind auch. Man musste sich anstrengen, dann bekam man auch etwas dafür. Man musste warten, sich gedulden, und plötzlich legte das Schicksal einem ein Überraschungsei vor die Füße.

So wie hier, in dieser leeren Krankenhauscafeteria.

Er hatte den jungen Mann schon damals erkannt, als er ihn im Wartezimmer von Frau Dr. Messerschmidt sitzen gesehen hatte. Er war der einzige gewesen, der einigermaßen glücklich gewirkt hatte. Damals hatte Wolfgang nichts Besseres mit seiner Wartezeit (Gabi war nun schon zwei Stunden bei der Therapeutin, die fließende Zeitvereinbarungen propagierte, und es war kein Ende in Sicht) anzufangen gewusst und den jungen Mann einfach nach seinem Namen gefragt.

Dieser ignorierte ihn zuerst. Ja, es gab keinen Zweifel, der junge Mann war tatsächlich glücklich. Da nahm Wolfgang seine Trillerpfeife zwischen die Lippen und blies sehr sanft hinein. Der junge Mann hob den Kopf und schaute ihn erstaunt, aber immer noch nicht unfreundlich an.

— Ich wollte nur wissen, wie Ihr Name ist, sagte Wolfgang.

— Sie sprechen ihn ja doch nur falsch aus, antwortete der junge Mann.

Wolfgang überlegte eine Weile (währenddessen blickte sein Gesprächspartner wieder woanders hin und wippte erwartungsfreudig mit dem Fuß), dann nahm er all seinen Mut zusammen und sagte:

— Ich kenne Ihr Bild, glaube ich, Ihr Gesicht, das heißt … von einem Bild, wissen Sie. Ich bin mir da ziemlich sicher.

Er bemerkte, dass seine Hand zu zittern begonnen hatte, als hielte er bereits das Bild, von dem er sprach. Aber es hatte sich nie in seinem Besitz befunden.

— Wie? fragte der junge Mann.

— Ja, von einem Foto, sagte Wolfgang und malte mit seinen Zeigefingern und den Daumen ein kleines Fenster in die Vergangenheit in die Luft.

— Darf ich mich zu Ihnen setzen?

— Sicher.

— Ich glaube, wir sind uns schon mal begegnet. Sie erinnern sich bestimmt. Meine Frau war Patientin bei –

— Ja, natürlich.

— Schrecklich, das alles … Finden Sie nicht?

— Ja.

Georg Kerfuchs’ Sohn, wenn er es wirklich war, sprach sehr leise. Er war unnatürlich bleich im Gesicht, und Wolfgang dachte instinktiv, ein paar Runden um das Fußballfeld würden ihm sicher nicht schaden. Aber vielleicht kam die fahle Farbe auch von der Beleuchtung in der Cafeteria.

Wolfgang, der aufgrund seiner Arbeit viel mit jungen Menschen zu tun hatte, versuchte ebenfalls leise zu sprechen, um sein scheues Gegenüber nicht zu verschrecken. Welch ein Unterschied zu dem glücklichen Mann damals im Wartezimmer! Er bereitete seinen Satz vor und sagte ihn.

— Meinen Kater? antwortete der junge Mann. Das würde ich allerdings bezweifeln, dass Sie den gekannt haben.

Zwei Männer im Exil. In den wenigen Wochen, die ihnen zusammen bleiben, tun sie das, was Junggesellen zusammen eben so tun. Sie betrinken sich und gehen gemeinsam in ein Bordell, wo sie mit den Frauen reden, die sehr freundlich zu ihnen sind, weil sie nicht viel Geld haben. Wolfgang macht sich anfangs Vorwürfe, weil er seine Frau mit dem Kind allein gelassen hat, aber Georg beruhigt ihn. Es gebe auch innere Bedürfnisse, sagt er, nicht nur ewige Verpflichtungen. Und außerdem sei das Leben viel komplizierter, als Wolfgang es sich vorstellen könne. Georg wohnt in einer billigen, kleinen Wohnung. Wolfgang übernachtet bei ihm, bis sich irgendwas anderes ergibt. Vom Wohnungseigentümer werden sie eines Tages im Stiegenhaus freundlich begrüßt.

— Hey, ich wollte nur, dass ihr wisst, dass es für mich wirklich in Ordnung ist, sagt der Wohnungseigentümer. Das wollte ich euch nur sagen. Ihr zwei seid mutig.

Sie laufen rot an, dementieren seinen Verdacht, erklären lang und breit, dass das alles ein riesengroßes Missverständnis ist, und verstecken sich anschließend voreinander: Die Mahlzeiten nehmen sie getrennt ein, in der Küche hängt ein Duschplan, auf Viertelstunden genau. Ihre Beziehung, das gemeinsame Bewusstsein, als Komplizen auf der Flucht zu sein, der eine schon seit Jahren, der andere erst seit kurzem, verändert sich schnell. Georg geht einkaufen. Ein Kleidergeschäft, das kurz vor der Schließung steht, bietet verzweifelt Rabatte bis zu 30 % an, die Schaufensterscheibe ist voller bunter Rufzeichen. Er stellt fest, dass der Himmel sich verfinstert hat. Die Leute auf der Straße stellen ihre Mantelkrägen auf, sofern sie entsprechend gekleidet sind. In einem anderen Jahrhundert hätten sie noch ihre Hüte festgehalten und die Spazierstöcke eng an ihre Körper gepresst. Das Haus, in dem er mit Wolfgang wohnt, steht da, ein düsterer, von Balkonen und flügelförmigem Efeubewuchs vermummter Monolith. In der Umgebung fallen ihm die vielen Schornsteine auf den Hausdächern auf: Rollkrägen, die in den Himmel ragen. Aus keinem einzigen steigt Rauch auf.

Die Wohnung ist immer eiskalt. Der Thermostat an der Wand hält mit seiner kleinen roten Diode dagegen, dass die Heizung einwandfrei funktioniert.

Jede Minute erscheinen irgendwo neue Schatten von verschiedenen unscheinbaren Gegenständen auf dem Zimmerboden oder an den Wänden, und im Licht der nackten Hundert-Watt-Birnen bekommt alles einen unwirklichen Charakter. So wie wenn man zu lange in einer Schlange wartet und plötzlich beginnt, die Dinge der Umgebung unangenehm klar und deutlich zu sehen, wie im Traum. Auf dem schmalen Balkon steht ein wackliger Sonnenschirm, der so alt ist, dass er schon fast mit der Mauer verwachsen ist. Georg und Wolfgang trauen sich nicht, ihn anzufassen, und berühren ihn nur mit der Schuhspitze. Wolfgang ist ängstlich, er wandert durch die fremden Zimmer, unschlüssig, wo er sich zwischen Umzugskartons und alten, mürrischen Möbeln, die nach ihren früheren Besitzern zu verlangen scheinen, hinsetzen soll. Durch die Fenster sieht man einige hohe Gebäude, die von der sinkenden Sonne in Schach gehalten werden.

Eine Unregelmäßigkeit im Fensterglas legt eine z-förmige Verwerfung über die Dächer der Stadt.

Sie halten es in der Wohnung nur bis zum Abend aus, denn wenn es langsam dunkler wird, bekommt Georg sogar Angst vor dem Mond (er verrät es Wolfgang mit sehr ruhiger und beherrschter Stimme), den er anfangs für eine Dekoration auf einem der höheren Nachbarhäuser gehalten hat. Er schämt sich für seine Angst und schimpft mit sich wie mit einem kleinen Kind.

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